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Dossier thématique

Sport und Nationalgefühl

Sport et sentiment national
Sport and National Sentiment
Gerald Stieg
p. 247-257

Résumés

Ce texte est une réflexion à caractère autobiographique sur le lien entre sport et sentiment national, illustré par des événements phares : Coupes du monde de football (1954, 1978, 1982, 1998, 2018 et 2022) et Jeux olympiques d’hiver (1956, 1968, 1972).

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Texte intégral

1Dass ein inniger Zusammenhang zwischen Sport und nationalen Erregungszuständen euphorischer, aggressiver oder depressiver Natur besteht, ist evident. Dass diese den Charakter politischer, ans Religiöse grenzender Hysterie annehmen können, ist unbestreitbar. Sportliche Wettbewerbe erzeugen Massen unterschiedlichster Natur: reale Festmassen, Trauermassen, Doppelmassen, Hetzmassen, aber auch unermessliche unsichtbare hinter den Fernsehschirmen. Wie aber entsteht in den Individuen, die diese Massen, dieses große WIR, bilden werden, das erregte glückliche oder verletzte Kollektivgefühl? Es braucht übrigens nicht die wachsenden Massen dafür, schon die von der Dorfburschenmentalität bewegten Meuten folgen denselben Identitätssehnsüchten.

2Ich werde versuchen, meine höchst individuelle Situation (Bedeutung des Sports in meiner Sozialisierung, relativ früh großes Interesse und hohe Sensibilität für den Leistungssport und damit Neigung zur Verehrung, relativ spät doppelte nationale Zugehörigkeit) zu analysieren und das merkwürdige Gemisch aus identitärer Starrheit und Verwandlungsmöglichkeit begreiflich zu machen, das sich in der vom Sport genährten nationalen Massenidentität verwirklicht. Anders gewendet: wie und wann entsteht sie, ist sie wandlungsfähig oder auf immer erstarrt? Kurz, hat dieses Gefühl eine Geschichte, kann es sich verändern, ja gar verlieren oder bleibt es einem wie eine Kennmarke für immer eingebrannt? Aufschlussreich erscheint mir ein Seitenblick auf andere Symbolfiguren, die nationale Identität repräsentieren. Für Österreich heißt die Hauptfigur den Umfragen zufolge Mozart. Für mich persönlich stimmt diese Identifikation, aber sie hat keine Massenwirkung, sie bleibt eine kulturelle Konstruktion und damit grundlegend an die individuelle Sensibilität gebunden. Mozart ist ein abstraktes Symbol, das nicht unbedingt „gelebt‟ werden muss wie ein sportlicher Wettbewerb. Er kann kein Massen-Wir hervorbringen.

Fußball-Nation?

3Von allen Erinnerungen an sportliche Ereignisse, die sich unveränderlich zum festen Gedächtnisbestand kristallisiert haben, kommt in meinem sportnationalen Erinnerungs-Gefühlshaushalt der Fußballweltmeisterschaft von 1954 ein in jeder Hinsicht übermächtiges Gewicht zu. Sie ist, wenn ich nicht sehr irre, auch die allerälteste gewesen, und sie ist mit all dem, was sich um eine Erinnerung später ranken kann, unzweifelhaft die prägendste und assoziationsgeladenste geworden und geblieben.

4Es begann so: Unsere Klasse kam von einem Schulausflug in den Schladminger Tauern zurück. Ich stieg in Stainach-Irdning aus und setzte mich ins Bahnhofsbuffet, wo ich das von allem ersehnte Resultat des Spiels Österreich gegen Schottland erfuhr. Den 1:0-Sieg feierte ich vor den Augen meiner Kameraden und des Klassenvorstands mit einem Seidel Bier, was mir am folgenden Tag eine Strafpredigt des Direktors einbrachte. Der gewichtige Altphilologe verachtete Sport und Spiel und pflegte hin und wieder einem Schüler „Werden Sie Boxer oder Fußballer!“ als berufliche Perspektive anzudrohen. Jedenfalls war die Kombination Fußball und Bier für einen 13-jährigen Gymnasiasten ein grober Verstoß gegen die guten Sitten und das geforderte Standesbewusstsein, an den sich auch meine überlebenden Klassenkameraden noch heute mit Genuss erinnern.

