Die Wirkungsgeschichte der Chymischen Hochzeit im Bereich neuer Rosenkreuzerorganisationen
Résumés
Aux xixe et xxe siècles se sont formées de nombreuses communautés rosicruciennes dans la mouvance de la théosophie et de la franc-maçonnerie de haut grade. Cette contribution distingue divers types d’organisations selon la direction choisie : magique (dans le contexte qui est celui des hauts gradés francs-maçons anglais et des martinistes français du xixe siècle, les Rose-Croix furent souvent considérés comme des adeptes de la haute magie), initiatique (l’Ordre de la Rose-Croix étant considéré aux États-Unis avant tout comme une école d’initiation aux secrets ésotériques), théosophique (dans le sillage de la Société théosophique) et gnostique (dans le Lectorium Rosicrucianum fondée par Jan van Rijckenborgh en 1935). Elle s’attache ensuite à l’interprétation des Noces Chymiques en tant que processus de transfiguration gnostique dans le Lectorium, puis à la révision des manifestes rosicruciens initiée par l’AMORC dans le sens d’une utopie sociale empreinte d’ésotérisme. L’article montre que la réception moderne des Noces Chymiques est très hétérogène et peut servir à justifier des aspirations et des représentations idéologiques opposés.
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Mots-clés :
Andreae, Noces Chymiques, Rose-Croix, organisations rosicruciennes, franc-maçonnerie, magie, initiation, ésotérisme, théosophie, doctrine gnostiqueKeywords:
Andreae, Chymical Wedding, Rosicrucianism, Rosicrucian Organizations, freemasonry, magic, initiation, esotericism, theosophy, gnostic doctrineSchlagwortindex:
Andreae, Chymische Hochzeit, Rosenkreuz, Rozenkreuzerorganisationen, Freimaurerei, Magie, Initiation, Esoterik, Theosophie, gnostische ErlösungslehrePlan
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1Die Reaktionen auf die Rosenkreuzer-Grundschriften (Fama Fraternitatis, Confessio Fraternitatis und Chymische Hochzeit) lassen sich grob in drei Phasen einteilen:
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Die Suche nach den Rosenkreuzern als unmittelbare Reaktionen im 17. Jahrhundert
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Die Entstehung von organisierten Rosenkreuzergruppen im Rahmen der Hochgradfreimaurei (Orden der Gold- und Rosenkreuzer) im 18. Jahrhundert
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Die Entstehung neuer Rosenkreuzergruppen ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Kontext von Theosophie und Esoterik. In dieser dritten Phase hat die Idee des Rosenkreuzertums eine erhebliche Breitenwirkung gewonnen. Zahlreiche Gruppen sind entstanden. Diese stehen miteinander in Konkurrenz, denn sie alle beanspruchen, auf ihre Weise das „wahre“ und ursprüngliche Rosenkreuzertum zu verkörpern.
Typen und Richtungen
- 1 Ausführlicher dazu: Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. Göttingen 2003 (KKR 45). Har (...)
2Die Vielfalt dieser Gruppen lässt sich in vier Hauptrichtungen oder Typen sortieren1. Zwischen diesen Gruppen gibt es keine scharfe Trennung, sondern Grauzonen und Übergangsbereiche. Gemeinsam ist allen Gruppen, dass es ihnen eigentlich nicht darum ging, die historischen Wurzeln des Rosenkreuzertums exakt zu erforschen. Vielmehr lässt sich sehen, dass in allen Gruppen jeweils das eigene religiös-philosophische Konzept mit dem Begriff der Rosenkreuzer verbunden wurde.
Rosenkreuzer im Zeichen der Magie
- 2 Ein Beispiel für eine heute aktive Repräsentanz: < www.sria.info> [16.8.2017].
31865 wurde in London die Societas Rosicruciana in Anglia (S.R.i.A.) gegründet. Sie hat in den folgenden Jahren Ableger in vielen Teilen der Welt hervorgebracht. Sie ist ihrem Wesen nach ein freimaurerischer Zirkel, in dem Freimaurer zu gutem Essen und Gesprächen über Geheimwissenschaften und Mystizismus zusammenkommen2.
- 3 <www.rosae-crucis.net> [16.8.2017]. Weitere Gruppen dieser Richtung sind dargestellt in: Harald Lamprecht: (...)
4Manchen Mitgliedern genügte das nicht. So entstand 1888 in England als Ableger aus der Sociatas Rosicruciana der Hermetic Order of the Golden Dawn. Dessen Mitglieder waren mehr an praktischer Magie und der jüdischen Kabbala interessiert. Unter dem Einfluss von Aleister Crowley zerbrach der Orden. Er existiert aber bis heute in vielen Splittergruppen weiter, die sich auf seine Tradition berufen. Ein Beispiel dafür ist die Sodalitas Rosae Cruis & Solis Alati. Diese Gemeinschaft versteht sich als magischer, mystischer und alchemischer Orden in der westlichen hermetischen Tradition3.
- 4 Z.B. Traditional Martinist Order (TMO), Hermetic Martinist Order (HMO), Rose Croix Martinist Order, (...)
5In Frankreich kam es 1888 in Paris zur Gründung des Ordre Martiniste und im gleichen Jahr entstand daraus der Ordre Kabbalistique de la Rose-Croix. 1890 spaltete sich davon der Ordre de la Rose-Croix Catholique, du Temple et du Graal ab. Der Salon Rose+Croix von Josephin Péladan war ein beliebter Treffpunkt für Künstler und Schriftsteller. Bis heute gibt es verschiedene Rosenkreuzerorden, die sich auf diese Tradition der französischen Martinisten berufen4.
