Die lange Reise des Fußballdoktors Emanuel „Michl“ Schwarz
Résumés
Emanuel « Michl » Schwarz, médecin à la mode de la haute bourgeoisie juive viennoise dans l’entre-deux-guerres, était un président enthousiaste de l’Austria Vienne, qu’il a mené au sommet de l’Europe et à deux victoires dans la coupe Mitropa (une sorte d’ancêtre de l’actuelle Ligue des champions). En 1938, l’émigration forcée le conduit par des chemins aventureux en France, où il s’échappe d’un camp de transit et rejoint la Résistance à Paris. En décembre 1945, il réapparaît à Vienne dans le contexte d’un match international de l’équipe de France, reprend tout naturellement son poste à l’Austria et devient une personnalité marquante de l’Autriche démocratique d’après-guerre.
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Mots-clés :
biographie, identité juive, histoire du football, résistance antifasciste, entre-deux-guerres, après-guerreKeywords:
biography, Jewish identity, football history, anti-fascist resistance, inter-war period, post-war periodSchlagwortindex:
biographie, jüdische identität, fußballgeschichte, antifaschistischer widerstand, zwischenkriegszeit, nachkriegszeitTexte intégral
- 1 Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA), Volksgericht A1-Vg Vr-Strafakten: Vg8e Vr11/55, Hermann Hal (...)
- 2 Zu der erstaunlichen Karriere und dem kurzen Leben des Matthias Sindelar siehe: Wolfgang Maderthane (...)
1„I oba, Herr Doktor, werd’ Ihna immer grüß’n!“ Matthias Sindelar, genannt „der Papierene“, reagierte auf seine Weise, als nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im März 1938 der langjährige Austria Wien-Präsident Emanuel „Michl“ Schwarz durch den neu installierten Vorstand kaltgestellt und mit Grußverbot belegt worden war1. Der zu seiner Zeit weltbeste Mittelstürmer erinnerte sich gut, war doch der „Fußballdoktor“ sein maßgeblicher Förderer gewesen und hatte ihn 1925 zu einer Meniskusoperation gedrängt – ein zum damaligen Zeitpunkt hoch riskanter Eingriff, der schließlich jedoch die Karriere Sindelars, nicht zuletzt als dem wohl prominentesten Exponenten des legendären Wunderteams der frühen dreißiger Jahre, retten sollte2.
- 3 Wolfgang Maderthaner, „Kaffeehauswelten und Vorstadtmilieus: Fußball im Wien der Zwischenkriegszeit (...)
- 4 Vgl. Peter Pelinka, „Die Violetten. Persönliche Anmerkungen zu einem großen Wiener Fußballklub, der (...)
- 5 Malachi Hacohen, Karl Popper. The Formative Years, 1902–1945. Politics and Philosophy in Interwar V (...)
- 6 Wolfgang Maderthaner und Lisa Silverman, „‚Wiener Kreise‘: Jewishness, Politics, and Culture in Int (...)
- 7 Bernhard Hachleitner, „Emanuel Michael Schwarz – Die Seele der Austria“, in Peter Eppel, Bernhard H (...)
- 8 WStLA, Volksgerichtsakt Haldenwang, Zeugenvernehmung Dr. Emanuel Schwarz (wie Anm. 1).
- 9 Ebd.
