»When invoked as a global concept, charisma has many different meanings. Many scholars agree with Tambiah, who asserts that there is no identifiable original charisma; rather, there are social constructions and cultural traditions of charismas, each with their distinctive worldviews, psychologies, and sociopolitical implications (Scheper 2005, 1550).«
- 1 Weil ich mich später vor allem der religionssoziologischen Verwendung des Charisma-Begriffs zuwende (...)
1Wie in Schepers Lexikonbeitrag angemerkt wird, findet der Begriff Charisma in vielen verschiedenen Bedeutungsvarianten Verwendung. Drei solche Varianten und die entsprechenden Diskursfelder möchte ich einführend hervorheben; Charisma als christlich-theologische Kategorie, als religionssoziologisches Konzept und Verwendungen von Charisma in der zeitgenössischen Medienlandschaft.1
2Während Chárisma (gr. χάρισμα) aus dem Griechischen auch einfach als »Geschenk« übersetzt werden kann, ist das christlich-theologische Verständnis an die Verwendung des Begriffes in den griechischen Bibeltexten geknüpft. In diesem Kontext wird Charisma als »Gnadengabe« oder »aus Wohlwollen gespendete Gabe« übersetzt. Der Heilige Geist - Pneuma (gr. πνεῦμα) - als göttliche Instanz ist hier als Quelle für die Gaben zu verstehen, wobei das Verhältnis zwischen Pneuma und Charisma umstritten ist (Dünzl 2000, 215). Der Begriff Charisma kommt im Alten Testament nur spärlich vor und findet sich im Neuen Testament vor allem in den paulinischen Texten (vgl. Elssner 2012). Im ersten Korintherbrief nennt Paulus beispielsweise verschiedene »Geistesgaben« - Charismata im Plural - und deren Herkunft:
»Die uns zugeteilten Gaben sind verschieden, der Geist jedoch ist derselbe. Die Dienste sind verschieden, der Herr aber ist derselbe. Das Wirken der Kräfte ist verschieden, Gott jedoch ist derselbe, der alles in allen wirkt. Jedem wird die Offenbarung des Geistes so zuteil, dass es allen zugute kommt. Dem einen nämlich wird durch den Geist die Weisheitsrede gegeben, dem anderen aber die Erkenntnisrede gemäß demselben Geist; einem wird in demselben Geist Glaube gegeben, einem anderen in dem einen Geist die Gabe der Heilung, einem anderen das Wirken von Wunderkräften, wieder einem anderen prophetische Rede und noch einem anderen die Unterscheidung der Geister; dem einen werden verschiedene Arten der Zungenrede gegeben, einem anderen aber die Übersetzung der Zungenrede. Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem auf besondere Weise zuteilt, wie er es will (1. Kor. 12, 4-11).«
- 2 Die Übertragung der Lehrtätigkeit durch Handauflegung wird auch noch heute, z.B. in der Bischofswei (...)
3Der Erhalt der Charismata, welche alle aus dem einen göttlichen Geist stammen, hat in diesem Zitat aus dem Korintherbrief keinen exklusiven Charakter sondern ist gebunden an den Glauben an Jesus als »Herr«, sprich Gott. Jeder Christ hat durch den Empfang des Heiligen Geistes eine Gabe erhalten (Landau 1981, 690). Ob Glaubenskraft oder Zungenrede, die Charismata dienen nicht der Heraushebung der Gläubigen mit bestimmten Gaben sondern sollen anderen in der Christengemeinde nützen. Ein Charisma hat also im Verständnis von Paulus einen funktionalen, relationalen Charakter. Noch etwas anders wird Charisma in den Paulus-Briefen an Timotheus verwendet. Auf einen Gemeindeleiter kann durch Handauflegung ein Charisma übertragen werden; für die Lehrtätigkeit und damit die Weitergabe des sich etablierenden Lehramtes2 scheint diese Praxis in den frühen Christengemeinden wichtig gewesen zu sein (vgl. Elssner 2012).
- 3 Sowohl Charismata als auch Charismen werden in der deutschen Sprache als Plural für Charisma verwen (...)
4Gerade die Frage des Verhältnisses von Charisma und Amt wurde und wird in der evangelischen Theologie - vor allem auch in Zusammenhang mit der Reformation - gerne diskutiert. In seiner Dissertation bemerkte Moritz Lauterburg im Jahre 1898, dass die Charismen3 als Geistesgaben von seiner zeitgenössischen Kirche exklusiv im frühen Christentum verortet wurden, aber der Wunsch, diese Lehren in der praktische Theologie zu behandeln, groß gewesen sei:
»Nachdem dieselben [die Charismen, MA] früher als peculiare privilegium ecclesiae primitivae verstanden und erst seit wenigen Jahrzehnten unter genauerer Erwägung der biblischen Dokumente durch vieler Bemühung zu einem Begriffe von allgemeiner Bedeutung erhoben worden sind, scheint gegenwärtig in ziemlich weiten Kreisen das Gefühl obzuwalten, dass dieser Begriff der Theologie und der Kirche wohl noch etwas mehr zu sagen hätte, als bisher geschehen ist (Lauterburg 1898, 1).«
5Diese Lücke in der Tradition wollte der Berner evangelische Theologe schließen. Sein Beitrag, so Lauterburg, wolle sich nicht mit »einzelne[n] merkwürdige[n] Erscheinungen, wie die Glossolalie« (Zungenrede), über die schon viel geschrieben worden sei, befassen. Er wolle der praktischen Theologie die Bedeutung des Charisma-Begriffs gerade wegen »seines natürlichen Verhältnisses zum Amtsbegriff« durch kirchenhistorische Aufbereitung näher bringen (Lauterburg 1898, 2f.). Lauterburg untersuchte vor allem Stellen aus den Briefen des Paulus und unterstrich dabei die göttliche Herkunft der Geistesgaben oder Gnadengaben. Er wies aber vehement darauf hin, dass erst in der Beziehung auf das Leben der Gemeinde das Charisma sein Wesen entfalte und ohne diese Beziehung inexistent wäre (Lauterburg 1898, 9). Die verschiedenen Charismen seien hier nicht außerhalb des göttlichen Plans denkbar, welcher für Lauterburg unweigerlich mit dem Gemeindewesen zu tun hat. Durch das Wirken eines Charisma in der Gemeinde werde sein göttlicher Sinn erfüllt:
»Nichts, was einer »an und für sich« hat, kann ein Charisma heißen. Erst der transitive Charakter, die Ausrüstung zur Einwirkung auf andere Gemeindeglieder, vollendet den Begriff (Lauterburg 1898, 3).«
»Die Charismen im besonderen Sinne des Wortes sind die durch den Geist Gottes in den Gliedern der christlichen Glaubensgemeinschaft gewirkten mannigfaltigen Kräfte und Fähigkeiten, durch deren Bethätigung jene, vorausgesetzt dass sie in Übereinstimmug [sic] mit den sittlichen Grundsätzen des Evangeliums handeln, das gemeinsame Glaubensleben fördernd auf andere einwirken und also die Gemeinde erbauen helfen (Lauterburg 1898, 39).«
- 4 »Angesichts des geistlichen Amtes sowie überhaupt jedes durch Beauftragung entstandenen, wichtigere (...)
