- 1 ,David‘, weil er ein kleiner Mann ist, ,Hohl‘, weil es ihm an Vorstellungskraft mangelt.
1Der schweizerische Autor Lukas Bärfuss erzählt in seinem 2008 erschienenen, dokumentarisch fundierten Roman Hundert Tage die Liebesgeschichte zwischen einem gutbürgerlich-naiven ,Entwicklungshelfer‘ aus der Schweiz, der den sprechenden Namen David Hohl trägt1, und einer Ruanderin, Agathe, die als Mitglied einer Hutu-Familie peu à peu dem verschwörungsmythisch-rassistischen Vernichtungswunsch gegenüber der Minderheit der Tutsi verfällt. Wie im Folgenden gezeigt werden soll, spielen Straßen in diesem fast bildungsromanartigen Text eine herausragende Rolle. Bei Bärfuss geht es nicht allein um Begegnungen auf der Straße, nicht allein um die Straße als Ort von Massenverbrechen, nicht allein um die Hilflosigkeit von Europäer:innen, als sich in Stadt wie Land der Konsens ausbreitet, ein Genozid müsse herbeigeführt werden, sondern im Vorfeld zu diesen Ideen auch um Projekte zugunsten des Baus von Straßen, die mit schweizerischen Geldern zu finanzieren seien. Eine Grundfrage lautet, wie sich durch solche Projekte eine Komplizenschaft ergibt, die nicht etwa auf bösem Willen, sondern auf Naivität beruht.
- 2 Für die allgemeinen Entwicklungen bleibt nützlich das Buch von Gourevitch 1998.
2Die Straßenbilder werden jedoch implizit immer vor dem Hintergrund der Tatsache entworfen, dass ab dem 6. April 1994, als der Abschuss des Flugzeugs des ruandischen Präsidenten das Fanal zum Genozid abgab, im ganzen Land mit großer Schnelligkeit Straßensperren errichtet wurden, die die Flucht der Tutsi verhindern und zugleich ihre Identifizierung erleichtern sollten. An den Absperrungen spielten sich im Frühjahr und Sommer 1994 Szenen eines „Genozids der Nähe“ ab, in denen Freunde Freunde, Nachbar:innen Nachbar:innen, ja gar Verwandte Verwandte zu töten begannen (Dumas 2014).2
3Das Verdienst des Romans besteht darin, das ambivalente Bild der europäischen (und vor allen Dingen schweizerischen) Organisationen zu zeichnen, die zwar durch ihre traditionsreichen, oft kirchlich fundierten ,Entwicklungsprojekte‘ sowie durch Begegnungen auf der Straße das Land, seinen Alltag und seine Bewohner:innen zu kennen meinten, in Wirklichkeit aber auf die genozidale Straßennutzung in keiner Weise vorbereitet waren. Anhand von einschlägigen Szenen möchte ich die langsame Gleitbewegung vom ,normalen‘ Straßenleben hin zu der enormen Beschleunigung nachzeichnen, die in nur hundert Tagen – daher der Roman-Titel – mehr als eine Million Menschen das Leben kosten sollte (zum Aspekt der vorbereitenden Dehumanisierung: Peiter 2024d, 149-175).
4Mit der deutschen und schweizerischen Geschichte sind diese Straßengeschichten insofern verwoben, als die Deutschen die erste Kolonialmacht in Ruanda dargestellt und unter Rückgriff auf den sogenannten ,Hamiten-Mythos‘, der zur Ethnogenese und ,Rassizifierung‘ der ruandischen Gesellschaft wesentlich beigetragen hatte (Chrétien / Kabanda 2016; Jackson o. J.), einen Prozess in Gang gesetzt hatten, der ziemlich exakt hundert Jahre später in die Katastrophe münden sollte (Stockhammer 2005; Peiter 2024c). Insofern wird es auch um die Reflexion einer deutsch-ruandischen bzw. schweizerisch-ruandischen Verflechtungsgeschichte gehen, die sich im Medium der Literatur am Motiv der Straße festmachen lässt.