2Der von der Aura liberalen jüdischen Bürgertums umgebene Amateur-Sportverein, der 1926, ein Jahr nach der Einführung des Professionalismus, den Vereinsnamen Austria annahm, war der wohl prototypische Wiener City- und Kaffeehausclub. Die Kultur des Kaffeehauses – wo Künstler und Intellektuelle unterschiedlichster Provenienz mit einer Elite aus Geschäftswelt und Politik in Beziehung traten – ermöglichte nicht nur eine hohe Kommunikationsintensität, sie erleichterte zugleich auch die kritische Rezeption und Debatte jeweils aktueller Trends und Entwicklungen. Dies galt mit großer Selbstverständlichkeit auch für das neuartige und so überaus populär gewordene Massenspektakel Fußball, und die Bedeutung des Kaffeehauses (als konkreter Ort wie als Metapher) kann als wesentliches, ja konstitutives Moment der Wiener Fußballkultur der Zwischenkriegszeit kaum überschätzt werden3. Demgemäß heißt es auch in einer zeitgenössischen Selbstdarstellung, die Austria sei ebenso sehr Gesellschafts- wie Fußballklub, sie repräsentiere als Verein eine ganz eigene Marke, an dessen Spitze stets ein Doktor oder Professor stünde4. Die Inkarnation dieses Prinzips war Emanuel Schwarz: Er entstammte exakt jenem sozialen und kulturellen Umfeld, das der amerikanisch-israelische Historiker und Karl Popper-Biograph Malachai Hacohen als das Milieu der nicht-jüdischen Wiener Juden5 charakterisiert hat: Ein hoch verdichtetes, hoch sensibles und sensitives, ebenso produktives wie effektives Milieu, das die signifikanten ökonomischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Eliten dieser Stadt stellte. Übernational, kosmopolitisch, in einem hohen Maße akkulturiert und assimiliert, wurden sie zur sozialen Trägerschicht der Wiener Moderne, im eliten- gleichermaßen wie im popularkulturellen Sinn6. Schwarz erwies sich als brillanter Student bei den Größen der berühmten Wiener medizinischen Schule, wurde Kurarzt, Weltkriegsoffizier, Vertrauensarzt der haute bourgeoisie der Stadt – und pflegte eine ausgeprägte Vorliebe für alle möglichen Spielarten des modernen Sports, im Besonderen aber entwickelte er eine überaus enge Affinität zum Massensport Fußball7. Von seiner Innenstadtwohnung jedenfalls war es nur wenige Minuten Gehwegs zu dem im symbolischen Zentrum der Stadt gelegenen Stammsitz seines seit jeher favorisierten Clubs, dem Dom Café in der Jasomirgottstraße nächst St. Stephan. Im Übrigen pflegte er Fußballspieler aus prinzipiellen Gründen kostenlos zu behandeln; dafür, so meinte er, würden ja „die Rothschilds und die Starhembergs“ zahlen. So wie sich der seit 1931 formal an die Spitze der Austria getretene Medizinalrat überhaupt durch einen soliden patriarchalischen Umgang mit „seinen“ Spielern auszeichnete8. Er sei, so sein in der Rückschau getroffenes Resümee, „von den Spielern jahrelang als ein Vater betrachtet worden9.“ Für Walter Nausch – Austria-Kapitän, Wunderteamspieler und einer der Superstars seiner Zeit – besorgte er beispielsweise sonntäglich und höchstpersönlich dessen Leibgericht Kalbsbries, was nahe liegende Assoziationen mit dem so urwienerischen Begriff des „Brieskickers“ [Spielgestalter von außerordentlicher Spielintelligenz] förmlich aufdrängte.
- 10 Interview des Verfassers mit Kommerzialrat Franz Schwarz am 24. Februar 2010.
3Der Patriarch Schwarz konnte aber auch anders. Bald nach Amtsantritt unternahm er mit „seinem“ Verein eine Schweden-Tournee, die in sportlicher wie auch menschlicher Hinsicht durchaus zufriedenstellend verlief. Im Zuge eines mit der Mannschaft unternommenen Ausflugs allerdings wurde er von den Spielern aus purem Übermut in einen nahegelegenen Fluss geworfen. Nun war Schwarz, was die Fußballer offensichtlich nicht wussten, ein herausragender, vereinsmäßig organisierter Schwimmer gewesen; er tauchte unter, ließ sich abtreiben und erreichte unbemerkt und im Schutz von Büschen das gegenüberliegende Ufer. Auf dem Fuhrwerk eines Bauern ging es zurück nach Stockholm, wo sich die Austria-Profis bereits in hellem Aufruhr über den vorgeblichen Verlust ihres Präsidenten befanden und eine Abgängigkeitsanzeige erstattet hatten. Nach einigen Stunden erst trat der Vermisste wortlos vor die Mannschaft und überreichte im Foyer des Hotels ohne weiteren Kommentar einen Zettel, auf dem die individuell gestalteten Strafen für jeden einzelnen Spieler aufgelistet waren10.
- 11 Matthias Marschik, Wiener Austria. Die ersten 90 Jahre, Schwechat, Fun Toy, 2001, S. 73 ff.
- 12 Ebd., S. 74.
- 13 WStLA, Volksgerichtsakt Haldenwang (wie Anm. 1), Zeugenvernehmung Egon Ulbrich von 4.6.1946.
