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AccueilNuméros52„Ist es etwas, das man wissen muß?“

„Ist es etwas, das man wissen muß?“

Homosexualität in Theodor Fontanes Cécile und Der Stechlin
« Ist es etwas, das man wissen muß ? » L’homosexualité dans Cécile et Der Stechlin de Theodor Fontane
“Ist es etwas, das man wissen muß?” Homosexuality in Cécile and Der Stechlin by Theodor Fontane
Florian Krobb
p. 25-42

Résumés

Partant du constat que la révélation de l’homosexualité de certains personnages historiques apparaît souvent en creux chez Fontane, l’article examine l’effet de telles allusions et configurations sur la structure, mais aussi sur les rapports entre protagonistes dans les deux œuvres suivantes: Cécile et Der Stechlin. L’analyse mettra aussi en lumière les répercussions du discours relatif aux phénomènes de ‘sexualité pathologique’ dans le texte littéraire. Dans les deux romans, cet ensemble thématique revêt en effet une importance centrale, qui ne se révèle qu’à la lumière des ‘savoirs’ contemporains.

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Texte intégral

  • 1 Florian Krobb: „Transaktionale Geschlechterbeziehungen bei Fontane. Cécile und Der Stechlin“. In: (...)
  • 2 Vgl. Florian Krobb: „‘Die Welt ist eine Welt der Gegensätze, draußen und drinnen‘. Fontanes Cécil (...)

1Fontanes Roman Cécile (1886) führt – exemplifiziert an der Institution der Ehe – mit gespenstischer Unerbittlichkeit den Zerfall gesellschaftlicher Ordnungen und Einverständnisse vor. In zwei Duellen sterben zwei Beteiligte; am Ende begeht die Protagonistin Selbstmord und ihr Ehemann muss das Land verlassen. Der Stechlin (1898) dagegen erzählt die langsame, tastende Aushandlung eines Ehevertrages, dessen Besiegelung am Weihnachtstag Zukunftsträchtigkeit und Beständigkeit verspricht, ein Vorgang, dem unter einer erzählerischen Oberfläche von Beiläufigkeit und Konventionalität eine geradezu chiliastische Dimension innewohnt. Die zwischenmenschlichen Beziehungen in dem älteren Text reflektieren ein tiefes Krisen-, ja Untergangsbewusstsein. Die von beiden Partnern im Stechlin behutsam betriebene Kompatibilitäts-austestung und die Losung für die Ehe, die Maxime, unter die sie gestellt ist, können dagegen als Versuch der Formulierung von Stabilität gedeutet werden; die Partnerschaft der Brautleute erscheint als Anker oder Inbild eines umfassenden Gesellschaftsideals. Das Bild des englischen Präraffaeliten John Everett Millais, von dem Professor Cujacius dem Bräutigam einen Stich zur Verlobung schenkt, enthält die Umrisse eines Gesellschaftsvertrages zwischen den sozialen Klassen und den Generationen; es zeigt über die Metapher der Brücke die Bewältigung von Hindernissen, es definiert Werte wie Kompatibilität, Verbindung, Kohärenz, ja Harmonie1. In Cécile dagegen führt die gesamte Handlung das Auseinanderbrechen von gesellschaftlichem Einverständnis, von Anpassung an gängige Normen. Aller Anstrengung wie geistlichem Beistand (durch den Hofprediger)2, allem Rückgriff auf stabilisierende oder konfliktösende Rituale wie dem Duell zum Trotz. Das Scheitern zwischenmenschlicher Verbindungen aufgrund nicht ausgestandener Altlasten, erotischer Anmaßung, rigider Ehrenkodizes auf der einen Seite; die Aushandlung eines ebenfalls in der Ehe konzentrierten Zukunftsmodells auf der anderen – unterschiedlicher könnten diese beiden Texte kaum sein.

  • 3 Florian Krobb: „‚ Das ist ja der reinste Wallensteins Tod‘. Die Wallenstein-Namen in Fontanes Céc (...)

2Bei allen Gegensätzen in der Versuchsanordnung und dem Versuchsergebnis gibt es in der Anlage und Durchführung allerdings gewisse auffällige Gemeinsamkeiten. So bildet den Ausgangspunkt der exemplarischen Konfigurationen, also der Anordnung der Personen zu sinntragenden Verbänden, jeweils eine Vierergruppe, die von weiteren Figuren umstellt ist. Auch bei letzteren finden sich Entsprechungen, etwa zwischen dem Zank-Paar Emeritus und Privatgelehrtem (Eginhard Aus dem Grunde) in Cécile und dem Keif-Paar Cujacius und Wrschowitz sowie zwischen den Kommentator-Paaren Czacko und Rex im Stechlin und den beiden Berlinern in Cécile, welche am Beginn der Handlungen ihre interpretatorischen Fährten legen3. Im Zentrum der als konzentrische Kreise angeordneten, zunächst zahlenmäßig geraden Formationen, zwischen dem Paar und größeren Gesellschaftsgruppen, steht in beiden Romanen die Vierergruppe, die das Paar umfasst, aber jeweils um zwei weitere engen Verbindungen ergänzt ist. In Cécile sind dies natürlich Gordon und die Tiermalerin Rosa Hexel, im Stechlin die beiden im Laufe der Ehevertragsverhandlungen verworfenen Bewerber Melusine und Wrschowitz, die als alternative Kandidaten ins Spiel gebracht werden und deren Ausscheiden ex negativo zur Definition der schlussendlich eingegangenen Partnerschaft beiträgt. Diese Bewegung des Vorschlags und des Verwerfens anderer Paarungen grundiert die spärliche Handlung im Stechlin; die Reduktion vom (symmetrischen und unverfänglichen) Viererverhältnis zu dem katastrophalen Dreiecksverhältnis bzw. die Ausweitung eines Zweierverhältnisses zu einem Dreierverhältnis treibt die Handlung in Cécile.

3Weiterhin weisen die Romane die Gemeinsamkeit auf, dass sie ihre komplementären Experimente mit (geschlechtlicher) Ordnung und (gesellschaftlicher) Stabilität unter Bezugnahme auf das Phänomen der Homosexualität pointieren, genauer über die Erwähnung historischer Figuren, deren sexuelle Orientierungen Thema von Gesprächen im Roman sind oder zu einer Verständnisfolie für eine Romanfigur ausgestaltet werden. In Cécile wird eine Analogie zwischen Rosa Hexel und der bekannten französischen Tiermalerin Rosa Bonheur (1822-1899) hergestellt; im Stechlin erhält die Besprechung der sexuellen Veranlagung des Prinzen Heinrich von Preußen (1726-1802), eines Bruders Friedrichs II., eine bedeutungsgenerierende Prominenz.

  • 4 Erwin In het Panhuis: „Fontane, ‚sexuelle Incorrectheiten‘ und der ‚dankbare Anus‘.“ <queer.de/detail.php?article_id=35191> [veröffentl</queer> (...)
  • 5 Zu Anspielungen als doppelbödigen Entschlüsselungsaufgaben aufschlussreich Matthias Bickenbach: „ (...)

4Dafür, dass in Fontanes Werken und biographischen Zeugnissen Homosexualität eine Rolle spielt, sind einschlägige Belege beigebracht worden. Kommentare zu Fontanes „Umgang mit der Homosexualität“ bleiben allerdings im Biographischen stecken; sie attestieren dem Autor eine durch Briefäußerungen und persönliche Wertschätzung unter Beweis gestellte Toleranz, machen diese Feststellungen allerdings nicht für eine Interpretation der entsprechenden literarischen Texte fruchtbar4. Wie in dieses Thema eingeführt wird, die Strategien der verhüllenden Verrätselung oder Scheinenthüllung5, das Schwebende also der Einführung des Themas in die Romanwelten und die so erreichte Aufmerksamkeitslenkung verdienen gerade vor dem Hintergrund der einerseits symmetrischen, andererseits konträren Anlagen der beiden Texte genauere Betrachtung. Erst das Verfahren der Behandlung von Homosexualität im Textzusammenhang mag dann auch Aufschlüsse über eine Bewertung von dergestalt unkonventionellen Lebensentwürfen zeitigen.