5Einleitend muss noch erwähnt werden, dass zu den seit der Kolonialzeit verbreiteten, bis heute beliebten Klischees der Gedanke gehört, Ruanda sei die „Schweiz Afrikas“ (Delforge 2008, 55-58). Der Roman spielt also auf paradox-phantasmagorische Weise eben dort, und zwar mit ihren Bewohnern als „Kleinkrämer[n]“ von „notorische[m] Vergessen“ (Bärfuss 2008, 21). Bärfuss arbeitet gegen die Exotisierung des Genozids an den Tutsi an, er will Verbindungen zu Europa stiften und die nur scheinbar ,ferne‘ Katastrophe ins europäische Gedächtnis zurückrufen. Dabei nutzt er real existierende Straßen, deren Namen ihn sozusagen als Leitfaden einmal quer durch die Stadt Kigali führen.
6Über die Entwicklungsarbeit urteilt der Protagonist aus der Ich-Perspektive:
Ich hatte mir Abenteuer ausgemalt, ich hoffte darauf, täglich mit dem größten menschlichen Elend fertig werden zu müssen, aber tatsächlich bestand meine Arbeit darin, Adresslisten nachzuführen, Projektanträge zu tippen, Drucksachen und frische Stempelkissen zu bestellen. […] Das ehemalige Botschaftsgebäude, in dem das Koordinationsbüro untergebracht war, glich einem Vivarium, einem Würfel mit künstlich hergestellten, heimatlichen Bedingungen. (Bärfuss 2008, 23)
Der Begriff des „Vivariums“ ist festhaltenswert: Bei den folgenden Blicken auf die Straßen der Hauptstadt Kigali oder entlegener Dörfer haben wir es implizit immer auch mit der Frage nach dem Nicht-Eingreifen der internationalen Gemeinschaft zu tun, das im Angesicht der Offensichtlichkeit der Massentötungen – nämlich unter freiem Himmel, mitten auf den Straßen, also vor aller Augen, ohne jede „Sichtblende“ – als so bedrückend erscheint (Peiter 2023b, 181-194).
7Bärfuss schildert zunächst einen Arbeitsalltag, der den ,Entwicklungshelfern‘ kaum Zeit gelassen habe, sich zu Fuß an die Entdeckung der neuen Stadt zu machen. Das, was sein Bild bestimmt habe, sei die „Avenue de la Paix“ gewesen. Diese stellt die erste Etappe des historischen Rundgangs dar, zu der sich die Leser:innen eingeladen sehen:
- 3 Die durchaus problematische Haltung, die Kandt bei seinem elf Jahre dauernden Leben in Ruanda zur (...)
Nach Feierabend, um fünf Uhr, blieb mir eine knappe Stunde Tageslicht, um mich in Kigali umzusehen. Ich schaute dem Treiben auf der Avenue de la Paix zu, trank im Le Palmier eine Bananenlimonade, viel mehr hatte die Stadt nicht zu bieten. Kigali war ein Kaff, verschlafen, ordentlich, aufgeräumt, langweilig. Der erste Resident der deutschen Kolonialmacht, ein Mann namens Kandt, hatte sie vor achtzig Jahren gegründet, im Nirgendwo der geografischen Mitte des alten Königreichs […].3 (Bärfuss 2008, 25)
Auch unter der belgischen Kolonialmacht, die nach dem Ersten Weltkrieg auf die deutsche folgte, hätten sich keine wirklich großstädtischen Zentren entwickelt. Entwicklungshelfer in Ruanda zu sein, sei auf die Erfahrung einer verstörenden Ereignislosigkeit hinausgelaufen:
Die Belgier hatten ihre eigene Hauptstadt, Astrida, das in unseren Tagen Butare heißt, und erst als die Revolution von einundsechzig die Monarchie abgesetzt, die Revolution ausgerufen und die Belgier vertrieben hatte, erlebte Kigali einen Aufschwung. Die junge Republik brauchte eine neue, den alten Herrschercliquen entzogene Hauptstadt, und man begann den Osthang des zentralen Hügels, den Nyarunenge, zu bebauen. Straße um Straße wurde asphaltiert und beleuchtet, und weil man den Armen, die von überall her in die Stadt strömten, kein Bauland zuwies, entstanden in den sumpfigen Senken spontane Siedlungen. […] Alles in allem war Kigali ein beschaulicher Flecken, die Straßen gekehrt und von Palisanderbäumen beschattet, sicherer als die meisten Städte Europas. Und deswegen schrecklich langweilig. Es gab keine öffentlichen Kinos, kein Theater, keine Konzerte, die Leute hier schienen keine Zerstreuung zu benötigen, im Gegenteil, sie mochten die ereignislosen Tage, und je weniger geschah, desto besser. (Bärfuss 2008, 26-27)
