1Ein Blick in die Indices von Pieter Frans Hovinghs Alethia-Ausgabe lässt das Thema der folgenden Überlegungen wenig interessant erscheinen:
| Dichter |
Einträge |
| Ovid |
228 |
| Vergil |
221 |
| Heptateuchdichter |
66 |
| Claudian |
62 |
| Lukrez |
62 |
| Prudentius |
50 |
| Lucan |
43 |
| Statius |
40 |
| Juvencus |
39 |
| Paulinus von Nola |
37 |
| Valerius Flaccus |
23 |
| Manilius |
23 |
| Horaz |
19 |
| Sedulius |
8 |
- 1 https://heurist.huma-num.fr/heurist/?db=PoBLAM_vestigia_iuvenci&website&id=133&pageid=127.
2Unter den Autoren, die Claudius Marius Victorius nutzt, erscheint der erste christliche Bibeldichter Juvencus nur an 9. Stelle. Und auch wenn es unsere Datenbank zur Juvencus-Rezeption1 auf immerhin 52 Parallelen für Marius Victorius bringt, und man auf dieser Grundlage davon sprechen kann, dass Juvencus zum erweiterten Kanon der poetischen Vorbilder des Alethia-Verfassers gehört: Stilprägend scheint Juvencus für Marius Victorius nicht zu sein. Gleichwohl verdient seine Rezeption des Juvencus, wie mir scheint, durchaus eine eigene Betrachtung. Schließlich verspricht sie Rückschlüsse über:
- die Formierung einer christlichen Dichtersprache:
3In einer sich entfaltenden christlichen Dichtungstradition ist die Prägung eigener poetischer Versatzstücke zu erwarten. Hierbei müsste der erste christliche Bibeldichter eine exponierte Rolle spielen. Zu fragen ist, inwiefern die auf ihn zurückgehenden Prägungen inhaltlich von spezifisch christlichem Charakter sind.
- Momente der Traditions- und Gattungsentwicklung in der Bibeldichtung:
- 2 Mit der Einordnung des Marius Victorius in die Entwicklung der Bibeldichtung befassen sich etwa Her (...)
4Seit sich die Forschung in den 1960er und 1970er Jahren der Frage nach der ‚Gattung‘ Bibelepik zugewandt hat, ist die Frage nach deren Entwicklung und Traditionsbildung, nach Nachahmung und Abgrenzung, in den Mittelpunkt gerückt. Dabei spielen konkrete intertextuelle Berührungspunkte zwischen den Dichtern eine zentrale Rolle.2
- die innerchristliche Hermeneutik der ‚Nutzung‘ von Dichtung:
- 3 Vgl. etwa Thraede 1962, S. 1013f., Herzog 1975, S. 201 Anm. 163 (auch zur Problematik). Ferner könn (...)
- 4 Grundgedanke dieses von Christian Gnilka entwickelten Konzepts ist die Annahme, dass dem Umgang der (...)
- 5 Dazu jetzt Bußer 2024, S. 23–49.
5Bei der Beschäftigung mit der Bibelepik steht normalerweise der Umgang mit der paganen Dichtung im Fokus: genannt seien das Stichwort „Kontrastimitation“3 oder das Konzept der „Chrêsis“.4 Dabei geht man von der Prämisse aus, dass eine Umdeutung (pagan zu christlich) stattfindet. Bei der hier untersuchten Dichtungsnutzung geht es eben nicht um ein religiös-weltanschauliches (Re-)framing,5 sondern um eine Neuakzentuierung innerhalb der christlichen Denkwelt.
6Soweit die theoretischen Vorüberlegungen. Unter diesem Blickwinkel werde ich nun die Juvencus-Rezeption des Marius Victorius betrachten. Zu diesem Zweck habe ich acht Beispiele ausgewählt, die wir im Folgenden näher betrachten wollen:
- 6 Lvcan., 3,713f. [sc. Tyrrhenus] stat lumine rapto / attonitus mortisque illas putat esse tenebras.
- 7 Juvencus selbst verwendet die Junktur mortis tenebrae noch 4,734 (Mt 27,63: man weist Pilatus darau (...)