6Die Rosenkreuzer werden in all diesen Gruppen verstanden als Adepten der hohen Magie. Deren magische Fähigkeiten gelten als sehr weit fortgeschritten. Das jeweils eigene Suchen nach Naturerforschung und Naturbeherrschung auf magischem Weg wird mit der Erinnerung an das Rosenkreuzertum verknüpft.
Rosenkreuzer im Zeichen der Einweihung
- 5 Ausführlicher zu Randolph vgl. John Patrick Deveney: Paschal Beverly Randolph. A Nineteenth–Century (...)
7Den Beginn des modernen Rosenkreuzertums in Amerika markiert das Wirken von Pascal Beverly Randolph (1825-1875). Offenbar angeregt durch Kontakte Mitgliedern der Societas Rosicruciana in Anglia begann er, seine Aktivitäten als Rosenkreuzertum zu bezeichnen. Von Bedeutung ist sein Einfluss auf die Theosophische Gesellschaft, der auch in der starken Ähnlichkeit der Symbole von Randolphs H. B. of L. (Hermetic Brotherhood of Luxor / Light) und der Theosophischen Gesellschaft anschaulich wird5.
- 6 <www.soul.org> [17.8.2017].
8Im Bereich freimaurerischer Hochgradsysteme gibt es viel Konkurrenz. Darum versuchen manche Logen, mit Charterbriefen und Stiftungsurkunden ihre Legitimität zu bescheinigen. Wenn sie auf Papiere von regulären anerkannten Logen oder bedeutenden Großmeistern verweisen können, verschafft ihnen das einen Wettbewerbsvorteil. Dieses Prinzip finden wir auch im amerikanischen Rosenkreuzertum wieder: Reuben Swinburne Clymer (1878-1966) war Gründer der Fraternitas Rosae Cruis (FRC) und zahlreicher weiterer Organisationen. Er trat besonders mit dem Anspruch hervor, als einziger das „authentische“ Rosenkreuzertum in Amerika verbreiten zu dürfen. Dazu konstruierte er eine ununterbrochene Linie der Weitergabe einer Einweihungslinie von den alten Rosenkreuzern des 16. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert. Noch heute präsentiert sich die von ihm gegründete Organisation mit dem Anspruch, „die authentische Rosenkreuzerbruderschaft“ in Amerika zu sein6.
- 7 <www.amorc.org> [17.8.2017].
9Sein ärgster Konkurrent war Harvey Spencer Lewis (1883-1939). Dieser war mit seiner Ordensgründung unter dem Namen Antiquus Mysticus Ordo Rosae Cruis (AMORC)7 wirtschaftlich wesentlich erfolgreicher. Beiden gemeinsam ist die Auffassung, dass die Rosenkreuzer eine geheime Mysterienschule begründet hätten, die ununterbrochen bis in die Gegenwart bestanden hätte. Diese vermittle Einweihungen und in ihre Geheimnisse, die letztlich zu einem besseren und glücklicheren Leben verhelfen sollen.
Rosenkreuzertum im Kontext theosophischer Weltbetrachtung
- 8 Franz Hartmann: Im Vorhof des Tempels der Weisheit, enthaltend die Geschichte der wahren und falsch (...)
- 9 Franz Hartmann: Ein Abenteuer unter den Rosenkreuzern [1899]. Calw 1967, S. 30.
10In der Theosophischen Bewegung war das Rosenkreuzertum von Anfang an präsent. Bedeutende Theosophen haben sich mit dem Rosenkreuzertum identifiziert. Zu nennen ist Franz Hartmann (1838-1912), der in etlichen seiner Schriften auf das Rosenkreuzertum Bezug genommen hat. Für ihn bildet die okkulte Tradition an sich das eigentliche und ursprüngliche Rosenkreuzertum, das er folglich auch in den Grundgedanken der Theosophischen Gesellschaft wiederfindet. Der literarische Ursprung im 17. Jahrhundert ist ihm zwar bewusst, wie seine Zusammenfassung der Rosenkreuzer-Grundschriften zeigt8. Allerdings hat er kein spezifisches Interesse an den Inhalten dieser Schriften, weil er den Begriff der Rosenkeruzer einerseits als „Gattungsname, mit dem man alle Okkultisten, Adepten, Alchemisten, und und in der Tat jeden bezeichete, der im Besitz okkulter Kenntnisse war oder vorgab, es zu sein, und von dem man daher vermuten konnte, daß er mit den geheimen heiligen Zeichen der Rose und des Kreuzes vertraut sei“9 verstand. Andererseits bildeten die Rosenkreuzer in seiner Darstellung eine rein spirituelle Vereinigung wahrer Adepten, aber keine äußere Organisation. Ganz auf dieser Linie lag auch der theosophische Schriftsteller Demeter Georgievitz-Weitzer (1873-1949), alias Surya, dessen Roman Moderne Rosenkreuzer sehr erfolgreich war, in dem er Rosenkreuzertum, Theosophie und Lebensreformbewegung nahezu gleichsetzt, ohne auch nur den Versuch einer Anknüpfung an die Rosenkreuzerschriften zu unternehmen.
- 10 Rudolf Steiner: Die Theosophie des Rosenkreuzers, 14 Vorträge [1907]. München 1985 (GA 99).
11Der Theosoph und spätere Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner (1861-1925) gestaltete 1907 den theosophischen Kongress in München als Rosenkreuzer-Mysterienspiel und hielt im gleichen Jahr einen Vortragszyklus Theosophie des Rosenkreuzers10.
- 11 In der Theosophie (und folglich auch in der Anthroposophie Rudolf Steiners) wird davon ausgegangen, (...)
- 12 Rudolf Steiner: Das rosenkreuzerische Christentum, zwei Vorträge in Neuchâtel am 27. und 28. 11. 19 (...)