Es entsteht hier ein Bild von Stadt und Straße, das auf ein Übermaß an Ruhe, privater Zurückgezogenheit, Sicherheit und Ordnung hinauszulaufen scheint. Durch die Beobachtung dessen, was danach an eben diesen Orten im Genozid geschah, ergibt sich die allgemeine Frage, was wir eigentlich von Straßen erwarten. Und was von der Veränderbarkeit ihres ,Gesichts‘ in Momenten großer Krisen. Wie ist es möglich, dass der historische Weg ein ganzes Land von der „Avenue de la Paix“ in die „Avenue de l’Armée“ führen konnte, und zwar den Umweg nehmend über die „Place de la Convention“ und die „Rue de la Démocratie“, die Bärfuss als weitere Stationen ausgewählt hat (Bärfuss 2008)? Anhand der Namen, die hier chronologisch aufeinander folgen, soll die Topographie, die der Roman entfaltet, als Entwicklung einer in seiner Schnelligkeit beispiellosen Gewalteskalation gelesen werden.
8Die Straße als erkennbare Bahn, die durch Räume führt, ist gemeinhin durch eine gewisse Kontinuität dieser Erkennbarkeit gekennzeichnet. Selbst wenn sich ihr Anblick je nach Jahres- oder Tageszeit verändert, ist die Erwartung vorherrschend, dass in dieser Straße voraussagbar dieses und jenes zu finden sein werde, in jener hingegen etwas anderes.
9Der Genozid hat nun gerade diese Konstanz in allem Veränderbaren und damit die Wiedererkennbarkeit der Straßen auf radikale Weise durchbrochen. Eine Straße – das entsprach nicht mehr einer Infrastruktur, die der Verbindung zwischen verschiedenen Punkten diente und damit im Wortsinn seine Begehbarkeit sicherte, sondern das genaue Gegenteil war der Fall. Straßen wurden mit ungeheurer Schnelligkeit segmentiert, in Abschnitte geteilt, nämlich durch die schon erwähnten Barrieren, an denen man erst dann vorbeidurfte, wenn man sich erfolgreich ausgewiesen hatte. „Erfolgreich“ hieß, über einen Pass mit der „richtigen“, ethnischen Markierung zu verfügen. Wo „Tutsi“ im Pass stand, war sofort klar, dass es sich um ein Todesurteil handelte (Miles 2000, 107-115).
10Es zeigt sich also, dass die Begehbarkeit der Straßen vom Phantasma der festen Zugehörigkeiten zu den Hutu abhängig gemacht wurde. Da, wo gerade noch ein normales Leben mit den tausend kleinen Aktivitäten stattgefunden hatte, die das Wesen einer Straße auszumachen pflegen, war jetzt nur noch Raum für den Euphemismus des „Arbeitens“, der das Töten bezeichnete. Man sagte es mitunter auch anders. Ein zweiter Euphemismus hatte sich in den Jahrzehnten vor 1994 Bahn gebrochen: „Wind“ habe sich erhoben, „Wind“ ziehe durch jede Straße und das ganze Land. Entsprechend lagen die Straßen binnen kürzester Frist voller Toten. Verwesungsgestank verbreitete sich, weil die Ermordeten in den meisten Fällen auf offener Straße liegen gelassen wurden. Praktisch alle Rettungsgeschichten sind daher Geschichten, die sich ,fern‘ der Barrieren abspielten. An diesen kontrolliert zu werden, hieß für die Tutsi praktisch durchgängig, eben dort vergewaltigt, verhöhnt, umgebracht und langen, qualvollen Agonien anheimgegeben zu werden (Zur besonderen Grausamkeit: Audoin-Rouzeau 2002, 601-609). Es ist bezeugt, dass Verfolgte, die ihr Leben nicht mehr aushielten, mitunter bewusst die Entscheidung trafen, ,auf die Straße‘ zu gehen, was automatisch hieß, in den Tod zu gehen.
