1Die Thematisierung von Diskriminierungsformen hat seit der Nachkriegszeit einen festen Platz in den öffentlichen Debatten westlicher Gesellschaften. Sexismus, Rassismus, Antisemitismus oder Rechtspopulismus sind weitgehend bekannte Begriffe, die nicht zuletzt durch wissenschaftliche Aufarbeitung und mediale Präsenz an Aufmerksamkeit gewonnen haben. Aus soziolinguistischer Perspektive ist diese Diskriminierungsform besonders eng mit sprachlichen Normen und Ideologien verbunden. Die Vorstellung einer „legitimen Sprache“ (Bourdieu) schafft symbolische Grenzen zwischen sozialen Gruppen: Wer bestimmte Prestige-Varietäten, Aussprachemuster oder diskursive Stile nicht beherrscht, wird oft subtil aus kulturellen Räumen ausgeschlossen. Umso bemerkenswerter ist es, dass Klassismus sowohl im deutschsprachigen Raum als auch in Frankreich nach wie vor wenig Beachtung findet.
2In diesem Artikel werde ich einige Auswirkungen von Klassismus auf Bildungswege und kulturelle Teilhabe in Deutschland und Frankreich beispielhaft hervorheben. Die Fragen, die mich interessieren, sind: Inwiefern unterscheiden sich gesellschaftliche Debatten in beiden Ländern? Welche strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen? Wie beeinflussen sie den Zugang zu Bildung und Kultur und wie manifestieren sie sich aus soziolinguistischer Perspektive?
3Der Klassismus, nicht zu verwechseln mit der Kunstepoche des Klassizismus, beschreibt die Diskriminierung, Ausgrenzung und Unterdrückung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft und ökonomischen Stellung. Sie beeinflusst zahlreiche Lebensbereiche, von Bildungschancen über kulturelle Teilhabe bis hin zur politischen Repräsentation.
4Insbesondere im Anschluss an Foucault und Bourdieu fungiert der Begriff des Klassismus für Betroffene als eine Form der „Benennungsmacht“ (pouvoir de nomination), die es ermöglicht, Diskriminierungserfahrungen sichtbar zu machen. Diese Abwertungskultur fördert materielle Ungleichheiten und betrifft nicht nur die reale, sondern auch die zugeschriebene soziale Klasse. Damit gilt Klassismus als eine Form der Unterdrückung. Youngs Konzept der Five Faces of Oppression (Young / Allen, 1990: 40) unterstreicht dies: Klassismus beinhaltet Aspekte wie Ausbeutung, Marginalisierung, Machtlosigkeit, Kulturimperialismus und Gewalt. Die Marginalisierung schließt ganze Gruppen aus dem sozialen Leben aus, was in kapitalistisch organisierten Gesellschaften zu materieller Deprivation führt. Sozialstaatliche Transferleistungen, wie auch unsere Beispiele zeigen werden, können dies oft nicht ausreichend abfedern, da sie Abhängigkeit erzeugen und keine langfristige gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.
5Klassismus führt zur strukturellen Machtlosigkeit sozial benachteiligter Gruppen, da bestimmte gesellschaftliche Akteure von der Arbeit anderer profitieren. Kritiker*innen der Klassismusforschung argumentieren zwar, dass die traditionelle Klassenspaltungen obsolet seien, jedoch bleiben soziale Ungleichheiten weiterhin bestehen.
6Auf bildungspolitischer Ebene kann man festhalten, dass das französische Bildungssystem mit einem starken Selektionsmechanismus soziale Ungleichheiten reproduziert. Während in Deutschland das mehrgliedrige Schulsystem als eine der Ursachen für soziale Ungleichheit kritisiert wird, stehen in Frankreich insbesondere die Zugangshürden zu den Grandes Écoles – den Elitehochschulen des Landes – im Fokus der Kritik. Diese Hochschulen spielen für die politische und wirtschaftliche Elite eine Schlüsselrolle, bleiben jedoch insbesondere für Schulabgänger*innen aus Arbeiterfamilien oft unerreichbar.
7Neben der strukturellen Selektion im Bildungssystem wirken auch sprachliche Selektionsmechanismen. Bereits in der Grundschule werden Kinder nach ihrer Beherrschung der standardnahen Hochsprache beurteilt. Dialektale oder mehrsprachige Sprachrepertoires werden selten als Ressource betrachtet, sondern häufig als Defizit, was Basil Bernsteins Unterscheidung (1971) zwischen „restricted“ und „elaborated code“ verdeutlicht. Diese Codes sind nicht einfach unterschiedliche Ausdrucksweisen, sondern stehen in enger Verbindung zu Machtverhältnissen. Der elaborierte Code wird im schulischen und kulturellen Kontext privilegiert und erleichtert den Zugang zu höherer Bildung und Hochkultur.
8Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Ländern liegt in dem Bewusstsein für Klassismus. Die deutsche Soziologie hat den Begriff des Klassismus lange Zeit weitgehend abgelehnt oder ignoriert. Ein zentraler Grund dafür war die vorherrschende Auffassung, dass die Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg keine Klassengesellschaft, sondern vielmehr als Schichtengesellschaft zu verstehen sei. Diese Sichtweise wurde maßgeblich durch Schelsky geprägt, der 1953 das Konzept der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ einführte. Er argumentierte, dass sich die sozialen Schichten in der Nachkriegsgesellschaft einander angenähert hätten, wodurch traditionelle Klassenunterschiede an Bedeutung verloren hätten.
9In den 1990er Jahren verstärkte Beck diese Perspektive mit seiner Theorie der „reflexiven Moderne“. In seinem Werk Jenseits von Stand und Klasse? (1994) behauptete er, dass durch Individualisierung und soziale Mobilität die festen Klassenstrukturen aufgelöst seien und soziale Ungleichheiten eher durch individuelle Lebenslagen und Risiken bestimmt würden. Diese theoretischen Ansätze führten dazu, dass der Klassenbegriff in der deutschen Soziologie lange Zeit als überholt galt. Stattdessen konzentrierte man sich auf Konzepte wie Schicht, Milieu oder soziale Lage.
10Mit der wachsenden Aufmerksamkeit für Fragen sozialer Gerechtigkeit und Diskriminierung ist jedoch in den letzten Jahren eine Gegenbewegung zu beobachten. Der Begriff des Klassismus wird wieder verstärkt diskutiert. So argumentieren beispielsweise Kemper und Weinbach (2009), dass der Begriff des Klassismus notwendig sei, um strukturelle Diskriminierungen aufgrund sozialer Herkunft sichtbar zu machen.
11Die französische Soziologie hat sich lange Zeit auf die Analyse gesellschaftlicher Strukturen anhand von Begriffen wie „soziale Klassen“, „soziale Milieus“ oder „berufliche Kategorien“ (CSP – catégories socioprofessionnelles) konzentriert. Dieser Ansatz, beeinflusst von Soziologen wie Bourdieu, betont Mechanismen der sozialen Reproduktion und Ungleichheiten im Zusammenhang mit ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital.
12Der Begriff „Klassismus“ ist im französischen Kontext neu und hat noch nicht die gleiche akademische Anerkennung wie im angelsächsischen Raum. Er wird oft verwendet, um Diskriminierung und Vorurteile aufgrund sozialer Herkunft oder sozioökonomischen Status zu beschreiben. Forschende und Aktivist*nnen beginnen, ihn gezielt einzusetzen, um spezifische Diskriminierungsformen sichtbar zu machen, etwa im Bildungsbereich, wo dominante Normen und Erwartungen Schülerinnen aus der Arbeiterklasse benachteiligen können.
13Die französische Soziologie neigt dazu, Ungleichheiten aus symbolischer Perspektive zu betrachten. Im Mittelpunkt stehen dabei Repräsentationen, Habitus und kulturelle Praktiken. Diese Perspektive zeigt auf, wie dominante Normen die Kulturen der Unterschicht unsichtbar machen oder delegitimieren können, was zu symbolischer Herrschaft beiträgt. Allerdings kann diese Fokussierung auf symbolische Aspekte manchmal dazu führen, dass strukturelle oder institutionelle Diskriminierungen vernachlässigt werden.
14Die Thematisierung des Klassismus erfolgte im angelsächsisch-amerikanischen Bereich nahezu zeitgleich mit dem Aufkommen der Intersektionalitätsforschung. In diesem Zusammenhang wurde der Kampf gegen Klassismus bereits in den 1970er und 1980er Jahren von feministischen Bewegungen aus einer intersektionalen Perspektive geführt. Personen, die von Klassismus betroffen sind, erfahren häufig Mehrfachdiskriminierung. Ein Beispiel hierfür ist eine arbeitslose schwarze Frau, die sowohl Sexismus als auch Klassismus erlebt. Es ist wesentlich zu betonen, dass keine Form der Diskriminierung eine andere aufhebt oder als „gravierender“ betrachtet werden sollte. Anstatt Diskriminierungen gegeneinander auszuspielen, zielt der intersektionale Ansatz darauf ab, die gesamtgesellschaftliche Debatte über Diskriminierung zu stärken.