5Österreich qualifizierte sich mit einem 5:0 gegen die ČSSR und traf im Viertelfinale auf den Gastgeber Schweiz. Ich badete an diesem heißen Nachmittag mit Freunden, aber wir brachen ab, um rechtzeitig am Radio die Übertragung mitzuerleben. Die Fußball-Übertragungen im Radio in der fernsehlosen Zeit waren rhetorische Meisterleistungen, die einen Ehrenplatz im UNESCO-Welterbe der Kultur verdienten. Heribert Meisel und Ing. Edi Finger verlebendigten Spieler und Spiel in ungeahntem Maß. Als es Fernsehübertragungen gab, schalteten die wahren Kenner den TV-Ton ab und das Radio an. Die Reporter waren nahezu so populär wie die von ihnen gefeierten Heroen. Da wir uns leicht verspätet hatten, erfuhren wir unterwegs zu unserem Entsetzen, dass die Schweiz schon 3:0 führte. Zu Hause angekommen stürzte ich ans Radio und es stand 5:3 für Österreich. Fünf Tore in zehn Minuten! Endergebnis der Hitzeschlacht: 7:5 und ein Tormann mit Sonnenstich. Seit diesem Tag sind mir die Namen Ocwirk, Hanappi, Stojaspal, Happel und Probst unauslöschlich und unersetzbar geblieben. Nur einer, Hans Krankl, hat 1978 durch Ing. Edi Finger eine vergleichbare Erhöhung zum Fußball-Nationalhelden erfahren. Aber er war trotz der Hysterie („i wear narrisch!“), die sein siegreiches Tor gegen Deutschland auslöste, nur der Schütze eines noch dazu überflüssigen Tores, das aber in meiner Fußballer-Seele eine unauslotbare Beziehung zum Jahr 1954 hatte. Denn auf das rokamboleske triumphale Viertelfinale folgte die entsetzliche Dusche: wir verloren 6:1 im Halbfinale gegen Deutschland (genauer die BRD). Und sofort tauchte das Gerücht auf, Happel und Zeman hätten uns an die Preußen verkauft. Der Trostpreis – ein 3:1 gegen den scheidenden Weltmeister Uruguay – tröstete wenig über die demütigende Wunde hinweg.

6Alle Welt war verwundert über den unerwarteten Sieg der deutschen Mannschaft gegen den haushohen Favoriten Ungarn, der in der Vorrunde die „Mannschaft“ – als gäbe es so etwas nur auf Deutsch – mit 8:3 abgefertigt hatte. Das Schlagwort vom "Wunder von Bern" hat Langzeitwirkung gehabt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie meine Umgebung auf diese Auferstehung Deutschlands reagiert hat, sicher zum Großteil mit Genugtuung. Ich aber bedauerte das geschlagene ungarische Wunderteam um Puskás und litt an unserer Niederlage. Vielleicht tauchte schon damals das Gedankenspiel auf: und wenn Österreich und Ungarn ein gemeinsames Team gebildet hätten? Denn jede der beiden besiegten Nationen hatte über ein Wunderteam verfügt, und beide hatten brüderlich den höchsten Titel verfehlt. 1938 hatte Österreich nicht mehr das Recht, sich am Turnier in Paris zu beteiligen, und Ungarn verlor das Finale gegen Italien mit 2:4. Ich weiß nicht mehr, wann man Otto Habsburg bei der Ankündigung eines Spiels Österreich-Ungarn die geflügelte Antwort „Gegen wen?“ angedichtet hat.