- 4 Die Eskalation bis hin zum Genozid und damit die Kontinuitätslinien von vorherigen Massakern bis (...)
11In jedem Fall waren die Kontrollpunkte zentrale Orte von mordender Vergemeinschaftung (Peiter 2024e, 157-172). Hier zeigt man öffentlich seine Bereitschaft zum Mittun, hier wurde kollektiv das wohl zentralste und in seiner Wirkungsmacht gar nicht zu überschätzende Werkzeug geschaffen, das das ebenso Flächendeckende wie Totale des Genozids erklärt. Getötet wurde mit einfachsten, ja oft geradezu primitiven Mitteln, vor allen Dingen mit Macheten. Was hingegen ganz und gar nicht primitiv war, sondern im Gegenteil von geradezu ingeniöser Modernität zeugte, war diese Verwandlung der Straßen in Orte, an deren markierten Punkte sich die Massaker vollzogen und mit deren Hilfe zugleich jede Flucht unmöglich gemacht wurde (zu den Tötungspraktiken als „Gewohnheitswissen“ Peiter 2024a, 127-152).4
- 5 Es sei hier noch bemerkt, dass sich die Konrad-Adenauer-Stiftung sehr um die Förderung des Radios (...)
12Es macht also nur Sinn, sich die Straße von Bärfuss anzusehen, wenn man sie als Straße in einem superlativischen ,Plural‘ versteht. Das Straßen- und Barrierenwesen war ein gewaltiges, das Land durchziehendes ,Groß-System‘ (zur historischen Einordnung in die longue durée: Peiter 2019, 385-734), und das, was dort – oft nur mit einfachen Mitteln, z.B. Nagelbrettern – als Grenze markiert wurde, entwickelte sich massenhaft zu einer Falle, weil sich die Erkennbarkeit der Opfer gesteigert sah. Wer aus einem Dorf oder aus einem Hügel, auf dem jeder jeden kannte, nicht wegkonnte, konnte anschließend leichter aufgefunden und als ,noch fehlender‘, d.h. ,noch zu tötender Mensch‘ in das Projekt der mordenden Einheiten einbezogen werden. Das Radio spielte dabei als Koordinationsinstrument eine ebenso wichtige wie moderne Rolle5.
13Was wird nun aus all dem in der Romanverarbeitung von Bärfuss? Der Autor zeichnet Etappen auf dem Weg zum Genozid nach. Der Bürgerkrieg, der seit 1990 die Spannungen zwischen Hutu und Tutsi bis zum Paroxysmus trieb und zugleich als Katalysator des Genozids wirkte, wird von Bärfuss in ein Kontinuum zu der vorherigen, langweiligen Ordnung der Kigalier Straßen gestellt. Wirkliches Chaos habe es nur ein einziges Mal gegeben, nämlich aus Anlass eines Staatsbesuchs. Im Übrigen aber sei Ruanda immer ein Land von vorbildlicher Ordnung gewesen – und so ordentlich auch geblieben. Im Roman berichtet der Ich-Erzähler:
[Es hieß] wenig später, das Land versinke im Chaos, aber das ist Unsinn, es war kein Chaos. Bloß weil ein paar Leichen auf den Straßen liegen, heißt das noch lange nicht, dass Unordnung herrschte. Gut, ich gebe zu, es waren ein bisschen mehr als nur ein paar Leichen, aber das Chaos, das je in Kigali herrschte, war jenes, das beim Papstbesuch ausbrach, ein Chaos, das mich beinahe das Leben kostete und das Ende der guten alten Zeit markierte. Danach begann der Krieg, und es war, als wäre der Besuch des polnischen Oberhirten der erste Kanonenschuss gewesen. (Bärfuss 2008, 55)
Das, was das Chaos bewirkte, wird bei Bärfuss in der langen Schilderung einer Massenpanik entwickelt, in deren Mitte sich das erzählende Ich und sein Freund Missland, ein äußerst ambivalenter Schweizer, der aber als einziger wirklich etwas von den ruandischen Realitäten begreift, befinden. Beide sitzen in einem Auto und erleben physisch, wie die Menschendichte auf der Straße immer mehr zunimmt:
- 6 Weiter heißt es: „Zäh wie Melasse schob sich die Menge durch das muslimische Viertel, an vernagel (...)