6Mit dem Begriff Charisma handelt der evangelische Theologe Fragen des geistlichen Amtes aus, welche in engem Zusammenhang mit den reformatorischen Transformationen stehen. Lauterburg stellt die Frage: Wenn das Amt nicht von vornherein durch die Institution Kirche abgesegnet ist, woher kommt der Segen dann? Charisma, von ihm auch gedeutet als »innere Berufung« des geistlichen Amts (Lauterburg 1898, 98)4, schließt diese Lücke. Und in diesem Sinne folgert Lauterburg dann auch:
»Die praktische Theologie ist ihrem Wesen nach nichts anderes als Charismatik (Lauterburg 1898, 141).«
7Rund 50 Jahre später bearbeitete der evangelische Theologe Friederich Grau dasselbe Thema im Rahmen seiner Dissertation an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Er benützte den Charisma-Begriff ebenfalls, um sich von der katholischen Theologie und Kirche abzugrenzen:
»Während die ältere protestantische Theologie in den Charismen lediglich ein Vorrecht der alten Kirche sah (peculiare privilegium ecclesiae apostolicae et primitivae), die spätestens am Ende des 3. Jahrhunderts zum Erlöschen kamen, sieht die katholische Kirche die Charismen weiterleben in den Wundern der Heiligen (Grau 1946, 2).«
8Grau wehrte sich vor allem gegen eine »enthusiastische Deutung« (Grau 1946, 5) der Charismen. Das paulinische Verständnis der Charismen sei verfehlt, wenn man den »supranaturalen, außergewöhnlichen und wunderhaften Charakter als das Wesentliche der Geistesgaben ansieht« (Grau 1946, 3). Grau teilte Lauterburgs Verständnis, dass das Wirken auf die Gemeinde als Ziel der Charismen im Zentrum der Auslegung stehen müsse:
»Alle Charismen wollen verstanden sein als Gabe des Geistes, des pneumatisch fortwirkenden geschichtlichen Christus und als Gabe der in ihm wirksamen Gnade, wie der Glaube allein sie empfangen kann und von der die Kirche lebt und durch die sie sich aufbaut (Grau 1946, 4).«
- 5 Grau erwähnte Weber in seiner Dissertation nicht.
9Das christliche Verständnis von Charisma - bei Paulus, Lauterburg und Grau - sieht dessen Ursprung immer im Göttlichen. Die Personen, welche durch das Pneuma Charisma erhalten, dienen im Rahmen des göttlichen Plans der Erbauung der Gemeinde. Im abschließenden Zitat deutet Grau eine Konzeptualisierung von Charisma an, in welchem er die Veränderung desselben im Übergang vom frühen Christentum zur etablierten Kirche zusammenfasst. Diese Position soll im folgenden Kapitel mit Max Weber diskutiert werden:5
»Die »Geistesgaben« verlieren mit dem ausgehenden neutestamentlichen Zeitalter ebenfalls mehr und mehr an Bedeutung für das Leben der Kirche. In der festgefügten Ordnung der kirchlichen Institutionen ist kein Raum mehr für pneumatische Erscheinungen. Der Geist wirkt als Amtsgeist im kirchlichen Lehramt fort. Die »Geistesgaben« werden im kirchlichen Bewusstsein zum privilegium ecclesiae primitivae. Dort, wo man noch Geistesgaben kennt, werden sie einseitig unter dem Gesichtspunkt des Mirakulösen betrachtet (Grau 1946, 276).«
10Max Weber hat sich dem Thema Charisma in Wirtschaft und Gesellschaft unter verschiedenen Gesichtspunkten genähert. Im Kapitel Charismatische Herrschaft definiert Weber Charisma folgendermaßen:
»›Charisma‹ soll eine als außeralltäglich (ursprünglich, sowohl bei Propheten wie bei therapeutischen wie bei Rechts-Weisen wie bei Jagdführern wie bei Kriegshelden: als magisch bedingt) geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften oder als gottgesendet oder als vorbildlich und deshalb als ›Führer‹ gewertet wird. Wie die betreffende Qualität von irgendeinem ethischen, ästhetischen oder sonstigen Standpunkt aus ›objektiv‹ richtig zu bewerten sein würde, ist natürlich dabei begrifflich völlig gleichgültig: darauf allein, wie sie tatsächlich von den charismatisch Beherrschten, den ›Anhängern‹, bewertet wird, kommt es an (Weber 1972, 140).«
- 6 Neben einer Person kommt aber auch ein Objekt für die Zuschreibung in Frage. Diese Variante von Zus (...)
- 7 Identifikationsmerkmal zur Unterscheidung verschiedener Herrschaftsformen ist die Frage ihrer Legit (...)
11Obwohl Charisma in der Religion eine wichtige Rolle spiele, entledigt sich Webers Charisma der religiösen Genese: Nicht Gott oder Pneuma kreieren Charisma, sondern Herrscher und Beherrschte. Im Gegensatz zum christlich-theologischen Verständnis, wie es oben dargestellt wurde, kommt es bei Webers Definition gar nicht darauf an, ob die betreffende außerordentliche Qualität in Bezug auf die Person zutrifft oder nicht. Charisma wird als außeralltägliche Qualität also von den Anhängern der sie beherrschenden Person zugeschrieben.6 Der Begriff erfährt somit eine Bedeutungsänderung und bezeichnet eine von drei Typen legitimer Herrschaft.7 Charismatische Herrschaft wird unterschieden von legaler Herrschaft (Bürokratie) und traditionaler Herrschaft (vorhandene Ordnungen und Herrschaften regieren beständig). Die Autorität des charismatischen Herrschers ist laut Weber von der kontinuierlichen Bewährung der außeralltäglichen Qualitäten und deren Anerkennung durch die Beherrschten abhängig. Die Beziehung zwischen charismatischem Herrscher und Beherrschten ist in dem Sinne eine Austauschbeziehung, welche einerseits aus der Anerkennung der Führung und andererseits der Sicherstellung des Wohlergehens der Beherrschten besteht. Die Personengebundenheit dieser Austauschbeziehung wirft natürlich die Frage nach der Kontinuität von Charisma auf. Weber nennt verschiedene Arten wie Charisma veralltäglicht wird und von einer Person auf andere Personen übertragen werden kann. Die Nachfolger können entsprechend folgender Übertragungsmechanismen unterschieden werden: Neu-Aufsuchen nach bestimmten Merkmalen, Offenbarung, Nachfolgerdesignation durch Vorgänger, Nachfolgerdesignation durch einen charismatisch qualifizierten Verwaltungsstab und Anerkennung durch die Gemeinde, Erbcharisma und Amtscharisma werden hier als Beispiele genannt. Amtscharisma unterscheidet sich von den anderen Arten durch die Verschiebung des Legitimitätsglaubens von der Person aufs Amt selber, dass durch »hierurgische Mittel« (gr. heilige Handlung) auf andere übertragen werden kann (Weber 1972, 142).