„Tiermalerin ist an der Grenze des Unerlaubten“: Rosa Hexel in Cécile

5Am Anfang von Cécile, wenn sukzessive die Handlungspersonen vorgestellt werden, legt Fontane eine Fährte aus, die rückblickend als Entschlüsselungsaufgabe zu erkennen gegeben wird, wenn nämlich die Titelheldin, der die gegebenen Hinweise nichts bedeuten, ihren Mann fragt: „Ist es etwas, was man wissen muß?“ Dessen Antwort scheint sich allein auf die Zuordnung von Namen und Namensträgerin zu beziehen. Das an den Namen geknüpfte kulturelle Wissen, das zu mobilisieren die Frage einlädt, lässt aber auf eine weitergehende Signifikanz dessen deuten, was hier in Rede steht:

  • 6 Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Schriften und Briefe. Walter Keitel/Helmuth Nürnberger (Hgg.). (...)

Je nachdem. Meinem persönlichen Geschmacke nach brauchen Damen überhaupt nichts zu wissen. Und jedenfalls lieber zu wenig als zu viel. Aber die Welt ist nun mal wie sie ist, auch in diesem Stück, und verlangt, daß man dies und jenes wenigstens dem Namen nach kennte.6

  • 7 Norbert Mecklenburg: Theodor Fontane. Realismus, Redevielfalt, Ressentiment. Stuttgart 2018, S. 1 (...)

Was ist also ‚dieses‘ Stück und warum das ominöse: ‚dem Namen nach‘? Es geht augenscheinlich nicht nur darum zu wissen, wer die besagte Rosa Bonheur war (oder, zur Spielzeit des Romans: ist, nämlich eine berühmte und kommerziell überaus erfolgreiche französische Tiermalerin), sondern auch darum, was sie ist, wofür sie außer ihrer Kunst bekannt ist: eine berufstätige Frau, die ausschließlich mit weiblichen Gefährtinnen zusammenlebte, sich dem Ehediktat öffentlich und selbstbewusst entzog und in ihrem Auftreten und in ihrer Lebenseinrichtung eine auffallende Selbständigkeit und Unabhängigkeit von gängigen Geschlechterrollenauflagen zur Schau stellte. Die korrekte Identifikation ‚dieses Stückes‘ wird mithin als bedeutender Hinweis für das Verständnis des Textes annonciert. Es ist erkannt worden, dass hier zum ersten Mal und sofort mit großer Pointiertheit Wissensdefizite der Protagonistin vorgeführt werden – von ihrem Mann, der sich als Lehrer und Zensor aufspielt, was seine Frau ‚wissen‘ soll oder darf. Dabei geht es wohl gar nicht in erster Linie um die sexuelle Ausrichtung der Erwähnten, sondern um eine Art zeitgenössisches kulturelles Wissen an sich, an dem die Protagonistin nicht teilhat. Für Norbert Mecklenburg ist der Name der Malerin Indiz für das Aushandeln kultureller Taxonomien, die sich über Wissensbestände und den Zugang zu ihnen sowie ihre Handhabung in sozialen Situationen bestimmen: „Rosa bedeutet viel“ – aber was Rosa bedeutet und wohin eine weitergehende Entschlüsselung des Signifikanten Rosa Bonheur führen kann, das entgeht auch diesem Kommentator7. Was Fontane hier vollzieht, ist ein Spiel für Eingeweihte, ein Spiel mit semantischen Zwischentönen und Subtexten, mit kulturelleem Wissen als Kapital, das nicht nur Teilhabe an gebildeter Geselligkeit, sondern auch Selbstverortung in sozialen und kulturellem (hier: Geschlechter-) Ordnungen ermöglicht. Gleichzeitig überantwortet dieser Dialog die Entschlüsselung der Signifikanz des Signifikanten Rosa Bonheur an die Leser, beauftragt sie, an Stelle von Cécile und am textinternen Zensor vorbei eigenes Wissen zu mobilisieren und für die im Roman verhandelte Problematik fruchtbar zu machen.

  • 8 Eduard Schmidt-Weißenfels: „Rosa Bonheur“. In: Biographische Skizzen und Charakternovellen. 2 Bde (...)
  • 9 Albert Baime: “The Case of Rosa Bonheur. Why should a woman be more like a man?” In: Art History (...)

6Worin dieses im Text plakativ vorenthaltene Wissen bestehen könnte, verrät zum Beispiel eine biographische Skizze Eduard Schmidt-Weißenfels’ von 1862, welche viele der Elemente enthält, die Rosa Bonheurs Wahrnehmung und internationale Reputation über Jahrzehnte hinweg dominierten. Zu den „Eigenthümlichkeiten der Malerin Rosa Bonheur“, einer „der genialsten Thiermalerinnen unserer Zeit“, gehöre ihre männliche Kleidung und ihre unkonventionelle Lebensweise. Der Bericht über eine Begegnung zehn Jahre zuvor (um die Jahrhundertmitte erfuhr die Malerin ihre erste öffentliche Anerkennung, die dann ungebrochen mehr als vier Jahrzehnte anhielt) verschlüsselt die sexuelle Orientierung der Porträtierten nur notdürftig: „Rosa Bonheur war damals etwa dreißig Jahre alt und da sie die Liebe und das Heirathen haßt, so war sie noch Fräulein, wie sie es heute ist und nun auch wohl bleiben wird“8. In den Jahrzehnten zwischen der Veröffentlichung dieser Porträtskizze und Fontanes Roman hatte sich das öffentliche Bild der Malerin zu einer Ikone verfestigt, welche sie selbst kultivierte. Ihr Ruf als Frau, die sich erfolgreich in einer Männerdomäne etabliert hatte, ihr ungeheurer kommerzieller Erfolg, ihre Exzentrik (sie unterhielt auf ihrem Anwesen Schloss By bei Fontainebleau eine Menagerie exotischer Tiere), das als Angestelltenverhältnis ausgegebene jahrzehntelange Zusammenleben mit Nathalie Micas und ihre späte (zweite) Beziehung mit der deutschstämmigen amerikanischen Malerin Anna Klumpke (1856-1942) haben ausgiebige Würdigungen sowohl im Kontext der Kunstgeschichte wie in dem der Geschlechterforschung erhalten9.

  • 10 Gretchen van Slyke: “The sexual and textual politics of dress. Rosa Bonheur and her cross-dressin (...)
  • 11 Formulierungen angelehnt an Heinrich Detering: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivi (...)

7Konturen dieses Images einer im Sinne des neunzehnten Jahrhunderts nicht geschlechtskonformen Selbstbehauptung zeichneten sich schon bei Schmidt-Weißenfels ab: „Wie George Sand in früheren Zeiten, so verkleidete auch Rosa Bonheur sich als Mann, um besser studieren zu können“; auch ihr Haar sei „nach männlicher Weise frisiert“ und sie trage „richtige Herrenstiefel“ (S. 199). So konnten auch Verwechslungen passieren: „Der Herr ist ein Fräulein“ (S. 201). In der Tat erwirkte Rosa Bonheur eine behördliche Erlaubnis, Männerkleidung tragen zu dürfen, um umso ungehinderter ihren Recherchen in Schlachthöfen und auf Viehmärkten nachgehen zu können10. Das Anekdotische camoufliert ein unausgesprochenes ‚Wissen‘; es perpetuiert gleichzeitig eine Unaussprechbarkeit, wie sie eben auch Fontanes Einführung kennzeichnet. Ein Bild kristallisiert sich heraus, das konventionelle Geschlechterrollen-Stereotype ins Schwanken bringt: „Rosa Bonheurs Pinsel ist markig“, so Schmidt-Weißenfels, ihr Stil habe nicht „jenes Zarte, Zitternde, Verschwommene, welches das Weib gewöhnlich, als einen seiner innersten Charakterzüge, seinen Schöpfungen mittheilt“ (S. 198). Zahlreiche der Züge des literarischen Pendants der historischen Figur korrespondieren mit diesen zeitgenössischen Eindrücken. Noch mehr und noch intrikater denn als biographische Skizze lesen sie sich als „kalkuliert[e] Doppelbödigkeit“, der die Aufforderung innewohnt, das „Verbot [zu] überlisten“, das die Rede von gleichgeschlechtlicher Orientierung umgab11.

