Helga Mitterbauer (Hg.), Franz Blei: Ideen – Werk – Netzwerk
Helga Mitterbauer (Hg.), Franz Blei: Ideen – Werk – Netzwerk, Berlin, Frank & Timme, 2024, 424 S., ISBN : 978-3-7329-0835-6.
Texte intégral
1Er war wohl eine der umtriebigsten Persönlichkeiten im deutschen und österreichischen Literaturbetrieb in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Er hat viel selbst geschrieben und noch mehr Werke anderer editiert. Er gilt in manchen literarischen und kulturgeschichtlichen Belangen als Pionier (z. B. als Wiederentdecker des Genres des Bestiariums oder als Herausgeber literarisch anspruchsvoller erotischer Literatur), vertrat als Kosmopolit konsequent transkulturelle Perspektiven und war, vor allem, ein geschickter (und bedeutender) Netzwerker: die Rede ist von Franz Blei (1871–1942). Zum Gedenken an seinen 150. Geburtstag und den 80. Todestag fand im Juni 2022 an der Université libre de Bruxelles eine Tagung statt, deren Beiträge Helga Mitterbauer – spätestens seit ihrem Buch Die Netzwerke des Franz Blei. Kulturvermittlung im frühen 20. Jahrhundert (Tübingen und Basel, Francke, 2003) eine der wichtigsten Blei-Expert.inn.en – nun in der Reihe „Forum: Österreich“ bei Frank & Timme herausgebracht hat: 19 Artikel und eine Einleitung ergeben einen stattlichen Band von 424 Seiten mit dem Titel Franz Blei: Ideen – Werk – Netzwerk.
2Der Untertitel spiegelt die Gliederung des Bandes wider: vier Beiträge (von Thomas Markwart, Burckhard Dücker, Angela Gencarelli und Norbert Bachleitner) firmieren im Abschnitt „Ideen“ und betreffen vorwiegend das essayistische Werk Bleis, sechs (von Vera Viehöver, Helga Mitterbauer, Magdolna Orosz, Matjaž Birk, Gregor Kokorz und Mathias Meert) stellen im Abschnitt „Werk“ das literarische Schaffen in den Vordergrund, und es ist Franz Blei betreffend kein Zufall, dass der Abschnitt „Netzwerk“ mit neun Artikeln (von Georg B. Deutsch, Johannes Frimmel, Hubert Roland, Angela Reinthal, Sabine Eickenrodt, Gabriele Einsele, Francisca Roca Arañó, Kerstin Terler und Jörg Thunecke) der umfangreichste ist.
3Diese Einteilung ist selbstverständlich nach den Schwerpunkten der jeweiligen Beiträge vorgenommen, doch gibt es zwischen ihnen zahlreiche Querverbindungen, die das Schaffen Franz Bleis, beziehungsweise die aktuelle Forschung dazu erhellen. Da es im Rahmen einer Besprechung unmöglich ist, auf alle Beiträge im Detail einzugehen (diese sind übrigens in der Einleitung von Helga Mitterbauer vortrefflich resümiert, was das Fehlen der heute in Sammelbänden gebräuchlichen Resümees wettmacht), soll hier von den verschiedenen Aktivitäten und Leistungen Bleis ausgegangen werden, wie sie sich in einer „Vernetzung“ der einzelnen Artikel ergeben.
4Das Bild, das die Rezeption des Schaffens von Franz Blei in der Nachwelt hinterlassen hat, ist – wie das oft der Fall ist – wohl etwas einseitig und unvollständig. Die Beiträge dieses Bandes nuancieren und korrigieren es, verwerten jüngste Forschungsergebnisse und wollen damit der Blei-Forschung auch neue Impulse geben.
5Wird das Bild vom Vielschreiber und Mehrfachverwerter Blei bestätigt, so ist man doch von der Vielfältigkeit seines Werkes beeindruckt und von den Impulsen, die er den Literaten seiner Zeit gegeben hat. Diese Vielfalt ist Gegenstand mehrerer Beiträge, der Bogen spannt sich von den Essais (mit denen sich vor allem Thomas Markwart und Burckhard Dücker beschäftigen) zu den Übersetzungen und Editionen und behandelt ebenso das erzählerische und theatralische Werk.
