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Was tun mit Lukrez?

Claudius Marius Victorius und das ‚Doppelgedicht‘ des ‚Pseudo-Hilarius‘
Kurt Smolak

Résumés

L’article étudie la réception de Lucrèce et de l’atomisme épicurien dans la poésie chrétienne de l’Antiquité tardive. À partir du contexte des critiques formulées par les Pères de l’Église contre l’atomisme, l’auteur analyse d’abord l’Alethia de Claudius Marius Victorius, qui rejette avec vigueur la doctrine lucrétienne du hasard (casus) et lui oppose une conception chrétienne de la création fondée sur l’action providentielle de Dieu. L’étude montre cependant que Marius Victorius ne se contente pas de condamner Lucrèce : il réutilise également certains motifs, procédés poétiques et concepts issus du De rerum natura, qu’il réinterprète dans un cadre théologique chrétien. Cette appropriation apparaît notamment dans son traitement de l’origine de la civilisation, de la chute d’Adam et de l’histoire du salut. Dans une seconde partie, l’article examine le Metrum in Genesin et le De evangelio attribués au « Pseudo-Hilaire ». Contrairement à Marius Victorius, cet auteur adopte une attitude beaucoup moins polémique envers Lucrèce : il emprunte abondamment son vocabulaire et certaines scènes du poème lucrétien, mais les neutralise ou les transforme pour les intégrer à une vision chrétienne du monde et de l’histoire du salut. L’article conclut que le « double poème » du Pseudo-Hilaire constitue l’un des témoignages les plus élaborés de la réception chrétienne de Lucrèce dans l’Antiquité tardive : loin d’un simple rejet, il propose une réécriture profonde du modèle lucrétien, orientée vers la création divine, le Christ et la rédemption.

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Texte intégral

Einleitende Bemerkungen

  • 1 Österreichische Tageszeitung Kurier, 15.10.2024, 24: „(die Quantenphysik) hat uns einen neuen Blick (...)
  • 2 Zur Geschichte des Atomismus in der antiken und der nachantiken europäischen Philosophie bis in die (...)
  • 3 Zur Lukrezrezeption s. zuletzt allgemein Deufert 2009. – Der im Haupttext zitierte Roman „The Swerv (...)
  • 4 Polignac (1661 – 1741) wollte mit seinem 1747 posthum in Paris publizierten, neun Bücher umfassende (...)

1Der österreichische Nobelpreisträger für Physik des Jahres 2022 und ehemalige Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Anton Zeilinger, ein Freund der Klassischen Sprachen, hat in einem öffentlichen Gespräch die Bedeutung des Zufalls in der Quantenphysik und den Naturwissenschaften nicht geleugnet, aber trotzdem einer determinierten religiösen Weltsicht ihren Platz innerhalb der Welterklärung nicht verweigert.1 Mit dieser, für ihn nur scheinbaren, Antinomie hat Zeilinger im Grunde das Problem angesprochen, das die Rezeption des antiken Atomismus durch die Jahrhunderte europäischen Denkens begleitet.2 Aufgrund der eingeschränkten Quellenlage jenes materialistischen Weltmodells, das dem freien Fall der Atome und deren gestaltenden Verknüpfungen infolge zufälliger, unberechenbarer Abweichungen von der Fall-Linie, clinamen, παρέγκλισις, Schöpfungskraft zuschreibt, war es von der Spätantike an und nach der Wiederentdeckung des Lukrez durch Poggio Bracciolini im Zuge des Konzils von Konstanz das lateinische Lehrepos aus dem ersten Jahrhundert v. Chr., von dem die in der jüngeren Vergangenheit vollzogene, vielfach kontroversiell rezipierte Scheidung von a priori geplantem ‚intelligent design‘ und Evolution ihren Ausgang nahm.3 Deshalb betitelte Stephen Greenblatt seinen 2011 erschienenen historischen Roman über Poggios Bücherfund „The Swerve“, „Die Wende“, und zwar eine Wende im europäischen und in dessen Folge im globalen Denken, und hier wieder im weiteren Bereich der Naturwissenschaft – trotz des höchst erfolgreichen hexametrischen Lehrepos Antilucretius von Kardinal Melchior de Polignac aus dem 18. Jahrhundert.4 Greenblatt richtet seinen Blick nicht rückwärts: Er wäre dabei auf eine ‚Wende‘ in die Gegenrichtung, gegen die Naturwissenschaft, gestoßen, eine Wende, die aber ebenfalls von der Einstellung gegenüber Lukrez bedingt war.

Vorgaben: Lukrez und die lateinischen Kirchenväter

  • 5 Für die Lukrez-Rezeption bei den lateinischen Kirchenvätern immer noch wertvoll die Testimoniensamm (...)
  • 6 Cic., nat. deor. 1,2; vgl. die Materialsammlung im Kommentar von Pease 1955.
  • 7 Zu Laktanz und Lukrez im Besonderen s. Happenhofer 2013.
  • 8 Das im Titel der in Anm. 7 zitierte Studie angeführte ‚Lob des Lukrez’ durch Lact., div. inst. 3,14 (...)

2Im Fall der Rezeption von De rerum natura handelt es sich um die im Grunde durchgehend negative Bewertung des Atomismus durch die älteren Generationen der lateinischen Kirchenväter, zum Teil in der Nachfolge stoischer Kritik.5 Angeklagt beziehungsweise beschimpft, der krankhaften Träumerei, geistiger Blindheit, ja des Wahnsinns geziehen wurden zwar gemäß traditioneller Doxographie Leukipp, Demokrit und Epikur, wo die Polemik aber konkret wurde, richtete sie sich gewöhnlich ohne Namensnennung gegen Lukrez – auszunehmen ist Hieronymus, chron. ad ann. 96 vel 94 a.Chr.n. mit seiner bekannten, im Mittelalter mehrmals wiederholten Diagnose, die Lukrez sein Lehrepos in intervalla insaniae verfassen ließ. Zuvor noch hatte sich besonders Laktanz gegen den Atomismus ereifert, so etwa div. inst. 3,17,23 und 7 (= De vita beata) 10,3; wenige Kapitel später stellt Laktanz die in der üblichen Doxographie als Atheisten gebrandmarkten Philosophen Diagoras von Melos und Theodoros von Kyrene6 an die Seite der Atomisten, und div. inst. 1,16,3 tadelt er Lukrez mit Zitat von dessen Anspruch, die Menschen aus den Fesseln der religio zu lösen (1,932); er habe mit diesem Versuch aber keine Wahrheit hervorgebracht: nihil veri adferebat. Das eben zitierte Urteil des Laktanz über Lukrez ist allgemeiner Natur.7 Erst div. inst. 7 (= De vita beata),7,8 folgt eine sachliche, prinzipiell auf dem eingangs erwähnten modernen Konzept eines ‚intelligent design‘ aufbauende Widerlegung der atomistischen Theorie der ‚zufälligen‘ Entstehung konkreter Objekte. Die Argumentation entwickelte Laktanz jedoch ohne affektbestimmte Beschimpfung namentlich genannter Personen.8

3Das Problemfeld aber, auf dem sich eine Auseinandersetzung mit dem Atomismus respektive mit Lukrez fundamental ergibt, ist naturgemäß die Entstehung des Weltganzen unter materiellem und, falls immaterielle Existenz konzediert wird, spirituellem Blickwinkel. Das bedeutet für die Kirchenväter: der Schöpfungsbericht der Genesis. Erstaunlicherweise findet sich nichts dementsprechend affektbetont Polemisches in der doxographischen Einleitung zum Hexaemeron des Ambrosius in der Nachfolge des Basilius, der sich jedoch mit keinem konkreten gegnerischen Text wie Lukrez konfrontiert sah. Ambrosius stellt vielmehr zunächst bloß Moses als ‚wahre‘ Autorität in Fragen der Entstehung und des Bestehens des materiellen Kosmos – die Engelwelt bleibt in diesem Zusammenhang ausgeblendet – Platonikern und Aristotelikern gegenüber; Pythagoras und Demokrit erwähnt er nur als Kontrahenten hinsichtlich der hypothetischen Vielzahl der Welten (hex. 1, 2,2-5). Allein mit der Atomistik setzt er sich bezüglich der Entstehung der konkreten Dinge im Anschluss genauer auseinander, aber ohne Namensnennung ihrer Vertreter und daher ohne affektgeladenen Tadel, sondern nur mit Ablehnung ihrer nicht gesteuerten ‚Evolutionstheorie‘, eines serum atque otiosum negotium (hex. 1,2,7). Es versteht sich von selbst, dass Moses als die wahre Autorität auch gegen den ‚Irrtum‘ der Atomisten ins Treffen geführt wird. Nur nebenbei und in völlig anderem Kontext kommt der Mailänder Bischof auf die Erschaffung des Kosmos aus demokritisch-epikureischen elementa zu sprechen: Im zweiten Brief an Kaiser Valentinian II., epist. 10,73,23 Zelzer, bezüglich der Ablehnung der Petition des Symmachus zur Wiederaufstellung der Victoriastatue in der römischen Curia stellt Ambrosius, einmal mehr ohne aggressive Polemik und ohne Präferenz, zwei pagane Schöpfungsmodelle vor, die aber letzten Endes jedes für sich irrelevant seien: einerseits die anfangslose Vermischung der jeweils kleinsten Körper der vier empedokleischen, also nicht demokritischen Elemente im leeren Raum – eine vielleicht nicht als solche empfundene Kontamination von Atomismus und Empedokles; coactis elementorum per inane seminibus – lukrezisches Wortmaterial ist hier erkennbar. Andererseits stellt Ambrosius dem dergestalt modifizierten Atomismus die Überwindung des ebenfalls anfangslosen Chaos durch Trennung je nach den elementaren Qualitäten gegenüber, also die ovidische Diakrisiskosmogonie mit lexikalische abwertender Bezugnahme auf den Dichter: indigesti operis horrore nach Ov., met. 1,7: rudis indigestaque moles.