  • 12 Die Konnotationen, die von dem Nachnamen Hexel ausgehen, bleiben hier unberücksichtigt; vgl. etwa (...)

8Über den gesamten Roman verteilt und aus dem Mund verschiedener Kommentatoren stellt Fontane eine Einschätzung seiner Romanfigur Rosa Hexel zusammen, die einige Grundzüge erkennen lässt. Das Verfahren der ‚Aufdeckung‘ vollzieht sich scherzhaft und akkumulativ, privilegiert dabei bestimmte Aspekte wie Selbstbewusstsein und Selbstgenügsamkeit im sozialen Umgang und dem Werben um Anerkennung, also Unabhängigkeit von Konventionen, gesellschaftlichen Zwängen und Fremddefinition. Weiterhin wird sie beständig mit Transgression oder doch zumindest der Dehnung des Akzeptablen in Verbindung gebracht („Rosa lachte lauter und herzlicher, als die Schicklichkeit gestattete“, S. 175). Dieses Leitmotiv beginnt bei dem ersten Geplänkel, das sich um ihren Namen entspinnt12:

Denn zum Überfluß heiße ich auch noch Rosa, was in meinem speziellen Falle nicht mehr und nicht weniger als eine Kalamität ist. […] Weil mich, auf diesen Namen hin, die Neidteufelei der Kollegen in Gegensatz bringt zu meiner berühmten Namensschwester. Und so nennen sie mich denn Rosa Malheur. […] Gordon aber erheiterte sich und sagte: „Das ist allerliebst, und ich müßte mich ganz in Ihnen irren, wenn Sie diese Namensgebung auch nur einen Augenblick ernstlich verdrösse.“ „Tut es auch nicht“, lachte jetzt das Fräulein, das eigentlich stolz auf den Spitznamen war, den man ihr gegeben hatte. (S. 161)

Schon hier zeichnen sich Leitlinien der Interpretation ab: Indem er sie die berichtete Stichelei als Auszeichnung umwerten, ja selbst ins Gespräch bringen lässt, befreit Fontane sie umgehend aus dem Bereich des Anrüchigen, des ‚Malheurs‘, also des Verunglückten oder Abweichenden. Die möglichen Ursachen des Makels werden an gesellschaftlichen Konventionen festgemacht, deren Definitionsmacht über die Selbsteinschätzung der Bezeichneten aber wird geleugnet:

Eine Dame soll Blumenmalerin sein, aber nicht Tiermalerin. So fordert es die Welt, der Anstand, die Sitte. Tiermalerin ist an der Grenze des Unerlaubten. Es gibt so viele intrikate Dinge. Glauben Sie mir, Tiere malen aus Beruf oder Neigung ist ein Schicksal. (S. 160f.)

  • 13 Zu den einschlägigen Debatten Philippe Weber: Der Trieb zum Erzählen. Sexualpathologie und Homose (...)

Beruf, Neigung, Schicksal – Fontane bietet hiermit Erklärungen an für die Lebensform der Künstlerin, für Berufstätigkeit, Selbständigkeit, Eheverweigerung. Er schaltet sich aber gleichzeitig in zeitgenössische Debatten um das Wesen der Homosexualität als Veranlagung oder Krankheit ein13, indem er beide Kriterien als unwesentlich abtut, denn diese Erklärungen sind durch die Begriffstrias nicht gedeckt. Die fiktive und die historische Figur negieren kraftvoll jede Auffassung von (weiblicher) Homosexualität als krankhaft-dekadent oder naturwidrig. Allerdings bleibt die Romangestalt wenn nicht ambivalent, so doch für die Handlung und die Figurenkonstellation eine Irritation.

  • 14 Vgl. Sascha Kiefer: „‚ Die Trippelli, Anfang der Dreißig, stark männlich‘. Fontanes Künstlerfigur (...)
  • 15 Zu diesem Profil passt ihre Stellung als Beobachterin; vgl. Nora Hoffmann: Photographie, Malerei (...)

9Das Umkreisen der Gestalt von verschiedenen Seiten entwirft ein eher schillerndes Porträt. Einige Andeutungen kann man getrost im Lichte der (Nicht-)‚Enthüllung‘ ihrer sexuellen Orientierung lesen, so die Tatsache, dass sie als einzige des Kreises ihr Schmerlen-Gedicht Cécile widmet, was diese „mit einem Anflug von Verlegenheit“ quittiert, „zugleich sichtlich bewegt durch diese Huldigung einer heiteren und liebenswerten Natur“ (S. 233). Die Protagonistin empfindet sie verschiedentlich als „sehr unterhaltlich, aber doch etwas emanzipiert oder, wenn dies nicht das richtige Wort ist, etwas zu sicher und selbstbewußt“ (S. 190); dabei schätzt sie den „von Rosas Anwesenheit beinahe unzertrennliche[n] Frohsinn“ (S. 264). Gordon spricht ihr ‚Weiblichkeit‘ ab, affirmiert aber implizit eine Art Bei-sich-Sein, eine persönliche Geschlossenheit und auch Ehrlichkeit im Auftreten, eine Einschätzung, die durchaus mit dem provokanten Subtext, den die Rosa Bonheur-Analogie nahelegt, zusammengeht: „Mit Rosa könnte man um den Äquator fahren, und man landete genauso, wie man eingestiegen. Ich habe sie bis an ihre Wohnung geführt, und wir haben eine Welt besprochen und bewitzelt. Und doch, wenn ich, statt ihrer selbst, eines ihrer Bilder unterm Arm gehabt hätte, so wär’ es dasselbe gewesen. Um es kurz zu sagen, ihr Charmantsein ist ohne Charme […].“ (S. 288f.) Immer noch liefern heteronormative Vorstellungen von Weiblichkeit und erotischer Anziehung den Ausgangspunkt der Definition. Denn Gordon entsexualisiert die Besprochene von seinem männlich Standpunkt her, nimmt die kameradschaftliche, (vermeintlich) rätsellose Wesensart der Malerin als Indiz für ihre Unberührtheit von den Mysterien heterosexuellen Begehrens14. In dieser Hinsicht erscheint dann die von den erotischen Verwirrungen, welche von Vorgeschichte und ‚Roman im Roman‘ bis hin zur Katastrophe dem gesamten Text zugrundeliegen, ausgenommene Malerin wie die Verkörperung einer prinzipiellen Alternative zu den Determinanten, die den Handlungsspielraum aller anderen derart einengen, dass damit gesellschaftliche Ordnungen insgesamt in Frage stehen15.

  • 16 Florian Krobb: „Accomodating Silesia. Framing A Periphery in Fontane’s Cécile (1886) and Wackwitz (...)

10So ist es durchaus konsequent, dass (außer dem Hofprediger als geistlichem Beistand) allein Rosa Hexel in den letzten Tagen vor Céciles Selbstmord bei dieser vorgelassen wird (S. 316). Mit ihrem Stoßseufzer apostrophiert die Protagonistin die Malerin und mit ihr deren gesamtes Profil als heitere, aber auch als scheinbar von gesellschaftlichen Konventionen unberührte Persönlichkeit – geradezu als innerweltliche Erlöserin: „Ich will zu Rosa. Freilich am Ende der Welt. Aber seit Wochen hab ich ihr einen Besuch versprochen, und ich sehne mich nach einem guten Menschen.“ (S. 312) Die befremdende Wendung vom „Ende der Welt“ (vordergründig auf den Wohnort der Freundin außerhalb der adelig-großbügerlichen Kernzone Berlins gemünzt) setzt die Freundin in Beziehung zu der vermächtnishaften Geste Céciles, durch Beisetzung zur linken der Grabkapelle das anrüchige Mätressen-Verhältnis posthum zu legitimieren (als Ehe zur linken Hand) und durch Bestattung auf einem katholischen Friedhof die ursprüngliche, die ‚sündige‘ schlesische Religionszugehörigkeit zu affirmieren16. Wenn für Cécile die Affirmation des Eigenen nur posthum gelingt, so scheint in der Enthaltung von heterosexueller Verwicklung (als Metonymie für das einschnürende ‚Gesellschafts-Etwas‘) für Rosa eine Art innerweltlicher Transzendenz aufzuscheinen.