6So bietet zum Beispiel Gregor Kokorz eine überzeugende Analyse des Marionettenspiels Nusch-Nuschi (1913), das vor allem durch die musikalische Umsetzung von Paul Hindemith bekannt geworden ist: Er wertet den gegenüber der Oper bislang vernachlässigten Text auf, indem er Bleis satirische Inversion des Verhaltens der Frauen und Männer in den Zusammenhang mit dem erotischen Diskurs der Moderne stellt. Während sich vom Marionettenspiel eine direkte Verbindung zu Mathias Meerts Beitrag zur Intermedialität und Theatralität von Franz Bleis Zaubertheater (1914) ergibt, führt der erotische Diskurs des Nusch-Nuschi zu Bleis Tätigkeit als Herausgeber von um 1900 als „erotisch-pornographisch“ verstandener Literatur. Dabei handelt es sich allerdings, wie Johannes Frimmel zeigt, um literarisch hochstehende, „klassische“ erotische Werke (darunter John Clelands Fanny Hill [1748], 1906, und Louvet de Couvrays Liebesgeschichten des Chevalier de Faublas [1790], 1909), die in bibliophilen, kostspieligen kleinen Auflagen als „Privatdrucke“ herauskommen; diese elitäre Aufmachung gehört neben der Betonung des literarischen und kulturhistorischen Werts zur Strategie Bleis gegenüber der Zensur, eine Strategie, die zwar Gerichtsverfahren gegen ihn nicht abwenden kann, aber letztlich doch zu Freisprüchen führt.
7Blei praktiziert selbst auch das Genre des historischen Romans, bzw. die Fiktionalisierung historischer Figuren, die zum Instrument der Zeit- und Kulturkritik wird. Matjaž Birk zeigt das anhand von Bleis Roman Talleyrand oder der Zynismus (1932), dem er Stefan Zweigs Joseph Fouché – Bildnis eines politischen Menschen (1929) gegenüberstellt.
8Als eine besondere Stärke Bleis erweist sich das literarische Porträt. So zeigt Angela Gencarelli, wie Blei im Bestiarium Literaricum (1920), einem seiner meistzitierten Werke, eine mittelalterliche Textsorte aufgreift, verarbeitet und damit (fast) eine Mode auslöst. Norbert Bachleitner beschäftigt sich mit den literarischen Porträts berühmter Frauen, in denen Blei mit einem emanzipatorischen Ansatz die über die Rolle als Geliebte und Ehefrau hinausgehenden Verdienste der Frauen aufzeigt, aber doch oft auch einem klischeehaften, zuweilen misogynen Blick verhaftet bleibt, sodass die Antwort auf die gestellte Frage „Franz Blei, Feminist?“ offen bleiben muss. Von Bleis „Kunst des Porträts“ ist auch im Beitrag von Vera Viehöver die Rede, die Bleis Beschäftigung mit der legendenumwobenen Ninon de Lenclos analysiert und sein mehrfach verwendetes Porträt einer femme amoureuse in den Kontext der Ninon-Rezeption zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellt. Seine Vorliebe für Porträts ist sogar in seiner Herausgebertätigkeit zu finden, wie Helga Mitterbauer anhand von Bleis Übersetzung und Edition von Paul Scarrons Komödiantenroman (1908, Le Roman comique, 1651–1657) zeigt, und hat ihm in seiner schwierigen Lebensphase in den Dreißigerjahren lebenswichtige Einkünfte gebracht, und zwar dank der Veröffentlichung literarischer Porträts in Die Welt am Sonntag, der Wochenendbeilage der Prager Presse, 1934/35, und im Kleinen Bund, der Sonntagsbeilage der Schweizer Tageszeitung Der Bund (Bern), 1937/38, die Sabine Eickenrodt und Gabriele Einsele analysieren. Dabei erfährt der Leser auch einiges über die Situation der deutschsprachigen Presse in den Dreißigerjahren im Allgemeinen, bzw. in der CSR und der Schweiz im besonderen, sowie über den kulturpolitischen Kontext.