7Die Junktur mortis tenebrae erscheint erstmals in der Dichtung bei Lucan: In der Seeschlacht von Massilia wird ein Kämpfer schwer am Kopf verwundet und hält die damit eintretende Erblindung für die ‚Dunkelheit des Todes‘.6 Dann finden wir die Wendung wieder bei Juvencus: Am Ende seiner Fassung des Lobgesangs des Zacharias legt der erste Bibeldichter diesem die Verheißung in den Mund, dass alle, die den Weisungen Johannes des Täufers folgen, der ‚Dunkelheit des Todes‘ entgehen, die nun zum Versschluss7 wird (1,128f.):
Errorem per te spernent mortisque tenebras
abrumpent omnes, tua qui praecepta sequentur.
Mit dir werden sie die Sünde meiden, und die Finsternis des Todes / abbrechen werden alle, die deinen Geboten folgen werden.
- 8 Vgl. Homey 1972, S. 59–61.
8Dieser Hexameterschluss findet sich wieder bei Marius Victorius: Gott verkündet Noah, dass es nun an der Zeit sei, sich in die Arche zu begeben, durch dieses ‚lebensspendende Gefängnis‘ seine Familie der ‚Dunkelheit des Todes‘ zu entreißen und alle Tiere mitzunehmen (2,439–441):8
[…] condere se latebris, matrem natosque nurusque
eripere instanti exitio mortisque tenebris 440
carcere uitali […].
[sc. es sei an der Zeit] […] sich ins schützende Versteck zu begeben, Mutter, Söhne und Schwiegertöchter / dem drohenden Tod und der Finsternis des Todes zu entreißen / im lebensspendenden Kerker […].
9Dass Gott auf die Lebensrettung für die Familie hinweist, ist ein Überschuss gegenüber Genesis 7,1f., ergibt sich aber aus Gen 6,18. – Im Vergleich zeigt sich: Die Juvencus- und die Marius Victorius-Stelle verbindet mehr als ein wiederverwendeter Hexameterschluss. In beiden Fällen wird die von Gott gewollte und durch sein Heilshandeln vorbereitete Rettung aus dem Tod angekündigt. Und: Die rettende Arche, von der die Alethia hier spricht, versteht das Christentum der Zeit als Typos für die Errettung aus dem Tod durch die Bekehrung, die Johannes der Täufer (natürlich in Vorbereitung des Auftretens Jesu Christi) verkündet. Der Hexameterschluss fügt sich also auch kontextuell und theologisch bestens in den Kontext bei Marius Victorius ein.
- 9 In der Prosa ist der Ausdruck durchaus geläufig, etwa Cic. de orat. 3,21 haec maior esse ratio uide (...)
10Die Junktur comprendere sensu erscheint in der Dichtung erstmals bei Juvencus.9 Zunächst führt er damit Simeon und seine prophetische Gabe ein (1,190f.):
Ecce senex Simeon dignus conprendere sensu
caelestes uoces. […]
Siehe, der greise Simeon war würdig, mit seinem Sinn zu verstehen / die himmlischen Worte. […]
- 10 Vet. Lat. Luc. 2,25 et homo iste iustus et timoratus expectans consolationem Istrahel et spiritus s (...)
11Gegenüber der Vorlage entfernt der Bibeldichter dabei das jüdische Kolorit: Aus gerecht, gottesfürchtig die Rettung Israels erwartend und erfüllt vom Heiligen Geist10 wird einer, dem die Gabe verliehen ist, die himmlischen Stimmen zu verstehen. Dann verwendet Juvencus die Junktur für das Unverständnis des Nikodemus. Dieses entfaltet er gegenüber dem Bibeltext (Joh 3,10 tu es doctor Istrahel et haec ignoras? – „Du bist Lehrer Israels und weißt das nicht?“) in auffallender Breite (2,205–208):
[…] Solymorum magne magister, 205
tune etiam mentem uitae de lumine raptam
demergis praeceps furuis, miserande, tenebris,
nec potes obtunso conprendere talia sensu?