12Weber charakterisiert »genuines« Charisma - im Sinne eines Lebens- und Gemeinschaftsstils - als wirtschaftsfremd, weil es sich im Gegensatz zur legalen und traditionalen Alltagswirtschaft nicht dem kontinuierlichen Erzielen von Einnahmen widmet, sondern häufig von Mäzenen gesponsert wird, welche die Wertvorstellungen der Charismatiker unterstützen. So sei Charisma
»die große revolutionäre Macht in traditional gebundenen Epochen […und kann] eine Umformung von innen her sein, die, aus Not oder Begeisterung geboren, eine Wandlung der zentralen Gesinnungs- und Tatenrichtung unter völliger Neuorientierung aller Einstellungen zu allen einzelnen Lebensformen und zur ›Welt‹ überhaupt bedeutet. (Weber 1972, 142).«
13Neben den Ausführungen zu den verschiedenen Herrschaftstypen spielt Charisma in Webers Ausführungen zur Religionssoziologie eine Rolle. Unter Ausschluss einer substantialistischen Religionsdefinition fokussiert er sich auf religiös und magisch motiviertes »Gemeinschaftshandeln«, um sich Religion anzunähern. Charisma wird an dieser Stelle sodann spezifisch mit außeralltäglichen Fähigkeiten gleichgesetzt:
14»Nicht jeder Beliebige hat die Fähigkeit in Ekstase zu geraten und also diejenigen Wirkungen meteorologischer, therapeutischer, divinatorischer, telepathischer Art herbeizuführen, welche man erfahrungsgemäß nur dann erreicht. Nicht immer nur diese, aber vornehmlich diese außeralltäglichen Kräfte sind es, welchen gesonderte Namen: ›mana‹, ›ordena‹, bei den Iraniern: ›maga‹ (davon: magisch) beigelegt werden, und für die wir hier ein für allemal den Namen ›Charisma‹ gebrauchen wollen. Das Charisma kann entweder - und nur dann verdient es in vollem Sinn diesen Namen - eine schlechthin an dem Objekt oder der Person, die es nun mal von Natur besitzt, haftende, durch nichts zu gewinnende, Gabe sein. Oder es kann und muss dem Objekt oder der Person durch irgendwelche, natürlich außeralltägliche, Mittel künstlich verschafft werden. Die Vermittlung bildet die Ausnahme: dass die charismatischen Fähigkeiten zwar in nichts und Niemandem entwickelt werden können, der sie nicht im Keime hat, dass aber dieser Keim verborgen bleibt, wenn man ihn nicht zur Entwicklung bringt, das Charisma - z. B. durch ›Askese‹ - ›weckt‹. (Weber 1972, 245f).«
15Die Relationalisierung von Charisma erfolgt in Webers Religionssoziologie erst an späterer Stelle: Wie schon die charismatische Herrschaft unter den Herrschaftstypen, exemplifiziert der Prophet den revolutionären unter den religiösen/magischen Idealtypen. Der Prophet als rein persönlicher Charismaträger unterscheide sich vom Priester, welchem in einer bestehenden religiösen Tradition durch das Amt Charisma zugesprochen wird, durch seine eigene Offenbarung und deren transformatorisches Potential. Der Idealtyp des Zauberers teile zwar mit dem Propheten das Wirken durch eine persönliche Gabe, jedoch mit dem Ziel der Magie und nicht der Lehre oder des Gebots (Weber 1972, 268f). Wenn ihre Prophetie erfolgreich ist, scharen einzelne Propheten Gemeinden um sich, was häufig einhergehe mit dem Prozess der Anerkennung und Veralltäglichung von Charisma:
»[Die ›Gemeinde‹ entsteht bei der Prophetie] überhaupt erst als ein Produkt der Veralltäglichung, indem entweder der Prophet selbst oder seine Schüler den Fortbestand der Verkündigung und Gnadenspendung dauernd sichern, daher auch die ökonomische Existenz der Gnadenspendung und ihrer Verwalter dauernd sicherstellen und nun für die dadurch mit Pflichten Belasteten auch die Rechte monopolisieren (Weber 1972, 275f).«
16Nach diesem kurzen Überblick zu Webers Charismabegriff sollen zwei rezente webersche Charisma-Rezeptionen diskutiert werden. Hubert Seiwert schrieb mit seinem Aufsatz »The Charisma of the Prophet and the Birth of Religions« eine historische Fallstudie in Anlehnung an Weber und griff das Konzept im späteren Artikel »Religiöse Bewegungen im frühmodernen China: Eine prozesstheoretische Skizze« abermals auf: Während nicht alle charismatischen Propheten Gründer von religiösen Bewegungen geworden seien, könnten die meisten Religionsgründer als charismatische Propheten im Sinne Webers eingeordnet werden, ergänzte er (Seiwert 2003, 303). Was Seiwert betont, ist der Umstand, dass Propheten als Charismaträger vor allem in eigenen, überwundenen Notsituationen als auch in der Notsituation der Umwelt in Erscheinung treten. Die Notsituation der potentiellen Anhänger eröffne dem Propheten die Möglichkeit, eine Heilslösung anzubieten (Seiwert 2009, 294). Die neue Lehre des Propheten stehe dabei zu einem gewissen Grad in Konflikt mit der existierenden religiösen Tradition (Seiwert 2009, 292). Im Kapitel the formation of charisma betont Seiwert die relationale Qualität von Charisma und erweitert, was Weber in der Anerkennung von Charisma angedeutet hatte:
»The interaction between the prophet and his followers can be seen as an exchange relationship. The prophet offers his teaching that some people find rewarding since it fits their personal religious, ethical or intellectual needs. The followers in turn offer belief in this teaching, which provides the prophet with a confirmation of his own perception of reality and in particular his self-image as a revealer of a supernatural truth. Since the charisma depends on this exchange relationship, it vanishes as soon as one side fails to contribute to it. Someone who proclaims a teaching, that nobody accepts may in some sense be a prophet, but certainly has no charisma. And a prophet who has charisma will lose it if his followers no longer belief in his message (Seiwert 2003, 302).«
- 8 Diese Wahl ist natürlich nicht zufällig, da ich z.Z. im Rahmen meiner Dissertation Untersuchungen z (...)
17Seiwert exerziert am Beispiel des chinesischen Patriarchen und Religionsgründers Luo Menghong Webers Typus des charismatischen Propheten durch. Dies geschieht auf Quellenlage der historischen Biographie des Patriarchen. Eine interessante Überlegung im Beitrag scheint mir die Frage des Zweifels: Seiwert schreibt, dass die Wahrheit der Lehre des Propheten von der Anerkennung der Außergewöhnlichkeit, sprich des Charisma, abhängt (Seiwert 2003, 302). Allerdings stellt sich die Frage, wie und welche Form von Außergewöhnlichkeit im spezifischen Fall von wem anerkannt wird. Ich will an dieser Stelle den modernen Guru Amma als Prüfbeispiel für dieses Problem zu Hilfe nehmen:8 Gerade bei einer so vielschichtig konstruierten Person wie Amma scheint die Frage der Anerkennung nämlich komplexer zu sein, als Seiwert impliziert. Gewisse VerehrerInnen glauben, dass Amma ein Beispiel von bedingungsloser Liebe ist und lehnen gleichzeitig ab, dass Amma als allwissende göttliche Instanz einen vollkommenen Einblick in ihr Leben hat, was wiederum von anderen VerehrerInnen geglaubt wird. Müsste die charismatische Herrschaft nicht eher graduell verstanden werden, wenn wir die Tatsache unterschiedlicher Ausmaße von Anerkennung bedenken?
- 9 Ich fasse »Charisma« grundsätzlich und mit gängigen Theorien im Einverständnis als eine Kategorie d (...)