Claudius Marius Victorius, Alethia

  • 9 Textgrundlage für die vorliegende Untersuchung ist die kritische Edition von (J. Martin) – P. F. Ho (...)
  • 10 Homey 1972; Martorelli 2008; Cutino 2009; Kuhn-Treichel 2018: Die Ergebnisse der Untersuchungen von (...)
  • 11 Dazu s. Cutino 2009, S. 101-104 ohne Hinweis auf Laktanz.
  • 12 Vgl. ThlL 6,1,1629,50-1630,39.plant

4Um nun auf den eigentlichen Gegenstand der Untersuchung, die Alethia des Marius Victorius, zu sprechen zu kommen:9 Vor dem eben skizzierten Hintergrund patristischer Prosa erscheint die scharfe Kritik des Marius Victorius am Atomismus in Alethia 1,22-36, traditionell und, wie längst erkannt wurde, mit großer Wahrscheinlichkeit von einer der bereits erwähnten Stellen bei Laktanz, div. inst. 7 (= De vita beata),7,8, angeregt worden zu sein, verbunden mit dem aggressiven Ton der anderen Äußerungen desselben Autors – übrigens ein Beispiel für den Rückgriff der theodosianischen und nach-theodosianischen Dichtung auf vorkonstantinische oder konstantinische patristische Prosa, wie auch Prudentius in seinen Lehrdichtungen auf Tertullian rekurriert, in der Apotheosis auf adversus Praxean, in der Hamartigenia auf adversus Marcionem. Die über Laktanz hinausgehende lexikalische Bezugnahme auf den auch hier nicht namentlich genannten Lukrez wurde bereits weitgehend dokumentiert, schon im Kommentar von Homey und noch eingehender in den rezenten Studien von Kuhn-Treichel (Ausgabe und Monographie), Cutino und Martorelli beziehungsweise den Anmerkungen in der Edition von Kuhn-Treichel, und braucht daher nicht durch auszitierte Stellen belegt zu werden.10 Es genüge der Hinweis auf die Umschreibung atomistischer Texte – und damit kann im konkreten Fall nur Lukrez gemeint sein – mit sacrilegi sensit quod lingua furoris, casus mentis inops (1,22f. )11: Die Wortwahl geht über die erwähnte mutmaßliche Bezugsstelle bei Laktanz, div. inst. 7 (= De vita beata)7, 8 in ihrer Aggressivität insofern hinaus, als sie auf den „Wahnsinn“ abhebt – furor wird sogar juristischer verwendet für geistige Insuffizienz, Unzurechenbarkeit12 – , diesen Wahnsinn religiös konnotiert, sacrilegi, und das Vernunftelement, die lukrezische vera ratio, innerhalb des Begriffs ‚Sprache‘ durch Reduktion auf das Sprechorgan, lingua, ausschaltet: Die Sprache bzw. ihr Sprecher oder Schreiber, also Lukrez als Vertreter der Atomisten, ist wie der ‚Fall‘ beziehungsweise das Fallen der Atome im unendlichen leeren Raum, geistlos, casus mentis inops (1,23). Die Verse 1,22f. stellen also eine raffinierte Kontrastierung des Bezugstextes dar bei gleichbleibender Textintention: Laktanz spricht nämlich von ratio, omnia sentiuntur, sollertissimae mentis artificem im Zusammenhang mit dem Lob des Schöpfers, Mar. Vict. dagegen gebraucht die zitierten Begriffe sacrilegi sensit lingua furoris im Kontext der Polemik gegen seinen namentlich nicht genannten Opponenten: Aus ratio wird lingua, aus sollertissimae wird sacrilegi, aus mentis wird furoris, aus dem bei Laktanz unmittelbar folgenden artificem, das ist Gott selbst als planender Handwerker, Demiurg, wird casus, der Fall als blinder Zufall; nur sentiuntur bleibt in sentit als Signalwort erhalten.

  • 13 Vgl. auch Cutino 2009, S. 35-39.
  • 14 Eine generelle thematische Bezugnahme auf Paulinus, carm. 22, 3f. in der precatio des Mar. Vict. er (...)

5Für die verbal aggressive Anwendung von Polemik gegen die Atomistik scheint Mar. Vict, auch durch einen Abschnitt aus Paulinus von Nola, carm. 22,35-44 Hartel angeregt worden zu sein, worauf bereits Homey in seinem Kommentar zur Stelle hingewiesen hat:13 Dem Adressaten, einem gewissen Iovius, der eine Dichtung plant, wird geraten, sich von pagan-mythologischen Stoffen, von Herrscherlob ab- und allgemein christlicher Thematik zuzuwenden. Paulinus legt ihm in diesem Zusammenhang nahe, zwar mit der Materie des Lukrez, der Erklärung der materiellen Welt, also einem Lehrepos, zu beginnen, aber eben nicht im Sinne des Atomismus, den „Träumereien“ des „wahnsinnigen Epikur“, sondern, wie zu erwarten, unter Verwendung lukrezischer Terminologie – mit Ausnahme des Wortes atomus – mit dem Schöpfungsbericht des am Anfang der Genesis. Als Autorität gegen Epikur nennt Paulinus carm. 22,40 den ‚Gesetzgeber Moses‘, legifer Moyses. Dass Mar. Vict. sich hier auf Paulinus bezieht, wird dadurch noch wahrscheinlicher, dass er auch in dem einleitenden ‚Vorgebet‘, precatio, anstelle der üblichen praefatio, 106 im gleichen Kontext, der Kosmogonie, die Schriften des Gesetzgebers Moses, legiferi Moysis, anführt.14

  • 15 Zu dem Exkurs Aleth. 2, 1-196 vgl. Martorelli 2008, S. 161-172.
  • 16 Weber 2013.

6Während aber Paulinus das Thema Atomistik, konkret das Lehrepos des Lukrez, in c. 22 nicht weiter verfolgt, behandelt es Mar. Vict. ausführlich in dem an die polemischen Einleitungsverse anschließenden Abschnitt in lukrezisch argumentierendem Stil. Das Thema Atomismus, konkret die Auseinandersetzung mit Lukrez, bleibt aber gewissermaßen als Generalbass in der Alethia noch weiter präsent. Dies gilt in besonderem Maß für den Exkurs über die Kulturentstehung am Beginn von Buch 2,15 die vor dem Hintergrund der entsprechenden Ausführungen in Buch 5 von De rerum natura gelesen werden muss, wie zuletzt Dorothea Weber in einem grundlegenden Aufsatz zum Verhältnis des Mar. Vict. zu Lukrez zeigen konnte.16 Der Exkurs ist, formal betrachtet, als explikative Entfaltung der Bestrafung Adams durch Feldarbeit nach der Vertreibung aus dem Paradies zu verstehen: Die Bestrafung bestand ja in der Notwendigkeit, sich durch körperliche Arbeit das physische Leben zu sichern (gen 3,17-19).

  • 17 Ivvenc., praef. 16f.: zusätzliche mendacia zu den gestis hominum vs. certa fides der Bibelberichte (...)
  • 18 Zu der vieldiskutierten Einleitung zu Buch 2 vgl. Cutino 2009, S. 137-143; Martorelli 2008, S. 27-3 (...)