[…] Großer Lehrer der Menschen in Jerusalem, / versenkst auch du deinen Geist, weggerissen vom Licht des Lebens, / kopfüber in der schwarzen Dunkelheit, du Bedauernswerter, / kannst du mit deinem stumpfen Sinn solche Worte nicht verstehen?
- 11 Zum Zusammenhang der Stelle Kuhn-Treichel 2016, S. 187f.; zur Lukrez-Imitation in der precatio Webe (...)
12In beiden Fällen geht bei Juvencus die Bedeutung von sensu comprendere weit über eine sinnliche Wahrnehmung hinaus: Es geht um die Ansprechbarkeit einer neutestamentlichen Gestalt durch die göttliche Offenbarung. Marius Victorius greift die Junktur an exponierter Stelle auf – im Gebet, das sein Werk einleitet (prec. 1–4):11
Summe et sancte deus, cunctae uirtutis origo,
omnipotens, quem nec subtili indagine rerum
mentibus humanis sensu comprendere fas est
et nescire nefas […].
Höchster und heiliger Gott, Ursprung jeder Tugend, / Allmächtiger, den auch mit gründlicher Erforschung der Welt / dem menschlichen Verstand mit seinem Sinn zu verstehen / und nicht zu kennen gleichermaßen verwehrt ist.
13Die Wortfolge ist geändert, auch liegt der Fokus hier nun auf der Erfassung Gottes mit den menschlichen Sinnen. Deren Unmöglichkeit stellt der Dichter antithetisch, ja fast wie in einem Oxymoron der Aussage gegenüber, dass es nicht statthaft sei, nicht um Gott zu kennen. Gemeinsam ist also allen drei Belegen der Junktur, dass es um die Gotteserkenntnis im Spannungsfeld zwischen natürlicher Theologie und Offenbarung geht.
14Das Wort des Hauptmanns von Kafarnaum (Mt 8,8 ‚Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst‘) gibt Juvencus folgendermaßen wieder (1,746f.):
Sed iussu miserere precor, nam tecta subire
crimina nostra uetant uitae lucisque parentem.
Aber, so bitte ich, zeige dein Erbarmen durch einen Befehl, denn unser Haus zu betreten, / verbieten unsere Sünden dem Vater des Lebens und Lichtes.
- 12 Ähnlich nennt er ihn später, ebenfalls in Amplifikation der biblischen Vorlage (Mt 26,36), ‚Erfinde (...)
- 13 In diesem Sinne auch D’Auria 2014, S. 120.
15Die Anrede domine und die zweite Person ändert der Bibelepiker dabei zu der eher auf Gott Vater deutenden Christusbezeichnung ‚Vater des Lebens und Lichtes‘.12 Sowohl die Junktur ‚Leben und Licht‘ – in der lateinischen Dichtung erstmals bei Juvencus belegt – als auch die Erwähnung eines ‚Vaters‘ verbinden diese Stellen mit einem Vers aus der Praefatio der Alethia des Marius Victorius, einer Anrede an Gott (prec. 20):13
Tu uita et genitor uitae lucisque profundae.
Du bist das Leben und der Erzeuger des unermesslichen Lebens und Lichtes.
16Dieser wird etwas später (60) noch ‚Herr des Lichtes und Lebens‘ (lucis domino uitaeque) genannt. Es scheint also, dass Marius Victorius die Bezeichnung Gottes als ‚Vater des Lebens und Lichtes‘ von Juvencus übernimmt und frei bearbeitet.
- 14 Zur Einordnung der Stelle in die christianisierende Darstellung des Johannes bei Juvencus Heinsdorf (...)
17Juvencus gibt die Worte, mit denen der Erzengel Gabriel, der Zacharias erschienen ist, Geburt und Wesen seines Sohnes Johannes ankündigt, unter anderem folgendermaßen wieder (1,23–25):14
Istius hic populi partem pleramque docendo
ad uerum conuertet iter, Dominumque Deumque
continuo primus noscet plebemque nouabit. 25
Dieser wird durch sein Lehren den größten Teil dieses Volkes / zum wahren Weg bekehren, den Herrn und Gott / wird er bald als Erster erkennen, und er wird das Volk erneuern.