18Um die Frage der Anerkennung über die Zuschreibung von außeralltäglichen Fähigkeiten und der damit verbundenen relationalen Abhängigkeit weiterzutreiben, lohnt sich ein Blick auf Frank Neuberts Verwendung des Konzepts. In »Charisma und soziale Dynamik« setzte sich Neubert vorwiegend mit religionssoziologischen Charisma-Theoretikern auseinander (Neubert 2005, 12-27) und affirmierte den Fokuswechsel von den »eigentliche(n) Eigenschaft(en)« auf die Zuschreibungsprozesse, welche Weber im Rahmen der Bewährung und Anerkennung des charismatischen Herrschers durch die Beherrschten thematisiert hatte. Neubert versteht Charisma als metasprachlichen Begriff in Anlehnung an »gängige Theorien«, welche die oben genannten Zuschreibungsprozesse anerkennen.9 Methodisches Instrument seiner Untersuchung ist die Diskursanalyse. Im Fokus stehen
»[...] die verfügbaren Informationen über die sozialen Netzwerke und die Akteure, mit denen die »charismatische Person« in Austauschbeziehung stand, [die] so detailliert wie nötig und gleichzeitig so genau wie möglich zusammengestellt werden müssen. [...] wer schreibt wem, zu dem er in welcher Beziehung steht (und an den er welche Erwartungen knüpft), wann unter welchen Umständen was zu (Neubert 2005, 28f)?«
19Dieses diskursanalytische Instrumentarium leitete Neuberts Untersuchungen zu Rāmakṛṣṇa und Vivekānanda. Wie bei Weber (vorwiegend) und Seiwert handelte es sich um eine historische Untersuchung, was sich natürlich in der Auswahl der analysierten Dokumente und der Wahl der Methoden widerspiegelt. Dies sei hier angemerkt, weil mein Vorschlag weiter unten durch zeitgenössische, empirische Beispiele geleitet sein wird. Als Folgerung seiner Untersuchung spricht Neubert von Charismatisierungsprozessen, welche auf einer diskursiven Ebene ablaufen:
»Das Charisma eines Führers besteht nicht allein in der Beziehung zwischen diesem und seinem Gefolge. Derartigen Ansätzen gegenüber vertrete ich die These, dass Charismatisierungsprozesse immer in einem Gesamtdiskurs stattfinden (Neubert 2005, 151f).«
20In diesem Gesamtdiskurs würden sich außeralltägliche Fähigkeiten quasi kanonisiert als Topoi herauskristallisieren. Unter Topoi sind objektsprachliche Objekte (bildliche Darstellungen, Beschreibungen, Ereignisse und andere Details) zu verstehen, die Elemente eines Diskurses sind (Neubert 2005, 32). In einem späteren Beitrag mit dem Titel Canonizing Biographies. Topoi in the Discourses on Rāmakṛṣṇa und Vivekānanda brachte Neubert den Zusammenhang zwischen Charismatisierung und Topoi in seiner diskursanalytischen Herangehensweise auf den Punkt:
»If charisma […] is a discoursive concept referring to ascribed extraordinary characteristics of a thing or person, then charismatization can be regarded as essentially implying the canonization of topoi that present extraordinary qualities (Neubert 2011, 101).«
21Für die Untersuchung der inhaltlichen Aspekte der Zuschreibungsprozesse, scheint die diskursanalytische Methode geeignet zu sein, gerade bei Beispielen deren »charismatische« AkteurInnen nicht mehr leben und darum eine systematische Erfassung von Interaktionen und Zuschreibungsprozessen nicht mehr möglich ist. Auf eine Alternative für zeitgenössische Untersuchungen komme ich im übernächsten Kapitel zurück.
- 10 Alltags- und Wissenschaftsdiskurse überschneiden sich beispielsweise, wenn Soziologen Artikel für ö (...)
22Fragt man nach der Bedeutung des Charisma-Begriffs in unterschiedlichen Beiträgen der zeitgenössischen Medienlandschaft, ist damit meistens10 eine besondere Ausstrahlung von Personen gemeint, die ›das gewisse Etwas‹ haben. Es sind vermeintlich außergewöhnliche Qualitäten, welche scheinbar die Aufmerksamkeit eines Publikums, der Wählerschaft oder der Anhängerschaft einer ›Charisma-Trägerin‹ auf sich lenken. Als charismatisch in diesem Sinne werden etwa MusikerInnen wie Maria Callas (vgl. Woolfe 2011), politische Figuren wie Nelson Mandela (vgl. Sanford 2002) oder religiöse Akteure wie der Dalai Lama (vgl. Mohan 2008) bezeichnet. Auch Steve Jobs wurde und wird oft als charismatische Persönlichkeit bezeichnet. Sein sogenanntes »reality distortion field« - oder seine Fähigkeit, Leute von scheinbar Unmöglichem zu überzeugen - ist auch nach seinem Tod legendär und wird selbst von ehemals nahen Mitarbeitern als tatsächliche außergewöhnliche Fähigkeit beschrieben:
»The reality distortion field was a confounding melange of a charismatic rhetorical style, an indomitable will, and an eagerness to bend any fact to fit the purpose at hand. […] Amazingly, the reality distortion field seemed to be effective even if you were acutely aware of it, although the effects would fade after Steve departed. We would often discuss potential techniques for grounding it [...], but after a while most of us gave up, accepting it as a force of nature (Hertzfeld 1981).«
- 11 Dabei wurde Apple manchmal als Kult oder Religion beschrieben, deren Prophet Jobs seinen AnhängerIn (...)
23Im zitierten Beitrag wird nicht genauer erläutert, was ein charismatischer Rhetorikstil sein soll. Fakt ist, dass seine Präsentationen gut einstudierte, nach klaren Prinzipien aufgebaute Schauspiele waren, deren Protagonist seine Wirkung auf das Publikum nicht verfehlte. Dieses Publikum war jedoch heterogen und schaute mit verschiedenen Brillen auf Jobs Performanzen. Neben sogenannten fanboys (Apple-Fans), denen amüsanterweise oft religiöse Narrative zugeschrieben werden,11 waren andere an der Präsentationstechnik interessiert (vgl. Pelkmann 2013) oder analysierten die Darstellung aus einer psychologischen Perspektive (vgl. Nadler 2012).
24Charisma als Rhetorikstil oder Eigenschaft, welche man sich antrainieren kann, ist ein Verständnis, welches scheinbar sowohl im Wellness/Lifestyle-Bereich als auch in Unternehmensschulungen auf Interesse stößt. Unter dem Titel Ausstrahlung - So verbessern Sie ihr Charisma schrieb beispielsweise die Bunte:
»Es scheint ein Phänomen: Die Ausstrahlung mancher Mitmenschen überstrahlt die ihrer Umgebung um ein Vielfaches. Die gute Nachricht für jeden mit weniger Charisma ist allerdings: Die Eigenschaft kann man sich selbst aneignen (Bunte 2014).«
25Im Artikel werden sowohl eine trainierte Körperhaltung, Interesse für die Mitmenschen und ein positives Selbstbewusstsein als Tipps zur Steigerung des Charisma vorgeschlagen. In dieser Art und Weise verkauft William Wyatt ein Buch im Bereich Persönlichkeitsentwicklung mit dem Titel Charisma: Now! Proven Strategies to Increase Your Communication Skills & Become Insanely Charismatic In 10 Days or Less (Wyatt 2014).
26Somit haben wir es bei Charisma in der zeitgenössischen Medienlandschaft mit einer außergewöhnlichen Qualität einer Person zu tun, welche manchmal als singulär und gebunden an bestimmte Individuen dargestellt wird. Seit ein paar Jahren wird Charisma zudem als erlernbare Ausdrucks- und Verhaltensweise in Kursen von Verhaltenscoaches im Rahmen von Weiterbildungen in Unternehmen angeboten und Ratgeberbücher wie jenes von Wyatt sind im Buchmarkt erhältlich. Die besprochenen Beispiele stehen für diese zwei Bedeutungsbereiche von Charisma, die sich mir bei einer kursorischen Erkundung der zeitgenössischen Medienlandschaft erschlossen haben.