7Meine sentimentale Beziehung zur österreichischen Fußballnationalmannschaft, deren einzige Heldentat nach 1954 Krankls nutzlose Rache an Königgrätz im Jahr 1978 gewesen war, war schon stark vermindert, als sich für mich 1982 eine moralische Katastrophe ereignete, deren Folgen unauslöschlich geblieben sind. Es ging um die Qualifikation für das Achtelfinale. Durch die überraschende Niederlage Deutschlands gegen Algerien hätte ein Sieg Österreichs über Deutschland oder sogar ein Unentschieden die Eliminierung Deutschlands bedeutet, eine Niederlage Österreichs mit mehr als zwei Toren Differenz dagegen die Qualifikation Algeriens. Man einigte sich auf ein 1:0 für Deutschland in einem gespensterhaften Scheinspiel, das ich noch dazu in einem Raum der österreichischen Botschaft anschauen musste. Diese sportliche Schandtat ist nicht wirklich belohnt worden, denn Österreich verlor in der zweiten Runde gegen Frankreich. Das legendäre Semifinale Frankreich-Deutschland in der „Nacht von Sevilla“ habe ich in einer französischen Familie vor dem Fernseher miterlebt, bis zum Weinkrampf des jüngsten Sohns nach dem verlorenen Elferschießen.

8Im französischen kollektiven Sportgedächtnis ist vor allem der brutale Zusammenstoß zwischen dem deutschen Tormann „Toni“ Schumacher und Patrick Battiston bis heute unvergessen. Die Katastrophe wurde an ihrem 40. Jahrestag 2022 ausgiebig ins Gedächtnis gerufen. Die unmittelbaren Reaktionen ließen Zweifel an der Echtheit der deutsch-französischen Freundschaft aufkommen, denn selbst im Parlament regten sich die von der historischen Erbfeindschaft genährten Ressentiments. Gekoppelt mit der sportlichen Gaunerei gegenüber den „Bloßfüßlern“, dem nicht geahndeten brutalen Foul und den Knabentränen traf mein sportliches Identitätsbewusstsein eine definitive Entscheidung: ich wünschte den Deutschen und Österreichern Niederlagen ohne Zahl und optierte in Sachen Fußball unwiderruflich für meine 1975 erworbene neue Nationalität. Um ganz ehrlich zu sein, es erhielt sich noch ein Quäntchen Sportpatriotismus für die Erben Ocwirks und Hanappis, aber bei einem Spiel Frankreich-Österreich schlägt mein Herz für immer ungeteilt. 1998 wurde dieses patriotische Sportherz im Übermaß belohnt. Heute bin ich versucht, über meinen überbordenden Enthusiasmus von 1998 ein wenig traurig zu lächeln und einzubekennen, dass ich mich von der Mythologie des black-blanc-beur widerstandslos verführen lassen hatte, auch darum, weil ich sie als eine wunderbare Inkarnation der französischen Konzeption der Nation empfand. Und mit einer kindlich zu nennenden Freude sah ich den Zidane-Mythos 2018 und 2022 in Kylian Mbappé wieder aufleben. Den inneren Zerfall der Mannschaft in Südafrika hatte ich bitter empfunden. Obwohl dem Geist des Nationalismus abhold und kein Freund des Textes der „Marseillaise“, habe ich allen Ernstes am Beginn jeder Fußball-Übertragung beim Absingen der Nationalhymne darauf geachtet, ob alle Spieler mitgesungen oder wenigstens die Lippen bewegt haben. Dass dieser einige Zeit abhandengekommene symbolische Minimalismus wieder selbstverständlich geworden zu sein scheint, erleichtert mich, ja ist für mich ein Zeichen der Hoffnung, dass der französische Begriff der Nation nicht völlig verloren gegangen ist.

