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Der Himmel über Indien oder: Die Rückkehr des Wundermotivs in Ulla Lenzes Indienroman Schwester und Bruder

Le ciel au-dessus de l’Inde ou : le retour du thème du miracle dans le roman indien d’Ulla Lenze Schwester und Bruder
Swati Acharya
p. 63-75

Résumés

La confrontation entre Inde « imaginée » et Inde « vécue » a dominé tout le discours sur ce pays dans les études littéraires, en Allemagne, qui ont analysé à la loupe cette « indomanie » des écrivains allemands. Ce travail scientifique, couplé à la « vocation » littéraire et, le cas échéant, poétique des adeptes de l’Inde à l’époque romantique, explique le phénomène de « Renaissance orientale » qui a entraîné dans son sillage de nombreux écrivains du XIXe siècle. Sous la rubrique de l’Inde « vécue », quelques écrivains tentent maintenant de marcher sur les traces de la tradition romantique. La présente contribution s’intéresse à la façon dont le roman d’Ulla Lenze Schwester und Bruder s’intègre dans cette tradition romantique où l’Inde est présentée comme un lieu d’« expérience mythique » avec la résurgence thématique du miracle.

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Texte intégral

I. Das ‚erdachte‘ Indien: Indien als Inbegriff für Religiosität und Spiritualität1

  • 1 Veena Kade-Luthra führt die Begriffe des ‚erdachten‘ und des ‚erlebten‘ Indiens ein, um in erster L (...)
  • 2 J. W. Goethe: West-östlicher Divan. Aus dem Nachlass. In: Johann Wolfgang von Goethe. Werke, Kommen (...)

Wer sich selbst und andre kennt
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.2

1Dieses Goethe-Wort aus dem West-östlichen Divan nimmt einen prophetischen Klang an, wenn man die lange Tradition von mehr als zwei Jahrhunderten der deutschen Indienbegeisterung oder auch nur der Indienbeschäftigung in ihren verschiedenen Phasen und Schattierungen untersucht. Eine Fülle von Materialien über die deutsche Beschäftigung mit Indien aus religiös-philosophischer, philologischer und literarischer Perspektive hat Generationen von Germanisten und Indologen eine raison d’être geliefert.

2Die Auseinandersetzung mit dem ‚erdachten‘ und dem ‚erlebten‘ Indien hat den Indiendiskurs in der deutschen Literaturwissenschaft dominiert, deren Vertreter die ‚Indomanie‘ deutscher Schriftsteller kritisch unter die Lupe genommen und analysiert haben. Die wissenschaftliche Arbeit, gekoppelt mit der schriftstellerischen bzw. dichterischen ‚Berufung‘ der Indienbeflissenen unter den deutschen Romantikern, erklärt die ‚orientalische Renaissance‘, in deren Bann sich viele deutsche Schriftsteller im 19. Jahrhundert gezogen fühlten.

  • 3 Ulla Lenze: Schwester und Bruder. München. 2006.

3Im Folgenden möchte ich versuchen, die Einbettung des 2003 erschienenen Indien-Romans Schwester und Bruder3 von Ulla Lenze in der romantischen Tradition nachzuzeichnen, in der Indien als Ort ‚mythischer Erfahrung‘ stilisiert wird. Die Motivation für die Indienreise zunächst des Bruders und später des Geschwisterpaares Martha und Lukas klingt wie ein Echo der folgenden Zeilen Heinrich Heines, in denen er seiner Wertschätzung von Goethes West-östlichem Divan Ausdruck verleiht:

  • 4 Heinrich Heine: Die Romantische Schule. Sämtliche Schriften in zwölf Bänden. Hg. von Klaus Briegleb (...)

Unbeschreiblich ist der Zauber dieses Buches: es ist ein Selam, den der Okzident dem Oriente geschickt hat […]. Dieser Selam aber bedeutet, daß der Okzident seines frierend mageren Spiritualismus überdrüssig geworden und an der gesunden Körperwelt des Orients sich wieder erlaben möchte.4

4Der Roman schildert von Anfang an eine Reise, die von keinem touristischen Interesse geprägt wird, sondern die Suche nach Erkenntnis zu ihrem Hauptmotto macht. Ein 22-jähriger Deutscher kommt nach Indien, erlebt manches Überwältigende und kehrt als ein verwandelter Mensch nach Deutschland zurück. Dieser Beitrag versucht, die Spuren dieser Verwandlung zu lokalisieren und den Roman in die deutsche Romantiktradition einzubetten.

  • 5 Vgl. Rekha Kamath: „Indien mit der Seele suchend – Deutsche Indienreisende der frühen Moderne“. In: (...)
  • 6 Siehe zu diesem Zeitraum René Gérard: L’Orient et la pensée romantique allemande. Paris 1963. Dougl (...)
  • 7 Siehe dazu René-Marc Pille : « À la fracture du classicisme et du romantisme : l’Inde, sujet de dis (...)