7Die Erweiterung des Bibeltextes, der nach Mar. Vict. Wort für Wort die sincera fides repräsentiert (2,2), erfolgt nach Angabe des Mar. Vict. durch Beimischung von Menschlich-Sterblichem, mortalia (2,4), was aber nicht notwendigerweise als ‚Lügen‘ zu verstehen ist, sondern nur als nicht göttlich inspiriert, anders als jene Worte, die Gott selbst spricht, ohne dass sein ‚Künder‘, vates, daran Anteil hätte, wie Mar. Vict. prec. 103 schreibt: ignaro vate. Darunter kann nur er selbst verstanden werden, der eine vergleichbare inhaltsbezogene Aussage bei Ambrosius, hex. 1,2,7 über Moses als das Sprachrohr Gottes im Zuge des für Einleitungen fast obligaten, in den Folgeversen auf die Formalien angewendeten Bescheidenheitstopos adaptiert. Die in dem kurzen methodischen Vorspruch erwähnten mortalia, die Äußerungen der mores hominum – nach dem Sündenfall gibt es ja den Tod – Mar. Vict. scheint eine, klärlich falsche, etymologische Verbindung zwischen mores und mortale herzustellen – die mortalia also stehen nicht in Widerspruch zur ‚reinen Glaubwürdigkeit‘, sincera fides, dem theologischen Synonym von verum, ἀλήθεια, sie tragen vielmehr dazu bei, diese besser zu verstehen. Für Mar. Vict. ersetzen die mortalia generell die in diesem Kontext traditionell genannten, im Lateinischen klangähnlichen Lügen, mendacia, mythologisch-paganer Dichtung in diversen Gattungen, gegen die sich die Bibelepiker Iuvencus und Sedulius in den praefationes zu ihren Werken verwahren.17 Mar. Vict. erwirkt dagegen, wohl letztlich in apologetischer Absicht bezüglich des eigenen Werkes und zur Abgrenzung gegen Lukrez, eine moralische ‚Entlastung‘ der Tradition der „Dichterlüge“ aus dem Musenproömium zur Theogonie Hesiods ähnlich wie Horaz, der Dichterlügen in einer Rechtfertigung der narrativen Technik Homers auf chronologische Umstellungen von Fakten zum Zweck poetischer Wirksamkeit auf das Publikum a.p. 151f. einschränkt.18

  • 19 Dazu s. Smolak 1980, S. 181-188.
  • 20 Zu den Digressionen s. Martorelli 2008, S. 161-172; Weber 2013, S. 187-192.
  • 21 Zu der Rede Gottes vgl. Cutino 2009, S. 152-154.

8Zurück zur Alethia: Die nicht autoritative Qualität der mortalia erlaubt nicht nur die Anwendung außerchristlicher Elemente wie etwa der Interpretation von Evas Geburtsschmerzen als einer für die Mutter, hier für die Mutterseele, tödlichen Viperngeburt, wohl eher nach Prudentius, Ham. 582- 607 oder nach einem der Belege bei Ambrosius als direkt nach Herodot.19 Vielmehr ermöglicht die Berücksichtigung der mortalia auch die adaptierende Einbeziehung lukrezischer Konzepte: Die Annahme der Weltentstehung und Erhaltung durch casus in jedem Sinn des Wortes war ja bereits in Buch 1 im Sinn eines ‚intelligent design‘ als falsch erwiesen worden, nicht aber das faktische Dasein alles Existierenden in seinem aktuellen Zustand. Unter dieser Voraussetzung leitet Mar. Vict. seine erste Digression,20 die Darstellung der Grundlage der Entstehung von Zivilisation und Kultur, unter Zuhilfenahme eines außerbiblischen, ‚sterblichen‘, ‚Mythos‘ ein, aber nicht mittels Bezugnahme auf jenen paganen vom Feuerdiebstahl des Prometheus – dieser war ja ebenfalls wegen eines die Gottähnlichkeit des Menschen steigernden Vergehens aus der Welt ewiger Seligkeit, dem Olymp, ausgewiesen worden. Vielmehr entwickelt Mar. Vict. eine ‚Kontrastmythologie‘ vor dem Hintergrund biblischer ‚Wahrheit‘: Adam habe in seiner und Evas Situation als Vertriebene zu Gott um Hilfe gebetet. Sie wurde ihm in folgender Art gewährt: Er entlockte , ohne dies zu beabsichtigen, so Mar. Vict., einem Stein Feuerpartikel, und zwar durch einen zwar persönlichen, aber ihm von Gott eingegebenem Willensakt, nämlich durch einen Steinwurf, mit dem er im Wald die teuflische Schlange hatte töten wollen. Die Feuerfunken, die, so ist zu vermuten, zunächst die Schlange unschädlich machten – man vergleiche die Tötung einer Schlange im Feuer durch Paulus auf Malta, Apg. 28,1-6 – steckten in der Folge Holz in Brand, dieser wieder ließ eine Metallader schmelzen. Somit ist klar: Ursächlich für die sich entwickelnde Technik und des in Gen 3,17-19 erwähnten Ackerbaus ist ein einziger, von Gott initiierter, sinnstiftender ‚Fall‘, casus, und zwar eines Steines auf einen anderen, aber kein sich ständig ereignender, nicht leistungsfähiger atomistischer ‚Zufall‘, casus virtutis inops (2,181), trotz derselben Bezeichnung, casus. Um jedem Missverständnis vorzubeugen, lässt Mar. Vict. Gott selbst sich in einer fingierten Rede an die Allgemeinheit wenden, worin er sich als planenden Schöpfer gegen den Atomismus präsentiert (2,180-184).21 Zwischen diesen klärenden Eckpunkten, nämlich Adams Wurf und Gottes Deutungsrede, konnten lukrezische Konzepte Bestand haben. Und die seiner Meinung nach falsche, nicht theologisch-kausale Erklärung ebendieser Konzepte interpretiert Mar. Vict. in der letzten gedanklichen Einheit der Digression in Buch 2 als Folge der kontinuierlichen Abnahme menschlicher Erkenntnisfähigkeit aufgrund moralischen Verfalls der menschlichen Gesellschaft als eine in ihrem ersten Teil paradoxe Folge des Essens vom Baum der Erkenntnis.

  • 22 Vgl. Aleth. 2,556-558: Sintflut als (traditioneller) Typos der Taufe ; 3,781-789: Rettung durch das (...)
  • 23 Ebenso Weber 2013, S. 193-197, mit anderen Argumenten.
  • 24 Vgl. Martorelli 2008, S. 208-210.
  • 25 Vgl. Weber 2013, S. 197-199.

9Der Niedergang menschlicher Qualitäten wird nach einem kurzen Ausblick auf weitere Konsequenzen der Ursünde (2,163-195) mit Kains Brudermord konkretisiert (2,196-318). Mittels der geschilderten Abfolge der Ereignisse erhält der Atomismus und indirekt Lukrez zusätzlich zu insania, dem eingangs zitierten Vorwurf des Hieronymus, eine negative moralische Konnotation. Die Konsequenzen, die Gott bei Mar. Vict. aus der abnehmenden Moral zieht beziehungsweise aufgrund seiner sich auch im Zorn manifestierenden Güte wie schon im pessimistischen Weltaltermythos der paganen Antike, worauf Mar. Vict. des Öfteren anspielt, z. B. 2,342-346, ziehen musste, waren die ebenfalls auf die pagane Antike zurückreichenden Formen der Bestrafung durch Naturkatastrophen, die zugleich Epochengrenzen im Zyklus moralischer Qualitäten der Menschheit bilden: Allgemeine Flut, Kataklysmos, und Weltbrand, Ekpyrosis; auf die Genesis umgelegt: Sintflut (2,384-558) und Feuersturm über Sodom und Gomorrha (3,733-789). Die Positionierung dieser Katastrophen in chronologischer Abfolge jeweils gegen Ende der Bücher 2 und 3, also in vergleichbarer Position wie die Vertreibung aus dem Paradies am Schluss des ersten Buches, 1,520-547, erinnern zwar an das negative Ende des Lehrepos des Lukrez, die Pest in Athen, bilden aber mittels einer typologischen Bezugnahme auf das Erlösungswerk Christi, also auf das NT, insbesondere auf die Evangelien, konkret auf die Taufe, einen positiven Ausblick wie bereits ein noch zögerlicher Hinweis auf die Erlösung durch das Holz des Kreuzes, 1,565-567: Die nicht materiell-mechanistischen, sondern spirituellen Qualitäten von Stofflichem werden hiermit vorgeführt im Gegensatz zu dem hoffnungslosen Szenario bei Lukrez. 22Hier auf das Problem der Vollendung des Alethia einzugehen, ist nicht der Ort, dazu nur folgende Anmerkung: Die soteriologische ‚Synergie‘ von materiellen Naturstoffen beziehungsweise Elementen und Qualitäten – ‚trocken‘, ‚nass‘, ‚heiß‘ – lässt die Alethia in struktureller Hinsicht abgeschlossen erscheinen,23 gleichgültig ob in drei oder in vier Büchern. Wesentlicher ist dagegen, dass das biblische Buch Genesis bei Mar. Vict. in seiner Gesamtheit als komplexer alttestamentlicher Typus erscheint, dessen Antitypus dem adressierten christlichen Publikum unmittelbar vor Augen steht, kaum wirklich ‚Studenten’ in noch physisch kindlichem Alter, wie Mar. Vict. precatio 104f. angibt ,24 oder ‚Schülern‘ welcher Art auch immer, etwa Taufschülern25, Personen jedenfalls, deren noch unreifem Wesen, teneros animos et corda, puerilibus annis, er aber wohl zu hohe philosophische und theologische, aber auch sprachliche Kompetenz abverlangt.