15Dennoch gibt es zunehmend Kritik an diesem Ansatz. Insbesondere in feministischen Kreisen wird diskutiert, ob die intersektionale Perspektive soziale Beziehungen zu stark vereinfacht und dadurch der Komplexität realer Machtverhältnisse nicht gerecht wird. Kritiker*innen werfen ihr zudem vor, Polarisierung zu fördern, indem sie Personen, die den intersektionalen Ansatz nicht befürworten, als „rechts“ oder „diskriminierend“ stigmatisiert (vgl. VoxPop ArteDE 2021). Dies könnte dazu führen, dass anstatt einer Stärkung des Diskurses eine gesellschaftliche Ablehnung des Themas Diskriminierung zunimmt.
16Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass Mehrfachdiskriminierungen real sind und den gesellschaftlichen Diskurs über soziale Ausgrenzung bereichern können. Betroffene berichten häufig, dass der intersektionale Ansatz ihnen hilft, verschiedene Diskriminierungsformen zu identifizieren und zu benennen. Dies liegt daran, dass dieser Ansatz ihnen das Recht zuspricht, nicht eindimensional betrachtet zu werden, sondern als Individuen, deren Erfahrungen durch verschiedene soziale Kategorien geprägt sind.
17Ähnlich wie der Klassismus selbst bleibt auch der intersektionale Ansatz in der gesellschaftlichen Wahrnehmung weitgehend unbekannt. Dadurch wird bislang die Gelegenheit versäumt, einer größeren Zahl von Betroffenen die Möglichkeit zu bieten, ihre persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierung im Alltag bewusst zu reflektieren. Eine breitere Debatte könnte helfen, gesellschaftliche Missstände sichtbarer zu machen und strukturelle Veränderungen anzustoßen.
18Für Frankreich lassen sich zunächst zwei exemplarische Initiativen zur Förderung kultureller Teilhabe bei Jugendlichen anführen: Zwischen 15 und 16 Jahren profitieren junge Menschen in Frankreich von kostenlosen Angeboten im Rahmen des Pass Culture scolaire. Mit 17 Jahren erhalten sie ein persönliches Guthaben von 50 Euro, das sie für kulturelle Aktivitäten oder Ausflüge ihrer Wahl nutzen können. 18-Jährige erhalten einen Kredit in Höhe von 150 €, den sie innerhalb von drei Jahren ausgeben können. Der Pass Culture wurde zunächst 2019 in Pilotregionen eingeführt und 2021 auf ganz Frankreich ausgeweitet (Ministère de l’Education Nationale, de l’Enseignement supérieur et de la Recherche 2025).
19In quantitativer Hinsicht ist der Pass Culture durchaus erfolgreich: Bis Ende August 2024 waren laut Angaben der französischen Regierung rund 84 % der 18-Jährigen registriert – was ca. 4,2 Millionen Jugendlicher seit Einführung des Programms entspricht (vgl. Cour des comptes 2024). Allerdings bleibt ein signifikanter Teil der Zielgruppe außen vor – insbesondere Jugendliche mit geringerem sozioökonomischem Kapital oder niedrigem Bildungsgrad, also jene, die ohnehin weniger Zugang zur Kultur haben (vgl. Cour des comptes 2024: 18 ff.).
20Trotz dieser Reichweite wird das Instrument hinsichtlich seiner tatsächlichen Wirkung auf die kulturelle Demokratisierung kritisch beurteilt. Studien zeigen, dass insbesondere Jugendliche aus bildungsnahen und wohlhabenderen Milieus vom Angebot profitieren. Der französische Rechnungshof kritisiert, dass der Pass Culture bestehende Konsumgewohnheiten eher verstärke, statt neue kulturelle Erfahrungen zu fördern. Der angestrebte Zielgruppenzugang, vor allem im Hinblick auf kulturferne Jugendliche, werde nur unzureichend erreicht (Premier bilan du pass Culture 2024: 35 ff.). Hinzu kommt der hohe finanzielle Aufwand: Der individuelle Teil des Pass Culture verursacht jährlich Kosten von etwa 220 bis 250 Millionen Euro, eine Summe, die mit dem Gesamtbudget von rund 500 staatlich subventionierten Theatern und Kulturzentren vergleichbar ist (vgl. Cour des comptes 2024).