Schon im Kyovou herrschte ein unbeschreibliches Gedränge, Pilger zogen in Gruppen durch die Straßen, und von weiter oben, vom Hügel hinab, drang das dumpfe Dröhnen der Massen, die hinaus zum Stadion drängten. Noch kamen wir zügig vorwärts, aber schon auf der Place de la Constitution verdickte sich das Gerinnsel zu einer Stockung. Missland legte den Kriechgang ein und wir fuhren im Schritttempo durch die Menge. Arm in Arm, Ohr an Ohr standen sie, zu zehnt hingen sie an den Kandelabern, Ordensschwestern neben halbnackten, angetrunkenen Burschen, Beamte in Schlips und Anzug aus der Hauptstadt neben Bauern aus den entlegensten Gebieten des Nordens.6 (Bärfuss 2008, 56)
Dieses Straßenbild wirkt so, als solle nicht nur auf die besondere Verantwortung der Kirche im Genozid verwiesen werden, sondern auch auf die massenpsychologischen Mechanismen, die bewirkten, dass, quasi in Entsprechung zu dem, was der Historiker Saul Friedländer mit Blick auf die Shoah als „Erlösungs-Antisemitismus“ bezeichnet hat (Friedländer 2006), ein ,Erlösungs-Anti-Tutsismus‘ zum schichten- und klassenübergreifenden Konsens gemacht werden konnte. Obwohl der Ich-Erzähler durch das Gedränge in Todesgefahr gerät, verbreitet Bärfuss die Botschaft, ein Aufgehen in der Menge und ihren Emotionen sei durchaus nicht etwas Exotisches, gar nichts Fremdes, sondern vielmehr eine Erfahrung, der die verschiedensten Menschen verfallen können. Noch befindet sich das Auto in der Nähe eines Platzes, der die Verfassung – „constitution“ – im Namen führt. Doch schon bald wird die Distanz zu dieser immer größer werden. Entsprechend heißt es im Roman:
Eine dramatische, erregende Macht hatte mich im Griff. Ich war Teil von etwas Großem, und dieses lebendige Große war gewaltig wie drei Hügel, ein atmender, keuchender, stampfender Organismus, dessen Schwanz irgendwo fünf Kilometer westlich in der Avenue de la Démocratie liegen musste, und ich war Teil des Hauptes, hier vor dem Stadion, dem kleineren der beiden Kigali, lächerlich klein. (Bärfuss 2008, 59-60)
- 7 Beim Papstbesuch hieß es: „À l’approche du centenaire de l’évangélisation de votre pays, il est n (...)
Die Demokratie ist also unter dem ruandischen Präsidenten Juvénal Habiarymana, der seit 1973 durch einen Putsch an der Macht ist, eine Chimäre, und das gilt trotz der Tatsache, dass es neben dem eben genannten Platz auch noch diese Avenue gibt, die den Anspruch auf Demokratie aufrechterhält bzw. diese Aufrechterhaltung zumindest behauptet. In Wirklichkeit befindet sich das ,Haupt‘ des Zuges, der den Papst sehen will, längst woanders, nämlich eingestimmt auf einen Krieg, der kurze Zeit später beginnen wird7.
14In diesem Krieg wird dann die Kirche ihre ganze ambivalente Rolle zeigen. Sie hängt vor allen Dingen damit zusammen, dass sie weder gegen die Morde noch gegen die massenhafte Benutzung von Kirchen als Orte der Konzentration und der Morde Einspruch erhob. All die öffentlichen Einrichtungen, die geeignet waren, um dort Menschen zusammenzupferchen und sie an die Mörder:innen auszuliefern, wurden systematisch genutzt (Schätzungsweise 12 % aller Opfer starben in Kirchen : Korman 2018, 155).