18In der Vorlage, hier dem Lukasevangelium (1,16f.), lautet der entsprechende Passus folgendermaßen:
Et multos filiorum Istrahel conuertet ad Dominum Deum ipsorum, et ipse praecedet ante illum in spiritu et uirtute Heliae conuertere corda patrum in filios et incredibiles ad prudentiam iustorum parare Domino plebem perfectam.
Und er wird viele Söhne Israels zum Herrn, ihrem Gott, bekehren, und er wird selbst jenem vorangehen im Geist und in der Kraft des Elija, um die Herzen der Väter zu den Söhnen zu bekehren und die Ungläubigen zur Weisheit der Gerechten und um dem Herrn ein vollkommenes Volk zu bereiten.
- 15 Ein Zitat aus Mal 3,24, dort über Elija gesagt.
19Juvencus nimmt einige bemerkenswerte Änderungen vor, die man als Angleichung an klassisch-pagane Hörgewohnheiten zusammenfassen könnte: Er streicht die Namen Israel und Elija. Auch die Gedanken, dass die Herzen der Väter sich wieder den Kindern zuwenden,15 sowie, dass die Ungläubigen gläubig werden, fallen weg oder werden raffend in die ‚Erneuerung‘ des Volkes gefasst. Der Johannes des Juvencus erscheint hier als Lehrer (docendo), der im Licht der ihm zuteil gewordenen Offenbarung (Dominumque Deumque […] noscet) das Volk auf den Weg der Wahrheit führt (ad uerum conuertet iter) und es erneuert (nouabit). – Marius Victorius greift in seiner einleitenden precatio eine Formulierung aus der soeben besprochenen Juvencus-Passage auf. Das poetische Ich wendet sich an Gott; es schicke sich an, junge Seelen auf den wahren Weg der Tugend, wie die Gebote ihn weisen, zu führen, daher bittet es Gott um Erkenntnis über den Ursprung der Welt, den Beginn des Unglaubens und seine Beseitigung. Der Text lautet (praef. 103–111):
[…] da nosse precanti,
dum teneros formare animos et corda paramus
ad uerum uirtutis iter puerilibus annis, 105
inclita legiferi quod pandunt scrinia Moysis,
quae sit origo poli uel quae primordia mundi
arcanamque fidem qui toto excusserit aucta
pestis et in mores penitus descenderit error
quaue iterum redeat uerum ritusque profanos 110
pellat et aeternae reseret sacra mystica uitae.
[…] Gib, dass der Beter weiß / (während ich mich nun anschicke, die noch zarten Geister und Herzen zu bilden / in ihren jugendlichen Lebensjahren hin zum Weg der Tugend, / den die berühmten Bücher des Gesetzgebers Mose dartun), / was der Ursprung des Himmels ist oder was die Grundlagen der Welt, / und wie den noch geheimen Glauben aus dem Ganzen vertrieb die sich ausbreitende / Seuche und durch und durch in die Sitten die Verirrung hinabstieg,/ und auf welchem Weg die Wahrheit wieder zurückkommt und die heidnischen Riten / vertreibt und wieder aufschließt die Heilsgeheimnisse des ewigen Lebens.
- 16 Vgl. Cutino 2009, S. 34, D’Auria 2014, S. 143. Dabei geht die Formulierung uirtutis iter zurück auf (...)
20Augenfälligste Gemeinsamkeit zwischen Juvencus und Marius Victorius ist die in der Dichtung nur hier belegte Junktur ad uerum […] iter.16 Sie steht an derselben Versposition. Die zugehörigen Verbalsyntagmen weisen semantisch in dieselbe Richtung: populi partem pleramque […] conuertere bei Juvencus, animos formare bei Marius Victorius. In beiden Fällen wird eine Lehrverkündigung zur sittlichen Erbauung angekündigt, die auf der gnadenhaften Teilhabe des Lehrenden an der Offenbarung beruht. In beiden Fällen stehen wir am Anfang des Werkes. All dies legt den Schluss nahe, dass der Dichter der Alethia nicht nur mechanisch ein Versatzstück einbaut, sondern sich hier insgesamt davon beeinflussen lässt, wie Juvencus die Verkündigung des Engels an Zacharias über Johannes gestaltet. Eine letzte Beobachtung sei noch angeschlossen: Der Text des Marius Victorius stimmt mit der biblischen Vorlage des Juvencus in einigen Details vage überein, die dieser nicht übernimmt: Es sind die Stichworte corda und parare sowie das Motiv von Glauben und Unglauben. Daran die Vermutung zu knüpfen, Marius Victorius habe durch Juvencus hindurch auf dessen Vorlage rekurriert, erschiene auf dieser Grundlage jedoch sehr spekulativ.