Tabelle 1
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Autor
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Charisma-Definition
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Diskurseinbettung
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Lauterburg 1898
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Göttliche Gnadengabe, welche innerhalb und für die Gemeinde zum Ausdruck kommt.
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Was ist praktische Theologie? Wie legitimiert sich der evangelische Theologe?
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Grau 1946
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Gabe des Geistes, des Christus und der in ihm wirksamen Gnade. Charismen sind nicht zwingendermaßen enthusiastisch.
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Wie steht Charisma mit dem Gemeindeamt in Zusammenhang?
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Weber 1972 (1921)
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Zugeschriebene außergewöhnliche Fähigkeiten an eine Person oder ein Ding.
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Wie wird Herrschaft legitimiert?
Der Prophet als ein religiöser Idealtyp.
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Seiwert 2003
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Relationales Charisma nach Weber. Erweiterung durch Entstehung von Charisma (Notsituation etc).
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Wie entstehen neue religiöse Gemeinschaften?
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Neubert 2005
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Charisma als metasprachlicher Begriff. Charismatisierungsprozesse finden im Gesamtdiskurs statt.
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Perpetuierung von Charisma (bzgl. Vivekānanda/Ramakṛṣna) in verschiedenen Diskursen.
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Hertzfeld 1981
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Charismatischer rhetorischer Stil von Steve Jobs; charismatisch wird nicht genauer definiert.
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Wie funktioniert das Reality Distortion Field von Steve Jobs? Warum ist Jobs so wirkmächtig?
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Wyatt 2014
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Anziehungskraft einer Person, welche erlernt werden kann.
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Wie wird man erfolgreich? Wie lernt man charismatische Ausstrahlung?
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- 12 Die Auflistung der Autoren in der Tabelle entspricht der Reihenfolge der Nennungen in diesem Artike (...)
27Die drei vorherigen Diskurse zusammenfassend (Tabelle 1),12 stellt man wie erwartet (ich erinnere an das eingehende Zitat von Scheper) fest, dass verschiedene Definitionen von Charisma existieren, welche unterschiedlichen Diskursen zugeordnet werden könnten. Dies ist nicht weiter problematisch: Es darf und wird immer verschiedene Definitionen von Charisma geben. Diskursanalytische Untersuchungen könnten hier definitiv interessante Fragen klären und gerade die Überschneidung der unterschiedlichen Charisma-Diskurse - etwa anhand von passenden Diskursereignissen - herausarbeiten.
28Im Folgenden interessiert vorerst die Anknüpfung an den (religions)soziologischen Charisma-Diskurs, wie er in Kapitel 1.2 skizziert wurde. Als übergeordnete Definition der drei Beispiele dieses Diskurses könnte man formulieren: Charisma ist die Zuschreibung von außergewöhnlichen Qualitäten (und nicht die Verkörperung oder der Besitz von solchen außergewöhnlichen Qualitäten, welche sich in der Ausstrahlung von jemandem oder etwas ausdrückt). Charisma steckt also dementsprechend in der Beziehungsebene. Die Relationalität muss sprachlich eingehalten werden: Eine Führerin als charismatisch zu bezeichnen, ist dann der Definition entsprechend sprachlich falsch. Als klareren Begriff für die Person mit angeblich außergewöhnlichen Qualitäten schlage ich der/die Charismatisierte vor, weil das Passiv den Vorgang der Zuschreibung bereits andeutet.
29Begriffe der sozialen Netzwerkanalyse (SNA) eignen sich, um relationale von agierenden Größen zu unterscheiden und den Charisma-Begriff konsequent korrekt zu verwenden. Die SNA unterscheidet zwei grundlegende Elemente eines Netzwerkes: Knoten und Kanten. Knoten sind Akteure, typischerweise Personen, können aber auch abstraktere Größen wie Staaten oder Unternehmen sein. Sie sind durch Attribute wie Gender, Alter, Beruf et cetera beschreibbar. Knoten können untereinander interagieren, das heißt sie sind unter beschreibbaren Umständen fähig, mit anderen Knoten Beziehungen einzugehen. Diese Beziehungen, sogenannte Kanten, fügen Knoten zu Netzwerken zusammen. Kanten können bezüglich ihrer Eigenart, Richtung und Intensität attributiv näher beschrieben werden (vgl. Holzer 2006).
- 13 Man spricht erst ab Triaden - drei Knoten, welche durch mindestens zwei Kanten miteinander verbunde (...)
30Schauen wir die oben genannte Charisma-Definition aus der Perspektive der SNA noch einmal genauer an: Die Zuschreibung von außergewöhnlichen Qualitäten impliziert drei Netzwerkelemente; Knoten, welche zuschreiben (A); den Vorgang der Zuschreibung als Kante (Pfeil); und Knoten, welchen außergewöhnliche Qualitäten zugeschrieben werden (B). In der folgenden Skizze 1 ist dieser kleinstmögliche Beziehungszusammenhang - Dyade13 genannt - als Graph dargestellt:
Skizze 1
31Wenn man Charisma also als Zuschreibungshandlung versteht, kann diese aus der Perspektive der SNA als Beziehung verstanden werden. In diesem Sinne wäre es durchaus korrekt, von einer charismatischen Beziehung, charismatisierenden (A) und charismatisierten (B) Akteuren zu sprechen. Folglich - um wieder SNA-Sprache zu verwenden - können Charisma-Netzwerke als Netzwerke mit charismatischen Kanten und an diesen Kanten beteiligte Knoten definiert werden.
32Erweitern wir Skizze 1 um einen Knoten, erhalten wir eine Triade, in der sich viele verschiedene Beziehungsszenarien imaginieren lassen. Ein Knoten mit Kanten zu beiden anderen Knoten kann beispielsweise als Vermittler - oft auch nach dem Englischen Broker genannt - fungieren. Dabei können neue Kanten auch anderer Art etabliert werden.
Skizze 2
Skizze 3
33In Skizze 2 charismatisieren Knoten A und C den Knoten B. Der charismatisierte Knoten B ist potentieller Broker von A und C, welche über die Vermittlung von B eine Beziehung unbestimmter Art eingehen können. In Skizze 3 besteht bereits eine Beziehung zwischen Knoten A und D. Knoten A, welcher Knoten B charismatisiert, eröffnet in seiner Brokerposition die Möglichkeit einer charismatischen Beziehung zwischen Knoten D und B. Wir werden diese zwei Situationen in Kapitel 2 wieder antreffen.
34Zusammenfassend, und in der Ergänzung zu Tabelle 1 dargestellt, eröffnet die Netzwerkperspektive auf Charismatisierungsprozesse neue Möglichkeiten zur Erfassung von Charisma-Netzwerken und der Erforschung derer Entstehung und Verbreitung. Außerdem hat sie m. E. geholfen, sprachliche Uneindeutigkeiten zu korrigieren, indem man nicht mehr von charismatischen AkteurInnen, sondern von charismatischen Beziehungen und charismatisierten/charismatisierenden AkteurInnen spricht. Schließlich kann man von Charisma-Netzwerken sprechen, da Netzwerke durch ihre Beziehungsart bezeichnet werden - analog zu Freundschafts- oder Kommunikationsnetzwerken.