5Die Romantiker hatten eine Vielzahl von Gründen, mit denen sie ihre Sehnsucht nach der Ferne im Allgemeinen und nach Indien im Besonderen zu erklären versuchten. Ein großer Teil dieser Gründe wurde später als ‚Europamüdigkeit‘ bezeichnet. Rekha Kamath deutet den Begriff als „Zweifel am materialistischen Fortschrittsglauben der Europäer“5. Einerseits war es der Überdruss gegenüber dem rationalen Denken, der zu einer Sehnsucht nach einer mythischen Landschaft führte, wo Glück und Erlösung im Bereich des Erreichbaren lagen, und andererseits war es eine Suche nach den letzten Wahrheiten, die ewige Erkenntnis verkörpern sollten. Die Suche bildet den Kern der verschiedenen Motive des romantischen Indiendiskurses, der von großen Namen der deutschen Literatur, wie Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Friedrich Rückert, Friedrich von Hardenberg (Novalis), Joseph Görres, u. a. bestimmt wurde6. Sowohl für die indienbegeisterten als auch die indienkritischen Romantiker war Indien ein ‚gesuchtes Land‘. Was in Europa nicht mehr zu finden war, hat man in Indien gesucht. Die andersartige Denk- und Lebenswelt, vor allem die Einstellung zu Leben und Tod, der Glaube an Karma und Reinkarnation sowie die asketische Entsagung waren Elemente, welche Indien zur seelisch-geistigen Heimat machten. Manchmal hieß die Suche ‚Erlösung vom materiell-rationalistischen Europa‘ und manchmal richtete sie sich auf das Nirwana und strebte nach dem Jenseits. Der positive Indienmythos der Romantiker äußert sich vor allem durch beeinflusst-begeistert-bezauberte Schriften von Herder, Novalis, den Gebrüdern Schlegel, Rückert, Schopenhauer u. a., welche das Nicht-Rationale, das Sinnliche und das Poetische als verhüllte Spiritualität verstanden. Die indienkritischen Stimmen von Goethe und Hegel haben dagegen das Nicht-Heilige, das Gesellschaftskritische, wie z. B. das menschenverachtende Kastensystem, thematisiert7. Bei Heine, dem letzten Romantiker, lässt sich der Indienmythos eher durch Ironie erfassen. Die Indienbeschäftigung wird gekennzeichnet durch auffällige Merkmale wie Überdruss, Poetisierung, Spiritualisierung, Verherrlichung als Erlösungsstätte, Wallfahrtsort und Enttäuschung mit dem Gesellschaftlichen.

  • 8 Siehe dazu Lakshmi Kapani: Schopenhauer et la pensée indienne. Similtudes et différences. Paris 201 (...)
  • 9 Siehe dazu Ulrike Draesner: „Itinerar durchs koloniale (k)erbenfeld“. In: Ausblicke von meinem indi (...)

6Dieser Indiendiskurs bereitete den Boden für die Reiseliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts. Er hat, dank neuer geographischer Annäherungsmöglichkeiten, wie der 1869 erfolgten Eröffnung des Suezkanals, Indien aus dem Bereich des Fernen, Unerreichbaren geholt und zu einer fassbaren, zugänglichen Welt gemacht. Diese Phase der Indienbeschäftigung begann mit der Schopenhauerschen Annahme der indischen Welt der Askese, der Heiligen, der Weltverneinung und hatte die Befreiung vom Egoismus zum Ziel8. Die Indienreise begann zum Mittel der Selbstsuche zu werden. Der Reisebericht als literarische Gattung bildete ein anspruchsvolles Ausdrucksmittel für die Indienbegeisterung der deutschen Schriftsteller. Auch die gegenwärtigen Indienschriften kommen immer wieder zurück zu diesem Themenkomplex der Selbstsuche bzw. Selbstfindung9.

  • 10 Vgl. Anil Bhatti: „Der deutsche Indiendiskurs. Ambivalenzen im deutschen Orientalismus des 19. Jahr (...)

7Das Hauptanliegen dieses Beitrags ist die Erörterung der Verbindung der gegenwärtigen deutschen Indienperspektive in dem vorliegenden Roman mit der alt- und neuromantischen Indienvorstellung und zugleich die Ortung der Abweichungen von der damaligen Indienkonstruktion, die ihr eigenes Programm haben. Dabei gehe ich davon aus, dass die romantische Tradition in ihrer literarischen und kulturellen Eigenart von dem durch Edward Said definierten orientalistischen Ansatz geprägt ist, dessen Bildungsideologie von Anil Bhatti als „kompensatorischer Kolonialismus“ bezeichnet wird10.

8Todd Kontje führt die Diskussion weiter, indem er mehrere Arten des deutschen Orientalismus unterscheidet. Er beschreibt seinen Ansatz als Untersuchung der symbolischen Geographie in der deutschen Literatur:

  • 11 Todd Kontje: German Orientalisms. Michigan 2004, S. 1. Dazu auch Lakshmi Kapani: Schopenhauer et la (...)

It is one thing to say that Germany lies in central Europe and another when Thomas Mann says that Germany is das Land der Mitte‘, that must find a balance between Western rationalism and Eastern mysticism. Geography [… dwells in the realm of facts; symbolic geography […] is the province of the literary imagination11.

9Die religiös-philosophisch getönte Beschäftigung mit Indien verläuft über die unvermeidbaren Themen wie Karma, Dharma und Wiedergeburt. Damit wird die Reise endgültig zur Metapher. Aus dieser Annäherungsart entwickelt sich ein eigenes Genre, wenn die Motive ‚Zuflucht‘, ‚Fernweh‘, ‚metaphysische und physische Entgrenzung der Horizonte‘, ‚Unendlichkeit und Unerreichbarkeit‘, ‚Gebrauch der Fremde‘ usf. als ‚Projektionsflächen des Selbst‘, mal autobiographisch, mal fiktional angelegt werden. So lässt sich erklären, warum die meisten Autoren das Thema Indienbegegnung durch autobiographisches Erzählen oder aus der Perspektive eines fiktionalen Reisenden bewältigen.

  • 12 Für eine eingehende Analyse der Reiseperspektiven von Bonsels und Keyserling siehe Ganeshan (Anm. 1 (...)

10Als Teil der Reiseliteratur betrachtet, bietet der Roman Schwester und Bruder Vergleichsmöglichkeiten mit dem Indienbild bedeutender deutscher Indienfahrer wie etwa Waldemar Bonsels und Graf Hermann Keyserling12.

II. Das ‚erlebte‘ Indien: Bestätigung des erdachten Mythos oder enttäuschende Indienbilder (Grass, Winkler u. a.)

11Die gegenwärtige Beschäftigung mit Indien kennt ebenfalls Motive wie Flucht und Verdruss vor der europäischen Welt. Sie wird auch als ein Versuch des Zu-sich-selbst-kommens verstanden.