- 8 „Ich sagte es keinem, aber ich mochte die Aufregung, die Stimmung in Kigali, die Straßensperren, (...)
15Der Krieg, der dem Genozid vorausging, sei ihm selbst, so der Erzähler weiter, wie eine Abwendung von der vorherigen Langeweile der Kigalier Straßen erschienen8:
Ich hätte etwas darum gegeben, wenn in meinem Land so viel in Bewegung gekommen wäre wie hier, ganz egal, dass niemand wusste, worauf das Ganze hinauslief und also die Zukunft ungewiss war. (Bärfuss 2008, 94)
Die zunehmende Komplizenschaft der Schweiz, die als vergleichbar langweilig und sich daher von der Möglichkeit der Gewalt fasziniert zeige, habe sich in der Fortführung der bisherigen „entwicklungs“-politischen Projekte dokumentiert. In deren Mittelpunkt stand nicht zuletzt der Straßenbau:
Sie [die Ruander; A.P.] verlangten nach Schreibgerät, und weil Bleistifte nichts Schlechtes sind und das Gute ohne sie nicht geschaffen werden kann, weil jede gute Tat einen Bleistift erfordert, einen Bleistift und einen Lehrer, ein Telefon und eine Straße, weil es keinen besseren Beweis für unsere Redlichkeit gab und wir durch irgendeinen geheimen Fluch gezwungen waren, uns immer und immer wieder unsere Rechtschaffenheit zu beweisen, weil es kein besseres Zeichen gab als eine begradigte Straße, ein zum ersten Mal in einer abgelegenen Präfektur klingelndes Telefon, einen angespitzten Schweizer Bleistift in der Hand eines subalternen Beamten, deshalb gaben wir ihnen den Bleistift, mit dem sie dann die Todeslisten schrieben, deshalb legten wir ihnen die Telefonleitung, durch die sie den Mordbefehl erteilten, und deshalb bauten wir ihnen die Straße, auf denen die Mörder zu ihren Opfern fuhren. (Bärfuss 2008, 134)
- 9 Bärfuss bedient sich unterschwellig durchaus einer verstörenden Form von Komik, wenn er auf den E (...)
- 10 Das Problem, Vorbild in Sachen Menschlichkeit zu bewahren, stellte sich im Genozid auch für die O (...)
Die ganze Ambivalenz des Helfenwollens tritt hier zutage.9 Genozide können entstehen, so lautet Bärfuss’ implizite These, wenn nicht erkannt wird, dass Ordnung und ,Entwicklung‘ nicht einsträngig hin zu einem ,Fortschritt‘ in Sachen Menschlichkeit führen, sondern das genaue Gegenteil bewirken können.10 Die schweizerischen Organisationen hätten sich in eine Komplizenschaft begeben, ohne sich vorstellen zu können, dass die radikale Hutu-Miliz der Interahamwe die Barrieren nutzen würde, um die Opfer an der Bewegung zu hindern – um zugleich über das bestehende Straßennetz zu den verschiedensten Orten zu fahren, um so das Töten anzuleiten. Straßen entsprechen also auch einem genozidalen Vernetzungssystem, das überregionale Mobilität ermöglicht.
16Bärfuss enthält sich der Versuchung, identifikatorisch von dem zu berichten, was den Opfern im Genozid an den Straßensperren geschah. Er beschränkt sein Schreiben auf die Perspektive seines Protagonisten, dessen Leben nicht direkt bedroht ist, weil er weiß ist und den richtigen Pass vorzuweisen hat. Die Liste der Straßennamen, die seinen Weg durch Kigali bezeichnen, erweitert sich. War zu Beginn von der „Avenue de la Paix“, und dann, dieses Mal mit Blick auf den Papstbesuch, von der „Place de la Constitution“ sowie der „Rue de la Démocratie“ die Rede gewesen, wird die Leserschaft abschließend mit in die „Avenue de l’Armée“ mitgenommen. In der Tat kam dem ruandischen Heer bei der Durchführung des Genozids eine entscheidende Rolle zu.
