Anne-Laure Briatte, Hélène Camarade, Valérie Dubslaff, Sibylle Goepper (Hgg.) : Ce que le genre fait aux études germaniques. Allemagne d’aujourd’hui
Anne-Laure Briatte, Hélène Camarade, Valérie Dubslaff, Sibylle Goepper (Hgg.) : Ce que le genre fait aux études germaniques. Allemagne d’aujourd’hui 237, 2021, 245 S., ISBN 978-2-7574-3269-3.
Texte intégral
1Das von Anne-Laure Briatte, Hélène Camarade, Valérie Dubslaff und Sibylle Goepper herausgegebene Dossier der Zeitschrift Allemagne d’aujourd’hui gibt einen umfassenden Überblick über die Geschichte und den aktuellen Forschungsstand der Gender Studies in der französischen Germanistik. Dabei wird auch die Vorgeschichte der Geschlechterforschung, nämlich die feministische Frauenforschung, gebührend berücksichtigt. Das Dossier gliedert sich in drei thematische Teile:
2Zunächst wird die Geschichte der Frauen- und Geschlechterforschung in der französischen Germanistik skizziert. Marie-Claire Hoock-Demarle und Anne-Marie Saint-Gille tun dies unter besonderer Berücksichtigung der Institutionalisierung dieser Forschungsrichtung, der einschlägigen Qualifikationsschriften, der Inter- bzw. Transdisziplinarität und der Interaktion zwischen Lehre und Forschung. Patrick Farges hebt die späte Entstehung der (kritischen) Männerforschung in der französischen Germanistik hervor und diskutiert kritisch zwei grundlegende Arbeiten über Männlichkeit, Klaus Theweleits massenwirksamen Bestseller Männerphantasien über den Zusammenhang zwischen soldatischer Männlichkeit und NS-Faschismus sowie Raewyn Connells theoretisches Grundlagenwerk Masculinities, in dem sie das Konzept der ‚Männlichkeit‘ pluralisiert und zwischen der hegemonialen Männlichkeit (die übrigens auch im Plural zu denken ist, es gibt nicht nur eine hegemoniale Maskulinität) und alternativen männlichen Existenzweisen unterscheidet. Eine Ausdifferenzierung von unterschiedlichen Weiblichkeiten und Männlichkeiten erlaubt das Konzept ‚Intersektionalität‘, das von Kimberlé Crenshaw geprägt wurde und im vorliegenden Dossier von Anne-Laure Briatte vorgestellt wird. Es erlaubt, die Korrelation von Geschlecht mit anderen sozialen Kategorien, z.B. Klasse, Ethnie, Region, sozialer Herkunft, Lebensalter, Generation, Beruf, Bildung, Religion und sexueller Orientierung, und somit die Diversität von weiblichen und männlichen Lebensformen zu erfassen. Nathalie Schnitzer untersucht, inwiefern seit 1970 eine gendergerechte Sprache nach und nach Eingang in Deutschlehrwerke und Deutschgrammatiken in Frankreich gefunden hat – oder auch nicht, was hauptsächlich für die Grammatiken gilt.