12Rudolf Steiner war insbesondere von der Person des Christian Rosenkreuz stark beeindruckt. Er bezeichnete sich als von Christian Rosenkreuz erwählt. Die Rosenkreuzer erscheinen bei Steiner als ein geheimer Zirkel aus zwölf hohen Eingeweihten, die das Erbe vergangener Entwicklungsperioden bewahrt haben. Diese haben einen Dreizehnten in ihrer Mitte: Christian Rosenkreuz. Er wurde von ihnen ausgebildet und wirkt nun in seinem Ätherleib11 auf die Menschheitsentwicklung ein. Zu verschiedenen Zeiten inkarniert er, um besondere Entwicklungsimpulse zu geben12.
- 13 Max Heindel: The Rosicrucian Cosmo-Conception or Occult Science. An Elementary Treatise upon Man’s (...)
- 14 <www.rosicrucianfellowship.org> [16.8.2017].
13Der Vizepräsident der Theosophischen Gesellschaft in Kalifornien, Max Heindel (eigentlich: Carl Louis Fredrik Graßhoff, 1865-1919), besuchte Rudolf Steiner in Deutschland und hörte dessen Vortragszyklus. Wieder in Kalifornien publizierte er im Jahr 1909 darauf aufbauend das Buch The Rosicrucian Cosmo Conception (dt: Die Weltanschauung der Rosenkreuzer) und gründete die Rosicrucian Fellowship als Organisation zur Verbreitung der in diesem Buch niedergelegten Lehren13. Die Rosicrucian Fellowship existiert bis heute und ist weltweit verbreitet14.
Rosenkreuzertum als Neu-gnostische Erlösungslehre
14Die Rosicrucian Fellowship hatte auch in Holland eine Filiale. Daraus entwickelte sich in den Jahren 1924-1935 eine eigenständige Form des Rosenkreuzertums. Treibende Kraft war dabei Jan Leene (1896-1969). Unter dem Namen Jan van Rijckenborgh wirkte er als Großmeister des Lectorium Rosicrucianum – Internationale Schule des Goldenen Rosenkreuzes. Seine Mitarbeiterin wurde als „Catharose de Petri“ mit ihm zur Großmeisterin erklärt.
15Das Besondere seiner Interpretation liegt in der Neuaufnahme der spätantiken Gnosis. In Frankreich nennt sich diese Organisation dementsprechend „École gnostique de la Rose-Croix d’Or“.
16Theosophie und Anthroposophie werden damit zu den kleineren Mysterien, denen die großen Mysterien der Gnosis gegenüberstehen. Durch diese neue gnostische Rahmung erfahren sie eine vollkommene Umwertung. Fortan gelten sie als erdgebunden und in der sogenannten „Dialektik“ verfangen. Wirkliche Erlösung verschafft demgegenüber nur die Ausrichtung auf die Gnosis.
- 15 Unter seinem Sohn Henk Leene entstand die Gemeinschaft R+C, die zur Esoterischen Gemeinschaft der R (...)
- 16 <strasbourg.rose-croix-d-or.org> [17.8.2017].
17Das Lectorium Rosicrucianum ist derzeit in Deutschland die größte aktive Rosenkreuzerorganisation mit ca. 4000 Anhängern und etwa 15 000 weltweit. Daneben existieren noch verschiedene kleinere Abspaltungen, die sich auch auf das Werk Jan van Rijckenborghs beziehen15. Auch in Strasbourg hat das Lectorium Rosicrucianum eine Filiale16.
18Nach diesem kurz gefassten Überblick über die Hauptrichtungen des gegenwärtigen organisierten Rosenkreuzertums stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt in diesen Gruppen die Chymische Hochzeit? Die etwas ernüchternde Bilanz lautet: Sie spielt fast keine Rolle. Fast nirgends in dem Schrifttum der Gruppen gibt es direkte Aufnahmen oder explizite Auseinandersetzungen mit der Chymischen Hochzeit. Wenn überhaupt die Grundschriften zitiert werden, dann in der Regel die Fama Fraternitatis oder die Confessio Fraternitatis. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass die Chymische Hochzeit stilistisch aus dem Rahmen fällt und sowohl von Umfang als auch innerer Komplexität die Fama Fraternitatis und die Confessio Fraternitatis deutlich übertrifft. Eine nachvollziehbare und angemessene Interpretation der Chymischen Hochzeit, die sich dann in die übrigen Auffassungen der jeweiligen Gemeinschaft nahtlos einfügt, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, der sich nicht alle Organisatoren neuerer Rosenkreuzerbewegungen stellen konnten oder wollten.
19Von diesem Befund gibt es drei Ausnahmen:
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Rudolf Steiner (1918)
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Jan van Rijckenborgh (1967)
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AMORC (2016)
20Die Interpretationen von Rudolf Steiner und Jan van Rijckenborgh stammen beide von literarisch sehr produktiven eigenständigen Denkern, die diese Herausforderung nicht gescheut haben. Der Beitrag des AMORC spielt sowohl vom Umfang wie vom literarischen Anspruch in einer ganz anderen Kategorie und ist offensichtlich durch das Jubiläum des Erscheinungsjahres veranlasst.
Gnostische Transfiguration: Die Alchimische Hochzeit im Lectorium Rosicrucianum
Die Alchimischen Hochzeit als Allegorie
- 17 Jan van Rijckenborgh: Die Geheimnisse der Rosenkreuzer-Bruderschaft. Teil: 3. Die alchimische Hochz (...)
- 18 Jan van Rijckenborgh: Die alchimische Hochzeit von Christian Rosenkreuz. Teil 1., 2. Aufl. München (...)