Nachfolge: Pseudo-Hilarius (Ps.-Hil.)

  • 26 Dazu s. Kuhn-Treichel 2018, S. 58f.; Cutino 2009, S. 77-95; Martorelli 2008, S. 210; 219; Cutino 20 (...)
  • 27 Zum Problem des Semipelagianismus vgl. Cutino 2009, S. 77-95; Martorelli 2008, S. 129-138.

10In der neueren Fachliteratur zu Mar. Vict. wird durchwegs die spärliche Rezeption der Alethia angemerkt, die sich sowohl in der Überlieferung in einem einzigen Textzeugen als auch in dem weitgehenden Mangel an literarischen Bezugnahmen zeige; einzig in den Bearbeitungen der Weltschöpfung in den Bibeldichtungen des jetzt so genannten Heptateuchdichters sowie von Avitus und Dracontius ließen sich eventuelle Rezepetionsspuren vermuten beziehungsweise erkennen.26 Als ein möglicher Grund für diesen Umstand wird einerseits die eben erwähnte Schwierigkeit des Textes und andererseits die zu große Nähe zu paganen Bezugsautoren und teils exotischen Quellen genannt. Zu diesen wären auch die wörtlichen Anklänge an Lukrez zu zählen, gleichwohl der mutmaßlich atheistische Atomismus von Anfang an polemisch behandelt wird. Ob dieser aber stellvertretend für vermutete semipelagianische Züge in dem Gedicht steht, die Gottes allmächtige Autorität durch Erweiterung menschlicher Autonomie schwächen, darf bestenfalls erwogen werden.27

  • 28 Die Theorie von Herzog 1975, S. XXV-XXXII, bei der Zuweisung an ‚Hilarius‘ (von Poitiers) handle es (...)
  • 29 Smolak 1973; Smolak 1999; Smolak 2001 (leicht verändert gegenüber WHB).
  • 30 Mit Einleitung, deutscher Übersetzung und Kommentar ediert von Kreuz 2006, mit Verzeichnis der Hand (...)

11Trotzdem ist – vom 9. Jh. an ein hexametrisches Genesisgedicht, betitelt Metrum in Genesin (In gen.), fälschlich unter dem Namen eines / des Hilarius /von Poitiers 28in mehreren Textzeugen überliefert, ein Gedicht, das in einer kurzen Apostrophierung in elegischen Distichen mit einer kirchen- und theologiegeschichtlich wichtigen Person in Zusammengang gestellt wurde. Mit einem antistes Domini Leo, der in der Überschrift als papa bezeichnet und nach der communis opinio wohl zurecht mit Papst Leo I., dem Großen (440-461), identifiziert wird. Der Adressat dieses Lehrgedichtes wäre somit in weiterem Sinn zeitgleich mit Mar. Vict. Die theologische Bedeutung Leos I. liegt in der Tradition der Prädestinationslehre des Augustinus, in der Bekämpfung des südgallischen Semipelagianismus, wofür der so genannte Tomus, Leos umfangeiche Lehrschrift an Flavianus, Patriarch von Konstantinopel, das zentrale Zeugnis darstellt. Leo der Große wird in dem Gedicht als Anreger, wenn nicht Auftraggeber angesprochen: Er habe einen freundlichen Befehl, dulcia iussa (1), zum Dichten an den Verfasser gerichtet. Vor nunmehr etwa einem halben Jahrhundert, 1973, ist es gelungen, Lukrezspuren in dem Abschnitt über die Erschaffung der Welt des mutmaßlichen ‚Auftragsgedichts‘ zu entdecken.29 Dieser Erkenntnis wurde nicht widersprochen, sie wurde vielmehr in der kritischen Edition des Stückes zusammen mit dem verstümmelten, inhaltlich anschließenden, aber separat in Sangall. 48 (saec. VIII) überlieferten hexametrischen Gedicht De evangelio (De ev.) durch Gottfried Kreuz weiter ausgebaut, der die Einheit der zwei Stücke als eines Doppelgedichtes und die Identität von deren Verfasser überzeugend darlegen konnte.30

  • 31 Dazu s. Kuhn-Treichel 2018, S. 10-13; Cutino 2009, S. 93f.; Martorelli 2008, S. 16-18.
  • 32 Dazu s. Smolak 1971, S. 180-194.

12Schon bei der ersten Gegenüberstellung mit der nach aktuellem Forschungsstand etwa zeitgleichen oder wenig früher verfassten Alethia31 zeigt sich ein fundamentaler Unterschied: Lukrez beziehungsweise der Atomismus wird nicht grob verunglimpft wie in der eingangs besprochenen apologetischen Tradition und ihr folgend bei Mar. Vict. Zwei Beispiele mit Referenz zum Proömium zu Buch 1 des Lukrez, dem Venusproömium, mögen für die neutralisierende, mitunter sogar wohlwollend korrigierend klingende Handhabung des Referenztexts durch Ps.-Hil. genügen. Zunächst dessen Verse 8-12, der Anfang des Gebets an den Schöpfer: Omnipotens mundi genitor, quo principe cuncta / natalem sumpsere diem atque exorta repente / post tenebras stupidi spectarunt lumina caeli: / gens hominum pecudesque ferae milleque volucres / et quae per liquidos discurrunt agmina campos, / omnia per temet, ex te, qui maxima condis, / ex te nata, pater. Abgesehen von der Überbietung der Apostrophierung der Venus als „Mutter der Römer“, Aeneadum genetrix (1,1) mit anschließendem, hymnentypischem Relativsatz bei Lukrez durch den gegenüber der Stamm-Mutter zunächst maximal erweiterten Machtbereich des omnipotens mundi genitor, ebenfalls mit Relativsatz, bei Ps.-Hil. sind folgende Begriffe mit einer Ausnahme ohne inhaltliche Veränderung dem das gesamte Werk einleitenden Venusproömium entnommen: exorta (1,5), spectarunt (für visit 1,5), lumina caeli (1,5f.), gens (für genus 1,4), pecudes (1,15) ferae (1,15), volucres (1,12), discurrunt (für persultant 1,15), liquidos campos (kontrastierend zu campos virentes, 1,18). Die Erwähnung der drei großen Weltbereiche als Wirkungsraum der gepriesenen Gottheit entspricht paganer und biblischer Gebetstradition.32

  • 33 Zu eingehender Interpretation dieser Versgruppe s. Kreuz 2006, S. 182-184; dort auch Grundsätzliche (...)

13Das zweite Beispiel betrifft eine szenische Adaptation: Bei Lukrez folgt auf den Hymnus und die Widmung ein kurzer Exkurs über Endlichkeit, Entstehung und Auflösung von Materie, der zum narrativen Hauptteil überleitet: der Überwindung des Urzustands des ‚schmutzigen‘, nicht kultivierten intellektuellen Lebens der Menschen durch den ‚Schöpfungsakt‘ Epikurs, der als erster Mensch seinen Blick gegen das vom Himmel her drohende Haupt der dämonischen religio erhob (1,63-67). Ps.-Hil. gestaltet diese Sequenz zunächst zu einer Darlegung der unwandelbaren Ewigkeit Gottes im Gegensatz zu der sich stets wandelnden Materie um und neutralisiert dabei die lukrezischen Termini principium, casus und terminus (21; 22; 22).33 Im Anschluss daran lässt er Gott in einem angedeuteten Sonnenvergleich, der seinerseits das Licht des ersten Schöpfungstages des biblischen Berichts vertritt, sein Haupt gegen die drückende Finsternis erheben und ebendiese dadurch überwinden – ein Gegenstück zum Himmelsblick Epikurs und der damit verbundenen Vertreibung des geistigen Dunkels (30f.). Die szenische Lukrezimitation mit ihren entsprechenden Termini: corpora mundi, premeret (vgl. 1,53: oppressa), moenia mundi ist angereichert um Begriffe aus Ovids Weltentstehung vom Anfang der Metamorphosen (met. 1,7: chaos, moles) und, unter inhaltlichem Gesichtspunkt, um stoisches Gedankengut aus der Welterklärung des Anchises im 6. Buch der Aeneis (21-29; vgl. Verg., Aen. 6,724-733). Lukrez ist auf diese Weise mit nicht-atomistischen Klassikern, sogar mit dem mutmaßlichen Christen Vergil, egalisiert und entschärft: Senn seine Terminologie könne semantisch ja auch anders verstanden werden. Der Vergleich der Verwendung des Lukrez im metrum in Genesin mit der Haltung des Mar. Vict. gegenüber dem epikureischen Atomisten – mag er ihn unter dem in Buch 1 formulierten grundsätzlichen Vorbehalt in der Kulturentstehung auch nicht direkt verunglimpfen – lässt eine wesentlich raffiniertere Art der Rezeption in dem vorgeblich von Papst Leo I. angeregten Gedicht erkennen.