4Die sportliche Bilanz des Präsidenten ist mehr als präsentabel: Zwei Mitropacupsiege (1933 und 1936) sind die Glanzpunkte einer Ära, die 1938 jäh zu ihrem Ende kommt. Der ehemalige Austria-Spieler, Illegale und SA-Sturmbannführer Hermann Haldenwang soll den Verein als Ostmark neu organisieren, ein Gutteil des alten Vorstandes ist vom Verbot „jüdischer Tätigkeit im Sport“ betroffen. Das Bildnis Schwarz’ im Sekretariat hatte unverzüglich durch ein Führerporträt ersetzt zu werden, und Klubsekretär Egon Ulbrich – der auch die Umbenennung des Vereins erfolgreich bekämpfen wird – setzt eine Großtat von geradezu Schwejk’scher Dimension: Er dreht das Bildnis einfach um und appliziert auf dessen Rückseite ein Hitlerbild, wo es in genau dieser Form bis Kriegsende verbleibt11. Ein Pokal in Miniatur ist der ganze Stolz des Michl Schwarz; es ist ein Geschenk des Vereinsvorstands, eine kleine Goldkopie des 1936 errungenen Mitropacups, produziert von dem Vorstandsmitglied und Juwelier in der mondänen Kärntnerstraße, Lukacs/Lukasch, und versehen mit der Gravur „Dem verdienten Präsidenten des Fußballklubs Austria Dr. Emanuel Schwarz“. Nunmehr erpresst Haldenwang – in Abstimmung mit einem weiteren SA-Angehörigen, dem Ex-Austria- und Wunderteamspieler Hans Mock und unter der Drohung, im Falle der Verweigerung entsprechende Konsequenzen zu ziehen – die unverzügliche Herausgabe des Pokals. Dieser wandert, mit dem Hakenkreuz versehen und einer neuen Gravur „Befreiungspokal 1938 Sieg Heil“, nach Berlin und soll in einem Hin- und Rückspiel zwischen der Austria und Schalke 04 endgültig vergeben werden. Austria verliert in Berlin 2:3, kann aber das Rückspiel mit 2:1 für sich entscheiden, sodass eine Entscheidungspartie ansteht, die jedoch aufgrund der politischen und militärischen Lage nicht mehr ausgetragen wird12. Egon Ulbrich gelingt es vielmehr, den „Kommissar“ Haldenwang davon zu überzeugen, den Pokal in der Ulbrichschen Privatwohnung sicher zu verwahren13.
- 14 Ebd., 15 St 13684/46.
5Die Vorkommnisse werden ihr spätes gerichtliches Nachspiel finden. Anfang 1946 wird dem neu eingerichteten Justizministerium der wiedererstandenen Republik zur Kenntnis gebracht, dass der derzeit nach Bad Hall (in der US-amerikanischen Besatzungszone) geflüchtete Haldenwang durch wiederholte Drohungen dem damals schwer erkrankten Vereinspräsidenten „Med. Rat. Dr. Michael Schwarz“ nicht nur besagten Goldpokal, sondern auch einen Geldbetrag in der Höhe von ca. 6 000 Reichsmark abgenommen hat. Zudem habe Haldenwang als kommissarischer Leiter die Absetzung des „mittlerweile in Belgrad erschossenen“ Sektionsleiters Robert Lang veranlasst, ein Bewerbsspiel in Hütteldorf (Heimstätte des Stadtrivalen SK Rapid) aufgrund der Anwesenheit eines (!) von öffentlichen Veranstaltungen ausgeschlossenen jüdischen Matchbesuchers abbrechen und diesen verhaften lassen, weiters den Chef der in der mondänen Mariahilfer Straße situierten Firma Pohl wegen antinazistischer Äußerungen denunziert14.
- 15 Ebd., Vg Lg Vr 2613 Hv 1938/46; siehe auch: Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik, Rudolf Müllner (...)
6Die Staatsanwaltschaft beantragt am 25. März den Haftbefehl, die Verhaftung erfolgt am 4. April, das Urteil im folgenden Volksgerichtsprozess ergeht am 5. Dezember 1946. Haldenwang wird des Verbrechens der Verletzung der Menschlichkeit und der Menschenwürde sowie des Verbrechens der Erpressung für schuldig befunden und zu zehn Monaten Kerker inklusive Verwahrungs- und Untersuchungshaft verurteilt. Als erschwerend bei der Strafbemessung werden das Zusammentreffen mehrerer Verbrechen und die Wiederholung der Tathandlungen gewertet, als mildernd das Teilgeständnis des Angeklagten und die Fürbitte des Geschädigten15.