21Jan van Rijckenborgh veröffentlichte 1967 den ersten Band seiner zweibändigen Auslegung der Chymischen Hochzeit17. Der erste Band ist im Goldmann-Verlag in höherer Auflage erschienen18. Damit erreichte er ein wesentlich breiteres esoterisch interessiertes Publikum auch außerhalb des Lectorium Rosicrucianum.
22Für Jan van Rijckenborgh ist die Alchimische Hochzeit (wie er sie nennt) keine rätselhafte Schrift, sondern eine exakte Beschreibung des Einweihungsweges von Christian Rosenkreuz. Nun ist Christian Rosenkreuz für Rijckenborgh das Urbild eines Menschen, der den gnostischen Pfad zur Selbstbefreiung geht.
23Die Alchimische Hochzeit ist für ihn deshalb eine Beschreibung des gnostischen Pfades zur Transfiguration. Das bedeutet: Die Grundstruktur der Lehren des Lectorium Rosicrucianum findet Jan van Rijckenborgh als Allegorie in der Alchimischen Hochzeit widergespiegelt. In seiner Sprache klingt das so:
- 19 Ebd., S. 68.
Die Rose in uns muß mit ihrem wahren Lebensfeld verbunden werden, dem Feld der Unsterblichkeit. Die Rose muß durch den Kreuzweg der Transfiguration freigemacht werden. Darum sprechen wir vom Rosenkreuz. Diese Arbeit muß in der Kraft Christi geschehen, der elektromagnetischen Kraft des Universellen Lebens. Darum ist der Mensch, der wirklich diesen Weg geht und vollbringt, ein Christian Rosenkreuz. Wir sind Rosenkreuzer, wenn wir diesen Pfad bis zum Ende gegangen sind.19
24Bevor das noch genauer betrachtet wird, sind zunächst grundlegende Informationen zu den Lehrauffassungen des Lectorium Rosicrucianum wichtig.
Der Transfigurationsprozess
25Grundprinzip ist der gnostische Gedanke, dass die eigentliche Heimat des Menschen nicht auf der Erde, auch nicht in einem Jenseits, sondern in einem völlig neuen, bislang unbekannten göttlichen Lichtreich ist. In dieser „Erkenntnis“ (griech. Gnosis) liegt bereits der erste Schritt zur möglichen Rückkehr.
26Eigentlich ist der Mensch nämlich ein Mikrokosmos – eine Welt im Kleinen – mit einigen Metern Durchmesser. Einige dieser Mikrokosmen verhielten sich aber nicht gemäß dem göttlichen Auftrag. Sie wirkten selbstsüchtig nach innen. Dadurch kam es zu einer ungeheuren Hitze. Der Mikrokosmos verlor ein Atom und fiel aus der göttlichen Lichtwelt heraus und kam in das Reich der sogenannten Dialektik.
27Dialektik bedeutet, dass in dieser Welt nichts Bestand hat. Alles wird durch sein Gegenteil aufgehoben: Tag und Nacht, Aufbau und Zerstörung, Leben und Tod. Darum ist in der Dialektik auch keine echte Entwicklung möglich. Erlösung kann nur durch einen konsequenten Weg zum Verlassen der Dialektik und zur Rückkehr in das göttliche Lebensfeld geschehen.
28Als Ersatz für das verlorene Persönlichkeitsatom ist der Mensch in den beschädigten Mikrokosmos eingetreten. Er ist dabei aber nur ein Platzhalter für ein neu zu bildendes Persönlichkeitsatom. Seine Aufgabe besteht darin, auf dem Weg der Transfiguration sein inneres Wesen schrittweise umzugestalten. Seine dialektischen Atome und Organe sollen in neue Atome und Organe zu verwandelt werden, die aus dem göttlichen Geist gewirkt sind. So soll er eine neue, unsterbliche Persönlichkeit schaffen.
29Die irdisch-materielle Welt ist somit nicht eine ursprünglich gewollte Schöpfung Gottes, sondern das Produkt eines kosmischen Unfalls, aus dem die Dialektik entstanden ist. Auch das sogenannte Jenseits gehört zur Dialektik. Alle Bemühungen von Kirchen und Religionen, auch der Esoterik, wirken nur in der sog. Spiegelsphäre. Sie bleiben damit im Bereich der Dialektik und haben keine erlösende Wirkung. Davon grundsätzlich zu unterscheiden ist das göttliche Lichtreich, die Sphäre der Statik, das ursprüngliche Lebensfeld. In ihr wirkt die gnostische Lichtbruderschaft mit ihrem Rettungsbemühen. Dazu sendet sie gnostische elektromagnetische Strahlungskräfte. Diese sollen das „Rosenherz“ im menschlichen Mikrokosmos zur Resonanz anregen und die Erinnerung an die ursprüngliche Heimat im Licht wecken, um den Transfigurationsprozess anzustoßen.
30Auf diesem Weg hilft die gnostische Lichtbruderschaft mit ihren Abgesandten. Das Erscheinen der Rosenkreuzer-Manifeste im 17. Jahrhundert sei Ausdruck eines solchen gnostischen Rettungsbemühens der damaligen Zeit gewesen. Heute gilt die Entstehung des Lectorium Rosicrucianum als ein analoger Vorgang. Die Geistesschule helfe, die kosmische Gnosisstrahlung zu bündeln und den Schülern zugänglich zu machen.
Beispiele für Entsprechungen in der allegorischen Deutung der „Alchimischen Hochzeit“
31Jan van Rijckenborgh sieht in der Chymischen Hochzeit eine verschlüsselte Beschreibung genau dieses Einweihungsweges, wie er im Lectorium Rosicrucianum gelehrt wird. Einige Beispiele mögen das erläutern:
321. Der Traum: In Jan van Rijckenboghs Interpretation wird der Traum vom Turm zu einer Beschreibung des diesseitigen irdischen Lebensfeldes der Dialektik. Ein heilloses Gewimmel herrscht dort. Jeder versucht, den höchsten Platz zu erringen. Wirkliche Erlösung muss aber von außerhalb des Kerkers kommen. So habe die Universelle gnostische Lichtbruderschaft ein Seil zur Rettung herabgelassen.