9Von den genannten Beiträgen führen immer wieder Spuren zu einer der wesentlichsten Leistungen von Blei, nämlich seiner Tätigkeit als Herausgeber und Kritiker. Seine vielfachen, mitunter konfliktgeladenen Beziehungen zu Verlagen, seine Tätigkeit als Herausgeber von Zeitschriften, als Berater von Verlegern etc., sowie seine damit verbundene Vermittler- und Übersetzertätigkeit kommen in mehreren Artikeln des Bandes zur Sprache (Roland, Thunecke, Viehöver, Mitterbauer, Orosz, Einsele) und ergeben das inzwischen berühmte „Netzwerk des Franz Blei“. So etwa erhellt Bleis Aktivität in diesem Bereich u. a. sein Verhältnis zum Barock (bzw. zum französischen „klassischen“ 17. Jahrhundert) und zur Romantik: Helga Mitterbauer ortet das Interesse Bleis am Barock, das er als „Achsenzeit“, bzw. „Schwellenzeit“ betrachtet, in seiner Tätigkeit als Berater von Verlagen und in seinen Übersetzungen (John Ford, Scarron), Magdolna Orosz analysiert Bleis Rezeption der Romantik anhand seiner Arbeiten zu Novalis und E.T.A Hoffmann. Ebenfalls in mehrerer Hinsicht aufschlussreich ist der Beitrag von Jörg Thunecke zur Bleischen Übersetzung von In Defense of Women (1918, 1922) des amerikanischen Journalisten und Essayisten H.L. Menkes, die 1923 unter dem Titel Verteidigung der Frau in München bei Georg Müller erschienen ist: er bietet sowohl einen Einblick in die Editionsgeschichte des Originals als auch eine vergleichende Übersetzungsanalyse und ergänzt ‚nebenbei‘ das Frauenbild Bleis (womit sich eine Verbindung zu Norbert Bachleitners Beitrag am Beginn des Bandes herstellen lässt).
10Gegensätze und Widersprüche prägen Bleis ambivalentes Verhältnis zu Politik und Kirche. Das geht u. a. auch aus dem Beitrag von Georg B. Deutsch hervor, der Bleis Zuneigung zum Katholizismus seinem Weg zum Sozialismus gegenüberstellt: Dieser führt 1886 über einen „Sozialistischen Studentenklub“ (der eigentlich aus Mittelschülern besteht) zur Freundschaft mit jungen Mitarbeitern der Arbeiter-Zeitung und mit Viktor Adler; Angela Reinthal erörtert das Verhältnis Bleis zu, bzw. seine Abrechnung mit dem konservativen, nationalistischen Ökonomen Carl Schmitt: In einem jüngst aufgefundenen Brief Bleis an Schmitt aus dem Jahr 1934 geht es u. a. um den von den Nationalsozialisten propagierten Begriff der „Artgleichheit“, zu dem sich Schmitt bekennt und dessen Unhaltbarkeit Blei deutlich macht.
11Ein nuanciertes Bild von Blei ergibt sich aus den Tagebucheintragungen von Thea Sternheim, anhand derer Hubert Roland die Partner- und Freundschaft Bleis mit Carl Sternheim aus der individuellen Perspektive Theas nachzeichnet. Trotz seiner Misogynie, die Thea abstößt, schätzt sie seinen Kosmopolitismus und seine Frankophilie und bescheinigt ihm trotz mancher „labil[er]“, „kontexbezogen[er]“ Äußerungen (H. Roland) zum Krieg eine konsequente antifaschistische Einstellung; diese zwingt Blei 1932 zum Exil auf Mallorca, dem die Beiträge von Francisca Roca Arañó und Kerstin Terler gewidmet sind: Erstere stellt Bleis Aufenthalt auf Mallorca zuerst in den Kontext der Emigration zahlreicher namhafter deutschsprachiger Autoren (und der aus dieser Erfahrung resultierenden „Exil-Romane“), ehe sie die Genese und die Charaktere des Fragment gebliebenen Romans Das Trojanische Pferd (das Helga Mitterbauer 2023 bei Frank & Timme herausgegeben hat) analysiert; letztere beschäftigt sich mit dem im Oktober 1936 in der Wiener Tageszeitung Die Stunde erschienenen Bericht von Blei über die Auswirkungen und Eigentümlichkeiten des Spanischen Bürgerkriegs auf Mallorca.
12In der Vielfalt der behandelten Themen bietet der Band einen guten Einblick in das umfangreiche und auch sehr unterschiedliche Schaffen Bleis, dessen Bedeutung wohl in allererster Linie in seiner (transnationalen und besonders die Kontakte zwischen französischer und deutschsprachiger Literatur betreffenden) Vermittlertätigkeit liegt, dessen literarische Produktion aber ebenso entsprechende Aufmerksamkeit und (literatur-)kritische Behandlung verdient. Das vorliegende Buch regt dazu an und erreichen damit das Ziel, der Blei-Forschung weitere Impulse zu geben.
Pour citer cet article
Référence papier
Karl Zieger, « Helga Mitterbauer (Hg.), Franz Blei: Ideen – Werk – Netzwerk », Austriaca, 98 | 2024, 277-281.
Référence électronique
Karl Zieger, « Helga Mitterbauer (Hg.), Franz Blei: Ideen – Werk – Netzwerk », Austriaca [En ligne], 98 | 2024, mis en ligne le 01 juin 2025, consulté le 09 octobre 2026. URL : http://journals.openedition.org/austriaca/9941 ; DOI : https://doi.org/10.4000/16m79
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