- 16 WStLA, Volksgerichtsakt Haldenwang, Urteilsbegründung, Vg Lg Vr 2613 Hv 1938/46.
- 17 Österreichisches Staatsarchiv (ÖStA), Republikarchiv, Vermögensverkehrsstelle im Ministerium für Wi (...)
- 18 Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA), Meldearchiv, Meldezettel vom 21. Dezember 1938.
- 19 Erste Kontakte in dieser Richtung waren nicht ganz ein Jahr davor geknüpft worden; siehe Brief der (...)
- 20 Interview Franz Schwarz (wie Anm. 10).
7Letzterer, „der bekannte Sportarzt Dr. Emanuel, genannt Michl Schwarz, der nach den Nürnberger Rassengesetzen als Jude galt“ und von Haldenwang als „Saujud“ beschimpft und der „jüdischen Petites“ [Wienerisch für Winkelzug, Kleingaunerei] bezichtigt16, hatte, mittlerweile 60-jährig, in der alles entscheidenden „Umbruchszeit“ die für ihn und seine Familie nötigen Vorkehrungen getroffen. Die im August 1938 angeordnete Vermögensanmeldung sollte mit Ausnahme der Wohnung in der dem gehobenen Mittelstand vorbehaltenen innerstädtischen Wollzeile keinerlei nennenswertes Bar- oder Immobilienvermögen ausweisen17. Aus dieser seiner Wohnung meldet er sich am 31. Dezember 1938 ab18 und begibt sich, zu einem allerdings sehr späten Zeitpunkt, nämlich Ende Mai 1939, mit Unterstützung des italienischen Verbandspräsidenten Giovanni Mauro nach Bologna19. Doch auch in Bologna wird die Situation überaus kritisch, die exzellenten Kontakte, über die Schwarz in der internationalen Fußballwelt verfügt, sollten sich als (vorläufige) Rettung in letzter Minute erweisen. Auf Vermittlung des Generalsekretärs des französischen Fußballverbandes Henri Delaunay wird ein Visum ausgestellt, das allerdings in der französischen Botschaft in Wien landet. Leopoldine Schwarz begibt sich also auf die Botschaft, behebt das Visum, näht es in ihrer Tasche ein und reist nach Bologna, wo sie unter abenteuerlichen Umständen die Übergabe organisieren kann20.
8Zugleich inszeniert das Ehepaar Schwarz seine Scheidung; es ist eine wohldurchdachte, zwischen beiden Teilen bis ins Detail akkordierte, den Notwendigkeiten der Zeit angepasste Strategie. Die als Klägerin auftretende, „deutschblütige“ Leopoldine Schwarz wird eine irreparable Zerrüttung der anfänglich harmonischen Ehe behaupten, der ausschließlich für den Fußballsport lebende Gemahl, „Volljude“, habe die emotionale und finanzielle Vernachlässigung seiner Familie bewusst in Kauf genommen, die Zusicherung, nach seiner Abreise für deren Unterhalt sorgen zu wollen, nicht eingehalten. Begriffe und Folgen der „Rassenverschiedenheit“ seien ihr erst mit dieser Entwicklung zum Bewusstsein gekommen.
- 21 WStLA, Landgericht Wien, Abt. 29, Cg. 126/1940.
- 22 Interview Franz Schwarz (wie Anm. 10).
9De facto identisch argumentierte der Beklagtenvertreter, ein über die Jahre enger Vertrauter der Familie: Ein Verschulden der Frau sei nicht gegeben, sie habe sich vielmehr, unter Zurückstellung eigener Bedürfnisse, als eine in jeder Beziehung einwandfreie und aufopfernde Gattin erwiesen; die Klagebehauptungen könnten somit nicht bestritten werden21. Anfang August 1940 wird dann „Emanuel Israel Schwarz, Krankenbehandler, mos., unbekannten Aufenthalts“ aus alleinigem Verschulden geschieden. Er hat damit seiner Frau, der das Armenrecht bewilligt wurde, die Wohnung in der Wollzeile 36 erhalten und zugleich seinen 1927 geborenen Sohn Franz zu schützen versucht. Dieser verdingte sich zunächst als Pflasterer und Korbflechter, musste in der Folge untertauchen und konnte den Faschismus nur als U-Boot und mittels der selbstlosen, in hohem Maße riskanten Unterstützung rassisch und politisch nicht gefährdeter Freunde aus dem Umfeld der Austria Wien überleben22.