- 11 Weiter heißt es: „Drei Typen mit Macheten haben mich entdeckt. Sie kommen auf mich zu. Zurück in (...)
Überall in der Stadt haben die Milizen Straßensperren errichtet. Ich habe Leichen gesehen, als ich von der Botschaft hierherfuhr, oben an der Avenue de l’Armée. Ich dachte zuerst, man hätte einen Sack alter Kleider in den Straßengraben gekippt, das Licht war schon fahl, es war ein großer Haufen, und erst dann sah ich die nackten Beine und etwas, das wie ein Knochen glänzte. Die Milizen haben mich angeschrien, doch nach einigen ungemütlichen Augenblicken zogen sie die Nagelbretter weg und winkten mich vorbei.11 (Bärfuss 2008, 160)
- 12 Die Systematik des Vorgehens des genozidalen Apparats kann anhand eines umfänglichen Überblicks n (...)
Hier wird, wenn auch mit Zurückhaltung und fast so etwas wie bewusster Vermeidung von voyeuristischer Schaulust, eine Realität angedeutet, vor der sich der Protagonist in seinem Zuhause versteckt. Während der Beginn des Romans an verschiedenen Orten und auf verschiedenen Straßen spielt, sind die Kapitel über die Zeit des Genozids räumlich auf die vier Wände des Protagonisten beschränkt, der dort, unter zunehmendem Durst und Hunger leidend, auf seine Befreiung hofft. Die Straßen sind zum absoluten Tabu geworden. Das Bild der Beine der Toten, die ihren Rand säumen, verdichtet erneut auf alptraumhafte Weise die Frage, ob dieser Massentod das Ergebnis eines plötzlichen, geradezu irrsinnigen Chaos’ gewesen sei – oder aber das Resultat des genauen Gegenteils, nämlich einer Ordnung, der es gelungen sei, sich auf perfide Weise als absolut und ,normal‘ zu setzen12.
17Bärfuss’ Interpretation bezüglich der toten Leiber auf den Straßen der Hauptstadt, die anfänglich als bestürzend ereignislos beschrieben worden waren, ist eindeutig. Er sieht in der Ordnung den eigentlichen Grund, warum Ruanda „die Schweiz Afrikas“ bzw. umgekehrt die Schweiz das „Ruanda Europas“ genannt werden konnte:
Wie sie über das Chaos in Kigali sprachen, über die Hölle, die über das Land hereingebrochen war, was ohne Zweifel zutraf, aber jetzt weiß ich, dass in der perfekten Hölle die perfekte Ordnung herrscht, und manchmal, wenn ich mir dieses Land hier ansehen, das Gleichmaß, die Korrektheit, mit der alles abgewickelt wird, dann erinnere ich mich daran, dass man jenes Höllenland auch die Schweiz Afrikas nannte, nicht nur der Hügel und der Kühe wegen, sondern auch wegen der Disziplin, die in jedem Lebensbereich herrschte, und ich weiß jetzt, dass jeder Völkermord nur in einem geregelten Staatswesen möglich ist, in dem jeder seinen Platz kennt […]. Und manchmal, wenn ich das Räderwerk dieser Gesellschaft reibungslos ineinander greifen sehe, wenn ich nichts höre, kein Knirschen, kein Knacken, nur leise das Öl zwischen den Zahnrädchen schmatzen höre, dann frage ich mich, ob wir im Gegenzug auch das Ruanda Europas werden könnten, und ich weiß, wenn uns etwas davor bewahren wird, dann bestimmt nicht die Wohlbestalltheit unserer Gesellschaft, unsere Disziplin oder auch nur der Respekt vor den Institutionen, den Obrigkeiten, unsere Liebe zur Ordnung und zur Routine, ganz im Gegenteil. All das ist kein Hindernis, sondern die Voraussetzung für einen Massenmord. Nichts liebt das Böse mehr als den korrekten Vollzug einer Maßnahme, und darin, das muss man zugeben, gehören wir zu den Weltmeistern. Das ist unser Stolz, die Voraussetzung für alles, was uns auszeichnet und was wir als so verbreitungswürdig betrachten, dass wir es ins Herz des schwarzen Kontinents trugen. (Bärfuss 2008, 169)