Ergänzung zu Tabelle 1
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Relationaler Ansatz
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Charisma als gerichtete Beziehung des Charisma-Netzwerks. Relationalisierung von Charisma bedingt Begriffsschärfung: Charismaträger > Charismatisierter.
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Wie verbreiten sich Charisma-Netzwerke? Empirische Erfassung zeitgenössischer Charisma-Netzwerke.
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35Inwiefern könnte die Beschäftigung mit Charisma in der christlichen Theologie und der zeitgenössischen Medienlandschaft, wie sie in Kapitel 1.1 und 1.3 besprochen wurden, für den relationalen Ansatz fruchtbar gemacht werden? Das relationale Verständnis von Charisma in der christlichen Theologie, wie es im Einsatz der Gnadengabe in der Gemeinde gefordert wurde, ist nicht diametral verschieden vom Konzept der Charisma-Netzwerke. Eine religionssoziologische Untersuchung christlicher Quellen oder eine empirische Studie in christlichen Gemeinden wäre m. E. sehr interessant. Der Unterschied zum theologischen Charisma-Verständnis würde bestehen bleiben. Die Arbeit am Rande der wissenschaftlichen - und historisch schmerzhaften - Grenze von Theologie und Religionswissenschaft wäre jedoch möglicherweise provokant für eine Position, wie sie Rudolf Laudaus Vorwurf an die Religionswissenschaft entnommen werden kann:
»Was wir an der Aufnahme dieses Begriffes [Charisma] in die religionswissenschaftliche Literatur beobachten, ist typisch: Ein konkreter, inhaltlich gefüllter und ausdrucksstarker Begriff wird aus seiner religiösen Umgebung gelöst, verallgemeinert und formalisiert. Der Begriff wird zum Allgemeinwort - ebenso nichtssagend wie verwendbar (Landau 1981, 682).«
36Die Verwendung des Charisma-Begriffs in der zeitgenössischen Medienlandschaft dreht sich vor allem um Fragen besonderer Ausstrahlung von Personen. Wenn diese Personen als einzigartig, durch außerordentliche Fähigkeiten ausgezeichnete Phänomene, beschrieben werden, kann eine Analyse von Charisma-Netzwerken erfolgen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob es sich um religiöse, politische oder popkulturelle Persönlichkeiten handelt. Wenn Charisma von Coaches allerdings als rhetorische Technik und Performance dekonstruiert wird, ist der Bezug zum hiesigen Vorschlag nichtig. Durch die Entkoppelung besonderer Fähigkeiten von der Person und die Integration in erlernbare Techniken, verlieren sie an relationaler Bedeutung.
37Im Folgenden geht es darum, die vorangegangenen theoretischen Überlegungen anhand der Analyse eines empirischen Beispiels zu illustrieren. Der Kroate Braco, der sich als Nachfolger des selbsternannten Propheten Ivica Prokic versteht (vgl. Grbavac 2007), heilt in seinem Selbstverständnis und in den Augen seiner AnhängerInnen Menschen durch seinen Blick. Er blickt Menschen an online und offline Events für die Dauer von wenigen Minuten an, spricht aber seit ein paar Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit. Der folgende Bericht meiner Teilnahme an einem Live-Streaming dient als Einführung in die Welt von Braco. Darauf folgt die Analyse eines Gazing-Events in Zürich, an dem ich im Juni 2014 teilgenommen habe.
3817. März 2014, 16 Uhr
39Ich habe mich für eine online Gazing-Session von Braco angemeldet - Kosten: 3.50€. Im Fenster »Direkter Blick in die Kamera« läuft der Countdown zum nächsten Live-Streaming aus München. Auf der rechten Seite der Website befindet sich ein Chat-Stream, auf dem sich die - momentan 184 - Eingeloggten austauschen und Grußbotschaften versenden. Franz schreibt etwa: »Hallo Sylvia, du bist auch dabei? Ganz liebe Grüße, Franz«. Oder Banyan: »Oh, they are livestreaming in Braco’s Center! Of course! Wonderful!« Und Spirit verlautet: »Ellen, you have handled your grief with amazing grace too. It is so beautiful to watch your joy!« Auf dem großen Hintergrundbild über den Chat- und Stream-Fenstern sieht man Braco, weiß gekleidet, auf einem Podest. Er befindet sich in einem lichtdurchfluteten Raum und blickt auf eine Gruppe von Leuten.
40Der Countdown ist abgelaufen, der Stream beginnt mit einem Video: Braco läuft am Strand, lächelt, geht über eine Wiese, blickt aufs Meer. Die ruhige Musik erinnert an Hintergrundmusik einer Shoppingmeile oder Spa-Einrichtung. Der Chat wird deaktiviert, der Stream wechselt ins Studio in München. Der holländische Präsentator spricht Englisch und wird simultan ins Deutsche übersetzt. Er erzählt ein persönliches Erlebnis, welches er mit Bracos Blick hatte: Vor seinem ersten Treffen mit Braco habe er in einem Braco-Video eine Frau gesehen, welche Bracos Augen nicht »klar« sehen konnte. Und genau dies sei ihm beim ersten »Gazing« auch passiert. Dann spricht der Präsentator über Ivica und Braco. Als Braco den Heiler Ivica kennengelernt hatte, gab er sein vorheriges Leben auf und war nur noch mit Ivica zusammen. 18 Monate danach ertrank Ivica im Meer. Als Braco zurück ins Zentrum kam, sagte ihm eine Frau, sie habe geträumt, dass Braco ihrem kranken Sohn wie vorher Ivica helfen konnte. Und genau so sei es dann auch geschehen. Da von da an immer mehr Leute zu Braco gekommen seien, konnte Braco nicht mehr alle der Reihe nach empfangen. So habe er einfach die Leute gemeinsam in einem großen Raum getroffen, sei auf einen Tisch gestanden und habe die Menge einfach angeschaut. Und dabei hätten Leute die genau gleichen Erfahrungen gemacht wie vorher. Und Bracos »gebender Blick« könne nun gleich auch live via Kamera von überall in der Welt erlebt werden. Es folgen weitere Erlebnisberichte des Präsentators über die Kraft von Bracos Blick. Bracos Team sei voll Liebe und arbeite unentgeltlich. Und dies sei »so eine schöne Arbeit.«
41Im Chat-Fenster erfährt man via »User by country« die Anzahl der TeilnehmerInnen und deren Aufenthaltsort: Nun sind 264 Leute online. Aus den USA (129), Deutschland (62), Schweiz (13) und Österreich (10) ist der Großteil (214 von 264) der TeilnehmerInnen zugeschaltet. Insgesamt sind Computer aus 28 Ländern zugeschaltet, zu den meisten Ländern bestehen lediglich eine oder zwei Verbindungen. Der »gebende Blick« folge nun. Es erscheinen zwei Definitionen in Courier New mit Schreibmaschinengeräusch im Hintergrund:
par.a.digm noun
A set of assumptions, concepts, values, and practices that constitutes a way of viewing reality.
shift verb
To be altered as part of a systematic, historical change.
42Eine Folie mit Bracos Portrait und einer Erdkugel im Hintergrund erscheint. Der Globus spaltet sich in der Mitte, die zwei Hälften gleiten an der Bruchstelle entlang auseinander und folgender Slogan erscheint zusätzlich auf dem Bild: Braco - Paradigm Shift.14
43Wiederum läuft eine Videosequenz mit teils sehr emotionalen Statements von Leuten, welche über ihre Erfahrungen mit Braco und seinem Blick sprechen. Stimmungsvolle Flötenmusik begleitet Szenen vom ersten »gebenden Blick« Bracos, welcher sein Paradigm Shift sei. Leute bringen Blumen. Leute weinen, halten Fotos von Angehörigen auf ihrer Brust. Heilungsgeschichten. »Es geschehe eine Bewusstseinsveränderung durch Bracos Energie«, sagt ein junger Mann.