9Felix Kreissler, der wie ich keine Scham empfand, seine Sportbegeisterung samt dem zugehörigen Patriotismus offen zu bekennen, definierte sich gerne als französischen Staatsbürger und österreichischen Patrioten. Beim Sport hat gewöhnlich der Patriotismus ein stärkeres Gewicht. Im Fußball, dieser merkwürdigen Weltreligion, habe ich nur eine Seele in meiner Brust und hoffe auf eine wunderbare Vermehrung der Mbappés. Allerdings hat die Globalisierung in ungeahntem Ausmaß das Söldnerwesen gefördert, sodass die Identifikation der Publikumsmasse mit einer lokalen Mannschaft kaum oder nicht mehr über die nationale oder regionale Identität der Spieler erfolgt. Eine massive Störung des Gefühlshaushalts der Anhänger kann eintreten, wenn in den Starensembles die Söldner überwiegen. Und es kann zu außergewöhnlichen Situationen kommen, wenn z. B. die beiden besten Spieler der Welt, die in derselben Profimannschaft spielen, im Finale der Weltmeisterschaft gegeneinander antreten wie letzthin Mbappé und Messi, und sich die Mannschaftsweltmeisterschaft in ein Duell zweier überdimensionierter Individuen verwandelt. Mit welchen ambivalenten Gefühlen hat es ein Zuschauer zu tun, der einem Spiel folgt, in dem auf beiden Seiten Söldner aus seiner Nation spielen. Es ist nicht mehr ungewöhnlich, dass in einer Spitzenmannschaft mehr Söldner als „Einheimische“ tätig sind und Nationalmannschaften ihre Spieler aus fünf verschiedenen Ländern zusammenholen müssen. Die eher heimattreuen Nationalmannschaften wie England oder Italien geraten dabei sichtlich ins Hintertreffen. Trotzdem hat das von Musil beschworene „Dorfburschentum“, die Urzelle identitärer Verhaltensweisen, angesichts des grenzenlosen Söldnerwesens nicht ausgespielt. Denn trotz des Triumphs der großen Individuen bleibt die Tatsache bestehen, dass der Fußball ein Mannschaftssport ist, also ein Modell sozialen Zusammenspiels, sozusagen eine Armee en miniature. Doch liegt es wohl auch am Söldnerwesen, dass der Fußball bei den Olympischen Spielen eine relativ untergeordnete Rolle spielt, als ob das ursprüngliche Profi-Verbot im Unterbewusstsein weiterwirken würde. Oder liegt es einfach daran, dass die Weltreligion Fußball sich schlecht mit der Vielfalt von Disziplinen verträgt und ihre einzigartige superiore universale Identität wahren möchte. Und gewiss wirkt der Umstand mit, dass man sich seit der Antike den Olympioniken als herausragendes Individuum und nicht als Teil eines kooperierenden Teams vorstellt. Olympiasieger bekamen in der Antike pindarische Hymnen, heute bekommen sie persönliche Medaillen, Fußballweltmeister dagegen ein symbolisches Trinkgefäß, das Nektar für alle verheißt.

10Zu einer wirklichen Fußball-Nation hat es Österreich eigentlich nur in der historischen Phantasie vom „Wunderteam“ und in einigen Figuren des Söldnertums (Ocwirk, Happel, Krankl) gebracht. Intensiv wird das Nationalgefühl nur, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem (meist) überlegenen Nachbarn geht. Ein Vergleich mit Frankreich ist darum wenig sinnvoll.

Ski-Nation

11Ganz anders liegen die Dinge beim Wintersport, dessen Ausstrahlung sich mit raren Ausnahmen (Japan) auf Europa und Nordamerika beschränkt und selbst innerhalb mancher Staaten (Italien, Spanien, Frankreich, ja sogar Deutschland) regional begrenzt bleibt. Österreich, die Schweiz und Norwegen sind Skinationen, von Frankreich lässt sich das nur beschränkt sagen, und doch gibt es hier eine bemerkenswerte und seltsame Rivalität, die mich seit jeher fasziniert hat. Im Gegensatz zum Fußball, wo mein österreichischer Patriotismus gestorben ist, muss ich gestehen, dass bei Weltmeisterschaften im Wintersport oder bei Olympischen Winterspielen mein Herz weiterhin ungeteilt für Österreich schlägt, ja dass mich französische Siege, selbst wenn nicht Österreicher die Besiegten sind, völlig kalt lassen, ja dass mich die Niederlagen sogar befriedigen! Ich versuche, mir diese psychische Anomalie verständlich zu machen und gehe auf Spurensuche.