- 20 Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit, a.a.O., S. 103.
Sie haben sicherlich verstanden, daß die moderne Geistesschule der Jung-Gnostischen Bruderschaft, besonders in Europa, das Institut ist, mit dessen Hilfe die sieben Seile in das Turmverlies des augenblicklichen Lebens hinabgelassen werden.20
Das Seil sei als magnetische Kraftlinie zu verstehen. Die sieben Seile stehen für sieben Geistesschulen, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten wirkten. Jetzt wirkt die Gnostische Schule des Goldenen Rosenkreuzes für Europa, um jeweils die dazu passenden Menschengruppen anzusprechen und zur Erlösung zu ziehen.
332. Das Gewand: Markant für Rijckenborgh ist die Vorstellung einer organischen Verknüpfung der spirituellen Prozesse. Dies wird z.B. auch deutlich in seiner Deutung der Kleidung von C.R.C. Üblicherweise sieht die Forschung in der Beschreibung in der Chymischen Hochzeit einen Hinweis auf das Familienwappen Andreaes. Bei Jan van Rijckenborgh ist es anders:
- 21 Ebd., S. 123f.
Das weißleinene Gewand, das C.R.C. trägt, ist die Andeutung dafür, daß er für die kommenden Prozesse gereinigt und zubereitet ist.
Das wird durch das blutrote Band bewiesen, das zweimal das Herzheiligtum berührt, ferner zwei Punkte an der Schulter und auch das Milz-Lebersystem. Hieraus ergibt sich, daß die Blutseele völlig offen für die Gnosis ist.
Die vier Rosen bezeichnen das Viereck des Baues auf dem Eckstein Jesus Christus oder anders gesagt: unerschütterliche Hingabe, aktive Intelligenz, schöpferische Harmonie sowie priesterliche Lebenshaltung und Dienstbarkeit, die sich auf neue Seelenkraft stützt und durch sie erleuchtet wird. Wer diese vier Rosen an den Hut stecken kann, das heißt in seinem Leben beweist, wird immer in der Menge bemerkt.
Die gnostischen Mysterien werden mit einem solchen Menschen den Prozeß naturnotwendig fortsetzen. Er wird von Kraft zu Kraft weitergehen.21
- 22 Ebd., 142ff.
343. Die vier Wege: Auf seinem Weg zum Schloss kann sich Rosenkreuz anfangs nicht zwischen vier Wegen entscheiden. Auch diese werden von Jan van Rijckenborgh als verschiedene Einweihungs- bzw. Erlösungswege gedeutet: Der erste Weg sei der esoterische Pfad, aber nur sehr wenige schaffen auf ihm innerhalb einer Inkarnation die Selbstübergabe und die Transfiguration. Der Pfad der Evolution als zweiter werde von vielen gegangen, aber er ist langsam, braucht viele Inkarnationen und hält viele Ablenkungen bereit. Der dritte Weg sei der gnostisch-magische Pfad, der goldene Weg, den auch die Geistesschule lehrt und den Rosenkreuz in der Erzählung beschreitet. Der vierte Weg sei der astrale Pfad und nur für Geistwesen ohne physische Körper geeignet22.
35Diese Beispiele aus Rijckenborhgs Deutung sollen vorerst genügen. Die Grundzüge von seiner Interpretation sind daraus deutlich geworden: Nahezu jedes Element in der Schilderung der Chymischen Hochzeit wird zu einem Element im Lehrsystem des Lectorium Rosicrucianum in Beziehung gesetzt. Damit wird die Chymische Hochzeit als Belegbuch für die Lehren des Lectorium Rosicrucianum in Anspruch genommen.
„Rosenkreuzer“ im Lectorium Rosicrucianum
- 23 Stufen der Wandlung: die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz; Symposium [Stiftung Rosenkre (...)
36Dass die Chymische Hochzeit auch gegenwärtig im Lectorium Rosicrucianum eine Rolle spielt, beweist ein 2013 abgehaltenes Symposium zu dieser Schrift, in dem Anthroposophen und Mitglieder des Lectorium Rosicrucianum ihre Sichtweisen auf die Chymische Hochzeit miteinander austauschten. Unter dem Titel Stufen der Wandlung wurden die Referate von der Stiftung Rosenkreuz publiziert23. Die Beiträge tragen unterschiedlichen Charakter. Ulla Schreiber und Angela Paap betrachten den Mythos von der „Heiligen Hochzeit“ (Hieros Gamos) und beziehen ihn auf innere Vorgänge, wobei die Braut die ursprüngliche Seele darstellt und der Bräutigam dem göttlichen Geist entspricht. Die (Wieder-)Verbindung beider ist das Ziel des Transfigurationsprozesses. Das finden sie in apokryphen Evangelien, Schriften von Mystikern und eben auch der Chymischen Hochzeit ausgedrückt, die als eine Darstellung des Weges des suchenden Menschen verstanden wird.
- 24 Ebd. S. 27.
Dabei geschieht es jedoch auch, dass der Kandidat vom Licht geprüft wird. In jeder Phase unserer inneren Entwicklung befestigen wir eine Seelenstufe in uns und müssen beweisen, dass wir den höheren Vibrationen auch standhalten können. Solch eine Prüfung ist zum Beispiel das Wiegen. Sieben Gewichte werden auf die Waage gestellt, was darauf hinweist, dass der Prozess einer siebenfachen Veränderung entspricht.24
37Joost R. Ritman berichtet – ganz in Ausdrucksweisen der Anthroposophie – dass das Mysterium des Christian Rosenkreuz und seines Ätherkörpers sich ihm persönlich am Karfreitag 2013 offenbart habe. Ausführliche Zitate aus Steiners Vorträgen gipfeln in der Aussage:
- 25 Ebd. S. 110.