21Positiver fällt die Evaluation des schulischen Teils des Pass Culture aus: Durch Lehrkräfte organisierte kulturelle Ausflüge erreichen auch jene Jugendliche, die sonst kaum mit Kulturinstitutionen in Berührung kommen, was wirksamer zur Chancengleichheit beitrage (vgl. Cour des comptes 2024).
22Angesichts dieser Befunde kündigte die französische Kulturministerin Rachida Dati 2024 eine Reform des Programms an. Diskutiert werden unter anderem eine soziale Staffelung des Guthabens, eine stärkere Fokussierung auf Live-Kulturformate sowie eine engere Verzahnung mit schulischen Bildungszielen.
23Der im Jahr 2001 im Elsass gegründete Verein Tôt ou t’Art nimmt eine bedeutende Rolle im Kampf gegen sozioökonomisch bedingte Ausschlüsse im Kulturbereich ein. Sein Ziel ist es, den Zugang zu Kunst und Kultur für marginalisierte Bevölkerungsgruppen zu demokratisieren und damit soziale Ungleichheiten abzubauen, die häufig strukturelle Ursachen haben. Dies geschieht u.a. durch Maßnahmen, die auf symbolische wie auch ökonomische Zugangshürden reagieren, ein Ansatz, der sich mit der von Klein beschriebenen Kritik am strukturellen Klassismus deckt (vgl. Klein 2014).
24Tôt ou t’Art richtet sich insbesondere an Menschen in prekären sozialen oder beruflichen Situationen, die von sozialen Einrichtungen betreut werden. Der Verein arbeitet mit einem solidarischen Preismodell (z. B. 3 Euro für Eintrittskarten), angepasstem Kommunikationsmaterial sowie Begleitprogrammen. Ziel ist es, kulturelle Teilhabe niederschwellig zu ermöglichen, insbesondere für Gruppen, die sich aufgrund mangelnder finanzieller Mittel oder eines Gefühls der „sozialen Illegitimität“ vom Kulturbesuch ausgeschlossen fühlen (vgl. Tôt ou t’Art 2025).
25Seit 2020 engagiert sich der Verein verstärkt für die Umsetzung und Sichtbarmachung kultureller Rechte im Sinne der UNESCO (2024), also jener Rechte, die auf die Anerkennung kultureller Vielfalt sowie auf Teilhabe an kulturellem Leben abzielen. Dabei koordiniert Tôt ou t’Art ein Netzwerk von über 410 Partnereinrichtungen, darunter soziale, medizinisch-soziale, kulturelle und Bildungsträger, um gemeinsam kulturelle Projekte zu initiieren, die Menschen in prekären Lebenslagen Ausdruck und Teilhabe ermöglichen (vgl. Tôt ou t’Art 2025).
26Dieser sozialkunstorientierte Ansatz lässt sich im Sinne der Definition von Méneux verstehen, die „soziale Kunst“ als eine Praxis beschreibt, in der Kunst gezielt als Mittel gegen soziale Fragmentierung und für gesellschaftlichen Zusammenhalt eingesetzt wird. Durch intersektorale Veranstaltungen – wie Foren, Workshops oder künstlerische Kooperationen zwischen Kulturschaffenden, Sozialarbeitern und Kommunen – werden Netzwerke aufgebaut, die integrative Kulturarbeit nachhaltig verankern sollen (vgl. McWilliam et al. 2014).
27Auf deutscher Seite ist ein konkretes Beispiel für eine solche Initiative der Frankfurter Verein „Kultur für alle e.V.“, der kulturelle Teilhabe für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen fördern möchte. Der Verein gibt einen Kulturpass aus, der gegen eine symbolische Jahresgebühr (ein Euro für Erwachsene, 50 Cent für Kinder unter 13 Jahren) den vergünstigten oder kostenfreien Zugang zu zahlreichen Kultureinrichtungen ermöglicht. Anspruchsberechtigt sind unter anderem Bezieher*innen von ALG II, Grundsicherung, Wohngeld, BAföG, Asylbewerberleistungen oder Menschen ohne festen Wohnsitz. Jedoch zeigt sich hier auch eine strukturelle Schwäche: Die Ansprache erfolgt nicht proaktiv, sondern setzt Eigeninitiative voraus. Dadurch besteht die Gefahr, dass vor allem Personen erreicht werden, die bereits eine Nähe zu kulturellen Angeboten aufweisen. Darüber hinaus fehlen belastbare Daten zur tatsächlichen Nutzung und sozialen Reichweite des Kulturpasses, was eine umfassende Evaluation erschwert.