12Als Kind und Jugendlicher war ich zu gleichen Teilen praktizierender Fußballer und Skifahrer. Ich habe sogar bei Wettbewerben (Riesenslalom und Skispringen) hin und wieder silberne Abzeichen gewonnen, deren Tragen vom mönchischen Lehrkörper mit unverhohlenem Hohn quittiert wurde. Im Fußball war ich, ohne es voll zu begreifen, sogar politisch engagiert: katholischer Union-Fußballer gegen die deutsch-nationale ATV-Konkurrenz in einem Dorf! Mein Kindheitstraum war, Skispringer zu werden. Mein Modell hieß Sepp „Bubi“ Bradl, der erste Mensch, der über 100 Meter gesprungen war und den ich in persona auf der Kulm-Flugschanze hinter dem Grimming bewundern konnte. Bis heute träume ich regelmäßig davon, auf dem Kulm einen neuen Weltrekord aufzustellen, und produziere einen perfekten Sprung nach dem anderen. Doch damals war Österreich trotz der Ikone Bradl noch keine Skispringer-Nation. Aber in den alpinen Disziplinen gab es schon einige Idole: Trude Beiser, Othmar Schneider, Christian Pravda machten sich in Sankt Moritz (1948) und Oslo (1952) einen Namen, der sich dem kindlichen Gedächtnis eingeschrieben hat. Was aber wog das gegen die Olympiade von Cortina d’Ampezzo 1956? Kaum ein Jahr nach dem Staatsvertrag von 1955 erschien uns ein strahlender Nationalheld: Toni Sailer, dreifacher Olympiasieger in Abfahrt, Riesenslalom und Slalom. Er war auch verführerisch schön, was ihm ab 1959 zu einer eher verunglückten Film- und Sängerkarriere verhalf. Er sollte das Kunststück 1958 bei den Weltmeisterschaften in Bad Gastein beinahe wiederholen: drei Mal Gold, aber nur Silber im Slalom, besiegt vom Österreicher Josef Rieder. In der Antike hätte ihm Pindar ein hymnisches Denkmal gesetzt. Es ist kaum zu glauben, aber die unvergleichliche Aura dieser Figur des Nationalstolzes hatte eine ganz besondere Wirkung auf uns Schüler am Stiftsgymnasium in Admont. Wir trauten unseren Ohren und Augen nicht, aber Toni Sailer kam mehrmals in Fleisch und Blut nach Admont und wurde vom Abt in der Prälatur empfangen. Einige meiner Mitschüler, die dem Superstar den ewigen Zweiten, Anderl Molterer, vorzogen, begannen den Kult in Frage zu stellen. Dabei bedienten sie sich auch der Fama, die aus dem Skihelden einen illegitimen Sohn des Abtes machte, dessen barocker Lebensstil uns und einen Gutteil der Bevölkerung zu irritieren begann. Es war, als müsste dem Ski-Gott eine höhere Geburt angedichtet werden. Jedenfalls gehörte Toni Sailer, die unerreichbare Legende, der größte Sportler Österreichs des 20. Jahrhunderts, wirklich und erst recht gerüchteweise zu unserem schulischen Patrimonium.