Heute stehen wir im gleichen Geist vor einem gemeinsamen Weltauftrag. Wir befinden uns wiederum in einer Periode des Wechsels, der Gärung und der Veränderung. Das drücken die seit 2001 weltweit unternommenen neuen Initiativen aus. Und wir sind es, die in diesem Jahrhundert nach dem Auftreten der Bruderschaft der himmlischen Rose einen neuen Impuls in der Kraft des magnetischen Kernprinzips, des Zeichens C.R.C., geben müssen.25
38Weitere Beiträge befassen sich u.a. mit spiritueller Alchemie und der Transmutation des Seelenvogels im Turm von Olympus sowie aus anthroposophischer Perspektive mit der Bildsprache der Chymischen Hochzeit und der Bedeutung von Christian Rosenkreuz für die Kulturgeschichte.
39Diese Veranstaltung und ihre Beiträge sind Ausdruck eines Paradigmenwechsels, der in den letzten 10 Jahren mit dem Wirken der Stiftung Rosenkreuz sichtbar geworden ist. Diese eng mit dem Lectorium Rosicrucianum verbundene Einrichtung bemüht sich um die „Förderung hermetischen gnostischen Gedankengutes“, unterstützt die Öffentlichkeitsarbeit des Lectorium Rosicrucianum und organisiert Kontakt und Dialog mit anderen spirituellen Gruppen. Notwendige Voraussetzung dafür ist, dass das esoterische Bemühen inzwischen im Lectorium Rosicrucianum nicht mehr so grundsätzlich negativ beurteilt wird, wie dies noch durch Jan van Rijckenborgh erfolgte. An die Stelle einer einstigen Gegnerschaft ist ein Miteinander getreten. So kann nun z.B. auch die Anthroposophie als Ausdruck eines geistesverwandten Strebens gewürdigt werden, das zumindest in die richtige Richtung führt und einen vorbereitenden Charakter zum Erkennen des Rufes der Gnosis haben kann. Dies ermöglicht dann auch den Dialog mit der Anthroposophie.
40Zur Rezeptionsgeschichte der Chymischen Hochzeit im Kontext moderner Rosenkreuzerorganisationen gehören auch die Abbildungen von Kunstprojekten in diesem Band, die zum Teil aus einer Projekt-Gruppenarbeit zur Chymischen Hochzeit hervorgegangen sind, zum Teil auch aus der eigenständigen Bearbeitung von bildenden Künstlern mit der Materie entstanden sind.
41Einen völlig anderen Charakter trägt die Erinnerung und Neugestaltung der Chymischen Hochzeit, wie sie uns im Antiquus Mysticus Ordo Rosae Cruis (AMORC) begegnet.
Esoterische Sozialutopie: Die Chymische Hochzeit im AMORC
AMORC als esoterisches Fernlehrinstitut
42Der AMORC wurde 1915 durch den Werbefachmann Harvey Spencer Lewis gegründet, indem er in einer Zeitungsannonce Personen suchte, die sich für das Rosenkreuzertum interessieren. Für die Arbeitsweise ist eine Kombination von zwei Elementen markant: Auf der einen Seite steht eine freimaurerähnliche Organisationsstruktur mit „Logen“ und „Tempeln“ für die Zusammenkünfte, in denen Rituale abgehalten werden.
43Auf der anderen Seite geschieht die Mitgliederbetreuung aber vorwiegend in der Form eines esoterischen Fernlehrinstitutes: Regelmäßig werden dazu Studienbriefe, sogenannte „Monografien“, an die Mitglieder mit der Post verschickt. In einer als „Heimsanktuarium“ eingerichteten Ecke der eigenen Wohnung sollen diese dann gelesen und die darin mitgeteilten Übungen praktiziert werden. Auch manche Einweihungen in höhere Grade kommen zur Selbstinitiation per Post. Auf diese Weise kann der Orden auch in ländlichen Gegenden verstreut lebende Menschen für sich gewinnen.
- 26 Beispielsweise zum Thema „Lachen und Gesundheit“ (Le rire et la santé) am 20. 10. 2016 im Hôtel PAX (...)
44Der AMORC versteht sich nicht als religiöse Institution. Sein Angebot liegt klar im Diesseits. Die in den Monografien vermittelten Auffassungen mit einer Mischung aus Esoterik und Psychologie sollen zur „Meisterung des Lebens“ verhelfen. Dafür beansprucht der AMORC nicht den einzigen, auch nicht den schnellsten, wohl aber den sichersten Weg zu bieten. Der Orden ist weltweit verbreitet und hat ca. 80 000 Mitglieder, wobei der Schwerpunkt in den USA liegt. Aber auch in Frankreich ist er traditionell stark vertreten. Der Imperator des Ordens Christian Bernard war früher französischer Großmeister. Auch in Strasbourg gibt es regelmäßig Veranstaltungen des AMORC26.
Der verborgene Orden und die Manifeste
45Wie bereits angedeutet lehrt der AMORC, dass es eine verborgene Kontinuität im Wirken der Rosenkreuzer durch alle Zeiten hindurch gebe. Dies beginnt im mysteriösen Atlantis. Dies setzt sich fort über die Öffnung der Mysterienschulen in Ägypten zur Zeit des Pharao Amenophis IV., genannt Echnaton. Seitdem sei das geheime Wissen in einer ununterbrochenen Kette von Initiationen weitergegeben worden. Die Rosenkreuzer des 16. Jahrhunderts stehen ebenso in dieser Reihe. Es werden aber nahezu sämtliche bedeutende Personen der abendländischen Geistesgeschichte auf diese Weise rosenkreuzerisch vereinnahmt und zu geheimen Mitgliedern des Ordens erklärt.