3Anschließend berichten fünf Germanistinnen aus Frankreich, wie sie im Rahmen ihres studentischen und beruflichen Werdegangs zu Themen und Methoden der Frauen- und Genderforschung Zugang gefunden haben. Herta-Luise Ott ist eine österreichisch-französische Grenzgängerin: aus der Wiener Frauenforschung kommend, besuchte sie in Paris um 1990 Seminare bei Hélène Cixous und Luce Irigaray und schrieb eine komparatistische Doktorarbeit über Marguerite Duras und Ingeborg Bachmann. Eine disziplinäre Grenzgängerin ist Susanne Böhmisch, die mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit über Elfriede Jelinek und Elfriede Czurda promoviert wurde und sich über Pina Bauschs Tanztheater habilitierte. Wie Susanne Böhmisch verfassten auch die anderen Forscherinnen ihre Qualifikationsschriften nach 2000, zu einem Zeitpunkt, als die französische Germanistik die Gender Studies vorsichtig zur Kenntnis nahm, was der Entstehung dieser Forschungsarbeiten förderlich war. Valérie Dubslaff promovierte unlängst mit einer Pionierarbeit über die Rolle von Frauen in der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), die 1964 gegründet wurde und zunächst aus postnazistischen, später auch neonazistischen Akteuren und Akteurinnen bestand bzw. besteht. Sibylle Goepper und Hélène Camarade schrieben ihre Doktorarbeiten bzw. Habilitationsschriften zwar ohne Kenntnis der Gender Studies, sie machten sich aber in der Folge mit Theorien und Begriffen derselben vertraut und arbeiten fortan mit ihnen. Der Forschungsschwerpunkt von Sibylle Goepper ist die künstlerische Sub- und Gegenkultur in der DDR, wobei sie auf die Kluft zwischen dem offiziellen Diskurs des SED-Staates, demzufolge die Gleichheit zwischen Männern und Frauen erreicht sei, und der sozialhistorischen Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus aufmerksam macht. Hélène Camarade forscht über Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die lange Zeit von der Geschichtswissenschaft vergessen wurden und erst seit den 1990er Jahren ins Blickfeld der Forschung rückten.
4Im dritten Teil des Dossiers stellen vier Germanist*innen exemplarisch ihre Gender-Forschungen vor. Ausgehend von Judith Butlers Auffassung, dass auch der Geschlechtskörper (und nicht nur das soziale Geschlecht/Gender) eine soziokulturelle Konstruktion ist, und Clifford Geertz’ Begriff ‚Kultur als Text‘, zeigt Cécile Chamayou-Kuhn die Materialisierung und Vertextung des Körpers in Elfriede Jelineks Theaterstück Schatten (Eurydike sagt) auf. Der (weibliche) Körper steht auch im Zentrum des Beitrags von Stéphanie Chapuis-Després, die die soziokulturelle Konstruktion der weiblichen Identität im 16. und 17. Jahrhundert analysiert. Sie stützt sich dabei auf ganz unterschiedliche Textsorten, vor allem katholischer und protestantischer Provenienz, deren Anliegen darin konvergiert, den weiblichen Körper der sozioreligiösen Normierung und Kontrolle zu unterwerfen, und bekräftigt somit die Behauptung Michel Foucaults, dass der Körper ein Ort der Macht ist. Anne Salles untersucht die Familienpolitik der BRD seit der Wiedervereinigung unter dem Aspekt der Ungleichheit von Mann und Frau. Trotz der familienpolitischen Reformbemühungen seit 2005, die von einer Mehrheit der Gesellschaft bejaht werden, bestehen die Ungleichheiten zu Ungunsten der Frauen fort, die wesentlich häufiger als Männer in Teilzeit arbeiten und einen Erziehungsurlaub in Anspruch nehmen. Der Aufsatz von Jean-Marc Bobillon nimmt im vorliegenden Dossier insofern eine Sonderstellung ein, als er den Gender Studies im Allgemeinen und den Bemühungen um eine gendergerechte Sprache im Besonderen kritisch gegenübersteht. Da er die Lesbarkeit und stilistische Feinheit von Texten in einer gendergerechten Sprache anzweifelt, plädiert er für die Beibehaltung des generischen Maskulinums.
5Den Abschluss des Dossiers bildet die Transkription einer Podiumsdiskussion, die Bénédicte Terrisse und Olivier Baisez mit Marie-Claire Hoock-Demarle, Pascale Gruson, Roland Krebs und Alexis Tautou über Geneviève Bianquis geführt haben. Das Gespräch ist eine Hommage an Geneviève Bianquis, die 1936 als erste Frau in Frankreich einen Lehrstuhl für Germanistik an der Université Dijon erhielt. Ihre Forschungsschwerpunkte waren die Literatur der Goethezeit und um 1900, darunter die Werke von Bettina von Arnim, Karoline von Günderrode, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke; außerdem war sie als Übersetzerin tätig, u.a. von Hölderlin, Novalis, Friedrich Nietzsche und Thomas Mann.