  • 17 Georg Bartsch: Fontane und die „sexuellen Incorrectheiten“, S. 7f.

11So schälen sich verschiedene Koalitionen innerhalb der zentralen Vierergruppe des Romans heraus: Gordon und Rosa als Komplement zu den Eheleuten, Rosa und Cécile als komplementäre Figurationen weiblicher Reaktion auf gesellschaftliche Zumutungen. Eine weitere Koalition ist vorgeschlagen worden: zwischen Rosa und dem Ehemann St. Arnaud. In Gordons brieflicher Kurzcharakteristik des Obersten soll sich ein Hinweis verstecken, dass er ein „homoerotisch empfindender Mann“ sei17:

Wenn ich ihn Dir als Gardeoberst comme il faut vorstelle, was zutrifft, so gibt dies doch immer nur eine Seite; mindestens mit gleichem Recht darf ich ihn als Typus eines alten Garçons aus der Oberschicht unserer Gesellschaft bezeichnen. Es ist unmöglich, sich etwas Unverheirateters [sic] vorzustellen als ihn, trotzdem er voller Courteoisie gegen die junge Frau, ja gelegentlich voll anscheinend großer Aufmerksamkeiten ist. Aber sie wirken äußerlich, und wenn sie nicht bloß in chevalresker Gewohnheit ihren Grund haben, so doch jedenfalls zur größeren Hälfte. (S. 189, Hervorhebung im Original)

  • 18 Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Schriften und Briefe. In: Walter Keitel/Helmuth Nürnberger (Hgg (...)

Wenn das „[U]nheimlich[e]“, das Gordon bei St. Arnaud festzustellen glaubt, auf seine Gewaltbereitschaft vorausweist oder auf eine ‚unheimliche‘ sexuelle Orientierung, dann deutete dies auf eine noch ambivalentere Geschlechterkonstellation hin, eine noch komplexere und pathologischere Dimension der interpersonellen Dynamik und der Verhandlung von Norm(-abweichung) und Kompensation. Allerdings sind die Anhaltspunkte für weitergehende Interpretationen äußerst dürftig – die Vorstellung als eingefleischter „Junggeselle“ oder „Garçon“ kennzeichnet zum Beispiel ebenfalls den Grafen Petöfy, bevor er eine Ehe mit der Schauspielerin Franziska Franz eingeht; und auch wenn wie bei den St. Arnauds diese Ehe augenscheinlich nicht vollzogen wird, so machen es die „Albums“ mit der „Golddruckaufschrift ‚Collection of beauties‘“ schwer, aus solchen Indizien auf eine homosexuelle Orientierung zu schließen18.

12Natürlich strahlt die Rosa Bonheur-Problematik auf die zentrale Konstellation zurück – im Sinne etwa einer versetzten Analogieantithese. Auch Céciles Sexualbiographie ist ja von Unkonventionalität gekennzeichnet; der Unterschied zu Rosa besteht in der Abhängigkeit, Unselbständigkeit, Fremddefinition der Protagonistin. Doch wo immer sich Symmetrien einstellen wollen: Dass der Status der Rosa Hexel als Nachfiguration der Malerin Rosa Bonheur das Gleichgewicht aufstört, indiziert die Anfälligkeit und Fragilität von gesellschaftlichen Ordnungen und Konventionen schlechthin. Die Einführung einer homosexuellen Gestalt hat mithin eine Katalysatorfunktion für die Handlung. Die Scheinverschlüsselung (also ein Versteckspiel, das die eigene Auflösung forciert) fokalisiert Problematiken, indem Alternativen angedacht werden, wenn diese auch die Handlung nicht zu determinieren in der Lage sind.

„Aber das ist ja schrecklich“: Prinz Heinrich im Stechlin

  • 19 Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Walter Keitel (Hg.). Abteilung I, Bd. 5. München 1966, alle fol (...)
  • 20 Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis. Mit besonderer Berücksichtigung der conträren Se (...)

13Während Rosa Hexel den gesamten Roman über auftritt und mit ihr als Vorlage für die literarische Gestalt Rosa Bonheur und deren Hauptattribute weithin präsent bleiben, ist die Bezugnahme auf den Prinzen Heinrich im Stechlin auf eine etwas über eine Seite kurze Gesprächssequenz beschränkt. Um eine peinliche Pause zu beenden, erkundigt sich die Komtesse Armgard Barby nach der vermeintlichen „Frauenfeindschaft“ des Bewohners von Schloss Rheinsberg in der Umgebung des Familiensitzes der Stechlins: „Er soll […] ein sogenannter Misogyne gewesen sein“19. Dem daran anschließenden kurzen Gespräch kommt eine enorme Bedeutung für die Ökonomie des ganzen Romans und für die Entwicklung der rudimentären Handlung zu. Es exponiert weiterhin charakteristische zeitgenössische Aspekte des Diskurses über ‚konträre Sexualempfindung‘ oder ‚Inversio sexualis‘, wie der führende Theoretiker der Zeit alternative, von der Norm der heterosexuellen und auf Reproduktion zielenden Sexualität abweichende Leidenschaft bezeichnet. Richard von Krafft-Ebings Psychopathia Sexualis erlebte in den Jahren nach der Erstpublikation 1886 jedes Jahr eine neue, mit neuen Fallbeispielen angereicherte Auflage, die ab der dritten das Schlagwort der „conträren Sexualempfindung“ im Untertitel führten20.

  • 21 Florian Krobb: „gens irritabilis“. Niels Wrschowitz und die Musikdebatte im Stechlin. Vortrag, ge (...)

14Die strukturelle Funktion erschließt sich aus der Reaktion auf den Befund der ‚Frauenverachtung‘ des Prinzen: Das anschließende Gespräch stellt ein Einverständnis zwischen Armgard Barby und Woldemar von Stechlin her, das durchaus als Grundlage und Ausgangspunkt der nachfolgenden Eheverhandlungen, will heißen der Festlegung von Gemeinsamkeiten zwischen den Partnern, aufgefasst werden kann. In dieser Szene figurieren die beiden Mitbewerber, so dass auch hier eine Vierergruppe Kontur gewinnt: Wrschowitz, dessen „Gesicht“ sich „unter huldigendem Hinblick auf Armgard“ just beim Aufkommen des Gesprächsthemas „wie verklärte“ und der sich damit als alles andere als einen ‚Weiberfeind‘ zu erkennen gibt, und die ältere Schwester Melusine, die von dritter Seite als Partnerin für Woldemar ins Spiel gebracht worden war, von der die Ansicht referiert wird, „die Weiberfeinde [seien] sogar stolz darauf, Weiberfeinde zu sein, und behandeln ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform“. Die Symmetrie der Gruppe wird allerdings nicht durchmischt oder aus dem Lot geworfen wie in Cécile; im Gegenteil, die sukzessive Ausschaltung der Mitbewerber auf beiden Seiten, die Konzentration auf das zentrale Paar, pointiert recht eigentlich das Ethos des Romans. Während Melusine gewissermaßen schon hier aus der Gleichung ausgeschlossen wird, verschiebt sich Wrschowitz Kapitulation auf eine spätere Szene, die motivisch eng (und zwar über ein Musikstück) mit der hier in Rede stehenden Szene im 13. Kapitel verklammert ist21. Festzuhalten bleibt, dass die Reduktionsbewegung von der Diskussion der sexuellen Auffälligkeiten einer für die preußische Geschichte eminent bedeutsamen historischen Figur ihren Ausgang nimmt.