- 23 Nachlass Emanuel Schwarz (wie Anm. 19).
- 24 Interview Franz Schwarz; siehe dazu Diethelm Blecking, Lorenz Peiffer (Hrsg.), Sportler im „Jahrhun (...)
10Mit der unter Lebensgefahr geleisteten Hilfe seiner Frau und einer Bürgschaft des FIFA-Präsidenten Jules Rimet gelangt Schwarz nach Paris, später nach Grenoble, wo er mit dem ehemaligen Admira-Manager Kouzurek und dessen jüdischer Lebensgefährtin engen Kontakt hält. Der betagte Schwarz erwirbt ein Diplom als Sportmasseur, das ihm ein hinlängliches Auskommen ermöglicht23. Mit dem Vormarsch Hitlers allerdings muss er weiter fliehen, in Richtung Kanalküste und in das westfranzösische Angoulême. Hier wird Schwarz aufgegriffen, verhaftet und in ein zum Zweck der Deportation eingerichtetes Internierungslager an der Kanalküste verbracht. Und hier geschieht das Unfassliche, das eigentlich kaum Denkbare, das der Austria-Präsident sein weiteres Leben lang erzählt und zu erklären versucht hat: Der Lagerkommandant persönlich setzt ihn mit einer beiläufigen Bemerkung über ein nächtlich unversperrtes Tor in Kenntnis. Michl Schwarz wird sich in der Nachkriegszeit ohne konkretes Ergebnis bemühen, den Namen des Kommandanten zu eruieren; er wird Interventionen des deutschen Fußballbundes und dessen Präsidenten Dr. Peco Bauwens vermuten, die es, wenn auch halbherzig und erfolglos, tatsächlich gegeben hat; er wird sich schließlich mit der Erklärung zufriedengeben, dass es sich wohl um einen durchaus außergewöhnlichen Anhänger der Wiener Fußballschule, im speziellen wohl der Austria, gehandelt haben müsse24.
- 25 Zur Geschichte des ersten österreichischen Profi-Fußballmeisters siehe Susanne Helene Betz, Monika (...)
- 26 „Österreichische Fußballer in der Emigration“, in Wiener Zeitung, 18.7.1946, S. 3. Zur Biographie D (...)
- 27 Zur Lebensgeschichte siehe Franz Binder jr., Franz „Bimbo“ Binder. Ein Leben für den Fußball, Salzb (...)
- 28 Nachlass Emanuel Schwarz (wie Anm. 19).
11Jedenfalls hat er die ihm so unvermutet eröffnete Chance ergriffen und sich zu Fuß nach Paris durchgeschlagen, unterstützt, wie er stets betonte, von französischen Bauern, die mit dem Widerstand sympathisierten oder auch nur einen Akt der Menschlichkeit zu setzen gewillt waren. In der Hauptstadt angelangt, nimmt der an einer schmerzhaften Gallenblasenerkrankung leidende Schwarz Kontakt mit alten Bekannten wie dem Ex-Hakoahspieler Fritz Donnenfeld auf25. Donnenfeld war 1937 zu Olympique Marseille gewechselt, seit 1942 in den Untergrund gegangen und als Angehöriger des Maquis unter dem Decknamen Donny in der Normandie für die Résistance tätig; nach der Landung der Alliierten war er Barbesitzer in Paris und agierte als Nachrichtenmann für den englischen Geheimdienst26. Schwarz findet in diesem Umfeld Aufnahme und Schutz; er hält, so gut es eben geht, Verbindung zu seiner Frau. Die Kontakte laufen nicht zuletzt über Spieler wie Franz Bimbo Binder, den Mittelstürmer des Erzrivalen SK Rapid Wien. Binder ist seit seinem lupenreinen Hattrick gegen Schalke 04 um die deutsche Meisterschaft 1941 in den Rang einer europäischen Fußballikone aufgerückt, nunmehr an der Westfront im Einsatz und wird gelegentlich zu Spielen seines Klubs nach Wien abgestellt27. Einer der von ihm unter Missachtung aller gebotenen Vorsicht überbrachten, mit 27. Mai 1944 datierten Briefe ist erhalten geblieben. „Morgen“, schreibt Schwarz darin, „sind es 5 Jahre, dass ich meine Allerliebsten verlassen habe und hoffe ich, dass es doch bald ein Wiedersehen geben wird, denn, wie Du sagst, die Hoffnung ist das einzige, was einen aufrecht erhält.“ Und weiter: „Am meisten denke ich an Franzi, dem es nach Deinem Bericht so la la [Wienerisch umgangssprachlich für „mehr schlecht als recht“] geht, Gott möge ihn weiter schützen und behüten.“28
Bildung 6. Dr. Michl Schwarz mit Dr.Theodor Körner, 5.12.1945, beim Spiel Österreich gegen Frankreich im Praterstadion. Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung Wien, Fotoarchiv der Arbeiter-Zeitung, Nachlass Mario Wiberal.