- 17 Zum ganzen Vers ergo aderant paschae pariter cunctisque diebus vgl. auch Verg. Aen. 9,107 ergo ader (...)
- 18 Ivvenc., 1,285f. cunctisque diebus / festorum impletis remeare parabant aus Vet. Lat. Luc. 1,43 con (...)
- 19 Mar. Victor, aleth. 3,30f. Seruabunt elementa uices cunctisque diebus / seminibus propriis reddetur (...)
21Der Hexameterschluss cunctisque diebus (‚an allen Tagen‘) ist in der erhaltenen lateinischen Dichtung nur bei Juvencus (1,285)17 und bei Marius Victorius (3,30) belegt. Semantisch ist das gemeinsame Gut weder spezifisch christlich noch semantisch signifikant. Allerdings geht es an beiden Stellen um die Strukturierung von Zeit in einem weiteren Zusammenhang der Heilsgeschichte: Juvencus entfaltet poetisch die Angabe, dass Maria und Josef, nachdem sie mit dem zwölfjährigen Jesus in Jerusalem das Paschafest besucht haben, bei dessen Ende zurückkehren.18 Marius Victorius beschreibt die verlässliche Neuordnung von Wetter und Lauf der Gestirne nach der Sintflut, so dass allen Tagen des Jahres wieder die entsprechenden Ernte zukommt.19
- 20 Später datiert das Vorkommen Ps. Ambr. nat. rer. 107, vgl. Violante 2005.
22Den Hexameterschluss pondere multo erscheint bei Juvencus (3,368) und Marius Victorius (2,145).20 Der erste Bibelepiker gibt so das biblische increpauit (Mt 17,18) wieder, wenn Jesus einem Dämon droht, ehe er ihn austreibt (3,368–379):
[…] Tum uocis pondere multo
incubuit mentisque simul conuulsa uenena
daemonis horrendi purgato corde fugauit. 370
Dann stürzte er sich vielem Gewicht der Stimme / auf ihn und zugleich riss er das Gift des Sinnes heraus / des schrecklichen Dämons und vertrieb es nach der Reinigung des Herzens.
- 21 Zur Amplifikation an dieser Stelle Bauer 1999, S. 186f.
23Das „viele Gewicht der Stimme“ ist also eine poetische Zutat des Juvencus.21 Bei Marius Victorius hingegen ist der Kontext die Entdeckung der Metalle, die er nach der Vertreibung aus dem Paradies ansiedelt: Das Gold fasziniere Adam und Eva ‚durch sein großes Gewicht‘ (2,143–146):
[…] quod fulmine mentis
iam ferit et cari subigit fulgore ueneni
nec satiat, donec mirantes pondere multo 145
uincat […].
[sie berühren zuerst das Gold,] weil es durch sein Strahlen die Sinne / schon unmittelbar trifft und durch den Glanz des reizvollen Giftes unterwirft / und sie doch nicht sättigt, bis es seine Bewunderer durch sein vieles Gewicht / endgültig einnimmt.
- 22 Vgl. Martorelli 2008, S. 167f., Cutino 2009, S. 146–151 (beide auch zum Vorbild Lvcr. 5,1240–1296), (...)