28Im Jahr 2024 wurde mit dem sogenannten KulturPass eine einmalige, bundesweite Initiative zur Förderung kultureller Teilhabe Jugendlicher umgesetzt. Adressiert wurden alle in Deutschland lebenden Personen, die im betreffenden Jahr ihren 18. Geburtstag feierten. Ziel war es, junge Erwachsene für das kulturelle Leben zu sensibilisieren und sie zur Nutzung kultureller Angebote zu motivieren. Hierzu wurde ein digital verwaltetes Guthaben in Höhe von 100 Euro bereitgestellt, das für eine Vielzahl von kulturellen Leistungen – etwa Konzert-, Theater- oder Kinobesuche, Museums- und Bibliothekszugänge, Bücher oder Workshops – eingesetzt werden konnte (vgl. KULTURPASS o.J.).
29Dieser Ansatz weist jedoch strukturelle Begrenzungen auf. Zum einen erweist sich das zur Verfügung gestellte Budget insbesondere im Hinblick auf kostenintensive Angebote der Hochkultur – etwa Opernhäuser oder renommierte Theater – als unzureichend. Zum anderen handelt es sich um ein nicht-verpflichtendes, rein digitales Angebot, das eine aktive Registrierung durch die Zielgruppe voraussetzt. Eine proaktive Ansprache oder institutionelle Einbindung, etwa über Schulen oder soziale Träger, blieb weitgehend aus. Es ist daher anzunehmen, dass insbesondere jene Jugendlichen von der Maßnahme profitieren, die bereits über kulturelles Vorwissen oder bestehende Interessen verfügen. Insofern kann der KulturPass nicht als nachhaltige Maßnahme zur strukturellen Reduktion klassistischer Barrieren gewertet werden, sondern vielmehr als selektives, punktuelles Förderinstrument mit begrenzter Reichweite.
30Trotz dieser Strategien zeigen sich immer wieder strukturelle Grenzen: Wie Klein (2014) betont, können tief verankerte Vermögensungleichheiten und kapitalistische Strukturen nicht allein durch kulturelle Maßnahmen überwunden werden. Auch empirische Studien zur Besucherstruktur von Museen und Theatern belegen, dass sich elitäre Kulturwahrnehmungen hartnäckig halten, etwa dadurch, dass klassische Kulturinstitutionen weiterhin vor allem ein akademisch gebildetes, ökonomisch privilegiertes Publikum anziehen. Diese Dynamiken unterstreichen die Notwendigkeit, kulturelle Inklusionspolitik stets mit sozialpolitischen Fragen zu verknüpfen, um den Klassismus im Kulturbereich nicht lediglich zu kompensieren, sondern strukturell zurückzudrängen.
31Die öffentlichen Ausgaben für Kunst und Kultur in Deutschland sind hoch. 2017 stiegen sie um 600 Millionen Euro auf 11,4 Milliarden Euro, wovon 67,7 % in Theater, Opernhäuser, Bibliotheken und Museen flossen (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2020). Der Staat fördert Hochkultur, doch diese bleibt für viele unzugänglich. Kulturelle Einrichtungen werden überproportional von Menschen mit Abitur oder Hochschulabschluss besucht, in Kunstmuseen sind es 59 %, in Opernhäusern 53 % (vgl. Reuband 2022).
32Ein finanzielles Hindernis stellt der Anstieg der Eintrittspreise dar, der Reallohnsteigerungen übertrifft (vgl. Reuband 2012). Besonders Geringverdiener verzeichneten in den letzten Jahren stagnierende oder sinkende Reallöhne, was den Zugang weiter erschwert. Zudem zeigt sich, dass auch Bildung eine entscheidende Rolle spielt: Menschen mit höherem Bildungsabschluss besuchen häufiger Museen und Opernhäuser. Zwischen 1991 und 2010 hat sich die soziale Spaltung im Kulturbesuch vertieft.
33Die soziale Exklusivität von Hochkultur spiegelt bestehende Machtverhältnisse wider. Der Konsum von Hochkultur demonstriert sozialen Status und beeinflusst politische Partizipation. Eine Bertelsmann-Umfrage zeigt, dass 45 % der Befragten aus der Unterschicht politische Partizipation für sinnlos halten, während es in der Oberschicht nur 18 % sind (vgl. Bertelsmann Stiftung 2023).