  • 34 Vgl. Kreuz 2006, S. 87-89; 163-165; Smolak 1973, S. 237f.

14Das Vorgehen des Ps.-Hilarius erweckt allenthalben den Eindruck von Intentionalität. Dieser Eindruck wird durch die fiktionale Einbindung des Gedichts in die Liturgie noch verstärkt: Während nämlich Mar. Vict. seine precatio mit einer liturgischen trinitarischen Doxologie schließt (prec. 123-126), beginnt Ps.-Hilarius, wie längst beobachtet,34 sein persönliches Gotteslob mit der bereits spätantiken Einleitung zu der liturgischen praefatio aus der lateinischen Liturgie (7): Dignum opus et iustum est semper tibi dicere grates; er ‚antwortet‘ gewissermaßen auf die Aufforderung mit libet alta loqui (6); als die liturgische Aufforderung des Zelebranten – als solcher ist der Papst denn auch apostrophiert, antistes Domini – muss der Imperativ sursum corda! imaginiert werden: Die liturgische Antwort darauf lautet stets: habemus ad Dominum. Jener Aufforderung könnte Ps.-Hil. mit seinem Gedicht fiktional gefolgt sein, und zwar mit Blick auf die Alethia, vielleicht die damals aktuellste Bibeldichtung aus seinem kulturellen Umfeld. Abgesehen von der innerhalb der lateinischen patristischen Dichtung auffälligen, geradezu aufdringlich nicht-aggressiven, bloß kontrastierenden Verwendung von Lukrez in der Darstellung der Schöpfung, lassen sich weitere Kontakte feststellen:

  • 35 Zu Belegen s. die jeweiligen Kommentare beziehungsweise Anmerkungen.

15(I) Das neuplatonisch-stoisch untermalte Gotteslob in der precatio des Mar. Vict. und in der sprachlich als solche markierten praefatio des Ps.-Hil.35;

16(II) die ausdrückliche Erwähnung von rationaler Wissenschaft und Kulturtechnik, das oft artikulierte Grundanliegen des Lukrez, hier vorgezogen in die Erschaffung der Himmelskörper nicht bloß als ‚Himmelsgemälde‘ (86), sondern als Zeitmesser und ordnende Kraft der Zeiteinheiten, 63-93;

17(III) Mar. Vict. und Ps.-Hil. beginnen ihre Darstellung der Schöpfung, anders als die Bibel und Verg., Aen. 6,724, die mit (in) principio einsetzen, sondern wie Ov., met. 1,5, mit einem kurzen Hinweis auf den Zustand vor dem ersten Schöpfungsakt, also nicht ex nihilo, und zwar: Marius Victorius (1,1) mit dem Temporaladverb ante wie Ovid, Ps.-Hil. mit narrativem cum (23).

18(IV) Auffälligerweise lässt Ps.-Hilarius die von Ovid und ihrem Wesen nach auch von der Genesis vorgegebene pessimistische Periodisierung der Zeitalter mit dem gänzlichen Verschwinden ausgerechnet der veritas, nicht der iustitia als dem Gipfel des moralischen Verfalls vor der reinigenden Sintflut Großen Flut: nulla fides populis, nulla est iam veritas usquam (184). Das im klassischen Hexameter aufgrund der kretischen Silbenfolge untaugliche Wort veritas – üblicherweise wird in daktylischen Versen verum verwendet – wirkt gerade durch seine, von Kreuz im Kommentar nicht erwähnte metrische Irregularität trotz der häufigen nicht klassischen Quantitäten in dem Doppelgedicht des Ps.-Hil. wie ein unabdingbares Signalwort, handelt es sich doch um die Übersetzung des griechischen Werktitels des Marius Victorius, Alethia. Überdies ist hier veritas, wie verum bei Mar. Vict., mit fides gleichgeschaltet: arcanam fidem und verum sind auch bei ihm identisch (prec. 108; 110).

  • 36 Bei der Wortverbindung plena deo liegt eine auf den physischen Bereich applizierte, zugleich christ (...)

19(V) Ferner findet sich in beiden Texten das Konzept der Rückkehr der ‚guten‘ Vergangenheit, Der Wunsch von Mar. Vict., redeat verum (prec. 110), eine Modifikation der von Verg., ecl. 4,6f., angekündigten Rückkehr der himmlischen Virgo, Iustitia, des Goldenen Zeitalters zu den Menschen und der bevorstehenden Ankunft der vom Himmel kommenden nova progenies auf Erden, dieser Wunsch also wird bei Ps.-Hilarius erfüllt werden in Form der Geburt eines ‚guten Lehrers, bonus doctor (204), der die Überreste des Bösen vernichten soll, des magister bonus der Synoptiker, z.B. Mt 19,16, nämlich Christi. Nach seiner Selbstaussage bei Jo 14,6 ist die ‚Wahrheit‘, veritas, die er lehrt, in Person. Eine Aussage, die den ‚guten Lehrer‘ des letzten Verses von In gen. näher erklärt, steht nahe dem Beginn des Gedichts De evangelio (De ev.) 2-4): Hunc (sc. Christum) postquam verbo conceptum numinis alti / plena deo virgo utero est enixa pudico / effulsitque novus terris gaudentibus infans: Diese Position stellt übrigens einen weiteren Hinweis auf die Zusammengehörigkeit der zwei Gedichte dar.36

20(VI) Am Ende von In gen. findet sich ein Vorverweis auf eine künftige, durch (noch) „besseres Wasser“, melioribus undis (sc. als die Sintflut), gemeint ist die Taufe, zu tilgende Restschuld der Menschheit. Der ‚trostreiche‘ Schluss‘ mit sprachlich verschleierter Ankündigung der sakramentalen Taufe unmittelbar nach Erwähnung der vestigia fraudis entspricht inhaltlich jenem von Buch 2 der Alethia nach Ende der Sintflut. Bisher wurde übrigens nicht dokumentiert, dass der Dichter hier sogar wörtlich auf Mar. Vict. aufmerksam macht: bonus … doctor (204) greift Wortmaterial bonos / edocuit / docebit von Aleth. 2, 556-558 auf.

21Noch am Ende von In gen. klingt, wie eben dokumentiert und besprochen, Vergils 4. Ekloge an: inhaltlich durch die Erwähnung von ‚Überresten alter Bosheit‘ trotz vorangehender Entsühnung, sprachlich sowohl durch die Adversativadverbien attamen (202) nach Vergils tamen (ecl. 4,31) als auch durch die Übernahme der Versklausel vestigia fraudis (203), ebenfalls nach ecl. 4,31. Bei Ps.-Hil. übernehmen die jungfräuliche Maria (3) und der von der höchsten Gottesmacht (De ev. 2: numinis alti, sc. Gottvater) als Säugling, novus infans (De ev. 4), gesandte künftige ‚gute Lehrer‘, Christus, eine Dreiheit mit Zügen einer (menschlichen) Familie – aufgeteilt auf das Ende von In gen. (204) und den Anfang von De ev. (2-4) – die Funktion der vom Himmel die Erde zurückkehrenden ursprünglichen Ordnung, entsprechend der in gleicher Weise strukturierten göttlichen Dreiheit, die nach Vergil auf der Erde die alte, ‚saturnische‘ Ordnung wieder herstellen wird, die nach dem Ende der ‚goldenen Urzeit‘, Saturnia regna (4,6), verstirnte jungfräuliche Gerechtigkeit, Iustitia / Virgo, der nicht näher definierte, seinem Wesen nach göttliche ‚hohe Himmel‘ (7), der letztlich doch dem Vater der Götter und Menschen, Jupiter, nahesteht (4,49), und das ‚neue Kind‘, nova progenies (4,7), ein „Götterspross“, deum suboles (4.49).

  • 37 Dass trepidare metu (De ev. 12) als Signalwörter für die modifizierende Anlehnung der gesamten Szen (...)