- 29 Der Pokal ist mittlerweile als Leihgabe im Museum der Wiener Austria an zentraler Stelle ausgestell (...)
- 30 Wolfgang Maderthaner und Roman Horak, „Die Eleganz des runden Leders. Anmerkungen zur Wiener Schule (...)
12Am 6. Dezember 1945 feiert Österreich mit einem 4:1-Erfolg gegen Frankreich den Wiedereintritt in das internationale Sportgeschehen. Mit dem französischen Team ist auch Michl Schwarz nach Österreich gekommen. Er, der um sein persönliches Schicksal niemals viel Aufhebens gemacht hat, übernimmt wie selbstverständlich für ein Jahrzehnt wieder das Präsidentenamt, das ihm seit 1938, wenn auch notwendigerweise inoffiziell, reserviert worden war. Noch in diesem Dezember 1945 wird Egon Ulbrich den bei ihm privat verwahrten Goldpokal seinem rechtmäßigen Besitzer zurückerstatten; die Familie Schwarz wird sich entscheiden, die Schandgravur als sinnfälliges Mahnmal nicht mehr zu verändern29. Rastlos und an vorderster Stelle betreibt der Fußballdoktor den (Wieder-)Aufbau einer Fußballkultur, deren wesentliche Merkmale sich so scheinbar ungebrochen über den fatalen Zusammenbruch der Ökonomie, des Sozialen und der Politik hinweg erhalten konnten30. Die Nachkriegs-Austria formt der Präsident zu einer europäischen Spitzenmannschaft, was auch ungewöhnliche Transfers, die oft blitzschnelle, im Alleingang getroffene Entscheidungen voraussetzten, miteinschließt.
- 31 Wolfgang Maderthaner, „Gerhard Hanappi & Ernst Ocwirk – Zwei viel zu früh verstorbene Legenden“, in (...)
- 32 Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik, Rudolf Müllner und Johann Skocek, Ein Fußballverein aus Wi (...)
13Aus der russischen Kriegsgefangenschaft war ein enger Verwandter, Onkel Franz Dedek, gesundheitlich schwer angeschlagen, gleichsam halb tot, nach Wien zurückgekehrt. Er hat in Bukarest die Spedition Terestra Maritima besessen und in der Gefangenschaft Schwerstarbeit in einem Bergwerk verrichten müssen. Nunmehr will er sich unter allen Umständen bei der Austria engagieren, und der Präsident stellt ihm eine heikle Aufgabe. Er soll aus dem Wiener Vorortbezirk Floridsdorf vom dort beheimateten FAC einen dem Gerücht nach außergewöhnlich begabten und unorthodoxen Mittelfeldspieler engagieren, dessen genauer Name aber noch nicht allgemein bekannt ist. Dedek löst die Aufgabe souverän, zahlt den Floridsdorfern als Ablöse 35 000 Schilling und zwei (!) Fußbälle31. Sein Name: Ernst Ocwirk, 1952 von France Football zum weltbesten Fußballer gekürt, im Jahr darauf und 1955 Kapitän der FIFA-Weltauswahl. Auf ganz ähnliche Weise, wenn auch um ziemlich genau die Hälfte des Aufwands, nämlich um 15 000 Schilling und einen (!) Fußball, kann vom Villacher SV ein weiterer Ausnahmespieler verpflichtet werden: Ernst Melchior wurde als „Gscheada“ [Wienerisch abfällig für „aus der Provinz stammend“] eine Austria-Legende und Stütze einer zur absoluten Europaklasse zählenden Vereinsmannschaft32.