  • 13 Günter Grass wurde für die von ihm in Zunge zeigen (1988) eingeführten Begriffe wie ‚Müllkinder‘ un (...)

12Die neue Indienbeschäftigung kreist um andere Themen, wie etwa Elend und Ekel, Dreck und Drogen, Mist, Müll, und ‚Müllkinder‘, Tod, ‚Totschläfer‘13 und Todesrituale, Karma und Kasten, Bettler und überfüllte Busse, ‚Hitze und Staub‘, ‚Schwüle, Schlaf und Schweiß‘ – um nur die am häufigsten vorkommenden Themenkomplexe zu nennen. Die Indienbücher von Günter Grass, Joseph Winkler, Ingeborg Drewitz, Martin Mosebach u.a. unterstreichen den gegenwärtigen Trendwechsel, der sich von der Romantik abhebt. Mit seinem auffällig unterschiedlichen Stil ließe sich auch Hubert Fichte diesem Trend zuordnen. Man kann beobachten, wie die ‚Blaue Blume‘ im Laufe der Zeit unter den Anschlägen des ‚India Blues‘ verwelkt ist.

  • 14 Kade-Luthra (Anm. 1), S. 35.

13Diese Europaflüchtlinge waren überzeugt, dass die Lösungen ihrer europäischen Probleme nicht anderswo zu finden waren. Sie betrachteten Indien eher als einen Ort, „der Erlösung von Europa verspricht, und der wieder zurück nach Europa treibt“14.

  • 15 Ebd.

14Wahrscheinlich bot Indien ihnen die analytische Distanz zum Gegen­stand und eröffnete einen Raum, mehr über sich selbst und über Europa nachzudenken als über Indien und ihre unmittelbaren indischen Erfahrungen. Was das Indienbild der Romantiker von dem der gegenwärtigen ‚Indienfahrer‘ unterscheidet, ist die Tatsache, dass das erdachte Indien jener Phantasie ausschließlich im Reich des Denk- und Begehrbaren geblieben ist. Dafür treten die Schnittstellen des erlebten Indiens bei den gegenwärtigen Indienschriften vor, um das Selbst von dem Fremden auseinanderzuhalten. In diesem Sinne ist die heutige Indienbeschäftigung europagebunden, wenn nicht sogar ausschließlich eurozentrisch. Veena Kade-Luthra kann man nur zustimmen, wenn sie sagt: „Der Name Indien sagt […] mehr über europäische Träume, Unzufriedenheiten und die Suche nach alternativen Welten aus als über die Realität Indiens“15.

III. Zum Roman Schwester und Bruder

  • 16 Sie erhielt für den Roman Schwester und Bruder den Rolf-Dieter Brinkmann Förderpreis der Stadt Köln (...)

15Ulla Lenze gehört zur jüngsten Generation (geboren 1973 in Mönchengladbach) deutscher Autoren, die ihre schriftstellerischen Anreize in Indien, an seinen mythischen Begebenheiten, an dem Verflochtensein der ‚zerfallenen‘ Realität und der das Glück jenseits dieser Realität versprechenden Spiritualität, suchen. Sie studierte Schulmusik und Philosophie in Köln und lebte insgesamt anderthalb Jahre in Indien, wo sie vermutlich den Stoff für ihren Debütroman Schwester und Bruder gefunden hat, für den sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden ist16.

16Der Roman Schwester und Bruder schwankt zwischen zwei Weltzugängen – Martha, die Schwester, vertritt den rationalen und Lukas, der Bruder, den emotional-spirituellen Typ. Einerseits ist eine starke Anlehnung an die romantische Tradition deutlich erkennbar, andererseits offenbart sich bei näherem Hinsehen eine Reihe von Abweichungen vom romantischen ‚Programm‘.

17Er erzählt die Geschichte eines Geschwisterpaares mit jeweils kurzer, aber intensiver Indienerfahrung. Martha und Lukas, Kinder eines Altphilologen in Deutschland, kommen aus einer sehr bürgerlich gesinnten Familie, in der die Mutter in ihrem hausfraulichen Dasein kein Verständnis für die langen Hippie-Haare ihres Sohnes und dessen Vorliebe für stundenlanges Gitarrenspielen hat, obwohl er eigentlich nicht die radikalen Züge eines typischen Hippie verkörpert, also z. B. keine Rastalocken, Tattoos oder Piercings trägt. Als fleißige Jurastudentin ist die Schwester eher eine Streberin und versucht sich in ihrer Artigkeit und ihrem Gehorsam ihren Eltern als das bessere Kind darzustellen. Wie ihre Mutter betrachtet sie die Musik ihres langhaarigen Bruders als ‚Krach‘ und wäre froh, wenn er sich die Haare schneiden ließe.

  • 17 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 139.

18Der Bruder soll die Tür öffnen, der Bruder soll etwas anderes machen als Krach, der Bruder soll sich verdammt noch mal die Haare schneiden lassen, man sieht ja sein Gesicht nicht mehr! Die Mutter hat Recht17.