22Die in dieser Form präsentierte Situation der Schöpferpotenzen des neuen Menschengeschlechts hat in dem Evangeliengedicht eine zweifachen Effekt: Einerseits schafft sie auf der Ebene der Assoziation bei einem literarisch gebildeten Publikum ein nicht eigens artikuliertes Gegenbild zu dem ehebrecherischen Götterpaar Venus und Mars des Lukrez, 1,33-39, als dessen – unechte – progenies unschwer Cupido assoziiert wird, wie auf dem Wandgemälde der Casa di Marte e Venere aus Pompeji, heute im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel dargestellt ist. Andererseits bietet die genannte Inszenierung einen, wie erwähnt, passenden Anschluss an den im Stil der Alethia sakramentalen Abschluss des Genesisgedichts. Die durch das Taufsakrament bewirkte Entschuldung des Menschengeschlechts von den (vergilianischen) vestigia fraudis des Genesisgedichtes durch den künftigen doctor (203f.), dort und bei Mar. Vict. 2,556-558 beziehungsweise 3,83-789 angedeutet, aber nicht ausgearbeitet, wird im Evangeliengedicht in Weiterführung der Vergilrezeption im Anschluss an die Epiphanieschilderung elaboriert: Aus der Feststellung bei Verg., ecl. 4,25: occidet et serpens, worunter, wie der Kontext zeigt, das Verschwinden von Gift aus der Natur zu verstehen und serpens als kollektiver Singular aufzufassen ist, wird eine längere Schmährede an die besiegte Schlange aus dem Paradies (12-18) gerichtet, die außer bei Mar. Vict. 2, 90-107 jenseits der biblischen Verführungsszene nur hier eingesetzt wird: Die Schlange wird zwar als furchtsam dargestellt, indice metu (2, 91), nähert sich aber trotzdem dem ebenfalls furchtsamen Menschenpaar, trepidos (2, 92f.). Der Abschnitt enthält überdies eine direkte Rede, nämlich Evas an Adam (2, 95-99). beide Punkte erscheinen auch in De ev. im Zusammenhang mit der Schlange, hier aber nach der Geburt Christi: trepidare metu (12) beziehungsweise maesto ululatu (17), sowie die gesamte nach der Verfluchungsrede Gottes von Gen 3,14 gestaltete Apostrophierung durch den Autor.37

  • 38 Das Genesisgedicht muss nicht allein deshalb im Gegensatz zu früheren Urteilen als vollständig ange (...)
  • 39 Kreuz 2006, S. 340f.

23Das in der Überlieferung getrennte Evengeliengedicht würde inhaltlich, aber auch sprachlich lückenlos an den letzten Vers des gewiss vollständigen Genesisgedichts (204) anschließen,38 wie eben das Neue Testament an das Alte, nämlich wenn man es unter Auslassung von Vers 1 mit dem Demonstrativpronomen folgen ließe: Hunc (sc. bonum doctorem) postquam verbo conceptum numnis alti / plena deo virgo utero est enixa pudico / effulsitque novus terris gaudentibus infans, / protinus implevit totum lux clarior orbem. Diese Textgestaltung bietet Kreuz:39 An die zitierten Verse schließt die Schilderung einer typischen Götterepiphanie mit kosmischer Sympathie von Himmel (Gestirne), Erde und Meer (2-11) an. Innerhalb dieser Beschreibung lässt der Dichter in Anlehnung an die Schilderung der Reaktion der Erde auf die Geburt der nova progenies bei Verg., ecl. 4,18f., die personifizierte Erde ihre Freude durch Blumen im Winter, also in ihrer spezifischen Weise von unterhalb (10: submittit) als Freude über den „heiligen Spross“, germine sacro (8), unter Anspielung auf Christus als den Spross der Wurzel Jesse (Jes 11,1.10) ausdrücken, wie auch die Gestirne in der ihrem leuchtenden Wesen gemäßen Art das Neugeborene staunend von oben (6: desuper) „anschauen“ (6).

  • 40 Verg., Aen. 11,488; Manil., 1,568; 609, jeweils an der gleichen Versstelle; vgl. ferner Hor., c. 3, (...)
  • 41 Patristische Belege bei Kreuz 2006, S. 340, Anm. 733.

24Eine an germine sacro (6) und flores (10) anknüpfende Assoziation könnte den Text des in der Überlieferung ersten Verses von De ev. nach der Trennung von In Gen. beeinflusst und aus dem, wie zuvor dargelegt, intendierten Kontext gelöst haben, der mit dem bloßen Demonstrativpronomen hunc als Anfangswort nicht mehr erkennbar war. Das Pronomen erforderte somit einen ‚Kommentar‘, den der mehrfach durch Konjektur geglättet oder, wie von Kreuz, mit cruces versehene und athetierte Vers 1 hätte leisten sollen. Dieser bedarf aber, wollte man ihn im Text halten, in der überlieferten Form, Christus hic flos decoris fonsque perennis, bloß zweier in jeder Hinsicht einfacher Konjekturen: erstens fons anstelle von flos, was bezüglich des Inhalts einen deutlichen, sinnvollen Anschluss an melioribus undis In gen. 204 und, in formaler Hinsicht, einen intensivierenden Rahmen mit der Klausel fonsque perennis ergibt. Zweitens: eine Konjektur des überlieferten, der lateinischen Syntax fremden, in der Funktion eines Adjektivs attributiv gebrauchten Genitivs decoris (von decor) zu decorus wäre zwar metrisch und syntaktisch möglich, aber anders als adjektivisches Attribut in der Klausel, perennis, ohne Aussagekraft. Dagegen würde in Hinblick auf den adventus des Christusknaben als novus infans vom Himmel her, die Konjektur mit der in Hexametern mehrfach belegten Partizipialform decurrens zu erwägen,40 die zu dem Bild des ‚Herabregnens des Gereichten‘ von Jes 45,8 passt: rorate, caeli, desuper, et imbres pluant iustum – auf eben diese Prophetie der Ankunft des Retters weist ja, wie zuvor erwähnt, auch der „heilige Spross“ (8), und möglicherweise klingt schon in dem epiphanietypischen „helleren Licht“ von Vers 5 Jes. 45,7 an. Für den hier leicht katachrestischen Begriff fons anstelle des üblichen aqua(e) als Subjekt zu einer Form von decurrere bieten Plin., epist. 4,30,3, Hieron., comm. proph. min., in Amos 2,4, und Cassiod., expos. ps., praef. (CCL 97, l. 23). Belege. Patristische Stellen zu Christus als „Quelle“, fons, etwa bei Ambrosius und Marius Victorinus, lassen neuplatonische Terminologie anklingen.41

25Der Einleitungsvers von De ev. würde nunmehr lauten: Christus hic fons est decurrens fonsque perennis. Damit wäre die Wassermetaphorik des Gesprächs Jesu mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen von 4,14: aqua quam dabo ei, fiet in eo fons aquae salientis (= decurrens) in aeternum (= perennis) – die einzige Stelle, an der Jesus von sich in dieser Weise spricht – binomisch wiedergeben. Das alles fügt sich ferner, abgesehen von dem nunmehrigen, hymnischer Sprache formal entsprechenden Polyptoton von hic und hunc aus Vers 2, der Sache nach in das Begriffsfeld ‚Taufe‘ vom Ende des Genesisgedichtes und identifiziert den „guten Lehrer“. Dass dessen messianischer Name nicht am Anfang des Evangeliengedichts aufschiene – als ‚Autor‘ der Evangelien gilt den Christen ja Christus in seiner göttlichen Natur, nicht die Evangelisten –, wäre trotz des sinngemäß passenden unmittelbaren Anschlusses von Vers 2 an das Ende des Genesisgedichtes ein empfindlicher Defekt denn schließlich kulminiert das Gespräch am Jakobsbrunnen, worauf angespielt wird, in der Selbstaussage Jesu, er sei der Messias: dicit ei mulier: scio, quia Messias venit, qui dicitur Christus … dicit ei Iesus: Ego sum (Jh 4.25f.).

  • 42 Vgl. allgemein Smolak 2010, dort S. 111f.
  • 43 Kreuz 2006, S. 339-341 bietet reichlich Diskussionsmaterial.

