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HomeIssuesXVII-2MultilingualSymposium on Matthias Jung, Leben...Einleitung

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Symposium on Matthias Jung, Leben und Bedeutung (De Gruyter)

Einleitung

Magnus Schlette and Tullio Viola

Full text

1Mit Leben und Bedeutung. Die verkörperte Praxis des Geistes hat Matthias Jung vor zwei Jahren in der von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Reihe „Humanprojekt“ eine Monographie vorgelegt, die seinen Ruf festigen dürfte, der profilierteste deutschsprachige Vertreter der Ausdrucksanthropologie zu sein, die das Verständnis der menschlichen Lebensform in den vielfältigen charakteristischen Formen menschlicher Expressivität sucht. Seit seiner grundlegenden, in derselben Buchreihe erschienenen Monographie Der bewusste Ausdruck. Anthropologie der Artikulation aus dem Jahr 2009 und einer Reihe nachfolgender Buchpublikationen, die Teilaspekte des früheren Buches vertieft hatten – vor allem Gewöhnliche Erfahrung (2014), Symbolische Verkörperung (2017) und Science, Humanism, and Religion: The Quest for Orientation (2019) – sucht Jung die Grundlage des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses in den Fähigkeiten der Menschen, gefühlte Bedeutsamkeiten aus der Flüchtigkeit gelebter Erfahrung in öffentlich zugängliche, dem situativen Entstehungszusammenhang enthobene Bedeutungen zu überführen und damit zum Gegenstand reflexiver Bearbeitung zu machen. Darüber hinaus berücksichtigt er stets als nicht minder wichtig, wie die öffentlich zugänglichen Bedeutungen wiederum praktisch angeeignet und in dem Handlungsvollzug implizite Orientierungen überführt werden. ‚Das Leben artikuliert sich‘ – das Diktum Wilhelm Diltheys, von Matthias Jung in früheren Arbeiten verschiedentlich zitiert, pointiert die dem menschlichen Organismus konstitutive Entäußerung durch symbolische Verkörperung.

2Das neue Buch verdient in mindestens dreifacher Hinsicht Aufmerksamkeit. Die verkörperungstheoretischen Implikationen des ausdrucksanthropologischen Grundgedankens wurden schon in den früheren Publikationen ausführlich thematisiert, aber erstens konfrontiert das neue Buch sie nun mit dem aktuellen Forschungsstand der evolutionären Anthropologie und der Kognitionswissenschaften. Auf diesem Weg verfolgt Jung zweitens das Ziel, die Einzigartigkeit der menschlichen Lebensform zu verteidigen, ohne deren Einbettung in das evolutionäre Entwicklungskontinuum des Lebens zu leugnen; dabei bekennt er sich zu einem nicht-reduktionistischen Naturalismus, der die Emergenz spezifisch menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften nicht ausschließt. Drittens ist seine Auszeichnung der evolutionsgeschichtlichen Einzigartigkeit des Menschen in das ethische Projekt der Verteidigung des Humanismus angesichts seiner posthumanistischen Herausforderungen eingebettet: der Titel Leben und Bedeutung. Die verkörperte Praxis des Denkens pointiert nicht zuletzt auch eine Gegenposition zur funktionalistischen Auffassung von der Multirealisierbarkeit des Geistigen und zu Spekulationen über die Ersetzbarkeit des Menschen durch Künstliche Intelligenz.

3Darüber hinaus demonstriert Jung auf dem skizzierten Weg eine umfassende systematische Aktualisierung des klassischen Pragmatismus – sei es von John Deweys Theorie des Qualitativen: der Fundierung von Bedeutung in den vitalen Bedeutsamkeitsanmutungen der Organismus-Umwelt-Interaktion, von der er eine Linie zu Antonio Damasios Theorie der somatischen Marker und Matthew Ratcliffes „feelings of being“ zieht; sei es der Semiotik von Charles Sanders Peirce, die mitsamt ihren gegenwärtigen Fortführungen in der evolutionären Anthropologie Terrence Deacons der Entfaltung des Artikulationsbegriffs zeichentheoretisch zugrundegelegt wird; oder sei es schließlich der Kreativitätskonzeption George Herbert Meads, deren Aktualität in dem Zusammenhang von neurowissenschaftlichen Forschungen zur human uniqueness à la Philip Lieberman ebenso wie von evolutionär-anthropologischen Deutungsansätzen der kumulativen menschlichen Kultur von Merlin Donald bis Michael Tomasello in einem neuen Licht erscheint.

4Wir danken Thomas Fuchs, Sabine Marienberg und Katrin Wille, dass sie der Einladung gefolgt sind, zu einigen der vielfältigen Aspekte des Buches Stellung zu nehmen. Während Katrin Wille sich insbesondere mit Matthias Jungs Anspruch auseinandersetzt, die „pragmatistische Revolution“ für eine kognitionswissenschaftlich informierte Ausdrucksanthropologie nutzbar zu machen, konzentriert sich Sabine Marienberg auf die Verschränkung von evolutionärer Kontinuität und Diskontinuität in der verkörperungstheoretisch konzipierten Wechseldynamik von Leben und Bedeutung. Thomas Fuchs wiederum widmet sich dem kritischen Potential, dass eine verkörperungstheoretisch um den Artikulationsbegriff zentrierte Ausdrucksanthropologie dem Funktionalismus und seinem Geschwister, dem Transhumanismus entgegenzusetzen hat. Ihnen allen sei für ihr Engagement ebenso gedankt wie Matthias Jung für seine Replik auf die drei Beiträge.

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References

Electronic reference

Magnus Schlette and Tullio Viola, “Einleitung”European Journal of Pragmatism and American Philosophy [Online], XVII-2 | 2025, Online since 16 December 2025, connection on 16 September 2026. URL: http://journals.openedition.org/ejpap/5695; DOI: https://doi.org/10.4000/15d8u

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About the authors

Magnus Schlette

Universität Heidelberg
magnus.schlette[at]fest-heidelberg.de

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Tullio Viola

Maastricht University
t.viola[at]maastrichtuniversity.nl

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