13Zum 80. Geburtstag von Freud hatte Thomas Mann eine Reihe von Überlegungen zum Entstehen von Mythen angestellt, darunter die famose mythische Wiederholung, z. B. Karls des Großen in Napoleon, oder die Goethes in Freud und Thomas Mann. Gab es eine mythische Wiederholung des Skigottes Toni Sailer? Ja, und sie hieß leider Jean-Claude Killy, doch beinahe wäre es einem Österreicher, Karl Schranz, geglückt, den Sailer-Mythos vor einer Wiederholung zu bewahren. Immerhin liegt über dem Triumph Killys bei der Olympiade 1968 in Grenoble ein Schatten: Schranz hatte unter seltsamen Umständen den Slalom auf der Piste gewonnen und am grünen Tisch verloren. Man kann sich die nationalistische Aufregung vorstellen, die dieser „Nebelslalom“ hervorgerufen hatte. Grenoble folgte auf die größte Demütigung der Skination Österreich durch Frankreich bei den Weltmeisterschaften in Portillo 1966: die einzige Goldmedaille musste an Frankreich zurückerstattet werden, da aus Erika Schinegger 1967 ein Erich geworden war. Die Ernte in Grenoble war nicht schlecht, aber es gab seither auch einen französischen Toni Sailer, der es allerdings nie bis zur Apotheose eines Zidane bringen sollte und der sein Image durch den Wechsel in den Automobilsport und ins Managertum und die damit verbundene Beziehung zur Politik, inklusive zum russischen Präsidenten Putin bei den Winterspielen in Sotchi, getrübt hat. Er hat auch keinen Versuch gemacht, den Triumph zu wiederholen, und mit 25 Jahren dem aktiven Skisport Adieu gesagt.

14Einer Frau, Annemarie Pröll, wäre es beinahe gelungen, ein weiblicher Toni Sailer zu werden, aber trotz ihrer dominierenden Stellung im Weltcup ist ihr eine wahre Apotheose versagt geblieben. Sie hat sogar auf dem Höhepunkt ihrer Karriere diese mögliche Apotheose in Innsbruck 1976 geschwänzt und sich wie Killy kurzfristig vom Autorennsport verführen lassen. Karl Schranz war es vorbehalten, den olympischen Heldenmythos Toni Sailer in einen olympischen Opfermythos zu verwandeln. Begonnen hat das mit der 3:2-Niederlage am grünen Tisch in Grenoble, aber 1972 sollte daraus eine nationale Tragödie werden. Karl Schranz wurde vom amerikanischen Präsidenten des CIO wegen Vergehens gegen den Amateurparagrafen von der Winterolympiade in Sapporo ausgeschlossen. Sein Empfang bei der Rückkehr nach Wien gehört zu den erstaunlichsten Ausbrüchen nationalen Wahnsinns in Österreich: vom Wirtshausvolk bis in die Partei- und Regierungsspitzen, von den Sportlern bis zu den Künstlern wurde das Opfer gefeiert, das vom Balkon des Bundeskanzleramts die in seinem Namen beleidigte Masse begrüßen durfte.

15Ich bin der Skination trotzdem treu geblieben und habe bis heute ihre Erfolge und Misserfolge erfreut oder enttäuscht begleitet. Doch weder Franz Klammers Abfahrtsiege noch Herminators (Hermann Maier) ikarischer Sturz in Japan reichten aus, um wahre Götzen aus ihnen zu machen. Die Skination behauptete ihre angestammte Spitzenposition mehr oder weniger routinemäßig. Meine patriotische Identifikation hat sich allmählich von den alpinen Disziplinen auf meinen unverwüstlichen Kindheitstraum verlagert, das Skispringen. Ich hatte während meiner Studentenzeit ein Jahr lang als Aushilfslehrer für Latein und Griechisch am Aufbaugymnasium Stams unterrichtet. In diese Zeit fielen die ersten Schritte einer Verwandlung der Schule in ein Skigymnasium. Zum Lehrkörper gehörte der Skispringer Baldur Preiml, Olympiadritter in Grenoble 1968. Ich erinnere mich dunkel an ein Gespräch mit ihm, als er nach einem Dreikönig-Springen in Bischofshofen mit seinen Sprunglatten am Abend den Zug nach Innsbruck nahm. Ob er sich seine Fahrkarte noch selbst bezahlt hat? In meiner Erinnerung und meinem Bedürfnis nach Identifikation vermischt sich meine Tätigkeit in Stams mit der unerwarteten Zukunft der Elite-Skischule, als wär’s ein Stück von mir gewesen. Nicht die zunächst geförderten Alpinen, sondern die Skispringer sollten in den kommenden Jahrzehnten das Skispringen und Skifliegen beherrschen. Rekorde über Rekorde wurden gebrochen, Titel über Titel gewonnen. Unvergessen und trotz der gigantischen Steigerung der Rekordweiten auf über 250 m, unübertrefflich bleibt für mich der Rekordflug von Toni Innauer auf 176 m im Jahre 1976. Es war der schönste Sprung aller Zeiten, ein ästhetischer Traum, nicht mehr wiederholbar aufgrund der neuen Technik, die die Eleganz und Schönheit der Effizienz geopfert hat. Dieser neue geflügelte Ski-Gott hat übrigens wie Sailer und Killy sehr jung vom aktiven Sport Abschied genommen. Meine Traum-Flüge sind allesamt Imitationen der von ihm erreichten Vollendung. Frankreich ist in Sachen Skispringen eine Zwerg-Nation, also war in diesem für mich immer noch mythischen Sport die patriotische Identifikation nie von einem Zwiespalt bedroht. Ich beneide selbst die zentralasiatischen Springer, die sich beim Skifliegen mit der Weite von Bubi Bradl begnügen müssen.

