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Recensions

Sébastian Thiltges, Christiane Sollte-Gresser (Hg.): Kulturökologie und ökologische Kulturen in der Großregion/ Écologie culturelle et cultures écologiques dans la Grande Région

Aurélie Choné
p. 165-168
Référence(s) :

Sébastian Thiltges, Christiane Sollte-Gresser (Hg.): Kulturökologie und ökologische Kulturen in der Großregion/Écologie culturelle et cultures écologiques dans la Grande Région. Berlin, Bern, Bruxelles, New York/Oxford/Warszawa/Wien, Peter Lang, 2020, 275 S., ISBN: 978-3-6318-0732-3.

Texte intégral

1Der Sammelband Kulturökologie und ökologische Kulturen in der Großregion wurde 2020 von dem luxemburgischen Komparatisten Sébastian Thiltges und der deutschen Literaturwissenschaftlerin und Komparatistin Christiane Sollte-Gresser (seit 2009 Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität des Saarlandes) herausgegeben. Er geht auf die gleichnamige Tagung zurück, die 2017 im Nationalmuseum für Naturgeschichte Luxemburg und an der Universität Luxemburg stattfand, und behandelt das komplexe und vielschichtige Verhältnis zwischen Ökologie und Kultur in der Großregion Saarland, Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz, Wallonien. Ziel ist es, Natur und Kultur in der Forschung über die Großregion SaarLorLux systematisch und transnational zusammenzuführen, insofern als diese Region als grenzüberschreitender Raum „ein Europa im Kleinen“ darstellt.

2Der hauptsächlich zweisprachige Band besteht aus einer theoretischen bilingualen Einführung (auf Deutsch und auf Französisch) und aus drei großen Teilen (Diskurse, Texte, Literatur und Kunst) von jeweils drei Beiträgen (vier davon auf Deutsch, vier auf Französisch und ein einziger Beitrag auf Englisch). In der Einführung wird zwischen Kulturökologie und ökologischen Kulturen unterschieden, wobei die Herausgebenden in Anlehnung an den Terminus des deutschen Amerikanisten und Literaturwissenschaftlers Hubert Zapf auf den Begriff ‚Kulturökologie‘ zurückgreifen, den sie auf andere kulturelle Produktionen als nur Literatur erweitern: „Die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Kultur und Umwelt“ (17) bildet nach Auffassung der Herausgebenden den Kern jeglicher Kulturproduktion, ohne dass es dabei um eine Naturalisierung kultureller Systeme geht. Es wird auch auf Gregory Batesons Rolle als „Vorreiter der Kulturökologie“ und auf Peter Finkes Ökologie des Wissens (2005) verwiesen. Die ökologischen Kulturen erforschen ihrerseits die Kulturproduktion mit Bezug auf die Ökologie. Es wird gezeigt, dass „der Ökologie stets auch eine kulturelle Dimension inhärent“ (22) ist, „die Empfindungen, Subjektivität, Fantasie, Sprache und Erzählungen miteinschließt“ (22). Die Herausgebenden treten für ein neues Konzept von Ökologie ein, das die italienische Kultur- und Literaturtheoretikerin Serenella Iovino als „Ecologies of words, of ideas, and of new possible material realities“ formulierte.

3Methodologisch werden die rein konstruktivistischen Ansätze beiseitegelassen zugunsten einer „Re-naturalisierung“ der Großregion. Der Fokus auf einen bestimmten geographischen Raum soll die Aufmerksamkeit auf die materiellen und konkreten Gegebenheiten lenken, „welche die Menschen vorfinden, die dieses Land dauerhaft oder vorübergehend bewohnen.“ (23) – wobei die Großregion weniger als ein Naturraum erscheint denn als eine „soziale, wirtschaftliche und politische Konstruktion“ (28), wo der grenzüberschreitende Austausch zwischen Ländern und Gesellschaften besonders rege ist. Durch diese Aussage zeigt sich deutlich, dass die „Re-naturalisierung“ mit Diskursivierung und Vergesellschaftung einhergeht.