- 15 Ich habe die Erlaubnis von Bracos Team nicht bekommen, einen Screenshot im Artikel zu integrieren. (...)
- 16 Das Lied, welches bei jeder Session mit Braco abgespielt wird, heißt »Your Beautiful Love« und stam (...)
44Zurück im Studio: »Wir haben Tränen gesehen, wir haben Liebe gesehen. Und jetzt ist ihre Zeit gekommen um Bracos gebenden Blick zu erleben.« Braco blickt in die Kamera.15 Im Hintergrund läuft ruhige Musik. Flöte, Klavier, Streicher.16 295 User sind online. Diese Sequenz dauert 5½ Minuten. Danach geht Braco aus dem Bild. Dann wird wiederum ein Video gespielt: Sicht aus dem All auf die Erde, die vorbeischwebt und allmählich den Blick auf die Sonne freigibt.
45Der Stream schaltet zurück ins Studio. Der Präsentator fragt nach den Erlebnissen im Live-Streaming. Er wirbt für die anderen Streaming-Sessions und Bracos Bücher, welche man auf www.braco-info.com bestellen kann. »Bitte teilen sie uns auf Facebook oder im Chatraum mit, was sie während der Session empfunden haben.« Nach der Verabschiedung des Präsentators schließt der Stream mit folgendem Text: »Braco does not align himself with any one faith, philosophy or belief system. He gives his gift equally and respects all.«
- 17 Aus dem Kroatischen übersetzt: »Grüße an alle. In Srebrnjaka1 (Bracos Zentrum in Zagreb) waren wir (...)
46Der Chatraum ist wieder aktiv und die Leute danken Braco und seinem Team, tauschen ihre Erlebnisse aus: »Dank je wel Paul voor je fijne presentatie. Groeten uit Nederland aan allen«; »pozdrav svima sa srebrnjaka1 bili smo jedna grupa od osamdesetak ljudi spojeni preko Bracinog pogleda sa svima vama. Hvala ti Braco u ime svih nas17«; »This time I felt as if my entire being was going to fly out through my heart into the computer! It literally felt as if there was a sensation of all my energy gathering at the heart and being drawn through it. Then the beautiful waves started up, in and out of the heart. I can only smile and feel good right now. Words aren’t enough. I know this is going to bring great and wonderful things into my life as the Presence reveals itself more fully.«
- 18 An Tagen mit Live-Streaming werden bis zu neun Übertragungen gesendet.
47Die Teilnahme am Live-Stream von Bracos Blick gab einen interessanten Einblick bezüglich charismatischer Beziehungen. Der Moderator erzählte von eigenen Erlebnissen und den Erlebnissen anderer mit Bracos heilendem Blick. Die Zuschreibung von Bracos außergewöhnlichen Fähigkeiten durch die Erzählungen des Moderators und der eingespielten Interviews mit anderen Braco-AnhängerInnen machte den Großteil der ca. 50-minütigen Veranstaltung aus.18 Bracos Blick hingegen dauerte lediglich fünfeinhalb Minuten. Darüber hinaus forderte er die User auf, im Chat ihre eigenen Erlebnisse untereinander auszutauschen. Wie im Bericht erwähnt, sieht es so aus, als kennen sich einige der User untereinander. Mit dem schnell vorbeiziehenden Strom an Nachrichten war es allerdings schwierig, genauere Einblicke in die Art der Beziehungen und Beziehungsstrukturen zu gewinnen und der Mitschnitt der Events ist ausdrücklich untersagt.
48Die Teilnahme am Braco-Event in Zürich am 29. Juni 2014 war bezüglich der Erfassung von Interaktionen zwischen den anwesenden Personen ergiebiger als die Beobachtungen im Livestream. Ich gehe im Folgenden nur auf diejenigen Elemente der Veranstaltung ein, welche m. E. für eine erste Netzwerkanalyse relevant sind. Diese dient der Veranschaulichung des in Kapitel 1.4 vorgeschlagenen Konzepts von Charisma.
- 19 »Braco gibt keinerlei Heilungsversprechen, er stellt keine Diagnosen und führt keine Behandlungen d (...)
- 20 Einzelne kauften sich anschließend am Eingang Tickets für weiteren Begegnungen mit Braco.
49Die Begegnung mit Braco fand einen Tag lang, von 8 bis 16 Uhr, alle 45 Minuten in einem großen Saal statt. BesucherInnen mit einem Ticket - Kosten 8 SFr. - wurden beim Einlass in den Saal von zwei Helfern mit Blick Richtung Bühne der Größe nach platziert. Die schätzungsweise 200 Anwesenden wurden von einer Frau am Mikrofon begrüßt. Als Moderatorin übernahm sie die gleiche Funktion, die auch der Präsentator beim Livestream - im Bereich des online Machbaren - schon innehatte: Die direkte Interaktion mit dem Publikum beinhaltete Fragen ins Plenum (»Wer ist heute zum ersten Mal hier? Wie sind sie zu Braco gekommen?«), aber auch Anweisungen zu Prozedere (Handy ausschalten, Augen schließen, »nachspüren«). Die Moderatorin führte zudem ins ›Phänomen Braco‹ ein und verwies immer wieder auf Bücher, DVDs und Schmuck, welche an den Verkaufsständen außerhalb des Saales erworben werden konnten. Wenn auch im Internet und in Bracos Büchern auf den Haftungsausschluss19 hingewiesen wird, brachte die Moderatorin die Möglichkeit von Heilungen durch Bracos Blick wiederholt explizit (»Alles ist möglich!«) und implizit durch erfolgreiche, spektakuläre Heilungsgeschichten zum Ausdruck. Schließlich machte es den Eindruck, dass die Moderatorin die Aufgabe hatte, die Stimmung des Publikums zu lenken, was sowohl in den Anweisungen (»der Energie nachspüren«) wie auch der Situationsanalyse (»wir haben Tränen gesehen, wir haben Liebe gespürt«) zum Ausdruck kam. Die drei anderen Helfer, welche die TeilnehmerInnen beim Einlass platziert hatten, standen während der ganzen Session auf der Seite des Raums mit Blick auf die Menge. Dies war insofern auffällig, weil das Publikum - inklusive der Moderatorin - in Richtung Bühne blickte, als Braco nach dem Ende der Einführung und Start des Musikstücks in den Raum eingelassen wurde. Braco stieg aus einem Raum auf der Seite des Saals auf das Podest auf der Bühne und blickte für die Dauer der Musik auf die Menge. Mit dem Verstummen der Lautsprecher verschwand Braco wortlos wieder im gleichen Raum, die Tür wurde jeweils von einem Portier geöffnet und geschlossen. Nach dem Gazing ergriff die Moderatorin wiederum das Wort und forderte die Anwesenden zum Teilen ihrer Erlebnisse in der Gruppe auf. Eine Besucherin, welche zum ersten Mal da war, meldete sich und sagte ins Mikrofon, das ihr von der Moderatorin hingehalten wurde, dass sie Braco »gespürt« habe und sich jetzt sehr gut fühle. Ein Mann bemerkte eine »Veränderung der Energie« im Saal, als Braco hineingekommen sei. Nach wiederholtem Verweis der Moderatorin auf die erwerblichen Produkte, wurden die Saaltüren geöffnet und die Leute verließen den Saal.20
50Für eine einführende Analyse orientiert im Folgenden Skizze 4, auf der eine schematische Anordnung der Personen im Raum des Braco-Events in Zürich abgebildet ist:
Skizze 4
- 21 Um die Lesbarkeit der Grafik zu erhöhen, habe ich für V, W und M nur die Kante zu B eingezeichnet. (...)