19Im Vergleich zu seiner Schwester kommt der Bruder als ein Aussteiger daher, und der Leser kann die versteckten Spannungen und Reibungen zwischen den Geschwistern ahnen. Der Bruder drückt seinen Verdruss der westlichen Gesellschaft gegenüber hemmungslos aus und betrachtet seine Indienreise als eine potentielle Lösung für seine verdrängten Ängste und Unsicherheiten. Er kehrt nach einem Jahr in Indien nach Deutschland zurück und ist voller aufregender und erregt vorgetragener Geschichten über seine Indienerfahrung, die eine Mischung aus Abenteuer und mystischen Geschehnissen sind. Er sei auf dem Weg nach Goa einem Wandermönch ohne Augen begegnet, und in dem Moment habe er das eigenartige Gefühl gehabt, dass dies der Beginn einer geheimnisvollen Reise ist, die ihm das wahre Glück im Leben verspricht. Er erzählt weiter von seinem Erfolg, den Bannfluch gebrochen, einen britischen Kolonialoffizier nach Hindu–Riten eingeäschert und seine Asche nach Tibet, zum heiligen Berg Kailash, gebracht zu haben, damit seine Seele ewige Ruhe finden könne. Wie selbstverständlich vertraut er der Aussage des Wandermönchs, den er in Benares wiedertrifft, dass er in einer seiner früheren Inkarnationen eben dieser Offizier gewesen sei. Auf dem Wege wandelt sich Lukas in einen Mönch, lässt sich die Haare scheren, kleidet sich in ein safranfarbenes Gewand und fühlt sich zu Hause. Er erzählt auch von einem erotischen Abenteuer, in dem er, vermutlich im Namen des Glaubens, einer Frau beigewohnt habe, um als der Leihvater ihres Kindes zu gelten.

  • 18 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 10.

20Nach seiner Rückkehr nach Deutschland bleibt er besessen von seiner Indienerfahrung. Schließlich wird er krank und erblindet, obwohl die Ärzte keine physiologischen Gründe diagnostizieren können und die Krankheit als ein Konversionssymptom einstufen. Als einzige Heilungsmöglichkeit nennt Lukas die Rückkehr nach Indien. Er ist sich sicher, dass das Wunder geschehen wird, er braucht nur einen Begleiter, der ihn durch Indien führt, bis er seinen Guru, den Wandermönch mit „leeren Augenhöhlen“ und „lilagrauen Schatten“18 wiederfindet. Martha, die Schwester kapituliert nur widerwillig, erklärt sich schließlich aber bereit, ihre schwesterliche Fürsorge tatkräftig zu beweisen und fährt mit Lukas nach Indien. Eine Reihe überwältigender Geschehnisse bietet den Geschwistern die Chance ihres Lebens, durch ihre Begegnung mit einer fernen und fremden Welt auch ihre eigene, gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten.

  • 19 Martin Halter: „Mit Augen beschenkt. Hänsel und Gretel in Indien: Ulla Lenzes wunderbarer Debütroma (...)

21Eines Tages geht Lukas verloren und Martha verläuft sich und landet bei einem mit Deutschland vertrauten, deutschsprachigen indischen Arzt. Er habe in Deutschland studiert, wollte aber seinen Landesleuten medizinische Dienste leisten und die Ärmsten der Armen kostenlos behandeln. Deshalb sei er nach Indien zurückgekehrt. Martha wird dort von ihm und seiner Frau mit elterlicher Liebe und Gastfreundschaft aufgenommen, bis der Bruder wiedergefunden wird. Da ist das Wunder schon geschehen: Er kann wieder sehen. Wenn ein kompletter Gesinnungswandel einem Wunder gleichen kann, dann hat auch Martha ein Wunder erlebt. Ihre rationale Skepsis und überkritische Indiensicht haben sich ins Positive gewandelt. Nach einer Wiederannäherung treffen sich die Geschwister bei einem deutschen Pfarrer in einer indischen Kirche und erklären sich zur Heimatreise bereit. Auf den ersten Blick scheint es wie das volle Programm eines Rucksack-Hippies: „Haschisch rauchen, Mantras raunen mit komischen Heiligen, rituelle Bäder im Ganges, einfach leben an den Graswurzeln der Dritten Welt“19.

  • 20 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 10.

22Die Geschwister vertreten zwei verschiedene Weltzugänge und es liegt auf der Hand, dass der Bruder durch seinen emotionalen Weltzugang Spiritualität und Religiosität zu seinen Prioritäten macht, während die Schwester durch ihren rationalen Weltzugang den Gegenpol eines nüchternen und überkritischen Blicks bildet. Ulla Lenze webt mit Bedacht einen Teppich komplexer Figurenkonstellationen. Der Bruder und die Schwester schaffen durch ihre Erzählungen mehrere Erzählebenen, die von Traum, gegenwärtiger Wirklichkeit, Gewissensbissen aus der Vergangenheit, krummen sowie geraden Kindheitserinnerungen bis hin zu Weissagungen und mystischen Erfahrungen fortschreiten. Lukas gleicht einem leichtsinnigen Schwärmer, der sich durch den vermeintlich „aufdringlichsten“20 Blick des blinden Swamis durch das ganze Land treiben lässt. Man kann kaum ein passenderes Zitat finden, das die Unruhe Lukas’, seine Unfähigkeit, sich nach seiner Rückkehr aus Indien wieder in Deutschland zurechtzufinden, ausdrückt, als das des oft zitierten ‚Plädoyers‘ Max Dauthendeys an Fernreisende:

  • 21 Max Dauthendey: Geschichten aus den vier Winden. München 1921, S. 43-47.

Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit zieht dir aber Grenzen, die du nie mehr loswerden wirst.21

  • 22 Kamath (Anm. 5), S. 157.

Lukas’ Reiselust trägt Züge der mystisch-spirituell-religiös gefärbten Reiseer-fahrungen und Beschreibungen von Waldemar Bonsels und Graf Hermann Keyserling. Selbstverständlich schaffen die Philosophen einen wissenschaftlich notwendigen Abstand, eine Art analytische Distanz zum Gegenstand ihres Begehrens, was von einer fiktiven Figur nicht zu erwarten ist. Aber, ähnlich wie Bonsels, glaubt Lukas, die Geschichten aus Indien seien nicht als Geschichten zu erzählen, man müsse sie vielmehr selbst erleben. Indien sei ein mystisches Geheimnis, dass man weder beschreiben noch darstellen könne: es kann nur nachempfunden werden22.