4In den Beiträgen wird auf unterschiedliche Forschungsansätze zurückgegriffen: Sozialkonstruktivismus, Landschaftsforschung und empirische Forschung im ersten Beitrag zur sozialen Konstruktion von Landschaft (Olaf Kühne), Museologie im zweiten Beitrag über Natur im Museum (Céline Schall), Mentalitätsforschung im dritten Beitrag zum neuen Trend der Waldbestattung in Luxemburg (Sonja Kmec und Thomas Kornberger), Literaturdidaktik im vierten Beitrag zum Reaktor als grenzüberschreitender Risikozone (Achim Küpper), Literatur-und Kulturgeschichte im fünften Beitrag über die Wiederansiedlung des Wolfs in die Großregion (Peter Fischer-Staber und Christiane Sollte-Gresser) und im sechsten Beitrag zur Geschichte vom Tier- und Naturschutz in Luxemburg (Myriam Sunnen); schließlich Ecocriticism, New Materialism und Kulturgeschichte der Elemente im siebten Beitrag zum Wasser-Element in einigen Romanen der luxemburgischen Literatur (von den AutorInnen Batty Weber, Nicolas Konert, Nikolaus Hein, Nicolas Ries) der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts (Sébastian Thiltges); Material Ecocriticism und Ecopoetics im achten Beitrag zu dem luxemburgischen Schriftsteller italienischer Abstammung Jean Portante (Tonia Raus), Medientheorie im neunten und letzten Beitrag der Künstlerin Justine Blau. Durch die Vielfalt dieser Ansätze rückt schon die Frage der Inter- und Transdisziplinarität in den Vordergrund. Interessant wäre es gewesen, die Komplementarität dieser Forschungsansätze und ihre Ergiebigkeit für eine geisteswissenschaftlich orientierte Umweltforschung noch deutlicher ans Licht zu bringen.

5In der Tat versuchen die Herausgebenden nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch und konkret interdisziplinär zu arbeiten. Die Beiträge stammen – wie schon erwähnt – von Forschenden aus unterschiedlichen Disziplinen (Museologie, Umweltgeschichte, Literaturgeschichte, Kulturgeschichte, Kulturwissenschaft, vergleichende Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft…) und außerdem von einer Künstlerin, was noch andere Perspektiven eröffnet. Die Zusammenarbeit von Forschenden aus den Bereichen Umweltgeschichte, Umwelt- und Literaturwissenschaft, etwa im Beitrag zum Wolf, erweist sich als besonders aufschlussreich, um die „durchlässigen Grenzen zwischen kulturellem Diskurs und ökologischer Wirklichkeit“ auszuloten (34): eine große Leistung dieses Beitrags besteht darin, dass literatur- und kulturwissenschaftliche Ansätze interdisziplinär „mit geographischen, biologischen und ökologischen Fragestellungen verschränkt“ werden (109).

6Die behandelten Themen (von der Waldbestattung über die Rückkehr der Wölfe in die Großregion oder Gedichte von Jean Portante bis hin zu den Risiken der Atomkraft) könnten auf den ersten Blick den Anschein einer übermäßigen Heterogenität erwecken, aber diese Vielfalt wird allmählich zu einer Einheit durch den gemeinsamen Nenner der Beiträge, die die aufgeworfenen ökologischen Fragen in ihrer Gesamtheit kulturwissenschaftlich erfassen und so „einen größeren, transdisziplinären Diskurszusammenhang über die Beziehung von Kultur und Natur“ öffnen, wobei das Konzept der Transdisziplinarität, das von den Herausgebenden in einer Fußnote als Versuch definiert wird, „der Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften entgegenzutreten“ (11), vielleicht hätte ausführlicher problematisiert werden können.