- 33 Bundeskanzleramt der Republik Österreich, Antrag auf Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens für die (...)
14In persönlicher Hinsicht entwickelt sich das weitere Leben des bereits legendären Fußballdoktors – dem von seinem engen Freund, ÖFB-Präsident und Justizminister Josef Gerö, unter anderem auch der Posten eines Gesundheitsministers angeboten worden war, und der den Oberbefehlshabenden der Roten Armee in Österreich, Marschall Tolbuchin sowie „besonders viele Weltmeister aller Sportarten, Künstler usw.33“ zu seinen Patienten zählte – zu einer Erfolgsstory. Am 2. Mai 1951 erfolgt die Wiederverheiratung mit seiner Frau Poldi. Am 21. Jänner 1964 wird Emanuel Schwarz, Obermedizinalrat, mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet.
Notes
1 Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA), Volksgericht A1-Vg Vr-Strafakten: Vg8e Vr11/55, Hermann Haldenwang, Zeugenvernehmung Dr. Emanuel Schwarz vom 4.6.1946.
2 Zu der erstaunlichen Karriere und dem kurzen Leben des Matthias Sindelar siehe: Wolfgang Maderthaner, „Der ‚Papierene‘. Tänzer auf dem Platz“, in Regina Wonisch (Hrsg.), Tschechen in Wien: Zwischen nationaler Selbstbehauptung und Assimilation, Wien, Löcker, 2010, S. 93–111.
3 Wolfgang Maderthaner, „Kaffeehauswelten und Vorstadtmilieus: Fußball im Wien der Zwischenkriegszeit“, in Christian Koller (Hrsg.), Sport als städtisches Ereignis, Ostfildern, Thorbecke, 2008, S. 77–91.
4 Vgl. Peter Pelinka, „Die Violetten. Persönliche Anmerkungen zu einem großen Wiener Fußballklub, der stets mehr war als nur ein Verein“, in Wolfgang Maderthaner, Alfred Pfoser und Roman Horak (Hrsg.), Die Eleganz des runden Leders. Wiener Fußball 1920–1965, Göttingen, Die Werkstatt, 2008, S. 84–92.
5 Malachi Hacohen, Karl Popper. The Formative Years, 1902–1945. Politics and Philosophy in Interwar Vienna, Cambridge-New York, Cambridge University Press, 2000, S. 52.
6 Wolfgang Maderthaner und Lisa Silverman, „‚Wiener Kreise‘: Jewishness, Politics, and Culture in Interwar Vienna“, in Deborah Holmes und Lisa Silverman (Hrsg.), Interwar Vienna. Culture Between Tradition and Modernity, Rochester (NY), Camden House, 2009, S. 59–80.
7 Bernhard Hachleitner, „Emanuel Michael Schwarz – Die Seele der Austria“, in Peter Eppel, Bernhard Hachleitner, Werner Michael Schwarz und Georg Spitaler (Hrsg.), Wo die Wuchtel fliegt. Legendäre Orte des Wiener Fußballs, Ausstellungskatalog, Wien, Löcker, 2008, S. 74 f.
8 WStLA, Volksgerichtsakt Haldenwang, Zeugenvernehmung Dr. Emanuel Schwarz (wie Anm. 1).
9 Ebd.
10 Interview des Verfassers mit Kommerzialrat Franz Schwarz am 24. Februar 2010.
11 Matthias Marschik, Wiener Austria. Die ersten 90 Jahre, Schwechat, Fun Toy, 2001, S. 73 ff.
12 Ebd., S. 74.
13 WStLA, Volksgerichtsakt Haldenwang (wie Anm. 1), Zeugenvernehmung Egon Ulbrich von 4.6.1946.
14 Ebd., 15 St 13684/46.
15 Ebd., Vg Lg Vr 2613 Hv 1938/46; siehe auch: Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik, Rudolf Müllner und Johann Skocek, Ein Fußballverein aus Wien. Der FK Austria im Nationalsozialismus 1938–1945, Wien–Köln–Weimar, Böhlau, 2019, S. 217 ff.