24Das scheint auf den ersten Blick in zwei ganz unterschiedliche kontextuelle Richtungen zu gehen. Doch es zeigt sich, dass beide Texte nicht nur durch den gemeinsamen Hexameterschluss, sondern auch durch die Stichworte mens und uenenum verbunden sind, also zwei sinntragende Ausdrücke, mit denen Juvencus das Wirken des Dämons beschreibt. Daran lässt sich folgende Vermutung knüpfen: Für seine Beschreibung der unheimlichen Faszination des Goldes – darum scheint es hier zu gehen, insgesamt ist die Stelle etwas dunkel22 – bedient sich der Autor der Alethia der Dämonenaustreibung bei Juvencus. Wenn dies zuträfe, würde Marius Victorius die Szene des ersten Bibeldichters in einer Art Kontrafaktur nutzen: Während bei Juvencus Christus die Macht des Dämons bricht, geht es in der Alethia darum, wie das dämonische Gold in die Welt kommt und gleichsam dämonisch auf die Menschen wirkt. Das ist reizvoll, aber natürlich spekulativ.
25Wiederum geht es um einen abgesehen von einer kleinen morphologischen Abweichung gemeinsamen Hexameterschluss, nämlich gratesque rependit bzw. rependat. Bei Juvencus lautet der Beginn des Magnificat (Lk 1,46) folgendermaßen (1,96f.):
Magnificas laudes animus gratesque rependit
immensi domino mundi.
Großartigen Preis und Dank zahlt das Herz zurück / dem Herrn der unermesslichen Welt.
- 23 Zur Formulierung vgl. Stat., Theb. 7,379 nec laudare satis dignasque rependere grates.
26Der Dank ist ein Zusatz des Bibelepikers gegenüber der Vorlage, die nur den Lobpreis erwähnt (magnificat anima mea dominum).23 Marius Victorius verwendet die Formulierung, um das Opfer des Noah nach der Flut zu beschreiben (3,2–4):
[...] non prius officii quicquam mortalis inire
prisca Noe quam sacra deo gratesque rependat
constituit.
[…] nicht eher mit irgendeiner sterblichen Verpflichtung zu beginnen, / als er Gott das altgewohnte Opfer und den Dank zurückzahlt, / das beschließt Noah.
- 24 Vet. Lat. gen. (S) 8,20 et aedificauit Noe altare deo et accepit ab omnibus pecoribus mundis et ab (...)
- 25 Später noch Alc. Avit., carm. 5,126 (das Volk Israel schöpft Zuversicht nach einer Anrede Gottes, e (...)
27Dass Noah sein Opfer als Dankopfer versteht, wird in der biblischen Vorlage wiederum nicht gesagt – diese beschränkt sich auf die äußere Beschreibung des Opfervorgangs.24 Somit ergeben sich, bei aller Unterschiedlichkeit der Kontexte, durchaus vergleichbare Strukturen: Einer zentralen Figur der Heilsgeschichte wird, ergänzend zum Bibeltext, der ein anderes Element (Lob bei Maria, Opfer bei Noah) vorgibt, ein Dank an Gott in den Mund gelegt.25 Auch die Konstruktion ist durchaus bemerkenswert ähnlich: Grates ist an beiden Stellen verbunden mit einem Wort (laudes und sacra), das in seinem Numerus grates entspricht. Zudem besteht an beiden Stellen ein Zeugma: Das Prädikat rependere passt semantisch nur zu grates, aber nicht zu laudes oder sacra. – Hier scheint es also zum einen um ein für christliches Denken relevantes semantisches Element, den Dank, zu gehen, zum anderen aber auch um eine bibeldichterische Technik, wo dieses inhaltliche Element platziert wird.
28Nach dem Matthäusevangelium fordert Jesus den Jünger, der ihn bei seiner Verhaftung mit dem Schwert verteidigt, dazu auf, das Schwert wieder einzustecken (Mt 26,52 conuerte gladium tuum in loco suo). Seine folgende Erklärung lautet in der Vetus Latina: Omnes enim, qui accipiunt gladium, gladio peribunt. Juvencus amplifiziert dies zu zweieinhalb Versen (4,525–527):
[…] Gladium tu ponito, noster. 525
Nam quicumque ferox confidet uindice ferro,
hunc iusti similis ferri uindicta manebit.
[…] Lege du das Schwert nieder, der du zu uns gehörst. / Denn jeder, der grimmig vertraut auf den rächenden Stahl, / den wird eine entsprechende Rache des gerechten Stahls erwarten.