23Eine wichtige Abweichung lässt sich hier jedoch sichtbar machen. Wenn Leute wie Bonsels, Dauthendey und Keyserling in Indien mit der Seele nach einer östlichen Weisheit gesucht haben, und zwar mit der gesicherten Annahme, nur so fände man Glück und Erlösung, so hatten sie gleichwohl kein konkretes Programm zur Selbstfindung. Ihnen war es nicht wichtig, dass ein sichtbarer Wechsel in ihrem Paradigmensystem zu Stande kam. Die Suche nach ewigen Werten und einer erleuchtenden Erkenntnis war für sie eher ein akademisches Unterfangen.

  • 23 Martin Halter (Anm. 19), S. 36.

24Die gegenwärtige Indienrezeption hat ein präziseres Ziel. Ulla Lenze verbindet durch ihre Themen- und Figurenkonstellationen individuelle Schicksale mit gesellschaftlichen Fragestellungen. Die Europamüdigkeit eines Indienfahrers im vorletzten Jahrhundert war durch seinen Anti-Rationalismus gekennzeichnet. Heute sieht es einigermaßen anders aus. Der Indienfahrer versucht heute die Indienreise als ein Selbsthilfeprogramm zu betrachten. „Der zivilisationsmüde Europäer der Neuzeit […] sucht in Indien das Vergessen: Selbstfindung durch Ichverlust, Erkenntnis des Eigenen im absolut Fremden“23.

  • 24 Gerhard Vontra: Sehreise nach Indien. Mit einer Beschreibung von Ruth Kraft. Berlin 1975.

25Die Entsagung wird hier zum Leitmotiv. In der bisherigen Reiseliteratur galten der Fotoapparat oder mindestens Zeichnungen als legitimes Mittel zur visuellen Darstellung des Fremden. Fotos von Tempeln, halbnackten Kindern, Kühen mitten auf der Straße, Müllhaufen usw. gehörten zur Dokumentation der Reiseerlebnisse. Vom bayerischen Kronprinzen Ruprecht bis Günter Grass benutzten die heutigen Autoren visuelle Dokumentation, um die Vielfalt der „Sehreise nach Indien“24 auszudrücken.

26Lukas’ Entsagungsakt fällt daher regelrecht ins Auge: er verschenkt seine Kamera, als ob er seine Abneigung gegen die Wohlstandsgesellschaft demonstrativ darstellen wollte. Der Roman schwankt zwischen den klassischen Genres der religiösen Parabel und des Reiseberichts. Er behandelt östliche sowie westliche Religiosität im gleichen Atemzug mit der existentiellen Leere der Konsumgesellschaft. Deshalb ist die Rezeption dieses Romans in Deutschland verständlich, wo man ihn mit einem ‚modernen Märchen‘ vergleicht,

  • 25 Jörg Plath: „Beischlaf im Dienst des Glaubens“. In: Frankfurter Rundschau vom 8.10.2003 (http://www (...)

von zweien, die auszogen, einander wiederzufinden, zugleich [aber als] ein metaphysisch angehauchtes Roadmovie [versteht], mit den obligatorischen […] Ausführungen zu Karma, Dharma und Wiedergeburt.25

27Durch die Schwester Martha mit ihrem skeptischen Blick und ihrer durch keine diplomatischen Hemmungen gebremsten Erklärung den einheimischen Gastgebern gegenüber („Ihr Land interessiert mich nicht!“) wird ein Gegengewicht geschaffen, damit der Roman durch die mystisch-spirituell angehauchten Schwankungen des Bruders nicht einseitig in einen Seelentrip rutscht.

28Ganz konkret, auf der Ebene der individuellen Schicksale der Romanfiguren, bleibt der Roman bei seiner programmatischen Verklärung einer ‚Selbstfindung in Indien‘, indem die Hauptfiguren ihre gemeinsame Vergangenheit aufarbeiten und die Unannehmlichkeiten ihrer Kindheitserinnerungen durch eine neu erworbene Reife und einen Akt des Verzeihens hinter sich bringen.

IV. Das Wundermotiv

  • 26 Adivasis sind Ureinwohner besonders der waldreichen und bergischen Land­schaften Maharashtras, die (...)

29Das Wundermotiv am Ende bildet den Höhepunkt der Erzählung. Der Bruder wird nach langer Zeit von Adivasis26 wiedergefunden und er hat seine Sehkraft zurückerlangt, auch wenn er seinen augenlosen Guru nicht getroffen hat. Das eigentliche Wunder ist die innere Ruhe, die er wiederentdeckt hat. Er erlebt Momente des ‚wahren Glücks‘. Sein Versuch sich von der Vergangenheit loszulösen, ist ihm gelungen.

  • 27 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 38.

Die Eindrücke zogen durch mich hindurch, als sei ich Luft. Da war nicht dieser Zwang, etwas festzuhalten, zu verstehen oder abzulehnen. Das Gefühl jemand zu sein, war verschwunden. Jemand, der eine Geschichte hat, eine bestimmte Vergangenheit. Als wäre ich gestorben. Ich war auf einmal frei. Und da erinnerte ich mich plötzlich wieder an das, was der Mann ohne Augen zu mir gesagt hatte. Er hatte vom Selbst gesprochen, das ewig ist und unzerstörbar und sich die Inkarnationen wie verschiedene Gewänder überstreift und beim Tod wieder ablegt. Man kann sich schon zu Lebzeiten von diesen Gewändern lösen, wenn man ihre Unwirklichkeit durchschaut und das Selbst dahinter erkennt.27

  • 28 Nach der Reinkarnationslehre des Hinduismus nimmt der Körper nach dem Tod nur eine andere äußere Ge (...)
  • 29 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 208.