16 WStLA, Volksgerichtsakt Haldenwang, Urteilsbegründung, Vg Lg Vr 2613 Hv 1938/46.
17 Österreichisches Staatsarchiv (ÖStA), Republikarchiv, Vermögensverkehrsstelle im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit, Nr. 39775 vom 10. August 1938.
18 Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA), Meldearchiv, Meldezettel vom 21. Dezember 1938.
19 Erste Kontakte in dieser Richtung waren nicht ganz ein Jahr davor geknüpft worden; siehe Brief der Federazione Italiana Giuoco Calcio vom 8. Juli 1938 im Nachlass Emanuel Schwarz (Privatbesitz).
20 Interview Franz Schwarz (wie Anm. 10).
21 WStLA, Landgericht Wien, Abt. 29, Cg. 126/1940.
22 Interview Franz Schwarz (wie Anm. 10).
23 Nachlass Emanuel Schwarz (wie Anm. 19).
24 Interview Franz Schwarz; siehe dazu Diethelm Blecking, Lorenz Peiffer (Hrsg.), Sportler im „Jahrhundert der Lager“. Profiteure, Widerständler und Opfer, Göttingen, Die Werkstatt, 2012, S. 124 ff.
25 Zur Geschichte des ersten österreichischen Profi-Fußballmeisters siehe Susanne Helene Betz, Monika Löscher, Pia Schönberger, …mehr als ein Sportverein. 100 Jahre Hakoah Wien 1909–2009, Innsbruck–Wien–Bozen, StudienVerlag, 2009; sowie John Bunzl (Hrsg.), Hoppauf Hakoah! Jüdischer Sport in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart, Wien, Junius, 1987.
26 „Österreichische Fußballer in der Emigration“, in Wiener Zeitung, 18.7.1946, S. 3. Zur Biographie Donnenfelds siehe David Forster, Bernhard Hachleitner, Robert Hummer und Robert Franta, „Die Legionäre“. Österreichische Fußballer in aller Welt, Berlin–Münster–Wien–Zürich–London, Lit, 2011, S. 138 f. Herr Ron Donnenfeld hat persönliche Dokumente (u.a. des Roten Kreuzes und der Association pour la libération de l’Autriche) aus dem Nachlass seines Vaters zur Verfügung gestellt.
27 Zur Lebensgeschichte siehe Franz Binder jr., Franz „Bimbo“ Binder. Ein Leben für den Fußball, Salzburg, Residenz Verlag, 2011.
28 Nachlass Emanuel Schwarz (wie Anm. 19).
29 Der Pokal ist mittlerweile als Leihgabe im Museum der Wiener Austria an zentraler Stelle ausgestellt.
30 Wolfgang Maderthaner und Roman Horak, „Die Eleganz des runden Leders. Anmerkungen zur Wiener Schule“, in Wolfgang Maderthaner, Alfred Pfoser und Roman Horak (Hrsg.), Die Eleganz des runden Leders, S. 26–47, S. 42 ff.
31 Wolfgang Maderthaner, „Gerhard Hanappi & Ernst Ocwirk – Zwei viel zu früh verstorbene Legenden“, in Edgar Schütz, Domenico Jacono und Matthias Marschik (Hrsg.), Alles Derby! 100 Jahre Rapid gegen Austria, Göttingen, Die Werkstatt, 2011, S. 96 f.
32 Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik, Rudolf Müllner und Johann Skocek, Ein Fußballverein aus Wien, S. 216 ff.
33 Bundeskanzleramt der Republik Österreich, Antrag auf Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens für die Republik Österreich vom 14.12.1963, Zl. 9055-Pr.1a/63.
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Pour citer cet article
Référence papier
Wolfgang Maderthaner, « Die lange Reise des Fußballdoktors Emanuel „Michl“ Schwarz », Austriaca, 98 | 2024, 63-73.
Référence électronique
Wolfgang Maderthaner, « Die lange Reise des Fußballdoktors Emanuel „Michl“ Schwarz », Austriaca [En ligne], 98 | 2024, mis en ligne le 01 juin 2025, consulté le 11 octobre 2026. URL : http://journals.openedition.org/austriaca/8890 ; DOI : https://doi.org/10.4000/16m6x
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