- 26 Umfassend eingeordnet bei De Gianni 2020, S. 316f.
29Der erste Bibelepiker legt den Akzent hier in besonderer Weise auf das Schwert als Mittel der Rache26 – diese wiederum (uindex bzw. uindicta und nicht ultio) erscheint dabei als Talion, als berechtigte Vergeltung, nicht als blindwütige Gegengewalt. Sprachlich besonders auffällig und vor Juvencus nicht belegt ist dabei der attributive (und zugleich personifizierende) Gebrauch von uindex mit Bezug auf ferrum. Juvencus selbst verwendet dies bereits 1,498 ille reus ferro persoluet uindice poenas (zu Mt 5,21). In der Verhaftungsszene des vierten Buches steht die Junktur aber in Kontaktstellung am Versschluss. Dass im folgenden Vers (527) mit ferri uindicta die Hauptstichworte wiederholt werden, exponiert die Formulierung noch mehr. – Dies übernimmt nun Marius Victorius in einen anderen Kontext: Kain bringe durch die Tötung seines Bruders Abel das Morden in die Welt, auf ihn würden sich fortan alle beziehen, die Menschen töten. Der Text, in dem Kain angesprochen wird, lautet (2,240–243):
[…] at tu 240
auctor primus eris caedis. Te publicus hostis,
te latro priuatus sequitur, tibi crimina plectent
arma<ti> telis, gladiis et uindice ferro.
Militia scelus omne tua est populique futuri
quod minus interitu iusso quam caede peribunt
ad te summa redit.
[…] aber du / wirst der erste Urheber einer Mordtat sein. Der große Staatsfeind und / der kleine Räuber verfolgt dich, dir werden Verbrechen anknüpfen / die, die bewaffnet sind mit Wurfgeschossen, Schwertern und rächendem Stahl. / Kriegsdienst für dich ist jedes Verbrechen; und dass die künftigen Völker / weniger durch den festgelegten Tod als durch eine Mordtat umkommen werden, / das Resultat geht auf dich zurück.
- 27 Vgl. Cutino 2009, S. 67–71.
- 28 Herausgearbeitet bei Homey 1972, S. 124–143, vgl. Martorelli 2008, S. 117–119; zur Stilisierung der (...)
30Die Ähnlichkeiten gehen über den gemeinsamen Hexameterschluss uindice ferro hinaus: In beiden Fällen wird der Gewalttäter direkt angesprochen, in beiden Fällen geht dem metonymischen ferrum das Stichwort gladius voraus. Und wie Juvencus bietet auch Marius Victorius eine über die Vorlage weit hinausreichende Reflexion über die Gewalt. In der Alethia ist diese natürlich viel weiter entfaltet: Die Verfehlung des Kain wiegt schwerer als die des Adam (2,226–239);27 und die gewaltsame Vergeltung wird, nachdem die Gewalt nun einmal in der Welt ist, zur gottgewollten Notwendigkeit, um die böse Gewalt in Schranken zu halten.28 Darüber hinaus ergibt sich eine durchaus bemerkenswerte heilsgeschichtliche (oder auch theologisch-exegetische) Korrespondenz zwischen der Verhaftung Jesu bei Juvencus und den Worten der Alethia an den ersten Mörder der Menschheitsgeschichte: Mit Kain kommt das Prinzip von Gewalt und Gegengewalt in die Welt. Jesus Christus, der sich Gewalt und Tod nicht widersetzt, weist den Weg, diese Spirale der Gewalt zu überwinden. Mit anderen Worten: Wer die Passage bei Marius Victorius, angeregt durch die Junktur uindice ferro, in assoziative Verbindung setzt zur Verhaftung Jesu, dem erschließt sich eine typologische Deutung: Jesus Christus, der neue Adam in seinem Tod und seiner Auferstehung, ist in seinem Gewaltverzicht auch ein neuer Kain und setzt dem ein Ende, was mit dem Brudermord in die Welt kam.