15Die kontextuelle Dimension wird durch das Verständnis dieser ‚Sonderbarkeit‘ als „etwas Krankhaftes“ angeschnitten, auf das sich Armgard und Woldemar verständigen: „Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche. […] Und zum zweiten als Kranke.“ In aller Konzentration und Stichworthaftigkeit markiert diese Äußerung eine durchaus kenntnisreiche und detaillierte Bezugnahme auf die zeitgenössischen Diskurse über ungewöhnliche, im Sinne der Zeit ‚deviante‘ sexuelle Vorlieben und sogar Praktiken, wie sie bei Krafft-Ebing zusammengestellt sind. Das Stichwort des ‚Unglücks‘ ist Umschreibung der These, dass Homosexualität „krankhafter Naturtrieb“ sei (Psychopathia, S. 128), sich als Veranlagung mithin dem Willen entziehe. Als ‚Krankheit‘ verstanden, muss Homosexualität wenn nicht vollständiger ‚Heilung‘, so doch einer Therapie im Sinne einer Unterdrückung der Symptome oder Manifestationen der ‚konträren‘ Vorlieben zugänglich sein. Auch Beispiele dieser Manifestationen oder Praktiken geraten in den Blick des Romans. Zu den ‚konträren Sexualempfindungen‘, die Krafft-Ebing (allerdings nicht in Verbindung mit der Homosexualität) behandelt, zählt die Nekrophilie. Totenliebe mit grotesker, invertierter sexueller Konnotation schreiben die Gesprächspartner dem Rheinsberger Prinzen zu. Woldemar spielt diese Veranlagung als hochfürstliche Exzentrik herunter:

Unser Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus dem vorigen Jahrhundert. Die jetzigen sind Menschen; die damaligen waren nur Prinzen. Eine der Passionen unsers Rheinsberger Prinzen – wenn man will, in einer Art Gegensatz von dem, was schon gesagt wurde – war eine geheimnisvolle Vorliebe für jungfräuliche Tote, besonders Bräute. Wenn eine Braut im Rheinsbergischen, am liebsten auf dem Lande, gestorben war, so lud er sich zu dem Begräbnis zu Gast. Und ehe der Geistliche noch da sein konnte (den vermied er), erschien er und stellte sich an das Fußende des Sarges und starrte die Tote an. Aber sie mußte geschminkt sein und aussehen wie das Leben. (S. 133, Hervorhebung im Original)

  • 22 Diese Sachverhalte sind in der bisherigen Diskussion der Partnerwahl Woldemars nicht in den Blick (...)

Der Kommentar Armgards drückt Ekel aus: „Aber das ist ja schrecklich“. Sie reflektiert in dieser Reaktion auf Heinrichs ‚platonisch‘-erotische Totenverehrung Krafft-Ebings kategoriale Verurteilung dieser „krankhaft[en] und entschieden pervers[en] Sinnlichkeit“ als „monströs“ und „scheusslich“ (Psychopathia, S. 293). Grundzüge der nekrophilen Manifestation der sexuellen Vorlieben des Prinzen sind Künstlichkeit und Entstellung im Sinne einer Verwirrung von Kategorien, zum Beispiel der Substitution des Simulakrums für die Wirklichkeit, die Bannung von Verstörung oder Versuchung in den Bereich des Unerreichbaren. Die Perversität von Nekrophilie und Homosexualität erweist sich in lebensverneinenden Vorlieben, in der paradoxen Bevorzugung des Erstarrten, Geschlechtslosen als sexuellem Stimulus. Die sexuelle Aberration wird weiterhin in den semantischen Bereich der Blasphemie gerückt, das Wesen der sexuellen Perversion mithin als Negation einer verbindenden und verbindlichen Ordnung gewertet. Für den Roman schält sich als Leitlinie für die genau hier einsetzende Verhandlung der Grundlagen der prospektiven Lebensgemeinschaft Armgards und Woldemars kontrastiv Lebensbejahung und Lebensermöglichung heraus – Schlichtheit (Ungeschminktheit gewissermaßen), ein Brautstand, der sich nicht in Jungfräulichkeit erschöpft, sich nicht vor dem Lebenden und dem Lebenspenden fürchtet. Die sexuelle Verwirrung des Königsbruders kristallisiert sich mithin als ausführliche diametrale Negativfolie für den im Stechlin formulierten Entwurf des Sozialen heraus22.

16Im Zusammenhang des medizinischen Diskurses der Zeit ist das Fallbeispiel als Pathologie, als Patientenbiographie aufbereitet, wie sie auch der Psychiater Krafft-Ebing zur Veranschaulichung seiner Thesen verwendet (als ‚Beobachtungen‘ bezeichnete Fallgeschichten). Zwischen Misogynie und Nekrophilie wird gewissermaßen auch eine Taxonomie des Devianten angeboten, die sich über die Manifestationsformen bemisst (Schwere des Normverstoßes), welche in den Geltungsbereich des Gesellschaftlichen gehören: Wenn eine ‚Veranlagung‘ (‚Unglück‘) nicht rückgängig zu machen ist, so steht doch der Umgang damit im Spielraum menschlicher Gestaltungsmöglichkeit.

17Für einen zur Spielzeit des Romans seit fast einem Jahrhundert Verstorbenen ist die Frage nach der Toleranz gegenüber den hier gezeigten Eigenschaften falsch gestellt. Prinz Heinrich liefert ein Anschauungsbeispiel, das landeskundliches Interesse, Kuriositätenwert und anekdotische Aufbereitbarkeit mit thematischer Relevanz für das Ethos des Textes vereint. So episodisch die Behandlung des Prinzen auch bleibt, so offen verfährt sie doch. Die Entschlüsselungsaufgabe gilt hier nicht, wie in Cécile, dem Tatbestand der Homosexualität und der damit einhergehenden Lebenseinrichtung, sondern ihrer Bedeutung als sowohl Kontrastfolie wie (struktureller) Ausgangspunkt für die Verhandlung der Werte, welche Armgards und Woldemars Verbindung bestimmen sollen. In einer Reprise der Wissensfrage in Cécile leitet Armgards Frage: „Und wie äußert sich das? Oder ist es überhaupt nicht möglich, über das Thema zu sprechen?“ die zuletzt zitierte Passage ein. Die anschließenden Erläuterungen entsprechen einer Bejahung dieser Frage. Die ausdrückliche Inklusion des Pathologischen in den Gesprächskosmos des Stechlin steht in eklatantem Gegensatz zur demonstrativen Aussparung des Expliziten in Cécile, wo das Nichtaussprechen auch in anderer Hinsicht (etwa die Vergangenheit der Protagonistin betreffend) für Eruption, Unterstellung, Vorurteil, Übergriffigkeit, Peinlichkeit – mit einem Wort für die Katastrophe verantwortlich ist, in der das Romangeschehen kulminiert.

  • 23 Weiterführend Eva Ziebura: „Prinz Heinrich von Preußen und sein Rheinsberger Hof im Werk Theodor (...)
  • 24 Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 1: Die Grafschaft Ruppin. Wohlfeile (...)

18Erscheint die kurze gesprächsweise Behandlung ‚konträrer Sexualempfindung‘ im Stechlin auch eng an die Phänomenologie und implizit auch an die Begründung des Psychiaters anzuschließen, dass es sich um eine angeborene ‚Krankheit‘ handele, so bleiben dessen politisch-juristische Folgerungen, die Forderung nach Straffreiheit wegen nicht gegebener persönlicher Verantwortung für die Veranlagung, aus dem Roman-Universum ausgespart. Andererseits wird das Beispiel des Prinzen Heinrich in weitere, nicht sexologische Resonanzbereiche überführt, zum Beispiel in geschichtsphilosophische Bedeutungszusammenhänge. Die Evokation des Prinzen Heinrich führt in den Bereich alternativer Geschichte. Das hegemoniale Geschichtsnarrativ, das im Wilhelminischen Deutschland einen Kult um den Bruder Friedrich II. (den Großen) betrieb, wird im Areal der Residenz des Prinzen, Schloss Rheinsberg, auf Schritt und Tritt relativiert23. Fontane hatte Rheinsberg im Sommer 1859 besucht, also in zeitlicher Nähe der ‚Begegnungen‘ mit John Everett Millais und Rosa Bonheur. Die Inschrift des Obelisken im Park, die Würdigung von achtundzwanzig Teilnehmern des Siebenjährigen Krieges, erläutert Fontane als Geschichtskorrektur: „alle diejenigen, die bei der einen oder anderen Gelegenheit von der Ungnade des Königs betroffen wurden, [dürfen] ziemlich sicher sein […], an diesem Obelisken ihr Konto in Balance gebracht zu sehen“24. Er thematisiert in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg das Konkurrenzverhältnis zwischen den Brüdern auch noch pointierter:

Das harte Los, das dem Prinzen bei Lebzeiten fiel, das Geschick, „durch ein helleres Licht verdunkelt zu werden“ [den „Stern seines Bruders“], verfolgt ihn auch im Tode noch. (S. 258)

In einem Zusatz gibt er – im engeren Sinne die Auswahl der am Obelisken verewigten Namen erläuternd – das Motto hinzu: „aucun préjudice“ (S. 268), das ein Echo in der Inschrift seiner Grabpyramide findet, wo Prinz Heinrich sich als Opfer des Bösen der Menschheit verklärt, als „tourmenté par les passions des autres / agité par les siennes / souvent en butte à la calomnie / ou victime de l’injustice“ (S. 260f.), also nur wenig verschlüsselt auf seine ‚konträre Sexualempfindung‘ hinweist, in der Klage aber seine Kaltstellung durch den Bruder mitschwingen lässt. Homosexualität ist mithin auf ebenso spezifische wie komplexe Weise in das thematische Gewebe des Romans verstrickt: Die Möglichkeit abweichender Lebensausrichtungen und die Möglichkeit konkurrierender Geschichten verschränken sich in der Beispielgestalt und erklären sich wechselseitig.

„aucun préjudice“: Fazit

  • 25 Roland Berbig: Theodor Fontane Chronik. Berlin 2010, S. 636.

19Die beiden Romane sind auf vielfältige Weise aufeinander bezogen. Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass in beiden Texten Künstler eine zentrale Rolle spielen, auf die Fontane (wahrscheinlich) während seines England-Aufenthaltes 1856-1859 aufmerksam wurde. Rosa Bonheur und John Everett Millais waren 1856 in Schottland zusammengetroffen, Bilder beider Künstler waren auf der Arts Treasures Exhibition in Manchester ausgestellt, die von Mai bis Oktober 1857 stattfand und von Fontane besucht wurde. Zuvor hatte Fontane am 17. Oktober 1856 bei einem Zwischenstopp auf dem Weg von Berlin nach London in Paris Bilder von Rosa Bonheur gesehen25. Die chronologische Ballung mag erklären, warum diese Maler im Umkreis von Werken mit Londoner Bezug Eingang in Fontanes erzählerisches Universum gefunden haben.

20Eine über die Erwähnung von Künstlern, auf die er in ‚englischen‘ Zusammenhängen aufmerksam geworden war, hinausgehende Gemeinsamkeit zwischen Cécile und Der Stechlin besteht jedoch in der so kraftvoll bedeutungsgenerierenden Rolle der Anspielungen auf homosexuelle historische Persönlichkeiten, die – auch wenn man über eine mögliche Kennzeichnung von Figuren als homosexuell in verschiedenen anderen Texten Fontanes spekulieren kann – einzigartig in seinem Werk ist. In beiden Romanen sind die Hinweise auf einen tabuisierten, jedoch manifesten und ‚gewussten‘ Tatbestand als massive Entschlüsselungsaufforderungen gestaltet, die jedoch unterschiedlichen Stellenwert aufweisen: In Cécile generiert die Kenntnis von alternativen Lebensentwürfen Ambivalenzen der Zuordnung und entsprechenden Orientierung; im Stechlin ist die Funktion als Abgrenzungsfolie recht klar konturiert. Die Befunde der Transgression gegenüber den Anforderungen traditioneller Geschlechterrollen (Rosa Hexel/Rosa Bonheur) und der Misogynie (Prinz Heinrich) dienen als Signale, die zu dem Bedeutungskomplex leiten, der unter der Chiffre Homosexualität angelagert ist und für die jeweiligen Texte ein strukturierendes und sinngenerierendes Potential entfaltet.

21Fontane liefert nicht im Sinne einer Literatur, die wegen Begriffsmangel und Sprechverbot zu Anspielung und Camouflage gezwungen ist, einen Gegendiskurs zum binär-normativen Geschlechterdiskurs; die Formulierung eigener geschlechtlicher Anliegen oder die Intervention in einem gesellschaftlichen Homosexualitätsdiskurs um Recht, Moral und ‚Behandlung‘ solcher Individuen sind nicht das Ziel des Autors. Dennoch entfalten auch hier, wie in den Werken von Autoren, die der eigenen sexuellen Identität und persönlichen Befindlichkeiten Ausdruck verleihen, die als Entschlüsselungsaufforderung angelegte Verschlüsselung und die Nutzung der freigelegten Bedeutungsebene eine entscheidende literarische Produktivität, die in Fontanes Fall die Ökonomie der Romane insgesamt, nicht in erster Linie die Zeichnung der betroffenen Figuren betrifft. Diese Produktivität entfaltet sich in den Bereichen der sinntragenden Struktur, der Problemexposition und – konventionell ausgedrückt – im Bereich von Ethos, ‚Tendenz‘ und Gesellschaftsauffassung. Rosa Bonheur und ihr fiktives Nachbild Rosa Hexel sowie Prinz Heinrich von Preußen stellen Beispiele von Lebenseinrichtungen bereit, die als Alternative zu den problematisch gewordenen heterosexuellen Verbindungen in Cécile und als Vergleichsfolie für die Verhandlung eines tragfähigen und sozial verantwortlichen Lebensentwurfs des heterosexuellen jungen Paares im Stechlin profiliert sind. Literarisch dienen sie der Konturierung einer Problematik, die dezidiert keine homosexuelle ist, sondern andere, durchaus konventionellere Bereiche von Geschlechterpolitik ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt.

22Es geht bei Fontanes Verwendung des Motivs also nicht in einem heutigen Sinne um Homosexualität als physisch-emotionale Partner-Orientierung, sondern um Homosexualität als Ausprägungsform einer Verweigerungshaltung gegenüber dem gesellschaftlichen Ehe- und Fortpflanzungsdiktat als Kernstück bürgerlicher Ordnung. Außer bei der Skizze von Prinz Heinrichs nekrophiler Neigung, die ja klar sexuelles Begehren vorführt und einen „krankhaften Naturtrieb“ (S. 128) indiziert, spielen die großen Themen des zeitgenössischen Diskurses, wie ihn Krafft-Ebing repräsentiert, in Fontanes Texten bei spürbar kenntnisreicher Bezugnahme eine eher untergeordnete Rolle: Weder die Unterscheidung zwischen ‚angeborener‘ und ‚erworbener‘ „Inversio sexualis“ noch die Dimensionen von Diagnose und Therapie (Krafft-Ebing befürwortet hypnotische Suggestion) oder strafrechtlicher Relevanz (Strafwürdigkeit der Akte, Zurechnungsfähigkeit und strafrechtliche Verantwortlichkeit der Ausführenden) erhalten in den Romanen Beachtung. Fontane spielt allerdings mit dem Status des entsprechenden kulturellen Wissens, mit dessen tabuisierter, skandalöser Qualität.

  • 26 In der ‚Urning‘-Terminologie folgt Krafft-Ebing Karl-Heinrich Ulrichs (Forschungen über das Räths (...)
  • 27 So die Tendenz einiger der in Anm. 9 aufgeführten Beiträge.
  • 28 Catherine Hewitt: Art is a Tyrant. The Unconventional Life of Rosa Bonheur. London 2020, S. 416.