Kaum hat man diese Zeilen ganz zu Ende gelesen, muss man unwillkürlich an das berühmte Zitat aus der heiligen Schrift Bhagwad Gita und dessen Wirkung auf die durch das Sanskritstudium ‚verzauberten‘ Gelehrten wie Friedrich Schlegel und Friedrich Rückert denken28. Mrs Walupalli, die Ehefrau des deutschsprachigen indischen Arztes, gibt es dem ‚neugeborenen‘ Lukas als guten Rat mit auf den Weg: „Sie könnten ein Gelehrter werden. Sie könnten die alten Sprachen studieren und die alten Schriften. Der Westen kann die Weisheit des Osten gebrauchen“29.

30Der Roman hat mit Figuren wie dem Chauffeur Viju oder Mrs. Walupalli mehrere Schnittstellen, um den philosophischen Diskurs über Indien zu erörtern. Die Gespräche dieser Figuren mit der Ich-Erzählerin schließen auch den europäischen Standpunkt ein.

  • 30 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 206.
  • 31 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 198 ff.

31Mrs. Walupalli bestätigt am Ende das Wunder für die Leser, indem sie Lukas Komplimente macht, dass er zu sich selbst gekommen ist: „[…] nun bin ich beruhigt. Sie sind fürsorglich und denken nicht nur an Ihr eigenes Glück“30. Sie weiß, was den Westen daran hindert, eins mit dem spirituellen Selbst zu sein: „[…] der Westen neige zum Pathos […]. Seine Egozentrik stehe ihm im Weg […]“31. Seinerseits hat die todesnahe Erfahrung mit der mysteriösen Blindheit und dem Verschollensein unter fremden Menschen Lukas die Wahrheit offenbart.

32Im Roman werden in großem Umfang indische Ausdrücke wie Swami, Guru, Mantra, Ektar, Mahasamadhi u. a. aus der spirituellen Sphäre unübersetzt übernommen. Mit derselben Leichtigkeit übernimmt die Autorin Wörter wie Chai und Samosa aus der profanen Alltagssprache. Sie kann sich die unterschiedlichen Namen der Sprachen und deren Schriften nicht merken. Für sie steht auf einem Kalender der Name Bank of Maharashtra in der Hindi-Schrift, wobei sie sich eigentlich in dem marathisprachigen Bundesstaat Maharashtra befindet und die Schrift Devanagari heißt. Das steht mit dem beschränkten Interesse der Protagonistin Martha im Einklang. Sie deklariert schließlich bereits zu Beginn, dass sie sich für Indien gar nicht interessiere.

  • 32 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 198.

33Der Roman kann insgesamt als ein Versuch betrachtet werden, die komplexe orientalische Spiritualität gegen den eher schlichten westlichen Rationalismus auszuspielen und damit das Abendland für unfähig zu erklären, „den göttlichen Funken im Menschen“32 zu erkennen.

34Durch die Figur des deutschen Priesters namens Altrichter gibt es eine fromme, westliche Stimme, der es überlassen wird die Überlegenheit der indischen, spirituellen Denkweise den deutschen Protagonisten des Romans und vor allem dessen deutschsprachigen Lesern zu bestätigen. Er selbst scheint von den religiösen Einsichten der Hindus sehr beeindruckt zu sein. Wie man dem überwiegenden Teil der Werke des aktuellen deutschen Indiendiskurses leicht entnehmen kann, machen die Autoren keinen bewussten Versuch, auf die religiöse Vielfalt in Indien einzugehen: Schwester und Bruder ist da keine Ausnahme. So werden die Bezeichnungen ‚Inder‘ und ‚Hindus‘ als identisch verwendet. Der egozentrische Skeptizismus des Westens sei seines Erachtens ein großes Hindernis für die Abendländer, ihre Selbstfindung zu realisieren. Er erklärt den Geschwistern:

  • 33 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 198.

Für den Westen sei Christus die Ausnahme, für den Osten die Regel […]. Das Reich Gottes ist in euch sei immer schon ein Wissen der Hindus gewesen, Jesus einer von ihnen, es sei hier nichts Erschreckendes, wenn einer dem da oben zum Abbild werde.33

  • 34 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 198.

Die radikale Veränderung in der Denkweise Marthas ist einerseits ein Mittel die Überlegenheitsthese der Spiritualität Indiens und deren Überzeugungskraft darzustellen. Dies zeigt sich, wenn die Schwester in einer Kirche zusammen mit Lukas wie eine voll überzeugte Gläubige betet und sich bekreuzigt, als ob sie vor den Argumenten des deutschen Paters kapituliert. Andererseits wird Lukas als jemand präsentiert, der die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass das Abendland noch gerettet werden kann. Er versucht dem Pater zu erklären, dass die Abendländer trotz ihrer Egozentrik „den göttlichen Funken im Menschen“34 wiederentdecken werden. Seine Schwester sei ein Beispiel dieser Hoffnung. Er sagt,

  • 35 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 199.

[das egozentrische Denken eines Westlers] ist nicht schlicht und selbstverständlich. Warum machen Sie es klein? Es ist etwas Großes. Und dass wir Abendländer den Boden unter den Füßen verlieren, wenn es passiert, ist doch verständlich. Aber wir finden ihn wieder. Fragen Sie meine Schwester.35

  • 36 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 214.

35Das Augenmerk des Lesers wird nicht ausschließlich auf das Selbstfindungsprogramm der Protagonisten gerichtet. Obwohl der Roman in seinem narrativen Stil und seinem Stoff weitgehend von anderen gegenwärtigen Indienromanen (Mosebach, Winkler) dadurch abweicht, dass er die Darstellung Indiens nicht auf die Darstellung von ‚Dreck-Elend-Zerfall-Chaos‘ beschränkt, kann er auf diese Merkmale auch nicht ganz verzichten. Man findet doch irgendwann einen Wagen geparkt zwischen einem „Elefanten und einer Autorikscha“, die Bahnhofshalle sieht „barackenartig“ aus, den unausweichlichen Gestank am Bahnhof, einen in einer Ecke ‚kackenden‘ Jungen und einen an seinem Hintern schnuppernden Hund.36 Daraus wird verständlich, warum der WDR in der Werbung auf dem Einband des Buches das Buch als „widersprüchlich funkelnd und herb wie das Land, von dem dieses Buch berichtet“, beschreibt.