46Auch wenn die Anknüpfung an die Vergangenheit stark ist – historische Studien sind nicht das Thema des AMORC. Er möchte in erster Linie Lebensenshilfe für die Gegenwart geben. Entsprechend spielen die historischen Rosenkreuzermanifeste als solche auch keine zentrale Rolle. Sie werden nahtlos eingebettet in die Fülle angeblicher „Dokumente des Ordens“ der Vergangenheit, welche die heutigen Ordenslehren begründen und legitimieren sollen.
- 27 Eine gedruckte Ausgabe der Appellatio und der Positio zusammen mit Confessio und Fama ist in dem vo (...)
47Für den AMORC sind die Rosenkreuzer-Grundschriften aber Vorbilder für gegenwärtiges Handeln geworden und der Orden möchte gern an diese Tradition anknüpfen. So, wie ab 1614 Impulse von diesen drei Schriften ausgingen, die die abendländische Welt bewegt haben, so möchte auch der AMORC heute sein Rosenkreuzertum als Impulsgeber für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung wirken lassen. Darum hat der AMORC neue „Manifeste“ herausgegeben. Im Stil und der Erscheinung sollen sie an die alten Manifeste anknüpfen. Im Inhalt sollen sie aber heutige Herausforderungen beschreiben. Damit hat er schon etwas vor dem Jubiläum begonnen: Bereits 2001 erschien die Positio Fraternitatis Rosae Crucis. 2014 folgte die Appellatio Fraternitatis Rosae Crucis und in diesem Jahr 2016 eine Neue Chymische Hochzeit. In Analogie zu den Grundschriften wurden diese neuen Manifeste ebenfalls ohne namentliche Angabe eines Autors veröffentlicht. Als Herausgeber von Appellatio und Positio ist der Oberste Rat von AMORC angegeben27. Im Unterschied zu den Originalen blieben Reaktionen außerhalb des Ordens auf diese Schriften bislang aus.
Moralische Erneuerung als esoterische Traumvision
48Die Neue Chymische Hochzeit des AMORC ist deutlich kürzer als das Original. Auf 20 Seiten wird ein Traum des Autors geschildert. Dieser bleibt selbst anonym und bezeichnet sich als neue Reinkarnation des Christian Rosenkreuz, geboren am 13. Dezember 1982 in Paris. Er träumt, in einer eiförmigen Hülle in 7 Stufen durch 7 Himmel zu fliegen. Das Ei ist voller Symbolik, die 7 Stufen sind 7 Planeten zugeordnet und verschaffen jeweils einen anderen Blick auf die Erde.
- 28 AMORC: Die Neue Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz 1616-2016, S. 6. (PDF-Publikation auf <www.rosenkreuzer.de/Manifeste/Neue-Chymische-Hochzeit/>)
- 29 Ebd., 12f.
49Auf der ersten Etappe des Mondes geht es um Harmonie mit der Natur und die Erfahrung der Einheit mit allen Lebewesen, denn diese seien „gleichermaßen Gefäße der universellen Seele“28. Auf der zweiten Etappe des Mars geht es um die Ökonomie: eine einheitliche Währung beseitigt Armut und Not. Die dritte Ebene regiert Merkur und macht alle zu Weltbürgern. Es gibt eine Weltregierung, die zum Wohl und sozialem Fortschritt für alle führt. Auf der vierten Ebene des Jupiter wird die Politik mit der Philosophie untrennbar verbunden, um den Wünschen aller Bürger Rechnung tragen zu können. Die Venus auf der 5. Ebene verschafft Frieden auf diesem Planeten. Waffen sind verboten und die Menschheit lebt im Rhythmus der universellen Liebe. Der Saturn auf der 6. Ebene lässt die Wissenschaft dem Respekt vor der Natur dienen und das Wissen humanistisch werden, auf das Glück aller ausgerichtet. Die siebente Etappe ist der Sonne gewidmet: Religiosität sei dort „definitiv einer Spiritualität gewichen, die nicht auf dem Glauben, sondern auf dem Wissen gegründet ist“29.
- 30 Ebd. 18.
50Wie es weitergeht, und was der Träumer noch mit einem Phöenix und der Sonne erlebt, muss hier nicht im Detail ausgeführt werden. Wichtig ist die Deutung und der Kontext. So heißt es in der Neuen Chymischen Hochzeit: „Wenn wir wirklich wollen, kann dieser Traum Wirklichkeit werden. Natürlich setzt dies voraus, dass wir entsprechend handeln, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene.“30 Der Anspruch ist also durchaus real, durch persönliche Verbesserung zur Weltverbesserung beizutragen – ebenso ein uraltes Anliegen der Freimaurer.
51Die neuen Rosenkreuzergruppen agieren zwar alle im Einflussbereich von Theosophie und moderner Esoterik und berufen sich dabei auf die Tradition der Rosenkreuzer. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten. Im Detail sind sie sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Chymische Hochzeit als Beschreibung eines Einweihungsweges interpretieren. Unterschiedlich, ja sogar gegensätzlich erscheinen aber das Ergebnis dieser Einweihung und der Kontext, in dem sie geschieht.
52Beim Lectorium Rosicrucianum wird die Chymische Hochzeit gedeutet als Anleitung für eine Flucht heraus aus der irdischen Welt in eine völlig andere, gnostische Lichtwelt. Beim AMORC hingegen ist die Neue Chymische Hochzeit sehr irdisch gefasst und erscheint als eine Anleitung zur praktischen Verbesserung dieser Welt in Form einer esoterischen Sozialutopie.