23Ein heutiges, post-binäres Bewusstsein menschlicher Sexualität ist an Fontanes Behandlung des Themas nicht anzulegen. Fontane hätten eindeutigere Begriffe und Signale zur Verfügung gestanden – Krafft-Ebing spricht vom „amor lesbicus“, beschreibt körperliche Ausdrucksweisen dieser „verbotenen Freundschaft“ (Psychopathia, S. 291), die Praxis des Cross-Dressing (in Männerkleidern) und eheähnlichen Zusammenlebens in der Verstellung als heterosexuelles Paar sowie anderer Rollenfächer (Angestellten-, Kolleginnen-, Lehrerin- / Schülerin-Verhältnisse etwa); all dies waren Züge, die aus Rosa Bonheurs Lebenswandel bekannt waren. Eine derart gestaltete Lebensweise als Alternative zur heterosexuellen Reproduktionsehe erscheint auch schon im zeitgenössischen Schrifttum ansatzweise als Möglichkeit einer bewussten Lebensentscheidung: „Die grosse Mehrzahl der weiblichen Urninge folgt nicht einem angeborenen Drang, sondern entwickelt sich unter analogen Bedingungen wie der gezüchtete Urning“ (Psychopathia, S. 291)26. Ein derartiger Lebensentwurf wird in Cécile anzitiert als Vergleichsfolie für die Unmöglichkeit der Heldin, sich aus dem Status der Fremdbestimmung und Fremdzuschreibung zu befreien. Im heutigen Verständnis von Homosexualität kann zwar die Malerin des neunzehnten Jahrhunderts unschwer als Pionierin adoptiert werden27, doch summiert sich die zeitgenössische Beschäftigung mit ihr nicht zu einem Aufruf zur Ermöglichung sexueller Selbstbestimmung. Deshalb vermeidet zum Beispiel eine aktuelle Biografie der Malerin Rosa Bonheur den Begriff ‚lesbisch‘ vollständig als für die Wahrnehmung des neunzehnten Jahrhunderts unangemessen. Wenn er in einem Nachwort zur Nachwirkung der Malerin fällt, dann im Zusammenhang mit der Besucherszene der nach ihr benannten Pariser Bar28.

24Im Stechlin streift die Unterhaltung über die Stichwörter Krankheit und Unglück die Ursachen der ‚Veranlagung‘, deren mögliche Folgen und Symptome: die Nekrophilie Prinz Heinrichs und seine Kapriziosität. Ein Bedeutungsspektrum wird mithin ausgeleuchtet, das von dem Verständnis homosexueller Lebensausrichtung als Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und dem Aufbrechen eines auf Reproduktion und Repräsentation zielenden Geschlechterrollenverständnisses im Fall der Rosa Hexel bis zur Diagnose von Devianz, ja Perversion im Falle des Prinzen Heinrich reicht. Während sich die Unabhängigkeit der Malerin in ihrer sozialen Rolle ausprägt und sie in ihrer Kunst das Lebendige verewigt, erscheint die Selbstgenügsamkeit von Heinrichs Sexualität auf das Künstliche und Unlebendige gerichtet. Die Konstellation in beiden Texten zwischen dem Kerngeschehen und der hier exponierten Anspielungsdimension ist mithin als durchaus chiastisch zu bestimmen; in beiden Romanen ist die Kernproblematik über die Anspielungsdimension Homosexualität kontrastiv eingegrenzt.

  • 29 Formulierung angelehnt an Hamid Tafazolis Untersuchung „poröse[r] Räume gesellschaftlicher Normen (...)

25Homosexualität ist gewissermaßen Metonym für das Poröse der gesellschaftlichen Normen, das Irreguläre und Provokante29, nicht aber per se Ausweis oder Symptom von Devianz und Verfall. Die Reaktionen auf die Herausforderung, die Versuche der Bewältigung können unterschiedlich ausfallen und damit auch den Auslösern einen unterschiedlichen Status zuweisen. Dies beleuchtet die spiegelbildliche Anordnung der Folgerungen (Applikation) aus dem angebotenen Beispiel: Rosa Hexel kann als ein Gegenbild zur Unterworfenheit unter tödliche gesellschaftliche Spielregeln der an dem heterosexuellen Dreiecksverhältnis Beteiligten gelten; das Profil ihres historischen Vorbilds prädestiniert sie für diese Rolle. Im Stechlin ist der exzentrische Außenseiter Kontrastfolie für die Affirmation eines durchaus konventionellen Lebensentwurfes des zentralen heterosexuellen Paares; dieser gewinnt dadurch seine Relevanz, dass er mit moralischen und politischen Inhalten angereichert ist, die der zeitgenössischen Gegenwart ein auf Maß, Inklusion und Verantwortlichkeit gegründetes Modell der Versöhnung des Disparaten ohne Bruch mit überkommenen gesellschaftlichen Organisationsprinzipien vorführt. Dass in der Romanlogik die Aussöhnung durch Abgrenzung von den ‚Perversionen‘ des historischen Beispiels gewonnen wird, zeigt die Akzentsetzung der Vision. Das eher konservative Versöhnungsethos erweist sich in anderer Hinsicht ebenso als Minderheitsposition, wie der Königsbruder im Schatten eines hegemonistischen Handelns und Diskurses stand und steht.

26Das Wissenmüssen ist eine mobile Kategorie. Leser werden durch massive Hinweise und suggestive Verschleierung aufgefordert, ihr kulturelles Wissen über die beiden historischen Gestalten Rosa Bonheur und Prinz Heinrich von Preußen zu mobilisieren, um dieses für das Verständnis der Romane nutzbar zu machen. Die Romangestalten, allen voran Cécile St. Arnaud und Armgard Barby, werden auf unterschiedliche Weise in das Gewebe von Wissen und Nichtwissen, von Tabu und Benennung eingesponnen. Für Armgard ist die Ablehnung des Gewussten und von Woldemar sowie ihrer Schwester Erläuterten Sprungbrett für die Definition einer eigenen Position, die als Ausgangspunkt der Annäherung zwischen Woldemar und ihr entscheidende Bedeutung für das Romangeschehen hat. Ohne die Kontrastfolie dieser eigenen Position zu erkennen, vermögen auch Leser nicht zu erfassen, worin die Essenz des von Armgard vertretenen Ethos, dann auch von Woldemars Kompatibilität und letztendlich die gemeinsame Lebensperspektive bestehen, welche die Verbindung der beiden grundiert und zukunftsfähig macht. Cécile wird dagegen in einem Zustand des Nichtwissens gehalten, ihr wird Teilhabe vorenthalten, weil ihr ein moralisches Korsett, eine Art Schonung übergestülpt wird, welche auch dazu beiträgt, ihren Zerfall zu erklären, der wiederum metonymisch für eine tiefe politische, gesellschaftliche und kollektiv-psychologische Krise einsteht.

27In beiden Romanen geht es um Symmetrie, deren Störung im früheren Werk und der Herstellung von Ausgeglichenheit, Gegenseitigkeit, Harmonie in den Geschlechterbeziehungen in Fontanes letztem Text. Strukturell gesehen ist die Diagnose von Homosexualität ein Katalysator zur Erprobung dieser Symmetrie (oder Harmonie), die in Cécile misslingt, wobei aber nicht der das Binaritätsprinzip störenden Figur die Schuld angelastet wird, sondern der Unfähigkeit der Gesellschaft, ihre Vorurteile (Ehr- und Normativitätsvorstellungen) zugunsten von Akzeptanz und Pluralität hintanzustellen. Im Stechlin gelingt die Herstellung von Symmetrie durch Abgrenzung und Ausschluss. Die positive Formulierung eigener Positionen (hier der Kompatibilität der Partner und der Kongruenz des Lebensplanes mit den gegebenen Bedingungen) beläuft sich allerdings nicht auf eine kategoriale (vorverurteilende) Ablehnung des Verworfenen. Im Gegenteil, das Beispiel impliziert eine Anerkennung unterschiedlicher historischer Erfahrung und Prägung als ontologischer Konstanten. Weder die eine noch die andere Verwendung des Motivs der Homosexualität läuft auf eine Bewertung von Homosexualität als Neigung oder als gesellschaftlicher Erscheinung heraus.

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Notes

1 Florian Krobb: „Transaktionale Geschlechterbeziehungen bei Fontane. Cécile und Der Stechlin“. In: Paul Keckeis/Gerda Moser/Viktoria Walter (Hgg.): Literarische Aushandlungen von Liebe und Ökonomie. Berlin 2021, S. 129-148.

2 Vgl. Florian Krobb: „‘Die Welt ist eine Welt der Gegensätze, draußen und drinnen‘. Fontanes Cécile und die Unmöglichkeit von ‚Mut‘.“ In: Fontane Blätter 104 (2017), S. 28-45.

3 Florian Krobb: „‚ Das ist ja der reinste Wallensteins Tod‘. Die Wallenstein-Namen in Fontanes Cécile als hermeneutische Indikatoren“. In: Weimarer Beiträge 65.3 (2019), S. 363-379.