26Vers 1 in der hier vorgeschlagenen Form passt ferner indirekt zu der bereits erwähnten Vermutung von Weber, dass Mar. Vict. in der Alethia die Rolle des die Taufschüler unterweisenden Katecheten annimmt.42 Ps.-Hil. würde nämlich in diesem Fall in dem fragmentarischen Gedicht De ev. jene liturgische Verortung aufgreifen und die in der Alethia grundgelegte Typologie der Genesis für das gesamte Heilsgeschehen ausarbeiten. Der Beginn der Präsenz Christi auf Erden am Anfang von De ev. würde, in einer gefälligen Form, schließlich den Wunsch aus der precatio des Mar. Vict. erfüllen: redeat verum! Christi Geburt und die persönliche Taufe würden die universale beziehungsweise die individuelle Rückkehr der veritas, des verum, bezeichnen, und zwar in Form der fides, die ja bei der Taufe gelobt werden muss, und deren Weltkonzept jenem des Atomismus entgegensteht, wie in der Einleitung zum Genesisgedicht in der Nachfolge der Alethia dargelegt wurde. Aus den genannten Gründen sollte Vers 1 in modifizierter Gestalt gegen Kreuz nicht getilgt werden.43 Dazu kommen vier Umstände. Erstens: der ‚Halbschluss‘ – so Kreuz 339 – von In gen. 204 verlangt aus stilistischen Gründen einen ‚(Halb-)anfang als Fortsetzung, der mit De evangelio 2 nicht gegeben wäre. Zweitens: Die Anspielung auf das Gespräch Jesu mit der Samaritanerin erfüllt die inhaltliche Funktion einer Brücke von der (Tauf-)wasser- Thematik zu der Epiphanieschilderung. Drittens: Vers 1 verweist mit dem Demonstrativpronomen hic auf einen unmittelbar vorangehenden Text. Viertens: Der Begriff ‚Christus‘, Messias, soll als Zeichen der grundlegenden Veränderung gegenüber den vorhergehenden Umständen als einziger Personenname in dem Fragment von De evangelio vor drei weiteren Belegen (60f; 67) in den 114 erhaltenen Versen leitmotivisch an erster Stelle erscheinen.

  • 44 Kreuz 2006, S. 345f.; 348 zu de evang. 5 ; 8; vgl. allgemein Smolak 2019.
  • 45 Kreuz 2006, S. 342.
  • 46 Kreuz 2006, S. 439 zu De ev. 10.

27Die Thematik eines atomistischen Kosmoskonzepts, die am Anfang des Genesisgedichts mittels nicht als solche markierter lexikalischer und szenischer Übernahmen aus Lukrez ohne jede Art von Polemik geführt wurde, ist in dem Evengeliengedicht gänzlich überwunden. Trotzdem erfolgt auch an dessen Anfang eine neuerliche indirekte Auseinandersetzung mit Lukrez, und zwar einmal mehr basierend auf dem Venusproömium von Buch 1. Hier galt es, an die Stelle der epiphanen allegorischen Göttin der Physis die kosmische Epiphanie Christi in Verbindung mit seiner jungfräulichen Mutter zu setzen.44 In einer Vorbemerkung zum Kommentar zu den Versen 2-10 merkt Kreuz die sprachliche Gestaltung dieses Abschnitts mit „ungewöhnlich hoher Zitatendichte und exklusiven Anspielungen auf das Venusproömium des Lukrez“ an45. Sie tritt, wie erwähnt, in Kombination mit der Bezugnahme auf die 4. Ekloge Vergils, die von der Zukunft in die historische Vergangenheit verlegt wurde, und mit sprachlichen Einsprengseln aus Ovid auf.46 Da dieser spezielle literarische Prozess, die Überwindung von Lukrez durch Vergil, mit mariologischem Hintergrund, wohl gefördert durch die Aktualität dieser Thematik im zeitlichen Umfeld des Konzils von Ephesos (431), in der Rezeption der Alethia durch Ps.-Hilarius zwar letztlich grundgelegt war, doch keinen unmittelbaren Bezug zu dem Lehrepos erkennen lässt, soll es in vorliegendem Zusammenhang genügen, auf die ausführliche Dokumentation und Diskussion in dem genannten Kommentar 342-352 zu verweisen. Es sei bloß in generellem Sinn angemerkt, dass Ps.-Hil. sich gewissermaßen unter der Oberfläche in den zwei fundamentalen Bereichen des christlichen theologischen Systems mit Lukrez, angeregt durch die Alethia, auseinandersetzt, und zwar anhand von dessen einleitendem Proömium: in der Erschaffung und der Beschaffenheit der Welt am Beginn des ersten Gedichtteils und in deren spiritueller und ethischer Neuschöpfung durch das Wirken Christi unter den Menschen zu Beginn des zweiten, hier unter Zuhilfenahme von Vergil.

Pseudo (?)-Hilarius

  • 47 Kreuz 2006, S. 133f.

28Ob Hilarius – nicht Hilarius von Poitiers –, das geistige Umfeld der Epoche vorausgesetzt, wirklich ein Verlegenheitsname für einen sekundären Anonymus ist, wie Herzog vermutet hat, oder ob nicht doch der semipelagianische Gegner von Leo I., Hilarius von Arles, gemeint ist, wie vielfach vermutet, von Kreuz aber mit berechtigter Skepsis – Hilarius und Leo waren in den späteren Vierzigerjahren des 5. Jahrhunderts in theologischer Hinsicht zerstritten – angezweifelt wurde,47 kann hier nicht erörtert, darf aber immer noch zur Diskussion in den Raum gestellt werden. Weniger problematisch, doch nicht hinreichend dokumentierbar wäre dagegen ein Diakon, enger Mitarbeiter und sogar päpstlicher Nachfolger Leos I., Hilarius oder Hilarus, als möglicher Verfasser.

29Dessen ungeachtet stellt das Doppelgedicht eines realen oder fiktiven (Pseudo-) Hilarius an Papst Leo I. mit höchster Wahrscheinlichkeit das früheste und umfangreichste, über Einzelzitate und szenische Evozierungen hinausgehende ganzheitliche Zeugnis der bis zur scheinbaren Eliminierung des trotz allem vorhandenen Gegentextes, Lukrez, elaborierten Rezeption und heilsgeschichtlichen Weiterführung der Alethia des Rhetors aus Marseille dar. Für diese wäre mit dem Todesjahr des Hilarius von Arles, 449, oder des Papstes Hilarius, 468, jeweils ein Terminus ante gegeben, der aber in beiden Fällen hypothetisch bleiben muss.

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Notes

1 Österreichische Tageszeitung Kurier, 15.10.2024, 24: „(die Quantenphysik) hat uns einen neuen Blick auf die Welt eröffnet … Die zentrale Frage: Was gibt einem das Recht, die Allmacht Gottes einzuschränken … Zufall? Wer sagt einem, dass es keinen Zufall gibt?“ Es war dem humanistisch gebildeten Quantenphysiker wahrscheinlich nicht für den einen oder anderen konkreten Text, wohl aber in der Sache bewusst, dass er antike Zentralbegriffe gebrauchte, welche das problematische Verhältnis von Lukrez und den Kirchenvätern in nuce ausdrücken: omnipotens „Allmacht (Gottes)“, vgl. bei Marius Victorius prec. 2, vs. casus, „zufälliger Fall, Zufall“, der Atome im leeren Raum“, vgl. bei Marius Victorius Aleth. 1,22.

2 Zur Geschichte des Atomismus in der antiken und der nachantiken europäischen Philosophie bis in die Gegenwart s. https://www.de.wikipedia.org.wiki/Atomismus mit hinreichenden Literaturangaben (Zugriff 16.08.2025).

3 Zur Lukrezrezeption s. zuletzt allgemein Deufert 2009. – Der im Haupttext zitierte Roman „The Swerve. How the World became Modern“ von Greenblatt liegt bei Norten & Company seit 2011 in mehreren Auflagen und auch als e-book auf; die deutsche Übersetzung, „Die Wende. Wie die Renaissance begann“ erschien erstmals als Taschenbuch 2012. Das Werk ist ein historischer Roman mit im Detail nicht immer erfülltem Anspruch auf sachliche Richtigkeit (z. B. Vermischung des Lateinischen Patriarchen von Konstantinopel mit dem griechisch orthodoxen Amtsträger) und als solche deklarierten fiktionalen Einschüben.

4 Polignac (1661 – 1741) wollte mit seinem 1747 posthum in Paris publizierten, neun Bücher umfassenden Antilucretius sive de Deo et Natura hinsichtlich Umfang und Material die Überlegenheit der Neuzeit und einer christlichen Weltsicht nachweisen, etwa anhand von Descartes und aktuellen technischen Erfindungen wie dem Fernrohr, und damit Lukrez nicht aktualisieren, sondern übertreffen und aus dem naturwissenschaftlich-philosophischen Diskurs eliminieren.

5 Für die Lukrez-Rezeption bei den lateinischen Kirchenvätern immer noch wertvoll die Testimoniensammlung von Hagendahl 1958, S. 9-88. – Für die lateinische Dichtung der Spätantike s. allgemein Hardie 2020; zu Prudentius im Besonderen Smolak 2016; zur Nutzung des Lukrez bei weiteren Dichtern der christlichen Spätantike s. ausführlich Furbetta 2019.