Notes
1 Ausführlicher dazu: Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. Göttingen 2003 (KKR 45). Harald Lamprecht: Die Rosenkreuzer. Faszination eines Mythos. Berlin 2012 (EZW-Texte 221).
2 Ein Beispiel für eine heute aktive Repräsentanz: < www.sria.info> [16.8.2017].
3 <www.rosae-crucis.net> [16.8.2017]. Weitere Gruppen dieser Richtung sind dargestellt in: Harald Lamprecht: Magier und Rosenkreuzer. Hermetic Order of the Golden Dawn und Ordo Templi Orientis als Protagonisten abendländischer Magie. Berlin 2004 (EZW-Texte 175).
4 Z.B. Traditional Martinist Order (TMO), Hermetic Martinist Order (HMO), Rose Croix Martinist Order, (R+CMO), Rose†Croix Martinist Order, auch im AMORC werden diese Bezüge gepflegt. Vgl. <www.rose-croix.org/rose-croix-et-martinisme/ bzw. www.rosenkreuzer.de/der-traditionellemartinisten-orden> [16.8.2017].
5 Ausführlicher zu Randolph vgl. John Patrick Deveney: Paschal Beverly Randolph. A Nineteenth–Century Black American Spiritualist, Rosicrucian and Sex Magician. New York 1997 (SUNY series in Western esoteric traditions).
6 <www.soul.org> [17.8.2017].
7 <www.amorc.org> [17.8.2017].
8 Franz Hartmann: Im Vorhof des Tempels der Weisheit, enthaltend die Geschichte der wahren und falschen Rosenkreuzer, 2. Aufl. Calw 1980, S. 67-74.
9 Franz Hartmann: Ein Abenteuer unter den Rosenkreuzern [1899]. Calw 1967, S. 30.
10 Rudolf Steiner: Die Theosophie des Rosenkreuzers, 14 Vorträge [1907]. München 1985 (GA 99).
11 In der Theosophie (und folglich auch in der Anthroposophie Rudolf Steiners) wird davon ausgegangen, dass der Mensch neben seinem physischen Leib weitere feinstoffliche Körper besitzt (Ätherleib, Astralleib, Ich). In fortgeschrittenen Entwicklungszuständen könne sich die Wesenheit auch ohne physischen Körper allein in den höheren Körpern ausdrücken. Vgl. Rudolf Steiner: Theosophie. Einführung in übersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung. Dornach (CH) : Rudolf-Steiner-Verlag, 1987 (GA 9), 20ff.
12 Rudolf Steiner: Das rosenkreuzerische Christentum, zwei Vorträge in Neuchâtel am 27. und 28. 11. 1911. In: Rudolf Steiner: Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit, 4. Aufl., Dornach 1995 (GA 130), S. 57-79.
13 Max Heindel: The Rosicrucian Cosmo-Conception or Occult Science. An Elementary Treatise upon Man’s past Evolution, Present Constitution and Future Development, Rosicrucian Fellowship. Seattle / Chicago 1909.
14 <www.rosicrucianfellowship.org> [16.8.2017].
15 Unter seinem Sohn Henk Leene entstand die Gemeinschaft R+C, die zur Esoterischen Gemeinschaft der Rosenkreuzer Sivas führte: < henkenmialeene.org> [17.8.2017].
16 <strasbourg.rose-croix-d-or.org> [17.8.2017].
17 Jan van Rijckenborgh: Die Geheimnisse der Rosenkreuzer-Bruderschaft. Teil: 3. Die alchimische Hochzeit von Christian Rosenkreuz: Esoterische Analyse der chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz anno 1459 - A.D. 1616. Haarlem 1967.
18 Jan van Rijckenborgh: Die alchimische Hochzeit von Christian Rosenkreuz. Teil 1., 2. Aufl. München 1983.
19 Ebd., S. 68.
20 Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit, a.a.O., S. 103.
21 Ebd., S. 123f.
22 Ebd., 142ff.
23 Stufen der Wandlung: die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz; Symposium [Stiftung Rosenkreuz zur Förderung Hermetischen und Gnostischen Gedankenguts]. Birnbach 2013.
24 Ebd. S. 27.
25 Ebd. S. 110.
26 Beispielsweise zum Thema „Lachen und Gesundheit“ (Le rire et la santé) am 20. 10. 2016 im Hôtel PAX, jeweils aktuell unter vgl. <www.rose-croix-est.fr/activites> [17.8.2017].
27 Eine gedruckte Ausgabe der Appellatio und der Positio zusammen mit Confessio und Fama ist in dem vom AMORC herausgegebenen Band Die öffentlichen Manifeste der Rosenkreuzer 1614-2014, Baden-Baden 2014, erschienen. Primär werden die Texte über die Internetseiten der Organisation in verschiedenen Sprachen bereitgestellt.
28 AMORC: Die Neue Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz 1616-2016, S. 6. (PDF-Publikation auf <www.rosenkreuzer.de/Manifeste/Neue-Chymische-Hochzeit/>)
29 Ebd., 12f.
30 Ebd. 18.
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Référence papier
Harald Lamprecht, « Die Wirkungsgeschichte der Chymischen Hochzeit im Bereich neuer Rosenkreuzerorganisationen », Recherches germaniques, HS 13 | 2018, 189-201.
Référence électronique
Harald Lamprecht, « Die Wirkungsgeschichte der Chymischen Hochzeit im Bereich neuer Rosenkreuzerorganisationen », Recherches germaniques [En ligne], HS 13 | 2018, mis en ligne le 05 février 2019, consulté le 12 août 2026. URL : http://journals.openedition.org/rg/656 ; DOI : https://doi.org/10.4000/rg.656
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