  • 37 Dieses Zitat gilt als das Motto des Reisetagebuchs von Keyserling (1918). Hermann Graf Keyserling: (...)

36Ehe die inzwischen oft zitierten Worte von Graf Hermann Keyserling etwa von Reisegesellschaften zum kommerziellen Slogan des Spiritual-Tourismus auserkoren werden, will ich mit ihnen ernsthaft die Moral dieses ‚modernen Märchens‘ zusammenfassen: „Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum“37.

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Notes

1 Veena Kade-Luthra führt die Begriffe des ‚erdachten‘ und des ‚erlebten‘ Indiens ein, um in erster Linie zwischen dem Mythos Indien und der Indienbeschäftigung durch direkten Kontakt mit dem Land zu unterscheiden. Siehe Veena Kade-Luthra: Sehnsucht nach Indien. Ein Lesebuch von Goethe bis Grass. München 1993. Siehe auch dazu Vridhagiri Ganeshan: Das Indienbild deutscher Dichter um 1900: Dauthendey, Bonsels, Mauthner, Gjellerup, Hermann Keyserling und Stefan Zweig. Bonn 1975. Michel Hulin/ Christine Maillard (Hgg.): L’Inde inspiratrice. Réception de l’Inde en France et en Allemagne (xixe-xxe siècles). Strasbourg 1996 . Horst Turk/ Anil Bhatti (Hgg): Kulturelle Identität, Deutsch-indische Kulturkontakte in Literatur, Religion und Politik. Berlin 1997. Marc Cluet (hg.): La Fascination de l’Inde en Allemagne 1800-1933. Rennes 2004. Andrea Polaschegg: Der andere Orientalismus. Regeln deutsch-morgenländischer Imaginationen im 19. Jahrhundert. Berlin/ New York 2005 (beschäftigt sich nicht mit Indien, sondern mit Vorstellungen vom Orient allgemein). Christine Maillard: L’Inde vue d’Europe. Histoire d’une rencontre(1750-1950). Paris 2008. Winfried Eckel/ Carola Hilmes/ Werner Nell (Hgg.): Indienbilder in der deutschen und europäischen Literatur des 18. und des 20. Jahrhunderts. Tübingen 2008. Pascale Rabaut-Feuerhahn : L’Archive des origines. Sanskrit, philologie, anthropologie dans l’Allemagne du xixe siècle. Paris 2008.

2 J. W. Goethe: West-östlicher Divan. Aus dem Nachlass. In: Johann Wolfgang von Goethe. Werke, Kommentare und Register (HA). Hg. von Erich Trunz. Hamburg 1949 ff., Bd. 2, S. 121. Siehe auch dazu Christine Maillard: „Indomanie um 1800: ästhetische, religiöse und ideologische Aspekte“. In: Michael Hofmann/ Charis Goer: Der Deutschen Morgenland. Indienbilder in der deutschen Kultur und Literatur. München 2008, S. 67-84.

3 Ulla Lenze: Schwester und Bruder. München. 2006.

4 Heinrich Heine: Die Romantische Schule. Sämtliche Schriften in zwölf Bänden. Hg. von Klaus Briegleb. München 1971, Bd. 3, S. 403.

5 Vgl. Rekha Kamath: „Indien mit der Seele suchend – Deutsche Indienreisende der frühen Moderne“. In: German Studies in India. Aktuelle Beiträge aus der indischen Germanistik/ Germanistik in Indien. München 2006, S. 153-170. Siehe außerdem zusätzliche Titel aus den Anm. 1 und 2.

6 Siehe zu diesem Zeitraum René Gérard: L’Orient et la pensée romantique allemande. Paris 1963. Douglas Mcgetchin/ Peter K. J. Park/ Damodar Sardesai (Hgg.): Sanskrit and ‘Orientalism’. Indology and Comparative Linguistics in Germany, 1750-1958. New Delhi 2004. Karl S Guthke: „Benares am Rhein – Rom am Ganges. Die Begegnung von Orient und Okzident im Denken A. W. Schlegels“. In: Jahrbuch des Freien deutschen Hochstifts 1978, S. 369-419. Wilhelm Halbfass: „Hegel, Schelling, Schopenhauer und Indien“. In: Zeitschrift für Kulturaustausch 37 (1987), 3. Vj.: Utopie – Projektion – Gegenbild, S. 424-432. August Wilhelm Schlegel: Geschichte der romantischen Literatur. In: AWS, Kritische Schriften und Briefe, Edgar Lohner (Hg.). Stuttgart 1965. Friedrich Schlegel: Über die Sprache und Weisheit der Indier. Ein Beitrag zur Begründung der Alterthumskunde. Heidelberg 1808. Josef Görres: Mythengeschichte der asiatischen Welt. Heidelberg 1810.

7 Siehe dazu René-Marc Pille : « À la fracture du classicisme et du romantisme : l’Inde, sujet de discorde entre Goethe et Friedrich Schlegel ». In : La Fascination de l’Inde en Allemagne 1800-1933, Marc Cluet (Hg.), Presses universitaires de Rennes. Rennes 2004, S. 25-46.