4 Erwin In het Panhuis: „Fontane, ‚sexuelle Incorrectheiten‘ und der ‚dankbare Anus‘.“ <queer.de/detail.php?article_id=35191> [veröffentlicht am 30.12.2019; abgerufen am 29.04.2020]; Georg Bartsch: Fontane und die „sexuellen Incorrectheiten“. Theodor Fontanes Umgang mit der Homosexualität. O.O. 2014; „Theodor Fontane: Susanne von Sandrascheck. Ein unveröffentlichtes Erzählfragment“. Hanna Delf von Wolzogen/Christine Hehle (Hgg.). In: Fontane Blätter 96 (2013), S. 10-19 (Kommentar zu einem Novellenplan über eine offensichtlich lesbische Lebensgemeinschaft).

5 Zu Anspielungen als doppelbödigen Entschlüsselungsaufgaben aufschlussreich Matthias Bickenbach: „Einladung zum Lesen. Fontanes Mythopoetik und der Plauderton“. In: Andrew Cusack/Michael White (Hgg.): Der Fontane-Ton. Stil im Werk Theodor Fontanes. Berlin 2021, S. 151-175.

6 Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Schriften und Briefe. Walter Keitel/Helmuth Nürnberger (Hgg.). Abteilung I: Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes. Bd. 2. München 1971, S. 169 (Hervorhebung im Original). Weitere Nachweise im Text.

7 Norbert Mecklenburg: Theodor Fontane. Realismus, Redevielfalt, Ressentiment. Stuttgart 2018, S. 148f.

8 Eduard Schmidt-Weißenfels: „Rosa Bonheur“. In: Biographische Skizzen und Charakternovellen. 2 Bde. Berlin 1862, Bd. II, S. 196-202, hier S. 198. Weitere Nachweise im Text.

9 Albert Baime: “The Case of Rosa Bonheur. Why should a woman be more like a man?” In: Art History 4.4 (1981), S. 384-409; Gretchen van Slyke: “Gynocentric matrimony. The fin-de-siècle alliance of Rosa Bonheur and Anna Klumpke”. In: Nineteenth-Century Contexts 22.4 (1999), S. 489-502; Mechthild Fend: „‚Fräulein Rosa malt fast wie ein Mann‘. Rosa Bonheur und die Schwierigkeit, als Künstlerin androgyn zu sein“. In: Querelles. Jahrbuch für Frauenforschung 4 (1999), S. 72-85; Laurel Lampela: „Daring to be different. A look at three lesbian artists”. In: Art Education 54.2 (2001), S. 45-51; Britta C. Dwyer: “Bridging the gap of difference. Anna Klumpke’s ¸union with Rosa Bonheur”. In: Laura Felleman Fattal/Carol Salus (Hgg.): Out of Context. American Artists Abroad. Westport/CT 2004, S. 69-79.

10 Gretchen van Slyke: “The sexual and textual politics of dress. Rosa Bonheur and her cross-dressing permits”. In: Nineteenth-Century French Studies 26.3/4 (1998), S. 321-335.

11 Formulierungen angelehnt an Heinrich Detering: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann. Studienausgabe. Göttingen 2002 [1994], S. 9.

12 Die Konnotationen, die von dem Nachnamen Hexel ausgehen, bleiben hier unberücksichtigt; vgl. etwa das Kapitel „Cécile – Hexe und Hysterikerin“. In: Uta Tredel: Von der Hexe zur Hysterikerin. Zur Verfestigungsgeschichte des ‚Ewig-Weiblichen‘. Bonn 1984, S. 35-55.

13 Zu den einschlägigen Debatten Philippe Weber: Der Trieb zum Erzählen. Sexualpathologie und Homosexualität, 1852-1914. Bielefeld 2008.

14 Vgl. Sascha Kiefer: „‚ Die Trippelli, Anfang der Dreißig, stark männlich‘. Fontanes Künstlerfiguren an den Grenzen der Geschlechternorm“. In: Sabina Becker/Sascha Kiefer (Hgg.): „Weiber weiblich, Männer männlich“? Zum Geschlechterdiskurs in Theodor Fontanes Romanen. Tübingen 2005, S. 95-126.

15 Zu diesem Profil passt ihre Stellung als Beobachterin; vgl. Nora Hoffmann: Photographie, Malerei und visuelle Wahrnehmung bei Theodor Fontane. Berlin 2011, S. 217-224.

16 Florian Krobb: „Accomodating Silesia. Framing A Periphery in Fontane’s Cécile (1886) and Wackwitz’s Ein unsichtbares Land (2003)“. In: Sabine Egger/Stefan Hajduk/Britta C. Jung (Hgg.): Germania Slavica – Sarmatien – Mitteleuropa. Vom Grenzland im Osten über Bobrowskis Utopie zur Ästhetik des Grenzraumes. Göttingen 2019, S. 181-197, bes. S. 191.

17 Georg Bartsch: Fontane und die „sexuellen Incorrectheiten“, S. 7f.

18 Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Schriften und Briefe. In: Walter Keitel/Helmuth Nürnberger (Hgg.). Abteilung I, Bd. 1. 3. Aufl. München 1970, S. 687.

19 Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Walter Keitel (Hg.). Abteilung I, Bd. 5. München 1966, alle folgenden Zitate S. 132f. Weitere Nachweise im Text. Zu Prinz Heinrichs Homosexualität Eva Ziebura: Prinz Heinrich von Preußen. Berlin 1999, bes. S. 44-48.

20 Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis. Mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung. Eine klinisch-forensische Studie. 5. Aufl. Stuttgart 1890. Weitere Nachweise im Text.

21 Florian Krobb: „gens irritabilis“. Niels Wrschowitz und die Musikdebatte im Stechlin. Vortrag, gehalten auf der Fontane-Tagung in Szeged (Ungarn) „Apparat und Inscenierung“. (2021)

22 Diese Sachverhalte sind in der bisherigen Diskussion der Partnerwahl Woldemars nicht in den Blick geraten. Vgl. zuletzt Dirk Oschmann: „Freiheit bei Fontane“. In: Matthias Grüne/Jana Kittelmann (Hgg.): Theodor Fontane und das Erbe der Aufklärung. Berlin 2021, S. 67-84, hier S. 81f.

23 Weiterführend Eva Ziebura: „Prinz Heinrich von Preußen und sein Rheinsberger Hof im Werk Theodor Fontanes“. In: Bernd Heidenreich/Frank-Lothar Kroll (Hgg.): Theodor Fontane – Dichter der deutschen Einheit. Berlin 2003, S. 165-181.

24 Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 1: Die Grafschaft Ruppin. Wohlfeile Ausg. Berlin 1892, S. 269. Weitere Nachweise im Text.

25 Roland Berbig: Theodor Fontane Chronik. Berlin 2010, S. 636.

26 In der ‚Urning‘-Terminologie folgt Krafft-Ebing Karl-Heinrich Ulrichs (Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe. Leipzig 1864-1880).

27 So die Tendenz einiger der in Anm. 9 aufgeführten Beiträge.

28 Catherine Hewitt: Art is a Tyrant. The Unconventional Life of Rosa Bonheur. London 2020, S. 416.

29 Formulierung angelehnt an Hamid Tafazolis Untersuchung „poröse[r] Räume gesellschaftlicher Normen“: „‚Die Welt ist einmal, wie sie ist‘. Literarische Konzeptionen gesellschaftlicher Ordnung und individueller Liebe in Fontanes Romanen“. In: Literatur für Leser 41.1 (2018), S. 33-48, hier S. 34.

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Pour citer cet article

Référence papier

Florian Krobb, « „Ist es etwas, das man wissen muß?“ »Recherches germaniques, 52 | 2022, 25-42.

Référence électronique

Florian Krobb, « „Ist es etwas, das man wissen muß?“ »Recherches germaniques [En ligne], 52 | 2022, mis en ligne le 12 décembre 2022, consulté le 14 septembre 2026. URL : http://journals.openedition.org/rg/8502 ; DOI : https://doi.org/10.4000/rg.8502

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Auteur

Florian Krobb

Professeur émérite en études germaniques
Centre for European and Eurasian Studies
Maynooth University – Maynooth

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