34Veblens (2005) Konzept des demonstrativen Konsums bleibt relevant: Hochkultur dient als Statussymbol der Oberschicht. Bourdieu (1987) beschreibt sie als Träger symbolischen Kapitals des Bildungsbürgertums. Unsichtbare Regeln, sprachliche Codes und spezifischer Habitus erschweren den Zugang für Menschen aus nicht-akademischen Milieus. Sonja Anders, Intendantin des Deutschen Theaters, betont, dass Theater und Oper für Arbeiterfamilien einschüchternd wirken können (vgl. NDR Doku 2021).
35Studien bestätigen das abnehmende Interesse an Hochkultur mit sinkendem Bildungsniveau, so z.B. eine Untersuchung der Universität Hildesheim: Laut Mandel (2020) interessieren sich nur 27 % der Personen mit „einfacher Bildung“ für klassische Kultur, verglichen mit 45 % der höher Gebildeten Die Definition von Kunst hat sich zwar mit der Avantgarde und Postmoderne radikal verändert - heute wird ein weit gefasster Kunstbegriff propagiert - doch in der Praxis bleibt die Kunstwelt von bürgerlichen Normen geprägt. Kultur wird vorwiegend von und für die Mittel- und Oberschicht produziert. Während Rassismus und Sexismus in Gleichheitsdebatten zunehmend thematisiert werden, fehlt eine tiefgehende Analyse des Klassismus.
36Klassistische Strukturen zeigen sich besonders im Zugang zu künstlerischen Berufen. Der Bund Bildender Künstler (BBK), eine zentrale Künstlerlobby in Deutschland, setzt für eine direkte Aufnahme ein abgeschlossenes Kunststudium voraus. Nicht-Akademiker müssen ein Auswahlverfahren durchlaufen, das von BBK-Mitgliedern entschieden wird. Da in hochkulturellen Einrichtungen Akademiker überproportional vertreten sind, verstärkt dieses System die Elitisierung der Kunstwelt.
37Zudem werden nicht-akademische Künstler oft in gesonderten Kategorien wie „Outsider Kunst“ oder „Art Brut“ eingeordnet. Obwohl Museen wie das niederländische Museum Van de Geest diese Kunst ausstellen und prämieren, bleibt sie vom etablierten Kunstkanon getrennt. Dies wirft die Frage auf, ob Kunst von Nicht-Akademikern als minderwertig betrachtet wird.
38Medien spielten traditionell eine zentrale Rolle in der Kulturvermittlung. Mit dem Rückgang klassischer TV-Kultursendungen gewinnen Online-Formate an Bedeutung. Öffentlich-rechtliche Sender entwickeln Strategien, um Kultur für ein jüngeres Publikum zugänglich zu machen.
39In kaum einem anderen gesellschaftlichen Bereich treten die Dimensionen und Folgen von Klassismus so deutlich zutage wie im Bildungssystem. In Deutschland ist der Bildungserfolg in erheblichem Maße von der sozialen Herkunft abhängig. Das mehrgliedrige Schulsystem, das Kinder bereits im Alter von etwa zehn Jahren auf verschiedene Schulformen verteilt, trägt wesentlich zur Reproduktion sozialer Ungleichheiten bei. Ein derartiges System ist charakteristisch für den deutschsprachigen Raum, findet sich jedoch in anderen europäischen Ländern nur selten (vgl. Vaniscotte 1996: 351). Es widerspricht dem politischen Ziel der Chancengleichheit, das seit Jahrzehnten propagiert wird. Statistiken belegen den Einfluss dieses Systems auf die soziale Selektion: Kinder von Akademikereltern haben bei gleichen Noten eine rund fünfmal höhere Wahrscheinlichkeit, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten als Kinder aus Arbeiterfamilien. Nach Bourdieu spielt dabei das „soziale Kapital“ eine entscheidende Rolle.
40Das Gymnasium kann als „Bastion des Bildungsbürgertums“ bezeichnet werden. Viele aus der bürgerlichen Schicht lehnen eine Reform des mehrgliedrigen Systems ab, um soziale Durchmischung zu verhindern. Überraschenderweise wird diese Haltung auch von nichtakademischen Bevölkerungsschichten übernommen und somit das Abitur als nicht notwendig erachtet. Dadurch wird die soziale Bildungsungleichheit weiter verstärkt, da Kinder aus nicht-akademischen Haushalten seltener studieren und dies oft nicht einmal in Erwägung ziehen.