Bildung 14. Der perfekte Sprung, Toni Innauer, Olympische Winterspiele 1976. Schandfoto/Frischauf Bild.

16Ein Skiflieger eignet sich nicht wirklich als nationales Idol. Skifahren und Fußballspielen kann jeder, Ikarus ist ein risikobereiter Individualist, aber ich halte auch Mannschaftswettbewerbe in alpinen Disziplinen für absurd. Addierte Ergebnisse haben nichts mit dem Teamwork einer Fußballmannschaft zu tun. Es genügt, einen Blick auf die französischen Sportprogramme im Fernsehen zu werfen, um sich der identitätsschaffenden Macht der verschiedenen Sportarten bewusst zu werden: der Fußball schlägt alle Rekorde, das Skispringen bei den nordischen Weltmeisterschaften steht nicht auf den Fernsehprogrammen, selbst das spektakuläre Skifliegen hat kaum Zuschauer, obwohl der Traum vom Fliegen, von der Überwindung der Schwerkraft nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Er ist wohl in die Weltraumtechnologie ausgewandert.

  • 1 Dieser Artikel ist ein Essay und hat nicht die übliche Form einer Studie.

17Es steht außer Frage, dass der Sport ein weltweites Opium geworden ist, dass er politisch ausgeschlachtet werden und kollektive Euphorie, aber auch Depression bewirken kann. Er kann nicht nur im kollektiven, sondern auch im individuellen Gefühlshaushalt tiefe Spuren hinterlassen, obwohl er ein Kind des vergänglichen Augenblicks ist. Seine immergleiche Wiederholung ist gekoppelt mit einem zentralen Phänomen der modernen Welt: dem Rekord. Er ist die offensichtlichste Illustration des Fortschritts, der inkarnierte Fortschritt des Immergleichen. Dieser unbestreitbare Fortschritt ist messbar in Metern und Sekunden. Ob er aber mit einem wahren Fortschritt der Menschheit parallel geht, bleibt dahingestellt. Der österreichische Satiriker Helmut Qualtinger hat das Dilemma so formuliert: der „Wilde mit seina Maschin’“ hat zwar keine Ahnung, wo er hinfährt, aber dafür ist er „g’schwinder durt“1.

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Notes

1 Dieser Artikel ist ein Essay und hat nicht die übliche Form einer Studie.

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Pour citer cet article

Référence papier

Gerald Stieg, « Sport und Nationalgefühl », Austriaca, 98 | 2024, 247-257.

Référence électronique

Gerald Stieg, « Sport und Nationalgefühl », Austriaca [En ligne], 98 | 2024, mis en ligne le 01 juin 2025, consulté le 14 octobre 2026. URL : http://journals.openedition.org/austriaca/9794 ; DOI : https://doi.org/10.4000/16m75

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Auteur

Gerald Stieg

Professeur émérite, Université Sorbonne nouvelle, Paris, France

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