- 1 Abgesehen von den zahlreichen Publikationen von Patrick Farges möchte ich auf meine Habilitations (...)
- 2 Vgl. Klaus Wieland: „Die Konstruktion von männlichen Homosexualitäten im psychiatrisch-psychologi (...)
6Das Dossier Ce que le genre fait aux études germaniques der Zeitschrift Allemagne d’aujourd’hui wird seinem Anspruch vollständig gerecht: Es zeigt auf, wie sehr die Gender Studies die französische Germanistik in den ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts verändert und bereichert haben. Es sind die Frauen und die Geschlechterbeziehungen, die im Mittelpunkt der germanistischen Forschung stehen, insbesondere in den Unterdisziplinen Landeskunde und Literaturwissenschaft. Das Themen- und Zeitspektrum des Dossiers reicht von der frühen Neuzeit, der Goethezeit, der ersten Frauenbewegung, dem Widerstand gegen das NS-Regime über den Rechtsextremismus nach 1945, die Literatur des späten 20. Jahrhunderts (vor allem Ingeborg Bachmann und Elfriede Jelinek), das Tanztheater, die künstlerische Subkultur der DDR bis zur aktuellen Familienpolitik in der BRD und der Debatte um eine gendergerechte Sprache. Die Verbreitung und der Erfolg der Gender Studies in der französischen Germanistik ist der Feminisierung des Fachs zu verdanken. Es sind hauptsächlich Frauen, die sich mit Themen und Methoden der Geschlechterforschung beschäftigen, was sich auch im vorliegenden Dossier widerspiegelt: elf Beiträge stammen von Frauen, nur zwei von Männern. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Männlichkeitsforschung in der französischen Germanistik ein Orchideenthema darstellt1, was im Übrigen auch für die Queer Studies gilt2. Es wäre wünschenswert, dass die vorliegende Publikation nicht nur als eine Bilanz, sondern auch als eine Anregung für weitere Arbeiten auf dem Gebiet der Frauen-, Männer-, Geschlechter- und LGBTI-Forschung rezipiert wird, auch von Germanisten (das ist kein generisches Maskulinum!).
Notes
1 Abgesehen von den zahlreichen Publikationen von Patrick Farges möchte ich auf meine Habilitationsschrift Moderne Mannsbilder. Zur Semantik von ‚Männlichkeit‘ in der deutschsprachigen Erzählliteratur der Frühen Moderne (1890-1930) hinweisen, die ich im Dezember 2020 an der Université Sorbonne Nouvelle Paris 3 verteidigt habe und derzeit für eine Publikation überarbeite.
2 Vgl. Klaus Wieland: „Die Konstruktion von männlichen Homosexualitäten im psychiatrisch-psychologischen Diskurs um 1900 und in der Erzählliteratur der Frühen Moderne“. In: Scientia Poetica. Jahrbuch für Geschichte der Literatur und der Wissenschaften/Yearbook for the History of Literature, Humanities, and Science 9, 2005, S. 216-262; ders.: „Le schéma narratif victimaire dans la littérature gay allemande à la fin du xxe siècle (1970-2000)“. In: Bernard Banoun/Anne Tomiche / Mónica Zapata (Hgg.): Fictions du masculin dans les littératures occidentales. Paris 2014, S. 249-263.
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Référence papier
Klaus Wieland, « Anne-Laure Briatte, Hélène Camarade, Valérie Dubslaff, Sibylle Goepper (Hgg.) : Ce que le genre fait aux études germaniques. Allemagne d’aujourd’hui », Recherches germaniques, 52 | 2022, 162-165.
Référence électronique
Klaus Wieland, « Anne-Laure Briatte, Hélène Camarade, Valérie Dubslaff, Sibylle Goepper (Hgg.) : Ce que le genre fait aux études germaniques. Allemagne d’aujourd’hui », Recherches germaniques [En ligne], 52 | 2022, mis en ligne le 12 décembre 2022, consulté le 14 septembre 2026. URL : http://journals.openedition.org/rg/8717 ; DOI : https://doi.org/10.4000/rg.8717
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