41Die Corona-Krise hat diese Ungleichheiten weiter verschärft. Das Home-Schooling benachteiligte besonders Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Familien. In Deutschland kam es zu außergewöhnlich langen Phasen des Aus- oder Wechselunterrichts während der COVID-19-Pandemie, was viele Studien als Faktor identifizieren, der bestehende Bildungsungleichheiten verstärkt hat (vgl. Fuchs-Schündeln 2022). Man spricht daher auch von „Corona-Klassismus“.
42In Frankreich manifestieren sich soziale Exklusion und Klassismus bei kulturellen Institutionen wie Museen, Theatern und Opernhäuser. Sie wurden und werden primär von wohlhabenden Eliten frequentiert und geformt, wodurch sich eine Exklusivität herausbildete, die bestimmte soziale Gruppen ausschließt. Diese Marginalisierung wird durch kulturpolitische Maßnahmen noch verstärkt, die häufig nur unzureichend an die Lebensrealitäten der unteren und mittleren sozialen Schichten angepasst sind. Der Soziologe Raffin (2024) hebt hervor, dass diese Politiken ein hegemoniales kulturelles Modell reproduzieren, das große Teile der Gesellschaft nicht einbezieht. Zwar gibt es mit dem Pass Culture Ansätze in Frankreich, die kulturelle Teilhabe insbesondere für Jugendliche zu fördern. Allerdings zeigen sich weiterhin Nutzungshürden bei Jugendlichen aus bildungsfernen oder sozial benachteiligten Milieus, da das Angebot nicht immer mit ihren kulturellen Praktiken und Interessen in Einklang steht.
43Zudem ist der Zugang zur Kultur in Frankreich, insbesondere im Vergleich zu Deutschland, ungleich über das gesamte Staatsgebiet verteilt. Kulturelle Initiativen konzentrieren sich häufig auf städtische Zentren, im Besonderen Paris und die Region Île-de-France, während ländliche Regionen und benachteiligte Stadtviertel nur begrenzten Zugang zu kulturellen Ressourcen haben. Diese ungleiche Verteilung von Ressourcen und Zugängen verstärkt soziale und kulturelle Disparitäten, wodurch bestimmten Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit zur Teilhabe am kulturellen Leben und den damit verbundenen Vorteilen verwehrt bleibt.
44Ein wesentlicher Unterschied zur Bundesrepublik Deutschland liegt in der historisch gewachsenen zentralistischen Staatsstruktur Frankreichs. Diese Zentralisierung führt dazu, dass die bedeutendsten kulturellen Einrichtungen und Zentren oft in Paris konzentriert sind. Im Gegensatz dazu begünstigt das föderale System der Bundesrepublik Deutschland eine dezentralere Verteilung kultureller Institutionen, wodurch Berlin im Vergleich zu Paris eine weniger dominierende Stellung innerhalb des nationalen Kulturbetriebs einnimmt (vgl. Roman 2010).
45Die sprachliche Dimension dieser Zentralisierung Frankreichs zeigt sich auch im Status des Standardfranzösischen, das durch die Académie française normiert wird. Gemäß Artikel 2 der französischen Verfassung ist Französisch die Sprache der Republik, zugleich erkennt der Staat jedoch das „patrimoine linguistique“ seiner Bevölkerung an (vgl. Constitution de la Ve République 1958: Art. 2). Dennoch haben regionale Sprachen und Varietäten (Okzitanisch, Bretonisch, Elsässisch u. a.) in der Hochkultur kaum institutionelle Sichtbarkeit, obwohl sie bedeutende Träger kultureller Identität darstellen (vgl. Blanchet 2016). Die dominante Pariser Aussprache gilt als Prestigeform und fungiert häufig als eine Art „sozialer Passierschein“, während Sprecher*innen mit regionalem Akzent in künstlerischen und intellektuellen Kontexten oftmals weniger ernst genommen werden.In beiden Ländern zeigt sich allerdings, dass Sprache als zentrales Medium der Distinktion fungiert. Soziale Barrieren im Zugang zur Hochkultur bestehen nicht nur in finanzieller oder geographischer Form, sondern auch in Form sprachlicher Exklusion. William Labovs (2006) Untersuchungen zur sozialen Schichtung von Sprachvarianten verdeutlichen, dass schon minimale sprachliche Merkmale – z. B. ein „r“-Laut oder eine bestimmte Intonation – als Klassensignale interpretiert werden können. Solche Merkmale strukturieren den Zugang zu symbolischem Kapital und beeinflussen, wer als kompetent oder kultiviert wahrgenommen wird.