8 Siehe dazu Lakshmi Kapani: Schopenhauer et la pensée indienne. Similtudes et différences. Paris 2011.

9 Siehe dazu Ulrike Draesner: „Itinerar durchs koloniale (k)erbenfeld“. In: Ausblicke von meinem indischen Balkon. Neue Reisen deutscher Schriftsteller nach Indien, hgg. v. Martin Kämpchen u. Marla Stukenberg. Bremerhaven 2002, S. 79-90. Ulrike Draesner: „Hey man, calm down!“ In: Ausblicke von meinem indischen Balkon. Neue Reisen deutscher Schriftsteller nach Indien, hgg. v. Martin Kämpchen u. Marla Stukenberg. Bremerhaven 2002, S. 154-157. Ingeborg Drewitz: Mein indisches Tagebuch. Stuttgart 1983. Hubert Fichte, (1978), Günter Grass (1980, 1987, 1988), Felicitas Hoppe: „Fakire und die Flötisten“. In: Ausblicke von meinem indischen Balkon. Neue Reisen deutscher Schriftsteller nach Indien, hgg. v. Martin Kämpchen u. Marla Stukenberg. Bremerhaven 2002, S. 92-99. Helge Timmerberg: Shiva Moon. Eine Reise durch Indien. Hamburg 2008. Ilija Trojanow: An den inneren Ufern Indiens. Eine Reise entlang des Ganges. München / Zürich 2006.

10 Vgl. Anil Bhatti: „Der deutsche Indiendiskurs. Ambivalenzen im deutschen Orientalismus des 19. Jahrhunderts“. In: German Studies in India. Aktuelle Beiträge aus der indischen Germanistik/ Germanistik in Indien. München 2006, S. 23-38. Dazu auch René-Marc Pille : « À la fracture du classicisme et du romantisme : l’Inde, sujet de discorde entre Goethe et Friedrich Schlegel ». In : Marc Cluet (note 7), S. 25-46.

11 Todd Kontje: German Orientalisms. Michigan 2004, S. 1. Dazu auch Lakshmi Kapani: Schopenhauer et la pensée indienne. Similitudes et différences. Paris 2011.

12 Für eine eingehende Analyse der Reiseperspektiven von Bonsels und Keyserling siehe Ganeshan (Anm. 1) und Kamath (Anm. 5).

13 Günter Grass wurde für die von ihm in Zunge zeigen (1988) eingeführten Begriffe wie ‚Müllkinder‘ und ‚Totschläfer‘ in zahlreichen Zeitschriftenartikeln und in den einschlägigen literarischen Feuilletons in Indien wie in Deutschland heftig kritisiert. Mit der Bezeichnung ‚Müllkinder‘ meint er die Strassenkinder, die in den öffentlichen Müllcontainern den Müll sortieren und als ‚Totschläfer‘ bezeichnet er die obdachlosen Menschen, die auf den Straßen Kalkuttas wie Leichen schlafen.

14 Kade-Luthra (Anm. 1), S. 35.

15 Ebd.

16 Sie erhielt für den Roman Schwester und Bruder den Rolf-Dieter Brinkmann Förderpreis der Stadt Köln, den Jürgen Ponto-Preis für das beste Romandebüt 2003 und beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb 2003 den Ernst Willner ­Preis.

17 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 139.

18 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 10.

19 Martin Halter: „Mit Augen beschenkt. Hänsel und Gretel in Indien: Ulla Lenzes wunderbarer Debütroman“. In: FAZ Nr. 229 (2.10.2003), S. 36.

20 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 10.

21 Max Dauthendey: Geschichten aus den vier Winden. München 1921, S. 43-47.

22 Kamath (Anm. 5), S. 157.

23 Martin Halter (Anm. 19), S. 36.

24 Gerhard Vontra: Sehreise nach Indien. Mit einer Beschreibung von Ruth Kraft. Berlin 1975.

25 Jörg Plath: „Beischlaf im Dienst des Glaubens“. In: Frankfurter Rundschau vom 8.10.2003 (http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/schwesterundbruder-r.htm). Letzter Zugriff 16.07.12.

26 Adivasis sind Ureinwohner besonders der waldreichen und bergischen Land­schaften Maharashtras, die auch heute noch fern aller Zivilisation leben.

27 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 38.

28 Nach der Reinkarnationslehre des Hinduismus nimmt der Körper nach dem Tod nur eine andere äußere Gestalt an, indem die unsterbliche Seele ihre ewige Reise fortsetzt. Die Verse aus Bhagwad Gita (Kapitel 2, Vers 22) lauten: „vāsānsi jirnāni yathā vihāya navāni grhnati naro parānti tathā sarirāni vihāya jirnāny anyāni samyāti navāni dehi“. (Wie ein Mensch ein abgenutztes Gewand durch ein neues ersetzt, auf ähnliche Weise gibt die Seele einen abgenutzten Körper auf und nimmt einen anderen an. [eigene Übersetzung]).

29 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 208.

30 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 206.

31 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 198 ff.

32 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 198.

33 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 198.

34 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 198.

35 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 199.

36 Ulla Lenze (Anm. 3), S. 214.

37 Dieses Zitat gilt als das Motto des Reisetagebuchs von Keyserling (1918). Hermann Graf Keyserling: Das Reisetagebuch eines Philosophen. Frankfurt am Main/ Berlin 1990.

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Pour citer cet article

Référence papier

Swati Acharya, « Der Himmel über Indien oder: Die Rückkehr des Wundermotivs in Ulla Lenzes Indienroman Schwester und Bruder »Recherches germaniques, 42 | 2012, 63-75.

Référence électronique

Swati Acharya, « Der Himmel über Indien oder: Die Rückkehr des Wundermotivs in Ulla Lenzes Indienroman Schwester und Bruder »Recherches germaniques [En ligne], 42 | 2012, mis en ligne le 05 février 2019, consulté le 12 septembre 2026. URL : http://journals.openedition.org/rg/530 ; DOI : https://doi.org/10.4000/rg.530

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Auteur

Swati Acharya

Department of Foreign Languages
University of Pune – India

swatimr@yahoo.com

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Droits d’auteur

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