51Zum Setting: Knoten B stellt Braco, M die Moderatorin, V und W die Helfer/Aufsicht und Knoten A und C bis G die BesucherInnen dar. Die Skizze entspricht in etwa der räumlichen Verteilung am Event, Knoten B ist aber verglichen zu allen anderen Knoten durch das Podest auf der Bühne erhöht vorzustellen.21 Es existieren sechs verschiedene Kantenarten: A ist mit D verwandt. Freundschaftsdyaden sind AE, AG und CF. Bekannt (Freundschaft und Verwandtschaft ausgeschlossen) sind E und F, E und C, G und C, G und F. Charismatische Beziehungen sind vorhanden, wo ein Knoten einem anderen außergewöhnliche Qualitäten zuschreibt: Die Moderatorin M, als auch die Anwesenden A und C, die auf Anfrage der Moderatorin ihre Erlebnisse bezüglich Braco mitgeteilt hatten, drückten am Event eine charismatische Beziehung zu B aus.
52Neben diesen vier expliziten Kanten lassen sich implizite oder potentielle Kanten imaginieren. Die Broker-Triaden, wie sie in Skizze 2 und 3 vorgestellt wurden, finden sich auch in Skizze 4 wieder. Die Triade ABD entspricht Skizze 3: A, welche mit D verwandt ist, nimmt ihn mit an den Braco-Event und macht somit eine charismatische Beziehung zu B möglich. A funktioniert in dieser Situation als Vermittler zwischen D und B. In genau dieser Triadenform vermute ich den Motor in der Verbreitung der Braco-Bewegung oder, anders ausgedrückt, der Vergrößerung des Charisma-Netzwerks von Braco. Es wäre zu klären, welche Rolle dabei die Art der Beziehung zwischen A und D spielt: Ist die Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Vermittlung beispielsweise größer, wenn A und D verwandt sind oder wenn sie befreundet sind? Fragen dieser Art könnten über eine gezielte Netzwerkerhebung gestellt und beantwortet werden. Eine Broker-Triade entsprechend Skizze 2 liegt bei ABC vor: Knoten A und C haben am Event durch ihre Erlebnisberichte die charismatische Beziehung zu B bekundet. Eine Beziehung zwischen A und C wird durch den Broker B potentiell realistisch. Die Normativität des Erlebnisaustausches an online (Kapitel 2.1) und offline Events spricht dafür, dass die Etablierung von Beziehungen unter den TeilnehmerInnen zumindest von den Organisatoren gewollt ist.
53Zuletzt liegt auch in der Betrachtung der räumlichen Struktur Potential für eine Analyse: Die Phase der direkten Begegnung mit Braco und seinem Blick ist statisch; die Konstellation im Raum verändert sich nicht. Die eventuelle Wirkung des Blickes entzieht sich natürlich religionswissenschaftlicher Erkenntnis. Was ›wirkt‹, wird allein durch die Reflexion der Anwesenden - unter Anleitung der Moderatorin - in Erlebnisberichten erfassbar; indem Knoten M, A und C dem Knoten B außergewöhnliche Fähigkeiten zuschreiben, etablieren sie die charismatische Beziehung (analog Kapitel 1.4).
54Die Anwesenheit von Knoten an einem Event allein reicht aus, um dessen Struktur-Logik zu bestätigen. Mit anderen Worten, die anwesenden Knoten sind Teil der von den Organisatoren geplanten Gesamtstruktur (die TeilnehmerInnen werden platziert) des jeweiligen Events. Die Besonderheit von Knoten B äußert sich in seiner räumlichen Erhöhung, der Blickrichtung gegen alle anderen Knoten und seiner zeitlich beschränkten Anwesenheit im Raum. Ich würde daher argumentieren, dass Knoten B schon durch die Struktur des Events charismatisiert wird. Die Charismatisierung von B ist ein essentieller Teil der Eventstruktur. Insofern nehmen alle anderen anwesenden Knoten an der Charismatisierung Teil und weisen zu B wegen ihrer Teilnahme eine charismatische Beziehung auf.
55Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine relationale Anpassung des Charisma-Konzepts durch die SNA-Perspektive verschiedene Vorteile bringt. Durch theoretisch klare Begriffe hilft sie, sprachliche Uneindeutigkeiten zu vermeiden: Da es sich bei der charismatischen Beziehung um eine gerichtete Kante handelt, lassen sich charismatisierende von charismatisierten Knoten unterscheiden. Von CharismaträgerInnen zu sprechen, ist in dem Sinne eine Unart, weil dieser Begriff die definierte Relationalität verschweigt.
56In einem Charisma-Netzwerk lassen sich sowohl kleinere (z.B. Triaden) als auch größere Strukturen (z.B. Netzwerk aller Knoten eines Events) untersuchen. In Broker-Triaden liegt vermutlich der Motor in der Vergrößerung von Charisma-Netzwerken. Dabei wird im Sprechen über die außergewöhnlichen Qualitäten oder Fähigkeiten eines Knotens Z mit einer bekannten Person deren charismatische Beziehung zum Knoten Z realisierbar gemacht. Bei der Besprechung der Braco-Events hat sich gezeigt, dass die Zuschreibungen im Austausch von Erlebnissen und Stories normativen Charakter zeigen. Die Analyse der Eventstrukturen hat den Blick für potentielle oder implizite charismatische Beziehungen geschärft. Insofern bestätigt schon die bloße Anwesenheit an einem Braco-Event dessen Strukturlogik, welche auf die Charismatisierung Bracos zielt. Eine Untersuchung der Eventstrukturen anderer Charisma-Netzwerke bietet sich hier an.
57Es bleibt grundsätzlich zu klären, wie außergewöhnliche Qualitäten von normalen Qualitäten abzugrenzen sind. Ich meine, dass in empirischen Beispielen diese Frage einfach zu beantworten ist, wenn man sich die Inhalte der Zuschreibungen ansieht. Gerade in religiösen oder esoterischen Gruppierungen sind Tätigkeiten wie Heilung oder Wunder leicht als außergewöhnlich einzustufen. Diese Fähigkeiten sind in diesem Kontext einerseits anerkannt, bleiben aber doch nur auf wenige Individuen beschränkt. Wäre eine Fähigkeit oder Qualität vielen oder allen Individuen einer Gruppe zugänglich, würde sie nicht als außergewöhnlich angesehen und für den Prozess der Charismatisierung nicht relevant. Die Außergewöhnlichkeit ergibt sich einerseits aus den Normen des sozialen Kontexts und andererseits aus dem Verhältnis der Individuen, denen eine außerordentliche Qualität zugeschrieben wird und derer, denen sie nicht zugeschrieben werden. Die Frage der Anerkennung und Kanonisierung von bestimmten Qualitäten wäre durchaus durch eine kontextspezifische, diskursanalytische Aufarbeitung von Zuschreibungen und deren Umständen zu beantworten (vgl. Neubert 2005).