6 Cic., nat. deor. 1,2; vgl. die Materialsammlung im Kommentar von Pease 1955.

7 Zu Laktanz und Lukrez im Besonderen s. Happenhofer 2013.

8 Das im Titel der in Anm. 7 zitierte Studie angeführte ‚Lob des Lukrez’ durch Lact., div. inst. 3,14,1 dient nur dem Zweck der Intensivierung der Herabsetzung von Ciceros Personal-Allegorie der gewissermaßen divinisierten Philosophia in Tusc. disp. 5,2,5f. im Sinne von „da ist Lukrez noch besser!“, sc. wenn er einen Menschen, Epikur, vergöttlicht; vgl. Smolak 1995.

9 Textgrundlage für die vorliegende Untersuchung ist die kritische Edition von (J. Martin) – P. F. Hovingh, (Commodiani Carmina) – Claudii Marii Victorii Alethia, Turnhout 1960 (CCL 128). Der lateinische Text ist ohne kritischen Apparat abgedruckt in der zweisprachigen Ausgabe von Kuhn-Treichel 2018.

10 Homey 1972; Martorelli 2008; Cutino 2009; Kuhn-Treichel 2018: Die Ergebnisse der Untersuchungen von Kuhn-Treichel 2016, sind in den Fußnoten seiner Ausgabe konzentriert wiedergegeben.

11 Dazu s. Cutino 2009, S. 101-104 ohne Hinweis auf Laktanz.

12 Vgl. ThlL 6,1,1629,50-1630,39.plant

13 Vgl. auch Cutino 2009, S. 35-39.

14 Eine generelle thematische Bezugnahme auf Paulinus, carm. 22, 3f. in der precatio des Mar. Vict. erwägt, ohne exakte Belegstellen, Martorelli 2008, S. 30, Anm. 51.

15 Zu dem Exkurs Aleth. 2, 1-196 vgl. Martorelli 2008, S. 161-172.

16 Weber 2013.

17 Ivvenc., praef. 16f.: zusätzliche mendacia zu den gestis hominum vs. certa fides der Bibelberichte (vgl. Aleth. 2,2f.: sincera fides vs. hominum mores und mortalia); vgl. Sedvl., carm. Pasch. 1,1: figmenta; 17: mendacia; als Vertreter der – nicht ausgesprochenen – vera fides präsentiert sich der Dichter selbst in seiner Eigenschaft als Psalmsänger. – Mar. Vict. bezieht sich, worauf noch nicht explizit hingewiesen wurde, sehr wahrscheinlich auf Iuvencus; vgl. aber Cutino 2009, S. 139, der die Verse immerhin unter (sprachlich anders formulierten) alcuni esempi inhaltlicher Art anführt.

18 Zu der vieldiskutierten Einleitung zu Buch 2 vgl. Cutino 2009, S. 137-143; Martorelli 2008, S. 27-30: Rechtfertigung der Digressionen durch Beimischung anschaulicher Narrative; 207: Interpretation der mortalia als (irrationale) Triebhaftigkeit, ohne Hinweis auf die eventuelle ad-hoc-Etymologie von mortalia aus mores; Kuhn-Treichel 2018, S. 136f. im Kommentar zu Aleth. 2, 4f.: Die Interpretation von mortalia als Todsünden ist im Zusammenhang zu spezifisch, eher ist die vom Autor zitierte Wiedergabe von 2,5 mit i costumi umani e le vicende ormai mortali durch S. Papini trotz ihres sehr weiten inhaltlichen Umfangs zutreffend (Papini 2006). Am ehesten deckt sich der Gebrauch von mortalia, vom weiteren Kontext her betrachtet, mit der allgemeinen, von einem konkreten Fall, dem Untergang Trojas, ausgehenden Klage über die condicio humana bei Verg., Aen. 1,461: sunt lacrimae rerum et mentem mortalia tangunt. Eine Bezugnahme durch Mar.Vict. erscheint möglich: Dem Fall Trojas, der ja ebenfalls eine Dislokation zur Folge hat, würde der Sündenfall der Ureltern und die Vertreibung aus dem Paradies entsprechen.

19 Dazu s. Smolak 1980, S. 181-188.

20 Zu den Digressionen s. Martorelli 2008, S. 161-172; Weber 2013, S. 187-192.

21 Zu der Rede Gottes vgl. Cutino 2009, S. 152-154.

22 Vgl. Aleth. 2,556-558: Sintflut als (traditioneller) Typos der Taufe ; 3,781-789: Rettung durch das Wasser des zur Löschung des Brandes entstandenen, vom (Tauffluss) Jordan gespeisten Toten Meeres; 1,545-547: Das erlösende Holz (sc. des Kreuzes) als Gegenkraft zu dem – materiell identischen – Holz des Paradiesesbaumes.

23 Ebenso Weber 2013, S. 193-197, mit anderen Argumenten.

24 Vgl. Martorelli 2008, S. 208-210.

25 Vgl. Weber 2013, S. 197-199.

26 Dazu s. Kuhn-Treichel 2018, S. 58f.; Cutino 2009, S. 77-95; Martorelli 2008, S. 210; 219; Cutino 2009, S. 215-222.

27 Zum Problem des Semipelagianismus vgl. Cutino 2009, S. 77-95; Martorelli 2008, S. 129-138.

28 Die Theorie von Herzog 1975, S. XXV-XXXII, bei der Zuweisung an ‚Hilarius‘ (von Poitiers) handle es sich wie in Fällen analoger Autorenangaben um eine in karolingischer Zeit erfolgte Autorisierung anonym gewordener Bibeldichtung mittels Namen von – gemäß Hieronymus und Cassiodor – namhaften patristischen Prosaikern, wurde weitgehend akzeptiert, s. aber gegen Ende vorliegender Studie.

29 Smolak 1973; Smolak 1999; Smolak 2001 (leicht verändert gegenüber WHB).

30 Mit Einleitung, deutscher Übersetzung und Kommentar ediert von Kreuz 2006, mit Verzeichnis der Handschriften und Drucke, S. 140. – Zum Erweis der Zusammengehörigkeit der Gedichte s. Kreuz 2006, S. 62-90; ausführlicher, aber mit demselben Ergebnis Kreuz 2007; umfassender zum Thema Kreuz 2017.

31 Dazu s. Kuhn-Treichel 2018, S. 10-13; Cutino 2009, S. 93f.; Martorelli 2008, S. 16-18.

32 Dazu s. Smolak 1971, S. 180-194.

33 Zu eingehender Interpretation dieser Versgruppe s. Kreuz 2006, S. 182-184; dort auch Grundsätzliches zum Verhältnis von Ps.- Hil., in Gen. zu Mar. Vict.

34 Vgl. Kreuz 2006, S. 87-89; 163-165; Smolak 1973, S. 237f.

35 Zu Belegen s. die jeweiligen Kommentare beziehungsweise Anmerkungen.

36 Bei der Wortverbindung plena deo liegt eine auf den physischen Bereich applizierte, zugleich christologisch relevante Anwendung der meist auf kreative spirituelle und künstlerische Personen, etwa bei Lvcan., 9,564, bezogenen Latinisierung des griechischen Adjektivs ἔνθεος auf Marias jungfräuliche Schwangerschaft vor; zu Belegen aus patristischer Dichtung und theologischer Prosa, s. Kreuz 2018, S. 343 im Kommentar zur Stelle.

37 Dass trepidare metu (De ev. 12) als Signalwörter für die modifizierende Anlehnung der gesamten Szene an die entsprechende bei Mar.Vict., metu (2,91) und trepidos (2,93), intendiert sein sollen, ist wahrscheinlich, aber nicht zwingend.

38 Das Genesisgedicht muss nicht allein deshalb im Gegensatz zu früheren Urteilen als vollständig angesehen werden. Dazu s. Kreuz 2006, S. 45.

39 Kreuz 2006, S. 340f.

40 Verg., Aen. 11,488; Manil., 1,568; 609, jeweils an der gleichen Versstelle; vgl. ferner Hor., c. 3,27,2; 4,2,5.

41 Patristische Belege bei Kreuz 2006, S. 340, Anm. 733.

42 Vgl. allgemein Smolak 2010, dort S. 111f.

43 Kreuz 2006, S. 339-341 bietet reichlich Diskussionsmaterial.

44 Kreuz 2006, S. 345f.; 348 zu de evang. 5 ; 8; vgl. allgemein Smolak 2019.

45 Kreuz 2006, S. 342.

46 Kreuz 2006, S. 439 zu De ev. 10.

47 Kreuz 2006, S. 133f.

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Pour citer cet article

Référence électronique

Kurt Smolak, « Was tun mit Lukrez? »Interférences [En ligne], NMC1 | 2026, mis en ligne le 03 juin 2026, consulté le 14 juillet 2026. URL : http://journals.openedition.org/interferences/16311 ; DOI : https://doi.org/10.4000/16c1r

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