31So weit zu diesen Einzelbeobachtungen. Natürlich ist sowohl deren Aussagekraft als auch die Materialbasis sehr begrenzt. Gleichwohl meine ich, dass man ein paar Rückschlüsse (und Anregungen für die weitere Forschung) daraus ziehen kann: Zunächst einmal hat sich damit bestätigt, dass Marius Victorius das Bibelgedicht des Juvencus gut kennt und differenziert nutzt. Zwar scheinen die Parallelen nicht über Junkturen (Beispiele 2–4) und Hexameterschlüsse (Beispiele 1 und 5–8) im Umfang von maximal drei Wörtern hinauszugehen. Aber der intertextuelle Zusammenhang ist zweifelsfrei, und in mehreren Fällen kommen zu den übernommenen Wortfolgen noch sinntragende Stichwörter (Beispiel 8: gladius, 6: mens, uenenum) oder Synonyme (Beipiel 3: genitor/parens, 7: deo/domino). Das deutet darauf hin, dass auch der Kontext bei Juvencus sich im Blickfeld des Alethia-Dichters befindet. Dementsprechend zeigt sich auch bei allen untersuchten Beispielen, dass nicht bloß ohne weitere Rücksicht auf den Inhalt Versbausteine übernommen werden. Vielmehr scheint immer auch der theologische Aussagegehalt der Junkturen sorgsam bewahrt zu bleiben:
- In Beispiel 1 (mortis tenebrae) geht es um den Tod als das, wovor Gottes Heilshandeln bewahrt.
- In Beispiel 2 (comprendere sensu) geht es um die gnadenhaft gewährte Gotteserkenntnis.
- In Beispiel 3 (uitae lucisque) geht es um Gott als Vater des Lebens und Lichtes.
- In Beispiel 4 (ad uerum […] iter) geht es um die Verkündigung, die die Menschen auf den Weg zu Gott führen soll.
- In Beispiel 5 (cunctisque diebus) geht es um die göttliche Ordnung der Zeit.
- In Beispiel 7 (gratesque rependit) geht es um den Dank an Gott für sein heilvolles Eingreifen in die Geschichte.
- In Beispiel 8 (uindice ferro) geht es um das Prinzip der rächenden Strafe.
- Ein Sonderfall ist Beispiel 6 (pondere multo): Hier scheinen die Kontexte auseinander zu gehen, doch die gemeinsamen Stichwörter (uenenum und mens) könnte man doch als Verklammerung der Stellen werten. Dann ginge es kontrafaktisch um die erste Konfrontation des Menschen mit der Besitz von ihm ergreifenden Macht des Goldes und um die Befreiung des Menschen vom Dämonischen.
32In allen untersuchten Fällen sind poetische Abweichungen des Juvencus von seiner Vorlage – sei es als Amplifikation, sei es als Anpassung an pagane oder klassisch-poetische Hörgewohnheiten – der Anknüpfungspunkt der Rezeption. Dies belegt, um auf die drei eingangs genannten Punkte zurückzukommen, nicht nur den Beitrag des Juvencus zur Formierung einer christlichen Dichtersprache, sondern auch, dass sich Marius Victorius ihm gegenüber in ein Verhältnis der variierenden imitatio setzt. Damit bliebe noch die Frage nach der Hermeneutik bei der Nutzung von christlicher Dichtung. In diesem Zusammenhang ist aufschlussreich, dass sich bei den acht Beispielen öfter die Vermutung ergab, dass theologische Linien zwischen dem Alten und dem Neuen Testament gezogen werden. So kann man über einen typologischen Deutungscharakter für Beispiel 1 (Arche), Beispiel 6 (Konfrontation mit dem vom Menschen Besitz Ergreifenden und Befreiung davon) und Beispiel 7 (Entstehung und Brechung der Notwendigkeit strafender Rache) trefflich spekulieren. In aller Vorsicht: So wie die Nutzung paganer Dichtung in christlicher Dichtung von den Spannungen zwischen Texten profitiert und damit Sinnzugewinne erzielt werden, so scheint auch Marius Victorius, wenn er Juvencus nutzt, mit Neuakzentuierungen und Kontrastierungen zu arbeiten, die innerhalb christlicher Dichtung eine Art Echokammer eröffnen. Ein lohnendes Feld weiterer Forschung.