46Gegenwärtige kulturpolitische Maßnahmen tendieren dazu, Kunst- und Kulturformen zu privilegieren, die als ‚anerkannt‘ gelten bzw. zur sog. Hochkultur und hohen Kunst (frz. haute culture et grand art) gehören und somit häufig aus den Traditionen der Oberschicht hervorgehen. Diese Fokussierung kann dazu beitragen, populäre oder alternative kulturelle Ausdrucksformen an den Rand zu drängen, wodurch bestehende kulturelle und soziale Hierarchien weiter verfestigt werden.
47Um den bestehenden Ungleichheiten in der kulturellen Teilhabe wirksam entgegenzuwirken, ist eine grundlegende Neuausrichtung kulturpolitischer Strategien erforderlich. Die derzeitigen Ansätze, wie beispielsweise der Pass Culture, sind zwar wichtige Schritte, bleiben jedoch häufig hinter den komplexen sozialen Realitäten zurück. Sozioökonomische Faktoren, räumliche Segregation und die Dominanz eines hegemonialen, oft auf „hohe“ Kultur fokussierten Verständnisses führen dazu, dass viele Menschen aus unteren sozialen Schichten kulturell ausgegrenzt bleiben oder sich kulturell nicht repräsentiert fühlen (vgl. Raffin 2024). Die französischen banlieues sind exemplarisch für diese Problematik. Trotz staatlicher Förderprogramme sind kulturelle Angebote oft nicht an die Lebenswelten und Bedürfnisse der dort lebenden Jugendlichen angepasst, was zur kulturellen Entfremdung beiträgt und bestehende soziale Ungleichheiten reproduziert.
48Darüber hinaus zeigen empirische Studien, dass kulturelle Bildung in benachteiligten Gebieten strukturell unterfinanziert ist, und soziale Mobilität durch begrenzten Zugang zu kulturellen Ressourcen erschwert wird. Kritiker*innen fordern daher eine stärkere Anerkennung und Förderung vielfältiger kultureller Ausdrucksformen, die über das klassische Repertoire hinausgehen und auch subkulturelle oder populärkulturelle Praktiken einschließen. Nur so kann Kulturpolitik inklusiver gestaltet werden und eine tatsächliche demokratische Teilhabe ermöglicht werden. Dies erfordert neben finanziellen Investitionen auch eine partizipative Einbindung der betroffenen Communities in die Gestaltung kultureller Angebote. Ein solcher differenzierter und kontextsensibler Ansatz könnte dazu beitragen, soziale Exklusion abzubauen und eine gerechtere kulturelle Teilhabe in Frankreich zu fördern, weit über rein symbolische Maßnahmen hinaus.
49Eine echte und nachhaltige Öffnung der hochkulturellen Betriebe erfordert daher mehr als nur finanzielle Erleichterungen wie reduzierte Eintrittspreise. Vielmehr bedarf es einer grundlegenden Neubewertung des Kulturbegriffs und einer inklusiveren Kulturpolitik, die nicht nur elitäre Kunstformen bevorzugt, sondern auch populäre und alternative Ausdrucksformen stärker einbindet. Dazu gehören eine sprachsensible Kulturvermittlung, die unterschiedliche Register zulässt, die bewusste Einbindung von Mehrsprachigkeit in Theater-, Museums- und Konzertprogrammen, sowie die mediale Sichtbarmachung von Künstlerinnen und Künstlern, die regionale oder nicht-standardsprachliche Varietäten verwenden. Auf diese Weise kann Hochkultur als mehrsprachiger und soziolinguistisch vielfältiger Raum gestaltet werden, der nicht nur einer sprachlich homogenen Elite offensteht.
50Eine stärkere Repräsentation gesellschaftlicher Vielfalt innerhalb der (Hoch-) Kulturbetriebe könnte dazu beitragen, bestehende Ungleichheiten abzubauen und kulturelle Teilhabe gerechter zu gestalten. Nur durch eine solche strukturelle Veränderung kann langfristig verhindert werden, dass Hochkultur weiterhin als exklusives Privileg einer gesellschaftlichen Elite fungiert und soziale Spaltungen verstärkt.