7Der Band hält auf jeden Fall sein Versprechen, uns dazu zu bringen, geläufige Vorstellungen vom Natur-Kultur-Verhältnis kritisch zu überdenken. Dazu werden konkrete Beispiele herangezogen, z.B. der Wolf, der als Welt- und Wortwolf „die Grenzlinien zwischen Natur und Kultur übertritt“ (124). Die Untersuchung vielfältiger Diskurse (der Bestattungskultur, der Energiewende, der Landschaft, usw.) und unterschiedlicher Texte an der Schnittstelle von kulturökologischen und interkulturellen Fragestellungen ermöglicht es Konvergenzpunkte herauszufinden, u. a. potentielle Konflikte zwischen einer interkulturellen und einer nationalen (z. B. innerdeutschen) Sicht auf Umweltfragen, wie etwa die grenzüberschreitende radioaktive Gefährdung: „Paradoxerweise generiert der eigentlich international und global zu fundierende Diskurs der Energiewende vielfach latent nationalistische Konstruktionen, in denen die eigentliche Position der Kernenergie als in mehrfacher Hinsicht dunkle Stelle oder blinder Fleck zuletzt dennoch lesbar bleibt. Diese Stelle sichtbar zu machen und ihre Konstruktion kritisch zu betrachten, muss als eine wichtige interkulturelle wie didaktische Aufgabe aus kulturökologischer Sicht verstanden werden.“ (105) Dazu trägt der ganze Sammelband bei.

8Insgesamt ist also der vorliegende Band ein anregendes Werk zu den vielfältigen Interaktionen zwischen Natur und Kultur, das die transdisziplinäre und interkulturelle Perspektive der Environmental Humanities treffend veranschaulicht. Der Fokus auf eine gemeinsame ökokulturelle Grenzregion erhöht die Kohärenz des Bandes und ermöglicht es, ökologische Fragen an räumliche Identifikationen, politische Konstruktionen, interregionale und nationale Grenzziehungen anzukoppeln. Aufschlussreich wäre es für weitere Forschungen, Parallelen zu anderen Grenzregionen wie z.B. die trinationale Metropolregion Oberrhein zu ziehen.

  • 1 2022 hat Frankreich den sogenannten Erdüberlastungstag am 5. Mai erreicht.
  • 2 Aurélie Choné/Philippe Hamman : « Repenser la nature à la lumière des Humanités environnementales(...)

9Wie dem auch sei, die Herausgebenden haben die Herausforderung der Environmental Humanities ernst genommen, „einer Abschottung der Disziplinen entgegenzuwirken“ und die „Entgrenzung der Disziplinen“ voranzutreiben. Wir können nur hoffen, dass dieser Band zu einem neuen ökologischen Bewusstsein und zu anderen Konsumgewohnheiten in der Großregion beitragen wird, insbesondere in Luxemburg, das als eines der reichsten Länder der Welt 2019 bereits im Februar den Erdüberlastungstag erreichte (im Gegensatz zu Ende Juli für die gesamte Welt1). In der Tat ist die Kopplung zwischen Reflexion und Aktion mit Inter-(Trans)disziplinarität und Inter-(Trans)kulturalität als eine der größten Herausforderungen der Environmental Humanities2 zu sehen.

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Notes

1 2022 hat Frankreich den sogenannten Erdüberlastungstag am 5. Mai erreicht.

2 Aurélie Choné/Philippe Hamman : « Repenser la nature à la lumière des Humanités environnementales ». In: dieselben: Die Pflanzenwelt im Fokus der Environmental Humanities. Deutsch-französische Perspektiven/Le végétal au défi des Humanités environnementales. Perspectives franco-allemandes. Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Warszawa/Wien 2021, S. 17-47.

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Pour citer cet article

Référence papier

Aurélie Choné, « Sébastian Thiltges, Christiane Sollte-Gresser (Hg.): Kulturökologie und ökologische Kulturen in der Großregion/ Écologie culturelle et cultures écologiques dans la Grande Région »Recherches germaniques, 52 | 2022, 165-168.

Référence électronique

Aurélie Choné, « Sébastian Thiltges, Christiane Sollte-Gresser (Hg.): Kulturökologie und ökologische Kulturen in der Großregion/ Écologie culturelle et cultures écologiques dans la Grande Région »Recherches germaniques [En ligne], 52 | 2022, mis en ligne le 12 décembre 2022, consulté le 14 septembre 2026. URL : http://journals.openedition.org/rg/8742 ; DOI : https://doi.org/10.4000/rg.8742

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Auteur

Aurélie Choné

Professeure des universités en études germaniques
Unité de recherche « Mondes germaniques et nord-européens »
Université de Strasbourg
achone@unistra.fr

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